Ironie und Religion (aktueller Anlass)

Ein Wort vorab: ich war (noch) nicht in dieser Ausstellung. Ich lese normalerweise nicht die AZ (ich war durch unglückliche Umstände gezwungen). Worum es mir eigentlich geht, ist die Einleitung des Artikels:

„Glaube und Religion sind grundsätzlich ironiefreie Zonen. Deshalb überrascht die neue Ausstellung im Jüdischen Museum zumindest im Titel mit Süffisanz: „Treten Sie ein! Treten Sie aus!“ heißt das Projekt, das sich mit Konversion, dem Wechsel des Glaubens, beschäftigt.“

Glaube und Religion ironiefreie Zonen? Und dann ausgerechnet, von allen Orten dieser Welt, im JÜDISCHEN Museum?! Woody Allen dreht sich vermutlich gerade im Grab um (aber mit dieser kleinen Bosheit dürfte ich ihn gleich wieder versöhnen ;)).

Doch fangen wir vorne an: Glaube und Religion. Glaube und Religion? Das sind zwei grundverschiedene Dinge, so wie Abwasch und Spüle oder Auto und Urlaub. Klar, irgendwie hängen sie zusammen und sie sind in ihrer Definition äußerst fragwürdig, aber keiner wird mir widersprechen: sie sind nicht das gleiche. Nun gebe ich Herrn Hejny recht: für mich ist Glaube eine derart unmittelbare, ja beinahe körperliche Erfahrung, dass sie im Augenblick, in dem sie sich ereignet, nicht ironisierbar ist, ebenso wenig wie ein Zehenbruch oder ein Orgasmus. (Dass sich über körperliche Verletzungen und Sexualität unendliche Scherze reißen lassen, deutet aber bereits auf das hin, worauf ich hinaus will). Aus diesem Grunde reagiere ich auch nur zögerlich auf die Frage, ob ich gläubig sei: wer 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche gläubig ist, ist meiner Meinung nach nicht ganz dicht und die Erfahrung von Glauben ist für mich zu intim, um sie jemandem Fremden auseinanderzusetzen.

Wie man nun auf die Idee kommt, dass Religion eine ironiefreie Zone sei, ist mir derart schleierhaft, es ist schlichtweg so falsch, dass nicht einmal das Gegenteil davon stimmt. Natürlich nehmen viele Leute ihre Religion auf eine Art und Weise ernst, die es ihnen nicht ermöglicht, in irgendeiner Form ironische Distanz zu erlangen. Dies ist auch die Sorte Leute, die für ihre Religion Kriege vom Zaun brechen, sich und/oder andere in die Luft sprengen, oder Andersdenkende vom Prinzip her mit Verachtung strafen, ja schlichtweg leugnen, dass es überhaupt verschiedene Standpunkte gibt, von denen aus die Welt sich betrachten lässt, wie die Wissenschaft z.B. (you get the point).

Genau diese Aggressivität aber, diese Engstirnigkeit ist oft eine der vielen Möglichkeit, wie Religiöse auf Vorwürfe und Verunsicherungen von Außen, auf Zwiespälte, Diskrepanzen und Zweifel von Innen reagieren.

Eine andere Möglichkeit ist die ironische Distanz, die spielerische, sofort wieder zurückgenommene Blasphemie, die scherzhafte Überbetonung des von Außen an einen herangetragenen Klischees.

Meister dieser Disziplin waren gewiss die Juden des 19. und frühen 20. Jahrhunderts bis heute – so sehr, dass die stereotype Vorstellung, Juden hätten jüdischen Humor wiederum Gegenstand dieses Humors geworden ist. (Bitten Sie nur einmal, einen engagierten, praktizierenden Juden darum, Ihnen einen jüdischen Witz zu erzählen, mitunter werden Sie eine sehr ironische Antwort erhalten).

Ich las einmal in einer Publikation, dies sei die Folge eines jüdischen Selbsthasses und Unbehagens über die eigene gesellschaftliche und weltanschauliche Rückständigkeit, das sich schließlich praktisch im liberalen Judentum umsetzte, welches in seinen Anfangsformen vor lauter Assimilationswilligkeit fast zu einer Art jesuslosen evangelischen Kirche wurde, eine Entwicklung die mittlerweile in vielen Gemeinden revidiert wurde (Auf Wunsch kann ich die Belegstelle heraussuchen).

Ich halte dies für ein Missverständnis. Die ironische Selbstbetrachtung ist meiner Meinung nach kein Selbsthass, sondern vielmehr genau deren Gegenteil: es ist die gegenseitige Rückversicherung innerhalb einer eingeweihten Gruppe, sie drückt Solidarität im Schmerz, Zweifel und Zorn aus. Da nur die Eingeweihten die Ironie verstehen können, bietet sie Schutz nach Außen, da sie dem Sprecher sofort ermöglicht, vom Inhalt zurückzutreten, bietet sie Schutz nach Innen: man kann sich durch den Humor emotional distanzieren.

Tauschen also meine Katholische Freundin und ich uns über die besten Plätze für Hexenverbrennungen aus oder treten in einen Wettbewerb, wer von uns prüder oder ungebildeter ist, dann drücken wir damit nicht aus, dass wir uns heimlich selbst dafür hassen, Hexen zu verbrennen, prüde und ungebildet zu sein, sondern wir teilen unsere Trauer darüber, ständig mit solchen Klischees konfrontiert zu sein.

Dies funktioniert auch interkonfessionell:

Ich führe z.B. gerne zum Schein heftige Streitgespräche mit evangelischen Freunden; zwischen uns ist klar: wir freuen uns daran, dass wir uns so kompetent zwischen unseren Konfessionen bewegen können und daran, dass wir bestimmte typische Vorwürfe überwunden haben, indem wir uns genau diese mit ironischer Übertreibung an den Kopf werfen. (Übrigens haben einmal zwei ehrlich bestürzte Muslime auf einer interreligiösen Dialogveranstaltung versucht, einen solchen „Streit“ zwischen einer Lutheranerin und mir zu schlichten).

Interreligiös:

Wenn mein jüdischer Freund und ich uns über die geschwollen-redundante Sprache des alten Testaments mit ihren unendlichen Genealogien lustig machen, indem wir sie imitieren, um Banalitäten zu formulieren, kommunizieren wir dabei nicht, dass wir innerlich eigentlich unsere Religion ablehnen, sondern verhandeln unsere Schwierigkeiten mit diesen unzugänglichen Stellen, die wir trotzdem ernst nehmen wollen oder müssen und versichern uns, dass wir diese Probleme teilen und dass sie nicht von unserer Dummheit herrühren.

Auch meine allerbeste Freundin, eine Atheistin, kann sich mit mir ironisierend über meine Religion lustig machen, ohne, dass ich mich auch nur annähernd verletzt fühle: kommuniziert wird, dass sie die Klischees der anderen durchschaut und zumindest mich davon ausnimmt, ich hingegen kann mit ihr meine intellektuelle Abgrenzung von anderen Religiösen und meine Unsicherheiten und Zweifel kommunizieren, ohne dabei einen Seelenstriptease hinzulegen oder ein übertrieben großes Fass aufzumachen – nicht immer sind diese in existentielle Krisen integriert, sondern stoßen einem eben von Zeit zu Zeit unangenehm auf.

Definitiv hat also die Ironie einen Platz in der Kommunikation des Religiösen, einen sehr wichtigen sogar.

Aber die Religion ist doch sicher dennoch ein rein ernstes Thema?

Ja und Nein. Denn es ist ein typisch deutscher Denkfehler, zu glauben, dass Humor bedeutet, dass man nicht ernst ist.

Einer meiner Lieblingsbräuche des Katholizismus ist der risus paschalis – das Osterlachen. Der Priester sorgt dafür, dass die erste Gefühlsregung der Gemeindemitglieder nach der anstrengenden Fastenzeit und der psychisch aufreibenden Karwoche ein Lachen ist: mit einem Witz oder einer Slapstickeinlage. Idee ist auch, dass die Lebensfreude der Menschen eine (vor-)witzige Reaktion des Menschen auf den ihm dräuenden Tod ist, die sie sich erlauben können, weil sie letztlich glauben, dass der Tod nur Schein und für immer besiegt ist.
Klingt das, als wäre es nicht ernsthaft?

Im Buddhismus ist der Humor eine Möglichkeit, von der Unerträglichkeit des irdischen Daseins und der Wichtigkeit der eigenen Person zurückzutreten (dafür ist die (Selbst-)Ironie als Humorform natürlich prädestiniert), Sachlichkeit, Neutralität und Ausgeglichenheit zu finden. Ich kann mir nichts Ernsteres vorstellen. Außerdem ist er eine Reaktionsmöglichkeit auf die dem Buddhismus inhärenten Paradoxa.

Auch im Christentum wird auf Paradoxa mit Humor reagiert, wie dieses Meme beweist:

Are you there, Dad? It's me, you!

Aber lassen Sie mich zum Abschluss einen Witz erzählen:

Ein Pfarrer, ein Imam und ein Rabbiner lesen die AZ…

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Eingeordnet unter Zu allgemeiner Religionskritik

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