Offener Brief an die Judäische Volksfront

Dem ist nicht viel hinzu zu fügen. Außer vielleicht, dass ich mich auch selbst nicht immer ganz im Griff habe.

Jobo72's Weblog

In Monty Pythons Life of Brian („Das Leben des Brian“) gibt es eine sehr lustige Situation. Verschiedene Gruppierungen und Grüppchen konkurrieren im Palästina der Zeit Jesu um die reine Lehre im Umgang mit der römischen Besatzungsmacht. Ihr gemeinsames Ziel ist die Befreiung der Heimat. Doch anstatt sich auf dieses Ziel zu konzentrieren, bekämpfen sie sich lieber gegenseitig. Als nun zwei der (noch aktiven) Gruppen zeitgleich die Frau des Statthalters Pontius Pilatus entführen wollen, geraten sie darüber in einen handfesten Urheberrechtsstreit. Nur Brian setzt die richtigen Prioritäten, zumindest, insoweit es um die Zielsetzung geht. „Wir sollten miteinander ringen!“, fleht er seine Gesinnungsgenossen an. „Das tun wir doch!“, antworten diese, während sie tatsächlich miteinander ringen – ganz konkret. Die Aktivisten der Gruppe A mit den Aktivisten der Gruppe B. Es gibt dabei nur einen Überlebenden (und auch das nur aus dramaturgischen Gründen): Brian.

Was als Persiflage auf die Zersplitterung im linken Lager…

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Über Biotechnologie und Barmherzigkeit

Vor einigen Wochen veröffentlichte Bavarikon – eine Online-Datenbank für Schrift- und Bildzeugnisse der Bayerischen Geschichte – Bilder, die Experimente bezüglich der Düngung mit Kalisalz dokumentieren.

Für viele mögen diese Bilder in den Bereich „special interest“ fallen. Dabei sind sie ein deutliches Signal an die heutige Gesellschaft.

Ein Landwirt aus Unterfranken demonstriert die verdreifachte Kartoffelernte.

Was die bayerischen Landwirte da auf ihren bescheidenen Höfen, in ihren Scheunen demonstrieren, ist eine Chance für fünfeinhalb Millionen. So viele Einwohner hatte Bayern Anfang des 20. Jahrhunderts, als diese Bilder aufgenommen wurden.

Der Hass der Satten auf den Hunger

Seit Ende des 18. Jahrhunderts wächst die Bevölkerung Bayerns. Sie wächst rasant. Alle dreißig Jahre um eine Million.

Die Menschen sind in vielen Gegenden Bayerns arm, für ihre Versorgung reichen die Felderträge des Landes kaum aus. Die Menschen in den strukturschwachen Regionen fliehen aus der ländlichen Armut in die Städte. Die Zahl der Bettler, Berufskriminellen und Armenhäusler schwillt an.

Viele der bessergestellten Bürger begegnen den Massen mit Ekel. Abhandlungen werden geschrieben, darüber, dass die Vermehrung dieses sozialen Abfalls dringend gestoppt werden müsse. Es fehle diesen Schichten an Anstand, Bildung, Vernunft, Disziplin. Deshalb setzten sie weiter sinnlos Kinder in die Welt, die dem Staat und den Wohltätigkeitsvereinen die Haare vom Kopf fressen. Diese Autoren legen den Grundstein für die Legitimation der Vernichtungslust des NS-Regimes.

Sie beschreiben Hungersnöte gar als natürliches Ereignis, welches dem ungebührlichen Wachstum der niederen Schichten in regelmäßigen Abständen die so dringend benötigte Grenze setze, nachdem der Mensch in seiner Dreistigkeit für dasselbe durch bessere Lebensumstände gesorgt habe. Die Regierung erhöht Anfang des 19. Jahrhunderts die Gebühren für Eheschließungen, in der Hoffnung die Geburtenzahlen zu senken.

Praktisch durch alle gesellschaftlichen Gruppierungen der gebildeten Schichten Deutschlands hinweg, bei Aufklärern, Katholiken, Protestanten und Atheisten brachen sich Misanthropie, materialistisch-unempathische Gesellschafts- und Menschenbilder und bürgerlicher Standesdünkel ungebremst Bahn. Bürgerliche Wohlfahrtseinrichtungen wurden belächelt oder gar als Teil des Problems betrachtet.

Nicht weniger feindselig trat man auch denjenigen entgegen, die versuchten, technische Lösungen für das deutsche Ernährungsproblem zu finden. Eindrucksvoll zeigt sich diese Haltung bei der Ursachensuche für die Hungerkrise, die 1816/17 durch einen Vulkanausbruch hervorgerufen wurde.

Ausgerechnet die neu entwickelte moderne Fruchtfolge, welche Erträge in ganz Deutschland hatte verbessern können, wurde jetzt als „unnatürlich“ und „den Boden auslaugend“ verdammt. Man erfand eine krude Theorie über ein energetisches Missverhältnis von Himmel und Ackerboden, das zu den heftigen Regengüssen geführt habe. Andere hingegen glaubten gar nicht an eine Missernte und spuckten Hass und Galle auf Juden, Franzosen, Österreicher, Aufklärer, Jesuiten und/oder Montgelas‘ Wirtschaftspolitik.

Was wir auf den Bildern sehen können, ist der Triumph über den Dünkel, über jene Satten, die den Hungernden das Leben nicht gönnten. Mit der durch Justus von Liebig erfundenen Kalidüngung stiegen die Erträge bis ins Jahr 1913 um bis zu 90%.

Der Hunger war besiegt. Für alle. Die neue Technologie würde mehr Leben retten als zwei Weltkriege zu rauben im Begriff waren.

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Mein Urgroßvater Sebstian Räuschl auf seinem Hof in in Milbertshofen (zwischen den Weltkriegen).

Nichts gelernt

Doch die Technophobiker, die Forschrittsverweigerer und Menschenhasser sind nicht verschwunden, und ihre Rhetorik ist es auch nicht.

Im Angesicht des Klimawandels und der Globalisierung sind unsere Herausforderungen heute gewachsen.

Wieder ekeln sich Menschen vor der Armut und dem Lebenshunger der anderen, besonders gerne auf globaler Ebene.

„Chinas Hunger nach Fleisch“, wird getitelt, oder „Indiens neue Lust am Fahren“. Unerhört ist es dem Deutschen, dass andere es auch so bequem und schön haben wollen, wie er. Da bräuchten wir ja zwei Erden! Besser wäre es, sie lernten seine (eingebildete) Zurückhaltung – mit dem Babymachen, dem Energieverbrauch, dem Autofahren und dem Fleischkonsum.

Wieder wird der Begriff des „Natürlichen“ in den Raum gestellt. Der Chinese solle doch bitte bei seiner angestammten tierproduktarmen Ernährungsweise bleiben und aufhören, sich so viele Autos zu kaufen, statt den Fehler der Deutschen zu wiederholen. Die globale Plebs möge doch bitte im ihr zugedachten Authentizitätsrahmen verbleiben.

Wer versucht, das Problem anders als durch zwangsweise Disziplinierung der gesamten Menschheit zu lösen, wird mit Feindseligkeit und Argwohn beobachtet.

Sollen sie doch Kuchen essen

Dass die Kulturbanane als Klon nur durch Gentechnik zu retten ist, ist egal, denn der Deutsche ist nicht darauf angewiesen. Sollen die Inder doch Äpfel vom Bodensee essen. Bio-Qualität.

Gleiches gilt für die Auster, die ihm als Luxusgut ohnehin suspekt ist – dass ihr Sterben für ganze europäische Küstenlinien ein Desaster ist, interessiert ihn nicht, weil die landwirtschaftliche Nutzung der Meere sowieso ein widernatürliches Verbrechen gegen Mutter Erde ist.

Die Bekämpfung von Vitamin-A-Mangel durch Goldenen Reis setzt am falschen Ende an, weil Gentechnik unnatürlich ist. Das wird der Asiate schon noch einsehen müssen.

Und dass die Inder eine insektenresistente Auberginensorte – ein Grundnahrungsmittel für viele Regionen – vollkommen idiotischerweise aus dem Land gejagt haben, weil westliche Greenpeace-Aktivisten die Bevölkerung aufstachelten, nimmt er als Sieg für die gute Sache.

Mit einer dekadenten Lust am Untergang beobachtet er den Klimawandel, spuckt Drohungen und Mahnungen gegen alle, die er – wir erinnern uns – sowieso hasst. Gegen die Großkonzerne natürlich, gegen den Freihandel, gegen die Amerikaner, gegen den Pöbel im eigenen und fernen Land. Denjenigen, die sich nicht wie er im Untergangsgrusel aalen wollen und stattdessen irgendwie versuchen, technische Wege zu finden, um die wie ein Damokles-Schwert über den armen Regionen hängenden Folgen des Klimawandels abzufangen, legt er Steine in den Weg.

Das kann er, denn im satten Deutschland wird er ohnehin nie hungern. Lieber kauft er sich Biolebensmittel, schließlich kann er es sich leisten, aus ideologischen Gründen Anbauflächen zu verschwenden. Noch schlimmer: Die strengen Auflagen der EU gegenüber gentechnisch veränderten Lebensmitteln werden in Entwicklungsländer, die doch auf den landwirtschaftlichen Fortschritt doppelt angewiesen sind, übertragen und stolz ist man auch noch ‚drauf. Während dort einfach oft das Geld für die eigene Forschung fehlt und man hofft, die Europäer wüssten schon, was sie tun.

Biotechnologie ist eine Frage der Menschenwürde und der Barmherzigkeit

Doch nur mit der Gentechnik können schnell und sicher Pflanzensorten gezüchtet werden, die den neuen klimatischen Bedingungen und Schädlingen widerstehen.

„Natürlichkeit“ als Wert gegenüber Menschenleben aufzuwiegen ist zynisch und kaltherzig. Es ist Teil unserer Verantwortung als Christen, auf dieses Missverhältnis hinzuweisen und diejenigen zu unterstützen, die helfen wollen, statt mit dem Finger auf diejenigen zu zeigen, die hungern und nach Gerechtigkeit suchen. Und so hat die katholische Kirche dies, fast heimlich, und von Vielen unbeachtet schon seit längerem verfolgt. 2009 verurteilte beispielsweise die Päpstliche Akademie der Wissenschaften die restriktive Ablehnung der Gentechnik durch die EU sowie den Import ihrer Richtlinien in Entwicklungsländer. 2013 segnete Papst Franziskus den „Goldenen Reis“ und dürfte somit auf den katholischen Philippinen dessen Toleranz erheblich verbessert haben. In der Enzyklika Laudato Si weist er explizit darauf hin, dass Gentechnik und Agrar-Innovationen nicht „unnatürlich“ sind und nicht per se schlecht – er kritisiert zwar ihre sozio-ökonomische Umsetzung (er kann eben nicht aus seiner wirtschaftspolitisch linken Haut) – warnt aber davor, das Wohl des Menschen einem ideologisch-verbohrten Naturschutz unterzuordnen. (§131-136)

Blicken wir nochmals auf die Bilder aus der Sammlung des Hauses der Bayerischen Geschichte. Sie zeigen unsere Ahnen, die das Nötige vollbracht haben, die mutig vorangegangen sind, um mit Cleverness und Flexibilität den Wohlstand schufen, in dem wir heute leben und den wir mit anderen teilen sollten.

Wer also durch den Kauf von Biolebensmitteln oder die Mitgliedschaft in bestimmten Lobbyvereinigungen gezielt den landwirtschaftlichen Fortschritt torpediert, der verrät damit jene Teile der Weltbevölkerung, die auf innovative Lösungen angewiesen sind, um sich ernähren zu können.

Barmherzigkeit ist nie kostenlos. In diesem Fall kostet sie uns vor allem liebgewonnene Überzeugungen.

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Ein moralisches Feuerwerk

Das Einzige, was dem Deutschen lieber ist als seine Traditionen im Jahreskreis, ist ritualisierte Konsumkritik. Und natürlich Viecher.

Bevor ich meinen Freundeskreis um ein christlich geprägteres Milieu erweiterte, kannte ich das nur von den Brot-für-die-Welt-Plakaten: Brot statt Böller. Dass sich manche Leute über Silvesterböllerei mehr aufregen als über Steuerverschwendungen in Milliardenhöhe, irritiert mich außerordentlich. Wer sich erdreistet, zu Jahresende mal für zehn Lappen ein bisschen Krachbumm zu machen, ist ein „Dummschwätzer“, „schwanzlos“, ein „Heuchler“ und, natürlich, ein „Tierquäler“. Es „mangelt ihm an Empathie“, er „unterstützt Ausbeutung“ und „verschwendet sein Geld, während andere nichts zu essen haben“, kurz, er ist in der Skala der Abscheulichkeiten ganz ganz weit oben dabei.

133 Millionen Euro verpuffen in der Luft

Das ist die magische Summe, die heuer die Tagesschau verkündete. Gerechnet auf 82 Millionen Deutsche ist das pro Kopf gerade mal die abenteuerliche Summe von 1,62 Euro. Natürlich gibt nicht jeder Geld für Böller aus. Bei mir sind es im Jahr ca. 5 bis 8 Euro. Wenn man bei der Kollekte jede Woche ca. 1 bis 2 Euro ins Körbchen legt, dann sind das im Schnitt 87 Euro pro Jahr, also schonmal das Zehnfache.  In meinem Fall gibt es dann meine nicht ganz uneigennützige monatliche Spende für das Kakapo Recovery Center, die Kirchensteuer und die Zeit, die ich in meiner Gemeinde und Studienstiftung investiere. Es ist eine bescheidene Summe. Aber mir zu erklären, ich wäre angesichts dessen, was ich trotz reichlich mittelmäßiger Einnahmenlage der Allgemeinheit zurückgebe ein mieses Dreckschwein, weil ich es wage, 8 Euro in eine Viertelstunde Vergnügen am Jahresende zu investieren, ist schon reichlich dreist.

Gegen Jahresende kann ich nämlich bei all den Ausgaben nichts auf die hohe Kante legen. Und da bin ich sicher nicht die Einzige. Viele, sehr viele Menschen in Deutschland können sich nämlich den Spaß zu Silvester für 15 oder 20 Euro leisten, aber den Jahresurlaub höchstens in Form einer Pauschalreise. Da zeigt die konsumkritische Vorbildfraktion lieber mal schön mit dem Finger auf den böllernden Pöbel und fährt über Epiphanie in den ersten Urlaub des Jahres, in den Skiurlaub, der im Übrigen wesentlich mehr Geld kostet und ganze Landstriche verwüstet.

Brot statt Biathlon

Apropos: Für Wintersport geben die Deutschen im Jahr 16,4 Milliarden – jawohl: MILLIARDEN Euro aus. Davon könnte man 123 Tage Silvester feiern, also bis Anfang Mai.

Der Skisport schädigt die alpine Flora und Fauna dauerhaft, produziert durch Transport, Kühlungs- und Kunstschneeanlagen CO2 ohne Ende und belastet die Staatskasse durch Sportunfälle, Rettungseinsätze und die genannten Umweltprobleme.

Dagegen sind die immer wieder angeführten Umweltschäden durch die Böllerei ein schlechter Witz. Und Wintersport ist nicht mal der einzige schädliche Unfug, für den Geld in Milliardenhöhe verpulvert wird. Ich persönlich würde z.B. weder Diskotheken noch Openair-Festivals oder Flugverbindungen in die DomRep vermissen – könnte man also eigentlich gleich abschaffen. Andere Leute argumentieren nach ähnlichen Mustern für das Verbot von Tabak und Alkohol, die Aufgabe staatlicher Orchester, die Einführung einer Höchstgeschwindigkeit auf der Autobahn oder einer Extrasteuer auf Zucker, Fett und Fleisch. Was „überflüssig“ ist, ist eben persönliche Einschätzung.

Das ganze Jahr könnte man sich letztlich dieses oder jenes verkneifen. Aber mit Vorliebe stürzt man sich auf diese eine Kleinigkeit. In manchen Fällen, wie bei Brot für die Welt, hat das ja durchaus seinen Sinn: Es ist leichter, die Leute dazu zu überreden, das Geld, das sie für Böller ausgeben würden, zu spenden als ihr Budget für den Skiurlaub. Weil die Beträge sich meistens um die 20 Euro bewegen, spenden sogar viele UND kaufen sich ein paar Raketen. Das Ganze ist also letztlich wenig mehr als eine PR-Nummer, ähnlich wie die Plakate, die derzeit darüber aufklären, was das Geld für einen einzelnen Becher Kaffee in der Welt bewegen könnte. Das ist daher eine sinnvolle und durchdachte Kampagne. Aber das ist ja nun gar nicht das tragende Motiv derjenigen Moralapostel, die derzeit online ihren Hass auskippen.

Der Deutsche und das liebe Vieh

Vollkommen egal wäre das alles nämlich einem Großteil der Menschen, wenn nicht jedes Jahr ihre Haustiere verängstigt unter der Küchenbank verschwinden würden. Wer böllert, quält Tiere! Und Tierquäler gehören zusammen mit Kinderschändern zu den einzigen menschlichen Monstrümmern, für die viele Deutsche bis heute Erschießungskommandos gerechtfertigt sähen.

Für vergreiste KZ-Aufseher hat man hierzulande ein Herz. Für jemanden, der sein Meerschweinchen einzeln hält, wird lebenslängliche Isolationshaft verlangt. Ich habe diesen Mechanismus bereits ausführlicher beschrieben. Dass möglicherweise der Besitzer, oder, wenn es um die angeblich verängstigten Kinder geht, die Eltern mit ihrer eigenen Panik der tierischen bzw. kindlichen Vorschub leisten, steht natürlich auf einem anderen Blatt. Aber ähnlich wie Eltern befinden Tierbesitzer sich in eine Art Symbiose mit ihren Tieren, die ihnen Selbstkritik komplett versagt und sie jede auch noch so geringe Unbill ihres vierbeinigen Freundes oder Sprösslings als Dolchstich ins eigene Herz fühlen lässt. Mein Freund und ich hatten jedenfalls bisher heiß geliebte Katzen, Meerschweinchen, Hunde und Wellensittiche und keines dieser Tiere hat jemals zu Silvester Panik geschoben – mehrheitlich hat die Bagage die Böllerei kollektiv verpennt. Wenn dann doch mal ein Tier erschrecken sollte, ergreifen wir die uns möglichen Maßnahmen und bleiben cool. Wir stellen das Wohl unserer (übrigens ebenfalls vollkommen überflüssigen und eine Milliardenindustrie bedienenden) Tiere nämlich nicht über die Freiheit unserer Mitmenschen, ganz besonders nicht, wenn es nur um einen einzigen Tag im Jahr geht.

Letzte Chance zur Konsumkritik

Es ist aber auch vollkommen egal, was der konkrete Anlass ist. Der christliche bürgerliche Deutsche braucht Feiertags einfach seine Konsumkritik. Da hat er Zeit zu lesen und sich mal auf das wichtige zu besinnen. Nur echt mit der Heraufbeschwörung armer chinesischer Arbeiterinnen, die in den Feuerwerksfabriken zu einem Hungerlohn arbeiten, die aber offensichtlich zur veganen Stillyoga-Trainerin umgeschult würden, würden wir von hier aus ihren Industriezweig austrocknen. Oder so.

An Silvester geht es eben auch für die Feuerwerksabstinenzler ohne Krachbumm nicht ab. Sie müssen halt stattdessen ihr moralisches Leuchtfeuer in den Himmel entsenden.

Wem’s gefällt.

PS: Ich wünsche allen Böllerern und Nicht-Böllerern, allen Festivalbesuchern und -nichtbesuchern, Wintersportlern und Sportmuffeln, Tieren und Menschen ein gutes neues Jahr.

PPS: Wer helfen möchte, dass der drolligste Papagei der Welt weiterhin durch die neuseeländischen Wälder wackelt, spendet statt oder neben der Böller an http://kakaporecovery.org.nz/

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Frohe Weihnachten!

Allen Lesern meines Blogs wünsche ich ein Frohes und gesegnetes Weihnachtsfest, Chag sameach und einen Guten Rutsch ins neue Jahr.

Ich freue mich auf ein weiteres Jahr mit Euch,

 

Eure Gardinenpredigerin

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Tür 16 des Blogoezese-Adventskalenders: Tokyo Godfathers – Ein Weihnachtsfilm von unerwarteter Seite

ak16Tokyo Godfathers – wörtlich: Tokio-Taufpaten ist ein 2003 erschienener Anime-Film des vor zwei Jahren viel zu jung verstorbener Anime-Regisseurs Sashimoto Kon. Er bekommt einen Ehrenplatz in meinem Fundus weihnachtlicher oder vorweihnachtlicher Medienprodukte.

Tokyo Godfathers ist ein erwachsener Film, der mit viel Realismus die Ereignisse der Weihnachtsfeiertage im Leben dreier Obdachloser in Tokyo begleitet.

Ach Gott, schwere Kost? Mag der geneigte Leser fragen. Nein! Denn zum Glück ist es kein Deutscher Film, bei dem am Ende herauskommen muss, dass unsere Gesellschaft zutiefst verdorben ist und sie Obdachlose im Schnee sterben lässt, während sie sich dem Genuss und Glitzer der Feiertage hingibt (wer sich das bei all dem Besinnlichkeitsterror immer noch trauen mag, sei dahingestellt). Er verfällt nicht in den brutalistischen Realismus der „Kinder vom Bahnhof Zoo“ (oder „Enter the Void“, den ich mal so gar nicht empfehlen kann) oder der anderen Deutschen Hinschau-Machwerke die Authentizität erwirken wollen, indem das Wort „Ficken“ mehr Screentime erhält als die stets mit aufdringlichem Grau-Filter gefilmten BH-losen A-Körpchen der ausgemergelten Protagonistin. Er präsentiert uns nicht wie der Deutsche Elends-Tourismus-Film die Binsenweisheit, dass die ärmsten und vom Schicksal gebeutelten Menschen natürlich auch immer die besten Herzen haben, ein Genre, das ich immer als „Onkologie-Romantik“ tituliere. Der Film geht mit seinen Protagonisten, obwohl er sie komisch überzeichnet, ungemein respektvoll um. Sie sind ganze Menschen, die lügen, stehlen, sich streiten, egoistisch sind, irren und verrennen, die aber dennoch als solche immer liebenswert bleiben. Und er ist, obwohl der Macher aller Wahrscheinlichkeit nach kein Christ war, vollgestopft mit christlichen Symbolen und Ideen.

Wenn Sie also jetzt schon Lust bekommen haben, in sich anzusehen und nicht möchten, dass ich die (ich verspreche es) überraschenden und erstaunlichen Wendungen für Sie verderbe, dann sehen Sie ihn sich doch einfach gleich an (aber bitte NICHT in der Deutschen Synchro) und lesen Sie dann weiter. Oder lesen Sie gleich, wenn Sie „Spoiler“-resistent sind, wieso dieser Film in jede christliche Weihnachtsfilmkollektion gehört.

Ein schräges Krippenspiel

In der ersten Szene des Filmes sehen wir ein Krippenspiel in einer Kirche in Japan und einen Pfarrer, der darüber predigt, auch die Ausgestoßenen liebevoll anzunehmen. Das Christentum ist eine in Japan alles andere als verbreitete Religion. Im Gegenteil. Als Japan im 17. Jahrhundert in eine Phase der kulturellen Abschottung eintrat wurden die im Lande befindlichen Christen aufgespürt, Angehörige zu deren Denunziation und hingerichtet, als besonderes „Schmankerl“ oft am Kreuz. Diese religiöse Säuberung hielt bis ins 19. Jahrhundert an. In der Folge stellen Christen in Japan bis heute eine absolute Minderheit dar (ca. 6%). Es ist also kein gewöhnlicher Anblick, der uns geboten wird. Es ist ein absichtliches gesetztes, exotisches Setting. In einer sich anschließenden Armenspeisung sehen wir die drei Protagonisten des Filmes. Miyuki, eine Teenagerin, die aus ihrem als lieblos empfundenen bürgerlichen Elternhaus weggelaufen ist, Hana, eine Dragqueen, die in einem Szeneclub arbeitete und lebte, aber nach einer Auseinandersetzung mit einem Kunden von dort floh und Gin, einem Fahrradmechaniker, der sich mit Suff und Spiel hoch verschuldete und seine Familie sitzen ließ, um auf der Straße zu leben.

Diese kleine Familie, die von Hana mit Mühe und mütterlicher Fürsorge zusammengehalten wird, findet nun in einem Müllberg ein Neugeborenes. Hana, die zuvor beim Krippenspiel halb scherzend, halb von ihrem biologischen Geschlecht frustriert witzelte, ob Gott auch einem „alten Schwulen“ ein Kind schenken könne, wenn er es bei einer Jungfrau schaffe ist sofort hingerissen und nimmt es bei sich auf.

Hana tauft das kleine Mädchen spontan „Kiyoko“, was „die Reine“ bedeutet. Für sie ist Kyoko ein Engel, ein Botschafter Gottes. Und das Narrativ tut alles, um diese Annahme nach Kräften zu unterstützen. Doch davon gleich mehr.

Sicher haben Sie gemerkt, dass wir am Anfang des Filmes mit einer allegorischen Parallelisierung konfrontiert werden in der sich verschiedene christliche Bilder überlagern: Die drei Weisen aus dem Morgenland sind drei Obdachlose. Statt einer reinen Jungfrau kommt eine Frau zu einem Kind, die nicht einmal eine Frau ist und die in ihrer selbstironisch überzogenen Mütterlichkeit sich auch selbst karrikiert. Als dritte Möglichkeit erscheinen die drei aber auch als die Schäfer auf dem Felde, die von Gott zu einem Kind gerufen wurden, das ihr Leben verändern wird.

Weihnachtswunder und Wunderkinder

Kiyoko führt sie alle in einer Reihe unwahrscheinlicher Zufälle ihren ursprünglichen Verwandten und Bezugspersonen zu. Alle drei lernen, dass die Verurteilungen, die Schmach vor der sie geflohen sind, letztlich vor der Freude ihrer Verwandten über die Wiedervereinigung verfliegt. Dass die Vorstellung nicht mehr willkommen zu sein eher eine Illusion, ja eine Projektion war. Letztlich hatten sie sich für ihre eigenen Fehltritte selbst exiliert und abgestraft.

Die grundlegende Botschaft des Filmes liegt in der Erkenntnis, dass die Ankunft eines Kindes die Menschen nach deren Liebe und Hilfe es schreit eint und versöhnt. Auch jene, die sich gegeneinander versündigt haben.

„Tokyo Godfathers“ kontrastiert ein pessimistisches Bild der zeitgenössischen japanischen Gesellschaft in der zerrüttete, unglückliche Familien an der Tagesordnung sind und in dem die Menschen verzweifelt Geborgenheit in Surrogaten suchen, die letztlich nur auf Einseitigkeit oder auf Selbstbetrug basieren mit der christlichen Botschaft von einer umhüllenden, liebenden Kraft, die uns Sinn und Hoffnung schenken kann. Die uns nach Hause führt, auch dann, wenn wir glauben, dass wir dort längst nichts mehr verloren haben.

Er zeichnet die Option einer Gesellschaft, in der auch die „weggeworfenen“ Menschen ihren Platz finden werden, in der wir keineswegs gezwungen sind unsere Fehler immer und immer zu wiederholen. Für die Japanische Gesellschaft mit ihren schwindelerregend hohen Selbstmord-, besorgniserregend geringen Geburtenraten und ihrem zunehmenden Trend zur Kommodifizierung des Zwischenmenschlichen ist diese Botschaft mindestens genauso dringlich, wie für die unsrige.

Und so stolpert unser Quartett durch das kalte, kalte Tokyo, in dem, bisweilen ungesehen, ein Engel nach dem anderen ihren Weg kreuzt und Weihnachtswunder sich an Weihnachtswunder reiht. Dabei wird der Zuschauer gelegentlich auch mit der Frage konfrontiert, wieso der Mensch nicht in der Lage ist, mit dem kleinen Glück behutsamer umzugehen, wenn er es findet. So musste Miyaku von zuhause fliehen, weil sie in im Streit ihren Vater erstochen hatte. Ihr kleines Kätzchen namens „Angle“ war verschwunden und in ihrem Zorn beschuldigte sie den kalten und strengen Vater, sie ihr weggenommen zu haben – ein Irrtum, wie sich herausstellt. Als Gin seine Kyoko (seine Tochter trägt zufälligerweise denselben Namen) wieder trifft, fährt der notorische Lügner fort, ihr Märchengeschichten aufzutischen, um ihr nicht sagen zu müssen, in welchen Verhältnissen er lebt. Das Schöne und Heilige überwältigt und überfordert die Menschen. Man kann es nicht halten oder erzwingen, sondern kann sich nur bereit machen, dass es zu einem kommt und dabei das Beste aus dem machen, was man bereits hat. Der Film ruft zur Geduld und Behutsamkeit mit den Mitmenschen auf.

Von der Freiheit, zu irren und der Pflicht zu verzeihen

In dieser Hinsicht ist Tokyo Godfathers sehr japanisch: er nimmt den einzelnen für das Gelingen des Ganzen in die Pflicht. Seine Protagonisten sind nicht nur von der Gesellschaft Verstoßene – dass diese ihnen die kalte Schulter zeigt stellt der Film freilich eindrücklich und schmerzhaft klar – sondern sie selbst haben zu ihrer Situation beigetragen. Sie waren auch unbarmherzig gegen jene, die sie zurückgelassen haben und haben diese aus ihrem eigenen Stolz heraus verletzt. Diese Botschaft in ihrer Konservativität ist freilich in europäischen Medienprodukten nur selten zu finden. Dabei leistet sie etwas ganz Wichtiges, sie nimmt die drei Protagonisten in ihrer Menschlichkeit, Entscheidungsfreiheit und Fehlerhaftigkeit ernst. „I could go home anytime“, sagt Miyoko. „It’s those who say that, who never do.“, antwortet Hana. Dadurch, dass der Film in seinen Schuldzuweisungen so diffus bleibt, kann er das Thema von Sünde und Vergeltung so glaubhaft vermitteln: unsere Fehltritte sind niemals monokausal. Und deshalb teilen wir die Verantwortung für diese mit der Gesellschaft. Weder ist es die böse Gesellschaft, die sie uns aufzwingt, noch hat diese das Recht, auf gescheiterte Menschen mit dem Finger zu zeigen. Und manchmal wird einfach trotzdem alles gut.

Es ist die schroffe Aneinanderreihung von grausamem Realismus und bis zum Slapstick kitschigen Wundern, die diesen Film trotz allem so leicht und erträglich machen. Eine Ambivalenz die wiederum auf den Charakter des Weihnachtsfestes verweist, das immer ein wenig zwischen Kitsch und Ernst osziliert.

Dass Satoshi Kon auf christliche Bilder zurückgreift ist nicht nur in deren weltweit erkennbaren Kodierung begründet: Wer das Christentum, und sei es als Außenstehender, ernst nimmt muss die Weihnachtsgeschichte als Geschichte darüber auffassen, dass Gott auch der Allerkleinste nicht zu klein ist und dass wir in einer Welt voller unwahrscheinlicher Wunder leben, derer wir selbst das größte sind. Ob die Lösung denn am Ende eine wirklich Christliche sein wird – oder muss – das lässt er freilich offen. Und so wollen wir es auch halten und diesen Film einfach als Homage, als versteckte Liebeserklärung an die Träume, Werte und Ästhetiken unserer Kultur auffassen. Mit dieser hat Kon, ganz versehentlich, als Buddhist einen der christlichsten Weihnachtsfilm gemacht, den ich überhaupt kenne.

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Der „Humanist“ in meinem Newsfeed

Lieber „Humanist“ in meinem Newsfeed,

seit ein Paar Monaten bin ich nun schon mit Dir befreundet. Ich kenne Dich nicht so gut, aber weil Du so fleißig postest, weiß ich schon viel über Dich. Z.B., dass Du denkst, dass Du schlauer bist als ich, weil Du nicht an Gott glaubst und dass Du davon überzeugt bist, dass „Nazi“ schon am konservativen Rande der SPD beginnt. Genau wie ich würdest Du sagen, Du bist „liberal“. Ich verstehe das nicht. Ich dachte immer, Liberalismus steht für Freiheit.

„Die meisten Menschen sind einfach nur noch widerlich.“

hast Du gestern geschrieben.

Solche vagen Facebookposts, die implizieren, dass es einem nicht gut geht, ohne klarzustellen, worum es geht, sind ja eigentlich ohnehin schon als social-Media-inkompetente Vorgehensweise legendär. Natürlich hast Du Leute unter Deinen Freunden, die auf diese aufmerksamkeitsheischende Masche hereinfallen. Warum? Wird gefragt.

„Nichts spezielles. Aber sieh dich einfach mal um und lies die Kommentare unter Medienberichten.“

Ist die Antwort. Oh „Humanist“ in meinem Newsfeed, Du bist so eine besondere Schneeflocke mit Deinen Gefühlen und Träumen und Wünschen. Du willst diese Welt zu einem besseren Ort machen. Du schreibst nämlich nur nette Dinge über Deine Mitmenschen. So teiltest Du alleine in der letzten Woche insgesamt sechs Nachrichten, die als „Strawman argument“ gegen religiöse Menschen dienen sollen. Es handelt sich um Extrembeispiele, größtenteils aus den USA , von Muslimen, Christen oder Juden, die religiös gegen naturwissenschaftliche Überzeugungen angehen, deren Argumente verkürzt und damit zur Lächerlichkeit verzerrt werden oder die Atheisten, Homosexuelle oder Frauen unmenschlich behandeln. Neben den naiven politischen Posts der Marke „alles Nazis außer Mutti“ verbreitest Du also auch noch grob menschenfeindliche Propaganda, beispielsweise dass die Situation chinesischer Katholiken „Säkularisierung“ und damit letztlich wünschenswert sei.

Während Du Dich also über den „wiederlichen“ Ton in der Debatte beschwerst und für mehr Toleranz und Offenheit in der Gesellschaft wirbst, teilst Du auf der anderen Seite Memes des Inhalts,

„Scooby-Doo teaches kids that everything supernatural or otherwordly is just some asshole trying to scare you so they can make some money“

also dass alle religiösen Institutionen mit z.B. alternativen Medizinern und Esoterikanbietern gleichzusetzen, sowie alle nur Arschlöcher sind, die aus der Angst der Menschen Geld machen. Das macht mich traurig, weil ich mir gerne die Freiheit nehmen würde, an einen Gott zu glauben und Du mich aber vor dieser freien Entscheidung schützen möchtest.

Du teilst Posts, in denen Du Dich über den zugegebenermaßen etwas skurrilen orthodoxen jüdischen Brauch lustig machst, zu Jom Kippur ein Huhn über dem Kopf zu schwingen, um es danach als Opfer an die Armen zu geben, den zu kritisieren wohl als antisemitischer Topos gelten kann, nennst Beschneidung ein Verbrechen und prangerst anschließend selbst rechtsradikale Äußerungen an, Juden seien keine Deutschen. Die Rechte von Juden interessieren Dich also nur dann, wenn Du den Antisemitismus Deiner Feinde anprangern kannst. Das ist, am Rande, genau dieselbe Haltung, welche die von Dir mit so viel Leidenschaft verureilte AfD zu ihnen hat.

Du teilst wisseschaftlich-skeptische Beiträge von Stephen Hawking, der aber von der päpstlichen Akademie der Wissenschaften unterstützt wird und machst Witze darüber, dass Erwachsene an Jesus glauben aber nicht an den Nikolaus. Einen Beitrag, der die Einstellung von „Religion“ an sich zur Evolution mit „Kreationismus“ beschreibt. Dann teilst Du einen Post darüber, dass die Leute lieber an einfache Lügen als an komplexe Wahrheiten glauben.

Dass Du möglicherweise selbst eine sehr simple Ansicht von der Gesellschaft hast, in der wir leben, kommt Dir logischerweise nicht in den Sinn, oder dass Du Hass sähst und einen Graben gräbst, wo bisher gar keiner war, nämlich zwischen Wissenschaft und Religion, ganz besonders in Europa. Du möchtest nämlich gar nicht, dass Religion und Wissenschaft koexistieren können. Du möchtest, dass sie sich bekriegen, bis die Religion ausgelöscht wird.

Wenn Du den Religionen vorwirfst, einen Keil zwischen die Menschen zu treiben, die anderen Glaubens sind, aber selbst False-Flag-Posts und grob verletzende Posts über andere Menschen in Deiner Umgebung teilst, weil diese an etwas anderes glauben als Du, wenn Du menschliches Leid nicht ernst nimmst, weil „die falschen“ Menschen leiden, wenn Du inhumane Handlungen von Staaten gut findest, weil sie Deine eigene Ansicht durchsetzen, woher nimmst Du dann auf der anderen Seite Deinen moralischen High-Ground? Wie kannst Du es wagen, Dich als liberal zu bezeichnen?

Lieber „Humanist“ in meinem Facebook-Feed. Ich lausche mit Erstaunen, wie Du Kinderfickerwitze übergangslos mit dem Wunsch nach einer sachlicheren Debatte abwechselst, wie Du alles Jüdische und Muslimische verbieten möchtest, wie Du von einer Gesellschaft träumst, in der es nur Deinesgleichen gibt, aber dann genau das wiederum den rechten Kräften im Land ankreidest.

Vielleicht solltest Du Dir mal von einer Katholikin, die Dir immerzu schweigend gelauscht und sich geduldig beleidigen lassen hat, Nachhilfe in Sachen Liberalität geben lassen.

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Meinst Du das ernst, BDKJ?

Der BDKJ macht mit DiTiB gemeinsame Sache. Nein, das ist keine Verschwörungstheorie aus der Gattung „Muslime erobern das Abendland“, der BDKJ hat eine gemeinsame Kampagne zum Thema Toleranz mit DiTiB.

Die Aktion ist in mehr als einer Hinsicht doof, angefangen mit der unglücklichen Auswahl von DiTiB als Bündnispartner

DiTiB richtet sich an türkischstämmige Muslime, eine durch den Zuzug aus (nord-)afrikanischen Bürgerkriegsgebieten anteilig immer kleiner werdende Gruppe deutscher Muslime. Dadurch ist der Verein einerseits zwar einer der am besten etablierten muslimischen Verbände in Deutschland, auf der anderen Seite eben nicht besonders Repräsentativ.

DiTiB richtet sich allerdings auch unter den türkischstämmigen Deutschen eher an solche, die als Erdogansche sogenannte „Graue Wölfe“ mehr so an den Grenzen des noch-nicht-verfassungsfeindlichen wandeln.

Die Imame, die in DiTiB-Moscheen arbeiten werden nach wie vor in der Türkei ausgebildet. Bei einem Besuch in einer solchen Moschee vor wenigen Jahren teilte uns der dort für Öffentlichkeitsarbeit zuständige, vollkommen integrierte junge Mann mit, die DiTiB-Imame selbst verlangten von den Gemeinden eine Leistung in Sachen Integration – nicht etwa umgekehrt. Neu angekommene Muslime, die in Deutschland Hilfe benötigen, wenden sich oft eher an Moscheen, weil sie hoffen dort auf Personen zu treffen, die mit ihrer Situation vertraut sind und sie verstehen. Sie stoßen im Zweifelsfall dort auf einen Imam, der selbst genauso wenig Deutsch kann wie sie und noch weniger darüber weiß, wie man sich z.B. auf einen Arbeitsplatz bewirbt. Nach drei Jahren Zeit, in der sich der Imam eingewöhnen konnte, wird er dann auch gleich wieder zurück in die Türkei gerufen.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die türkische Regierung versucht, über die Monopolisierung deutscher muslimischer Identität durch ein von der türkischen Regierung betriebenes Organ diese an die Loyalität gegenüber der eigenen Politik zu koppeln. Egal, in welche Richtung die Reise nun gehen mag.

Aber was hat das nun mit den Katholiken zu tun?

Nun, die Handlungen der türkischen Regierung gegenüber katholischen Einrichtungen wie Kirchen kann man wohl am besten mit dem Wort „Gängeln“ umschreiben, weit über den schon längst nur noch als potemkinsche Fassade existierenden Laizismus der Türkei hinaus. Baugrund für neue Kirchen wird über Jahrzehnte hinweg aufgrund diverser vorgeschobener bürokratischer Schwierigkeiten blockiert, die Betreuung oder gar der Schutz von Christen in den ausgedehnten Flüchtlinslagern spielt eine noch untergeordnetere Rolle als in Deutschland und bis heute ist es für Christen in der Türkei nicht möglich, Religionslehrer oder Priester auszubilden. Jede Form einer öffentlichen Darstellung des Christentums, Informationsstände, Prozessionen oder eigene Medienanstalten (z.B. Radiosender) ist untersagt.

DiTiB wird sich den Vorwurf gefallen lassen müssen, mit dieser politischen Linie identifiziert zu werden. Es ist also kein Verein, mit dem der Bund der katholischen Jugend posieren sollte, besonders dann nicht, wenn es um gegenseitige Akzeptanz und religiöse Toleranz geht.

Wenn nun das in die Türkei ausgelagerte christliche deutsche Religions-Ministerium muslimische Türken auffordern würde, gemeinsam mit Christen Selfies als Zeichen der Toleranz zu schießen, ab welchem Punkt wird diese Hypothese zu absurd, um weiterzulesen? Genau.

Der Zweck heiligt die Allianz?

Dem BDKJ ist das wumpe. Vielleicht, das als freundlichste Interpretation, vielleicht glauben sie ja, dass DiTiB sich auf die Dauer losmachen wird, wenn man ihnen von deutscher Seite oft genug sagt, dass man sie lieb hat und dass von Jugendlichen auf der Suche nach 2 Sekunden Ruhm geknipste Toleranzselfies die Welt mehr verbessern können, als eine weitere Stärkung von DiTiB in der deutsch-türkischen Öffentlichkeit Schaden anrichten kann.

Vielleicht aber ist es hier wie mit jeder anderen Aktion aus dieser Kategorie auch: dem BDKJ wäre vermutlich jeder Verband recht. DiTiB ist vergleichsweise gut organisiert und geht leicht her. Durch die Aktion bietet sich sozusagen die Möglichkeit, mal ein bisschen mit dem Exotischen zu posieren. Mit der Aktion holt man sich den Bildbeweis für „einige meiner besten Freunde sind Muslime“, grinst und knickst ein bisschen, tut keinem weh und hat sich selbst den Anstrich des weltmännischen und interkulturellen verschafft.

„Alle sind gleich“ ist das Gegenteil von Toleranz

Dass das aber nichts mit wechselseitigem Verständnis zu tun hat beweist allein der Text auf der Werbepostkarte: „Alle Christen glauben an Allah“, steht da, „Allah ist arabisch und bedeutet einfach nur Gott“. Ja, das tut es und Christen, die arabisch sprechen, nennen Gott ebenfalls Allah. Der gleiche Gott ist es deshalb aber noch lange nicht, höchstens derselbe.

Nein, auch dieser Einwand wird jetzt nicht den AfD-Einschlag nehmen. Sondern den theologischen. Wer schon klug genug ist, darauf hinzuweisen, dass Allah und Gott eine gemeinsame Geschichte haben und eben beide der einzige Gott sind, der sollte dann mit diesen Geschichten entsprechen respektvoll umgehen. Wer dem Islam unterstellt, dass sein Gott und der Chrisliche Gott ja im Grunde genau das gleiche seien, der beweist dass er von mindestens zwei Kulturen keine Ahnung hat.

Die Attraktivität des muslimischen Gottes liegt in dessen Schlichtheit. Er ist den gläubigen ein strenger, ferner Schöpfer, der sich stets in Geheimnis hüllt. Der katholische Gott ist dafür dreifaltig, prinzipiell paradox, nah und fordernd.

Muslime müssen sich selbst bereit machen, geduldig warten und sich sehnen, in der Hoffnung dass er sich erbarmt und zu ihnen kommt.

Christen müssen sich aufmachen, ihn zu suchen, mit ihm und sich selbst ringen. Sie haben eine viel persönlichere Beziehung, denn ihr Gott war selbst einmal Mensch.

Im Islam hingegen stellt Gottesfurcht ein viel zentraleres Element dar.

Ich könnte den ganze Tag so weitermachen. Der Islam ist orthopraktischer als der Katholizismus (der seinerseits orthopraktischer ist, als das reformierte Christentum), der Islam hat eine andere semiotische Ideologie (Achtung! Fachwort, hat nichts mit Politik zu tun) als der Katholizismus.

Und das ist auch nur das, was sich allgemein über Tendenzen im Islam sagen lässt – die gigantische geographische Ausbreitung beider Religionen macht es noch viel, viel schwerer, Aussagen darüber zu treffen, ob Allah und Gott jetzt gleich sind. Denn Allah und Allah sind schon nicht immer so richtig gleich.

Der Blick in Länder, in denen Christen und Muslime schon länger koexistieren, beispielsweise Tansania, zeigt, dass es überhaupt nicht nötig ist sich gegenseitig zu versichern, dass ja letztlich „alles eins“ ist. Toleranz bedeutet nicht, dass ich mir einbilde, der Andere ist genau wie ich, deshalb mag ich ihn. Toleranz bedeutet, zu versuchen zu verstehen, wie anders der andere ist und ihn in dieser Andersartigkeit schätzen zu lernen. Voneinander lernen und miteinander zu diskutieren sollte das Ziel sein, nicht zusammen in eine Smartphone-Kamera zu grinsen, um ein paar Bilder mehr zu produzieren, vor denen Sozialpädagoginnen mit schwimmenden Augen sitzen.

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