Gehirnwäsche und religiöse Erziehung (Part 1: Theorie)

Vor einiger Zeit fand ich auf gutefrage.net die Frage, was Religiöse Sozialisation sei. Neben zahlreichen ernsten, neutralen Definitionen und Erklärungsversuchen fand sich auch ein User, der mit nur einem Wort antwortete: GEHIRNWÄSCHE.

Zunächst einmal ist diese Antwort, die natürlich auf das grundlegende Böse aller Religion hinweist, unfassbar dämlich: Religiöse Sozialisation sagt nämlich nicht aus, in welche Richtung diese geschieht. Ein Kind, das in einem Umfeld aufwächst, welches Religion ablehnt, erfährt ebenfalls eine religiöse Sozialisation, nämlich eine, die es vom Prinzip her kritisch gegenüber Religion macht. Lediglich Personen, die in Kulturkreisen aufwachsen, denen unser Konzept Religion komplett fremd ist (und das war wohl der Großteil der Welt, bevor er anfing, westliche Medien im größeren Umfang zu rezipieren), haben keine religiöse Sozialisation.
Ebensowenig ist religiöse Sozialisation etwas, das die religiösen Gruppen oder die Eltern zwingend bewusst vornehmen, sie entsteht schlichtweg durch das Aufwachsen in einem bestimmten Milieu, durch den Konsum von Medien und die Auseinandersetzung mit anderen Menschen.

Sie ist im Grunde vergleichbar mit den Vorstellungen und Vorlieben, die Personen für Essen entwickeln, welche Geschmäcker sie bevorzugen, wann welche Mahlzeit einzunehmen sei und wie Essen an sich aufgefasst werden muss.

Aber stellen wir uns blöde: das vom User so differenziert angesprochene Grundproblem ist der Religionswissenschaft alt bekannt:

Wenn wir, wie es in der Hysterie um sogenannte Jugend- und Psychoreligionen in den 80ger Jahren geschah, die religiöse Erziehung von Kindern und Erwachsenen als Gehirnwäsche bezeichnen, wird es schwierig zu erklären, warum der konfessionelle Religionsunterricht etablierterer Religionen und die Teilnahme von Kindern an religiösen Veranstaltungen keine Gehirnwäsche sind.

Die Religionswissenschaft löst dieses Problem, indem sie die Begrifflichkeit Gehirnwäsche abschafft und davon ausgeht, dass auch Erwachsene, die sich Scientology oder ISKCON anschließen, dies aus freien Stücken tun und sich deshalb auch deren Maßnahmen aus freien Stücken unterziehen. Der Punkt, an dem sich für viele der Spaß aufhört ist hier aber gekommen, wenn die Kinder der Mitglieder in die Gruppe mit hineingezogen werden, keiner hat sie gefragt und oft sind die von ihrem eigenen Erfolg vollkommen überraschten Gruppen, die im Anfangsstadium nicht weiter planen, als bis zur Abrechnung des nächsten Monats (und natürlich zur Apokalypse), gar nicht darauf eingestellt, dass ihre Mitglieder Kinder bekommen oder mitbringen.

Horrormeldungen von ausgehungerten, misshandelten und lichtscheuen Neurosenbündeln, die aus den Kellern solcher Gruppen geborgen werden, verstärken das Bild der Gefahr, die von den religiösen Einstellungen von Eltern auf ihre Kinder ausgeht, enorm.

Und auch hier: wenn man diese Vorgänge misstrauisch beäugt, muss man sich fragen, ob dann eigentlich mainstream-christliche, muslimische, jüdische, buddhistische Eltern ihre Kinder religiös erziehen dürfen. Besonders über eine katholische Erziehung existieren ja die wildesten Horrorgeschichten (glauben Sie’s mir, oder nicht: ich wurde nie von Lehrern geschlagen oder von einem Priester missbraucht und den Satz „Wenn Du xy machst, dann sieht Gott Dich und wird traurig“ kenne ich nur aus Geschichten über schlimme, katholische Erziehungen).

Die einfachste Antwort auf diese Frage lautet: wieso nicht? Wieso ist es fragwürdig, wenn Eltern ihren Kindern ihre religiösen Überzeugungen mitgeben, aber wenn es um ethische, hygienische, allgemein weltanschauliche Überzeugungen geht, wird dies als selbstverständlich erachtet? Wieso machen die Kritiker der religiösen Erziehung einen Unterschied zwischen den Aussagen: „Wir essen kein Schweinefleisch“, „Man sollte möglichst kein Essen wegwerfen“ und „Wenn Du Dich nicht wäschst, stinkst Du und das ist schlecht“?

Weil größere Differenzen zwischen den einzelnen religiösen Einstellungen bestehen, als auf anderen Gebieten und somit die Gefahr von Konflikten und Intoleranz stärken? Sie würden sich wundern! Nein, ich bin der Meinung, dass das Konfliktpotential, das von Religiösen Grundüberzeugungen ausgeht einfach überbeleuchtet wird, es wird betont und herausgehoben, absichtlich großgemacht. Ich traue mich zu wetten, dass auf Schulhöfen genauso viele Kinder aufgrund religiöser Differenzen streiten, wie aufgrund unterschiedlicher hygienischer Überzeugungen. Wer stinkt kann sich genauso effektiv unbeliebt machen, wie jemand, der vor dem Pausenbrot betet.

Ein weiteres beliebtes Argument ist die Religionsfreiheit: kann ein religiös erzogenes Kind sich überhaupt noch frei entscheiden? ist es nicht so gehirngewaschen, dass es alle anderen Überzeugungen ablehnen muss?

Die Fakten sprächen dagegen. Zwar ist es logischerweise so, dass Kinder sich meist für das naheliegende, also die Religion ihrer Eltern entscheiden (das habe ich auch getan), aber wäre religiöse Erziehung tatsächlich so nachhaltig, dann wären wir alle noch Anhänger germanischer Polytheismen. Würden sich nicht ab und an Menschen gegen die Erziehung ihrer Eltern entscheiden, gäbe es überhaupt keine Religionsgeschichte.

Die Argumentation, vielleicht seien dies ja Personen, deren Eltern sich gar nicht für die religiöse Erziehung ihrer Kinder interessiert hätten, lässt sich durch die schlichte Nennung von Namen erübrigen: Paulus von Tarsus, Martin Luther, Raymond Victor Franz und nicht zuletzt Krusty der Clown.

Auch zur Entkräftigung der Behauptung, die Sozialisation der Eltern entscheide zwangsläufig, ob sich eine Person überhaupt für Religion entscheide ist schnell hinterfragbar: Pachom, Ron L. Hubbard, Augustinus von Hippo, etc.p.p.

Kaum von der Hand zu weisen ist aber andererseits, dass Personen aus religiösen Elternhäusern fast immer gezwungen sind, sich mit der Religion ihrer Eltern, sei es ablehnend, sei es affirmativ, zu beschäftigen. Sie können sich hierzu nicht nicht positionieren – Kinder religiös indifferenter Eltern hingegen haben die Möglichkeit, sich dem Thema Religion gegenüber für immer vollkommen gedankenlos zu verhalten.

Wäre es also nicht befreiender für die Kinder, möglichst mit diesem Thema unbeleckt aufzuwachsen? Nachdem dies, wie ich gerade selbst erläutert habe, nicht zum Verschwinden der Religion an sich führen wird (die Erwachsenentaufen in Frankreich sprechen beispielsweise Bände), könnten ja religiöse Eltern aus Liebe zu ihrem Kind und in der Wertschätzung seiner persönlichen Freiheit auf dessen religiöse Erziehung verzichten?

Zu den praktischen Aspekten dieser meiner Ausführungen erscheint demnächst ein weiterer Post.

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Eingeordnet unter Zu allgemeiner Religionskritik

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