5 Gründe, religiös zu sein: 1.: Der Abgrund lächelt zurück

Führen wir uns das ruhig einmal vor Augen: Das Leben an sich ist kacke. Selbst, wenn uns persönlich nie etwas schlimmes passiert, werden wir pausenlos damit konfrontiert, dass anderen schlimme Dinge passieren und außerdem ist keiner von uns unsterblich: am Ende des Lebens wartet immer noch das nackte Grauen des schwarzen, schwarzen Nichts. (Heilsgewissheit hin oder her: „drenten“ war eben noch nie einer, der daraus glaubwürdig berichten hätte können).

Wer sich nun für ein armes gebeuteltes Würmchen auf Erden hält, dem vollkommen sinnlos von einem unpersönlichen Schicksal übel mitgespielt wird, der stiert in diese Abgründe mit blanken, glänzenden Teddybärenaugen, diese Erfahrung wird zum Grundton seines Lebens, eine ständig neben ihm herkriechende kleine Verzweiflung.

Die allermeisten religiösen Deutungssysteme bieten aber ein Arsenal an Hilfestellungen, diese kleine Verzweiflung zu umarmen, sie zu herzen und sich in ihr wohlzufühlen.

Sei es in der Gewissheit, dass sie vor der schaurig-schönen Größe des Universums zu einer lächerlich kleinen Fußnote schrumpft und gleichzeitig ein unverzichtbarer Teil desselben ist, sei es die Vorstellung, dass man aus gegenseitiger, verpflichtender Liebe dem vollkommen undurchdringlichen Plan eines letztlich aus Prinzip gut meinenden Gottes folgt oder sei es in der Gewissheit, dass dieser Gott selbst eine Zeit lang mit dieser kleinen, stechenden Verzweiflung leben musste, das Gefühl kennt, mitleidet und den Leidenden gerade für sein Leiden liebt. Das ist nur eine kleine Auswahl der Verhältnisse, die man als religiöser Mensch zu den Abgründen des Lebens haben kann. Weder macht es das leichter, noch möchte ich darauf abzielen, dass sich religiöse Menschen leidensfähig allem unterwerfen und deshalb nie aufmucken (das abgenudelte Argument vom Opium des/für das Volk(es) könnt ihr Euch sparen), aber ich denke, dass sich einfach das Verhältnis zu den finsteren Momenten des eigenen Lebens ändert: sie werden nicht zu einer zu versteckenden Schwäche oder einer schlechten, zu verdrängenden Erinnerung, sondern sie sind Teil des eigenen Lebenskonzepts und werden in dieses integriert, ja sogar rückblickend liebgewonnen, bis hin zum für meine Begriffe leicht schaurigen Gottvertrauen, das manche tödlich erkrankten Menschen an den Tag legen.

Jene Religionen, die ein personalisiertes Schicksal vorstellen geben damit auch unseren Abgründen eine Stimme und mit der kann man auch hadern, sich streiten und möglicherweise versöhnen.

Die Abgründe der Religösen sind gewiss nicht weniger tief, aber sie sind bei weitem unterhaltsamer.

Zurück zur Einleitung

Advertisements

3 Kommentare

Eingeordnet unter Fünf Gründe, religiös zu sein, Zu allgemeiner Religionskritik

3 Antworten zu “5 Gründe, religiös zu sein: 1.: Der Abgrund lächelt zurück

  1. Pingback: Fünf Gründe, religiös zu sein – eine Einleitung | Gardinenpredigerin

  2. Thomas Bauer

    Gut, verstehe ich vollkommen; fehlt nur noch ein kleiner Satz, und dann sind wir uns vollkommen einig: „Um mit diesen Abgründen und Unsicherheiten irgendwie fertig zu werden, hat der Mensch Götter und Religion erfunden; eine Illusion, die hilft, leider im Laufe der Geschichte durch den daraus abgeleiteten Absolutheitsanspruch aber auch oft geschadet hat.
    Religion und Gott sind Erfindungen der Menschen, wer daran glauben will soll das tun und andere Leute damit nicht weiter behelligen“
    können wir uns darauf einigen?

    • Christian Tesak

      Lieber Thomas Bauer,
      ich weiß nicht was Gott bedeutet. Ich weiß auch nicht, was der Tod ist. Ich weiß nichts über die Wahrheit, die uns erwartet. Ich stelle aber fest, dass uns alle diese Themen immer wieder angehen.
      Ich selber habe mir vor einem halben Jahr eine milde Haltung verordnet: Ich will nicht länger reflexartig Gegenargumente produzieren, sondern versuchen den Glauben wohlwollend zu prüfen. Alles, was mich spontan stört („Hölle“, „Zölibat“, „nur auf Zeugung ausgerichtete Sexualität“ usw.) lege ich zunächst beiseite, denn diese Themen sind so heikel und brisant, dass sie von selber immer wieder in den Vordergrund drängen. (Die können also gar nicht vergessen werden!) Aber alles, was mir gut tut, nehme ich in mein tägliches Denken auf: die Hoffnung, dass Leben und Tod mich weiterführen, das Gefühl, gut aufgehoben zu sein, die Ahnung, dass meine innere Stimme gehört werden könnte. Ich kenne meine Fehler im Denken und Tun sehr gut – und ich bemühe mich zurzeit um ein reines Gewissen. Ich scheitere dabei allerdings täglich, und diese Arbeit ist insgesamt anstrengend. Aber ich bin gleichzeitig glücklich, weil ich in Bewegung bin. Ich übe also zu glauben.

      Es kann also keine Illusion sein, die nur dazu dient „irgendwie damit fertig zu werden“, denn meine Suche fühlt sich nicht wie ein Irrweg, sondern wie eine Wanderung mit Ziel an. Es wird zwar nicht leichter – aber ehrlicher. …und ehrlich ist letztendlich für Christen auch, ihre Religion absolut zu stellen. Sonst würden wir uns ja selber nicht ganz ernst nehmen. Man darf daraus nur nicht ableiten, dass man als Christ ein besserer Mensch wäre. Das wäre wirklich anmaßend. Ein guter Christ – habe ich gelernt – betrachtet alle Menschen als Schwestern und Brüder (was auch gut zum „VATER unser“ passt…). Daher sind auch gewaltsame Missionierungsversuche und überhaupt jede Kampfrethorik in religiösen Gesprächen fehl am Platz.

      Man darf aber durchaus darüber reden, welche Botschaften einen erreicht haben, in welcher Weise man sich im Leben beauftragt fühlt – oder wie auch immer man das sagen möchte (eben: Zeugnis ablegen). Denn das kann durchaus dazu führen, dass andere „behelligt“ werden – im besten Sinn des Wortes.

      Und einigen müssen wir uns auf gar nichts. Unsere Sprache reicht nicht aus, um uns untereinander über das Innerste ausreichend gut zu verständigen…
      Ich denke, einen echten Konsens kann man im Glauben nur mit sich selbst finden. Und das heißt: Suchen, suchen, suchen,…

      Mir tut’s gut.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s