5 Gründe, religiös zu sein: 2.: Das Paradies für Spielkinder

Da wir letztes Mal über Religion als Bewältigungstechnik gesprochen haben, wird es Zeit, die andere Seite zu beleuchten – Not lehrt zwar beten, aber jemand, der seine Religion verliert, sobald es ihm gut geht, bei dem war vermutlich von Anfang an nicht viel dahinter.

Zumal Religion eine wahre Spielwiese sein kann.

Wer sich für eine aktive Religiosität entscheidet, macht sich auf eine schier unendliche Entdeckungsreise. Den zahlreichen Hinweisen und Verweisen folgend probiert er sich durch die schillernden, skurrilen, herzerwärmenden und beängstigenden Techniken seiner Kultur und entdeckt dabei nicht nur diese, sondern auch sich selbst.

Auf meiner Reise beispielsweise entdeckte ich die verrückte head-over-heals-Radikalität der frühen Eremiten in Syrien und Ägypten, die schockierend direkte, rauschhafte Mystik der Dominikanerinnen, den verzweifelten Kampf der zeitgenössischen Christen im nahen Osten, den militärisch-kopfbetonten Glauben der Jesuiten und und und.

Natürlich sind all diese Exotika auch für nicht-Gläubige zugänglich, aber mein Zugang ist neben dem religionswissenschaftlich-deskriptiven nunmal auch ein persönlich-religiöser. Ich fühle mit diesen Menschen, ich probiere ihre Überzeugungen an, wie faszinierende Kostüme und entscheide, was davon ich für tragbar halte. Und dieses Verkleidenspielen macht Spaß. Es ist ein Vergnügen, wie auf hohe Berge zu steigen; natürlich möchte man auf ihnen nicht wohnen bleiben, aber der Ausblick…

Auch die Praxis bietet genügend Anlass, sein Leben mit Spielereien und kleinen Besonderheiten auszuschmücken: wie reagiert mein Körper auf Fasten? Wie fühlt sich Rosenkranzbeten an? Um halb vier aufstehen und in den Dom pilgern? Hört sich krass an! Und so weiter und so fort. Die Religion bietet eine geradezu unbegrenzte Möglichkeit, durch eine kunterbunte, verwirrende, skurille Welt zu tollen und das beste ist: niemand quatscht einem wirklich rein dabei, weil man sich auf den Punkt der Innerlichkeit, Individualität, der letztlich nicht teilbaren religiösen Erfahrung zurückziehen kann (ja, auch als Katholik), vorausgesetzt man möchte das, denn auch dazu kann einen letztlich keiner zwingen.

 

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4 Kommentare

Eingeordnet unter Fünf Gründe, religiös zu sein, Gedanken zur Praxis der katholischen Kirche, Zu allgemeiner Religionskritik

4 Antworten zu “5 Gründe, religiös zu sein: 2.: Das Paradies für Spielkinder

  1. Synkretismus im eigenen Milieu ist eine besonders verlockende Spielart. Man bleibt im Spiel, auch wenn der Ball mal im Aus landet.

  2. Ich nehme mal an, „Synkretismus“ ist hier nicht abwertend konnotiert?
    Ich habe mich zwar hier beispielhaft auf die eigenen Traditionen beschränkt, aber offen gestanden ist es mir fast unmöglich, mich mit „anderen“ Traditionen zu beschäftigen – und das ist immerhin das, was ich studiere – ohne zu vergleichen und letztlich auch Respekt, Sympatie, ja ab und an auch Neid auf diese „fremden“ Ideen zu empfinden und sie manchmal auch zu übernehmen (zumindest kurzzeitig). Und eigentlich finde ich auch nichts Schlimmes dabei, wir haben schließlich eine Menge zu lernen.

  3. Hallo, hast Du Lust, auf theolounge.de mitzuschreiben bzw. so, dass wir ab und an mal Deine Artikel verlinken ?

  4. Pingback: Fünf Gründe, religiös zu sein – eine Einleitung | Gardinenpredigerin

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