Der Estrela-Bericht, Arroganz, Feminismus und hirnloses Meinungsgekoppel

Nachdem sich die Stimmung in katholischen Blogs und Internetseiten wochenlang aufgebauscht hatte, hallt jetzt lautes Siegesgeheul durch die Flure der Blogozöse: Hurrah, hurrah, gewonnen, gewonnen!
Und noch dazu gegen zwei Lieblingsfeinde zugleich: die Linken und die Feministinnen, also potenziert: die linken Feministinnen.
Zugegebenermaßen: auch mir gefällt das. Mir gefällt der Gedanke, dass man als Christ noch „was reißen kann“ und linke Feministinnen mag ich auch nicht.
Was mir aber ganz und gar nicht gefällt, ist die Argumentation und dass wiedermal jeder in das Geplapper einstimmt, obgleich er sich möglicherweise gar nicht informiert hat.

Versteht mich nicht falsch: Das Estrela-Papier ist bis zu einem gewissen Grad monströs. Aber dafür gibt es verschiedene Gründe und nur wenige davon überschneiden sich auch mit den tatsächlich von den Pro-Lifer hervorgebrachten.
Wer wie ich diese Akte zur gezielten Vernichtung der imaginären Enkelkinder unzähliger übereifriger Katholikinnen erst einmal selbst lesen möchte, kann das hier tun.
(übrigens die einzige nicht-christliche Seite, die bei mir in der Google-Suche auf der ersten Seite erscheint, wenn ich nach dem Estrela-Bericht suche. Dafür eben aber genau die Gegenseite. Die ideologisch involvierte Berichterstattung ist somit also auf ein alle Neutralität übertünchendes Geplärr angeschwollen, außerdem scheint sich außerhalb der Linken- und der Katholiken-Szene auch kein Schwein dafür zu interessieren).

Neben den zwei Punkten, die unseren Freunden bei ONE-Of-US-EU aufstoßen (schon allein die Aggressivität dieser geballten Majuskeln stößt mich ab), nämlich der Erleichterung von Abtreibung und der verpflichtende Sexualunterricht ab der Grundschule – ich werde hierauf noch zu sprechen kommen, enthält der Estrela-Bericht nämlich noch eine Flut an weiteren Forderungen:

  • Entwicklungshilfe im Bereich reproduktiver Medizin, Sexualkrankheiten etc.
  • Kampf gegen geschlechtsspezifischen Schwangerschaftsabbruch
  • Kostenlose/bessere Gesundheitsversorgung auf dem gynäkologischen Sektor
  • Nicht-Diskriminierender Umgang mit Frauen, die abtreiben wollen.
  • Kampf gegen Müttersterblichkeit.
  • Zugang zur Fertilitätsmedizin für alleinstehende Frauen/Homosexuelle.
  • Kostenlose/besser zugängliche Verhütungsmethoden.
  • Forschung an Verhütungsmethoden für BEIDE Geschlechter.
  • Recht auf Verweigerung (also das Recht von medizinischem Personal, sich aus Gewissensgründen zu weigern, einer Frau bei der Abtreibung zu helfen) sollte eine individuelle Entscheidung sein – Personal, darf in Religiös geführten Institutionen nicht gezwungen werden, Abtreibungen zu verweigern.
  • Es gibt Länder, in denen bis zu 70% der Gynäkologen sich aus Gewissensgründen weigern, Abtreibungen zu begleiten. Dies verletzt die Menschenrechte.

Das war bereits ein Exzerpt, der Estrela-Bericht umfasst noch viel, viel, viel mehr. Und das ist der Punkt, an dem ich ansetzen möchte, ich finde das nämlich, kurz und deftig gesagt, beschissen.
Wieso muss ich, wenn ich mich für die reproduktiven Rechte für Frauen engagieren muss, immer mit den Pro-Abtreibungs-Feministinnen herumschlagen? Wieso muss ich mir einer derartig unlogischen Aussage, wie der allerletzten anschließen, wenn ich möchte, dass an Verhütungsmethoden für Männern geforscht wird? Das alles hat doch im Grunde so gut wie gar nichts miteinander zu tun.

Wieso gibt es keinen Bericht von Christ-Demokratischer Seite, der für mehr Menschlichkeit und Liebe im Abtreibungsbetrieb kämpft? Der nicht nur Verbesserung der Abtreibungskliniken fordert (denn es ist keinem geholfen, wenn die Frauen zur Stricknadel greifen), sondern auch verbesserte Betreuung für ungewollte Mütter und zwar nicht nur Minderjährige? Der die Entwicklungshilfe innerhalb und außerhalb Europas in Frauenbelangen stärken möchte und der – und das ist im Estrelabericht nur unzureichend festgehalten – explizit und nicht nur „auch“ die Rechte von Männern respektiert?
Wieso müssen diese Berichte und Abstimmungen und Parteien immer eine perfekt durch-designte Meinung haben? Wieso muss die EU über Läuse, schlechtes Wetter und durchgewetzte Hausschuhe noch im selben Antrag abstimmen?

Gleichzeitig: die unerträgliche Reaktion von Christlicher Seite. Und ich spreche hier nicht über das, was (worauf ich noch zu sprechen kommen werde), sondern das „wie“.
Das fängt mit dem Gebrauch des Begriffes „Euthanasie“ an. Leute, merkt Euch endlich: die staatlich geregelte und institutionalisierte gezielte Ermordung von für unlebenswert erachtetem Leben sollte man wirklich nur mit einer Sache vergleichen: der staatlich geregelten und institutionalisierten gezielten Ermordung von für unlebenswert erachtetem Leben. Abtreibung aus diversen Indikationen ist eine persönliche Entscheidung der Mütter, in die der Staat NICHT mit Zwang eingreift.
Ihr benutzt krasse Worte, um damit Emotionen hervorzurufen, aber dabei sorgt ihr auch dafür, dass sie abgenutzt werden. Euthanasie sollte man nur für Euthanasie benutzten, damit die reale Euthanasie nicht relativiert wird.

Ebenso wurde Estrela gerne unter dem Prädikat „Feminismus“ zusammengefasst, „Feminismus“ an sich abgelehnt, zum Teil auch auf T-Shirts und Plakaten.
Das ist nicht nur ärgerlich, weil es dem Katholizismus schadet – wir müssen uns oft genug sagen lassen, wie rückständig wir im Umgang mit der Frau und der Weiblichkeit sind und können gerne darauf verzichten, es den Kritikern noch weiter unter die Nase zu reiben, ihnen klischeebestätigende Bilder und Statements zu liefern, es ist auch schlecht für den Feminismus, der leider auf eine bestimmte Kombination von Überzeugungen festgelegt wird, siehe Estrela, die gar nicht zwingend Teil einer feministischen Einstellung sein müssen.
Hysterische, egozentrische Weiber, die ein gespaltenes Verhältnis zu ihrer Gebärmutter haben sind schon lange nicht (mehr) die dominante Gruppe des Feminismus.
Über die Gefahren der Abwertung des Begriffes Feminismus und damit auch bestimmter feministischer Einstellungen und der ständigen Bemühung, feministische Kritik der Lächerlichkeit preis zu geben – unbesehen der konkreten Problematik – gibt es hier ein sehr interessantes Video.
Genauso unfair wie es von den Estrela-Frauen ist, die Erleichterung von Abtreibung und die Verbesserung der Gynäkologischen Versorgung im selben Antrag zu fordern, so unfair ist es von den katholischen, sich in ihrer Mütterlichkeit selbst beweihräuchernden Zwankweiber, mich als durchaus feministisch eingestellte Person (und zwar im Sinne der am Ende des geposteten Videos gezeigten Filmsequenz), in eine Ecke mit Frauen zu stellen, die Abtreibung wie eine Schönheits-OP behandeln.

Es wird noch wilder: ich teile beispielsweise die Argumentationen der Estrela-Frauen, aber nicht die Konsequenzen, die sie daraus ziehen.
Dass das Recht auf die Verweigerung aus Gewissensgründen eine individuelle Entscheidung sein sollte, sehe ich ebenfalls so. Wieso aber die Kirche für Vorgänge, die sie als Mord erachtet in ihren eigenen Instiutionen Personal, Räumlichkeiten und damit letztlich ihren Konsens zur Verfügung stellen sollte, ist mir absolut rätselhaft – es beschwert sich ja auch keiner, wenn ein Leiter einer Veganen Kochschule keine Fleischesser einstellt.
Ebenso verstehe ich nicht, wieso es eine Menschenrechtsverletzung sein sollte, dass ein großer Teil der Bevölkerung einiger Ländder aus Gewissensgründen keine Abtreibungen vornehmen möchte. Liebe Pro-Estrelas: ist es also eine Menschenrechtsverletzung, wenn viele Leute nicht meiner Meinung sind?
Wenn Ihr mich entschuldigt: ich muss kurz einen Stapel Anzeigen einreichen…

Ich werde vielleicht bei Gelegenheit noch die ein oder andere meiner Überzeugungen zum Thema Abtreibungen zum besten geben, aber verzichte in diesem Post bewusst darauf. Worum es mir eigentlich geht: ich will nicht Teil dieser hysterischen, unfairen und von wahnwitzig verhärteten Fronten geprägten Diskussion sein, weil sie einer differenzierten Meinung und damit auch einer realistischen Lösung einfach nicht gerecht werden kann.

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Eingeordnet unter Religion und Politik

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