Gehirnwäsche und religiöse Erziehung (Part 2: Praxis)

Wir waren also bei der Frage angelangt, ob religiöse Eltern ihre Kinder deren persönlicher Freiheit wegen von allen religiösen Themen fernhalten sollten, bis diese alt genug sind, um sich selbst zu entscheiden;

aber das Problem mit der Religion: sie lässt sich nicht aussperren. Es ist Teil ihrer grundlegenden Funktionsweise, das alltägliche Leben zu durchdringen. (Obgleich derart pauschale Aussagen über Religion natürlich immer kritisch zu sehen sind, bleibe dies vorerst dahingestellt).

Was in der Theorie vernünftig klingt, wird in der Praxis kompliziert: kann man von religiösen Eltern verlangen, dass sie am Grab einer Großmutter darauf verzichten, ihre Kinder mit Jenseitserwartungen zu trösten? Was, wenn ein Kind konkret nach transzendenten Wahrheiten fragt, mit denen es von Gleichaltrigen konfrontiert wurde? Und zuletzt: kann man von Eltern verlangen, 14-16 Jahre lang auf ihre eigene Religionsausübung zu verzichten?

Hinzu kommt, dass viele Religionen die Gründung einer Familie und damit verbunden die religiöse Erziehung der Kinder zum elementaren Teil der Religionsausübung machen, so z.B. verschiedene Hinduismen, Teile des Judentums, der Islam und nicht zuletzt ist das Kinderbekommen und deren Erziehung Grundvoraussetzung für die Gültigkeit einer katholischen Ehe. Letztlich würde die Religionsfreiheit der Eltern erheblich eingeschränkt.

Ich halte die Frage der religiösen Erziehung nicht für eine Frage, des „ob“. Ihre Beseitigung ist nicht nur via facti utopisch, sie würde auch viele Teile unserer Kindheitskultur zerstören und letztlich eine künstliche Gliederung z.B. des Jahresablaufs erfordern. Der Verzicht auf Martinsumzüge, den Nikolaus, Weihnachten, Ostereiersuchen etc. oder deren komplette Trennung vom Ideengeschichtlichen Hintergrund würde letztlich ein pädagogisches Vakuum hinterlassen, das künstlich gefüllt werden müsste. Ich möchte nicht leugnen, dass es möglich wäre, aber wäre es nicht schade?

Wenn ich sehe, wie sich meine Ministrantengruppe mit ehrfürchtiger Neugierde, bisweilen auch mit übereifriger Leidenschaft den Themen ihrer Religion nähert und Sicherheit bei der Bewegung im sakralen Raum – nicht nur ihrem eigenen sondern auch dem anderer Religionen gewinnt, wage ich den Vorstoß: möglicherweise fehlt einem Kind tatsächlich etwas, wenn es solche Erfahrungen nicht machen darf. Das Ritual, das Disziplin und Körperbeherrschung auf eine Art und Weise lehrt, die Kindern entgegen kommt, die Vermittlung eines Gefühls absoluter Geborgenheit und Sicherheit im Universum und ein Bewusstsein dafür, dass die eigene Person wichtig ist und deshalb verantwortungs- und liebevoll behandelt und auch beobachtet werden muss, all das sind Qualitäten jeder guten Erziehung, aber sie lassen sich im religiösen Raum exzellent vermitteln. Und letztlich: sollte ein Kind nicht möglicherweise diese Erfahrungsdimension kennenlernen, bevor es entscheiden darf, ob es darauf verzichten möchte?

Wie aber ermöglicht man einerseits die Geborgenheit und der Vermittlung kultureller Techniken, die eine religiöse Erziehung bietet und entgeht andererseits der Gefahr, sein Kind zu einem Gesinnungszombie zu machen, oder noch schlimmer: es für die eigene Religion zu verlieren, sobald es sich beim ersten pubertären Erwachen der bisherigen Engstirnigkeit bewusst wird?

Zunächst einmal: sich der Position als zunehmend sinkenden Bevölkerungsanteil bewusst werden und diese auch vermitteln. Irgendein interkulturelles Gedöns zu veranstalten ist hierbei meiner Meinung nach ebenso unnötig, wie dem Kind übermäßige Zurückhaltung aufzuerlegen, damit es ja niemandem auf den Schlips tritt, dabei werden nur Ängste geschürt. Dass es aber weder eine Selbstverständlichkeit, noch ein Privileg, noch eine Schande ist, katholisch zu sein, sollte meiner Meinung nach sehr wohl vermittelt werden und eben diese Haltung sollte auch gegenüber anderen Religionen eingenommen werden.

Ebenso finde ich, es läge an der katholischen Kirche, einen Schritt in Richtung Religionsfreiheit zu tun, indem sie anders mit ihren Initiationsritualen im Rahmen der Pubertät, sprich mit der Firmung umgeht. Sie markiert den Punkt, an dem einem Menschen religiöse Eigenverantwortlichkeit zugesprochen werden soll und das sollte auf jeden Fall vermittelt werden.

Man konfrontiere die Kandidaten mit ihrer religiösen Erziehung, sage ihnen: das waren Deine Eltern, aber was willst Du? Fühlst Du das wirklich, oder plapperst Du es nur nach?. Hart und streng: Willst Du das? Willst Du das WIRKLICH?

Dazu gehört auch, dass die Kandidaten im Gespräch ernsthaft auf ihre geistige Reife überprüft und notfalls abgewiesen werden (allerdings mit einem Höchstalter, selbstverständlich, diese Regelung sollte nicht dazu dienen, Personen absichtlich auszuschließen). Die Vorbereitung zur Aufnahme sollte nicht vorrangig spaßig, flippig und entspannt sein, um sich hilflos an die Coolness ihrer Zielgruppe anzubiedern (das funktioniert eh nicht), sie sollte ein wenig anstrengend und eine ernsthafte Auseinandersetzung sein. Sie sollte zeigen, dass ein katholisches Leben anspruchsvoll ist und komplexere theologische Inhalte vermitteln, als „Jesus ist gegen Krieg und Nazis sind doof.“.

Warum nicht einfach schweigende Exerzitien durchführen? Ein Stück den Jakobsweg gehen? Diskussionsrunden? Lektüre von Kirchen-/Religionskritischer Literatur? Das ist anstrengend, natürlich, auch für die Mitarbeiter, aber sollte man sich nicht vor Augen führen, um welchen wichtigen Schritt es hier geht?

Auf diese Art und Weise ließe sich erreichen, dass diejenigen die Firmung auf sich nehmen, die katholisch werden wollen und nicht diejenigen, die ihren Eltern einen Gefallen tun und selbst einen neuen PC wollen. Das wäre ein Schritt in die Richtung der Religionsfreiheit junger Menschen, indem man ihnen bewusst macht, dass sie vor einer Entscheidung stehen, denn dann, und das ist ja die grundlegende Definition von geistiger Freiheit: können sie sich auch entscheiden.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Gedanken zur Praxis der katholischen Kirche, Zu allgemeiner Religionskritik

Eine Antwort zu “Gehirnwäsche und religiöse Erziehung (Part 2: Praxis)

  1. Als ehemaliges Kind, welches in eine MInistrantenrolle gedrängt wurde, kommt mir bei diesem Text die Galle hoch!

    „Wenn ich sehe, wie sich meine Ministrantengruppe mit ehrfürchtiger Neugierde, bisweilen auch mit übereifriger Leidenschaft den Themen ihrer Religion nähert und Sicherheit bei der Bewegung im sakralen Raum – nicht nur ihrem eigenen sondern auch dem anderer Religionen gewinnt, wage ich den Vorstoß: möglicherweise fehlt einem Kind tatsächlich etwas, wenn es solche Erfahrungen nicht machen darf.“

    Kinder sind ja nicht doof. Die lernen schnell, welche Haltungen opportun sind, welche Fragen gestellt werden müssen, wie man den Erwachsenen eine Freude macht.

    Das ganze religiöse Geschwalle – man versteht es nicht, aber hofft es später zu verstehen. Es ist ein Selbstbetrug wenn man meint, die Kinder neutral erziehen zu können und hart zu fragen, ob sie wirklich glauben bla, bla. Dass die Eltern nicht neutral sind, das merkt das Kind ja. Meine Eltern haben mich erst gegen meinen Willen überredet zu beten, in die Kirche geschleppt, zum Meßdiener gemacht, Kommunion, später Firmung – mit einer Uhr zur Kommunion mich noch geködert, aber ich wette sie meinen ich hätte das freiwillig und gerne getan.

    Pustekuchen!

    Ich habe es gehasst, und jedes gesunde Kind hasst die Religion. Dieses Stillsitzen, dieses Knien, diese langweiligen Gebete – immer wieder das gleiche, und nochmal das gleiche, und nächstes Jahr wieder das gleiche, und wieder und wieder und immer wieder das gleiche!

    Und öde Gesänge von alten Schabracken und süßlichen Pfaffen mit einschlafenden Organisten. Und hirnlose Predigten und geistlose Texte. Und man hofft es kommt noch der Moment, wo der Groschen fällt, aber dass er nicht fallen wird, das ist die einzige Pointe die das ganze hat.

    Welche Zeitverschwendung der Versuch nachzuvollziehen, was das alles überhaupt soll, wo der Sinn liegt, die ganzen Widersprüche die mehr werden und nicht weniger. Dieses eitle Gottgesicht, der allmächtig den Menschen aus dem Nichts schafft, und dann angebetet werden will, dieser eitle Pfau, dieser fiese Diktatorenmöpp, der stinkige!

    Wer will denn in dessen abgetakelten Himmel, wo man wie ist? Als früh gestorbener Säugling auf ewig Säugling? Als altes Wrack ewig ein Wrack? Körperlos? Was soll das sein? Wie soll man denn etwas paradisisch finden ohne Körper und Sinne? Ein Betrug das ganze von Vorne bis Hinten, und die Eltern rächen sich an den Kindern, in dem diese durch die gleiche Hölle geschickt werden, die man selbst nicht verstanden hat, in der Hoffnung es an den Kindern dann zu verstehen.

    Und man versteht, dass es ein Betrug ist. Ja, die Oma ist jetzt im Himmel – sich selbst will man es einfach machen. Eine Abkürzung nehmen. Sich wie ein Kind zur Realität verhalten. Das KInd soll einen erlösen wie Jesus Gott erlösen soll, der es bei Abraham schon versucht hat: das Kind zu opfern für den Vater.

    Man kann den Kindern viel ersparen, wenn sie nachts wachliegen und überlegen, ob sie Sünder sind, die in die Hölle kommen, weil sie diese und jene Sünde verbrochen haben, darunter die Hauptsünde, nicht an Gott glauben zu können. Statt das als Normalfall zu begreifen, zu akzeptieren und zu begrüßen. Nein, da muss man sich vor einen hölzernen oder bronzenen Fetisch an der Wand hinknien – wie peinlich!

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