Gründe, Religiös zu sein: 5. Ich sehe was, was Du nicht siehst.

Dieser Punkt ist gewiss der heikelste, führt er doch in die Gefahr, Religion als eine Form von Psychose oder naiver Weltverkitschung darzustellen.
Und doch: wer religiös ist, hat ein zweites Gesicht.
Er sieht Dinge, aber er sieht sie nicht nur als Dinge, seine Welt ist beseelt und durchatmet und zutiefst sinnerfüllt.
Freilich will ich nicht hinaus auf einen homo religiosus à la Eliade, der in einer vollständig heiligen, mythologisch rückgebundenen und daher zeitlos goldenen Welt vor sich hin religiöst, ich will hinaus auf die Kleinigkeiten im Alltag, über die nicht-Religiöse gedankenlos hinweggehen können. Glockenläuten. Sonnenuntergänge. Bettler. Pflanzen die aus Pflasterritzen wachsen. Brot. Der Koran. Israel. Rom. Lumbini. Rote, weiße, violette Kleider. Kerzen. Weihrauchduft. Kühe. Ich könnte ewig fortfahren. Natürlich sind diese Dinge auch schön und angenehm für Personen die nicht-religiös sind und aus der eigenen (Bildungs-)Biographie ergeben sich ebenfalls Horizonte für die symbolische Aufschlüsslung von Objekten (z.B.: solche Kerzen hat meine Großmutter auch immer benutzt. Faulige Äpfel erinnern mich immer an „Die Verwandlung.“) aber das ganze erreicht nicht die kosmologische Tiefe, die allumfassende Dimension des religiösen Symbols. Und auch nicht die jubilierende Dankbarkeit an ein wie auch immer gedachtes Größeres dafür, dass dieses Ding ist und letztlich, dass alle Dinge sind.

Ebenso neigt man, wenn man seinem Leben einen transzendenten Bezug gibt, dazu, nicht alle Ideen, die sich auf eine unsichtbare Welt beziehen gleich als Unsinn abzutun: natürlich sollte man sich davor hüten, in soetwas wie einen naiven (mit aller Vorsicht an dieser Stelle so bezeichneten) Aberglauben zu verfallen, aber wer sagt mir, dass meine verstorbenen Ahnen nicht mit mir kommunizieren? Wer sagt mir, dass ein gesegnetes Objekt nicht mehr vermag, als ein Profanes und wieso soll ich mich nicht in der Präsenz des Heiligen fühlen, wenn ich die Kerze, die ich in der Osternacht dabei hatte anzünde.
Ich kann diesen Gedanken, zumindest so lange er mir gut tut, zulassen und mich an ihm freuen und mich vielleicht stärker oder weniger allein fühlen.

Damit wären wir am Ende der Liste angekommen.
Nochmals möchte ich betonen: es gibt keinen Empirischen Beweis dafür, ob Religion schädlich oder gut ist, für die Psyche des Menschen.
Ich möchte auch nicht behaupten, dass Religion prinzipiell eine bessere Lebensqualität hervorbringen muss. Für mich tut sie das, aber ich fühlte mich durch sie auch noch nie gegängelt oder bedroht oder eingeschränkt.

Nur scheint mir, das viele Menschen die Religion auf genau die eben genannten Gefühle reduzieren und vergessen oder nicht sehen wollen, was sie uns alles bietet. Ein reiches, sinnerfülltes, faszinierendes, tiefes, unterhaltsames Leben.

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12 Kommentare

Eingeordnet unter Fünf Gründe, religiös zu sein, Zu allgemeiner Religionskritik

12 Antworten zu “Gründe, Religiös zu sein: 5. Ich sehe was, was Du nicht siehst.

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  5. Fruminius

    Hmm, zur Empirie: es gibt immerhin einige Studien, die einen positiven Effekt intrinsischer Spiritualiltät sehen, Hingabe scheint dem Menschen gut zu tun. Leider habe ich gerade nur doi:10.1155/2012/298056 gefunden, aber ich schau mal weiter.

  6. itna

    Damit wären wir am Ende der Liste angekommen.
    Nochmals möchte ich betonen: es gibt keinen Empirischen Beweis dafür, ob Religion schädlich oder gut ist, für die Psyche des Menschen.
    Ich möchte auch nicht behaupten, dass Religion prinzipiell eine bessere Lebensqualität hervorbringen muss. Für mich tut sie das, aber ich fühlte mich durch sie auch noch nie gegängelt oder bedroht oder eingeschränkt.

    Dann gehen sie doch mal in ein tiefreligiöses Land, lassen sich vergewaltigen und werden schwanger-viel Spaß.

    Und schauen sie endlich mal aus dem Fenster oder zumindest aktuelle Nachrichten, von der Vergsngenheit ganz zu schweigen, dann können sie sehr gut beobachten, wie Religion die LQ bessert.LoL

    • Hab ich das nicht grade in dem Absatz gesagt, dass sie nicht zwingend zur besseren Lebensqualität führt?
      Zudem geht’s hier um die persönliche Lebensqualität und nicht um die Allgemeine in Theokratischen Staaten. Ich darf wohl offensichtlich nicht einfach meines Lebens freuen und meine guten Erfahrungen teilen, mh?

  7. Wer sagt, dass Religion = Rückbindung, übernatürliche Ideen sein müssen? Oder wer sagt, dass man Kultmitglied sein muss? Das kann doch nur Idee von Gurus und konformem Buchhandel sein, die Lebensunterhalt mit Zirkelkreisen und Ritualverwaltung, samt Popelsorge verdienen.

    • Ich hab nirgends gesagt, dass man Kultmitglied sein muss? Im Gegenteil. Übernatürliche Ideen, fürchte ich, werden in irgendeiner Form ins Spiel kommen müssen und zwar in der Abgrenzung zum Begriff „Weltanschauung“. Ich finde doch, dass sie konstitutiv für die Religion sind, obgleich man natürlich darauf achten sollte, dass es sehr viele Kulturen gibt, die keine Aufspaltung ihrer Wahrnehmung in „natürlich“ und „übernatürlich“ kennen und in denen Ahnen, Geister, Götter mindestens genauso natürlich sind, wie der Fliederbusch im Garten. Übrigens kann man Europa ziemlich lange und in weiten Teilen zu diesen Kulturen zählen.
      Dass der Text aus der Sicht einer modernen Zentraleuropäerinn geschrieben wurde, habe ich für so deutlich erkennbar gehalten, dass ich es nicht extra dazugeschrieben habe.
      Ich bin kein Guru, weiß nicht mal, was konformer Buchhandel ist und ich betätige mich nicht in Zirkelkreisen oder verwalte irgendwelche Rituale.

  8. Im Blätterwald raschelt viel. Gefühle stehen ab höherer Tierart in Abhängigkeit von Witterung, Düfte, Nahrungsmitteilwirkungen, Stoffwechsel, Gewohnheiten, Fremd-, Selbstsugestionen, Manipulationen. Zwangseinwirkung, sei es durch Naturgewalten oder durch Mensch machen Angst. Manches ist auch traumatisierend, mit Auswirkungen im Gehirn. Bereich der sakralen Gesässfalte (Rima anii) zwischen den beiden kleinen Knochenvorwölbungen. (Cornua sacralia)
    wird von Erzurahnenmeteroismus und Exkrement durchdrungen, dem das Mysterium der gefühlten Erlösung unterworfen ist. Natürlich ist das nicht profan. Abgesehen vom Humus, gibt es auch mal unverdauten Samen darin. Auf Senfbäume und Kraft in Haaren kann man wohl lange warten.
    Abweichungen haben jeweilig Ausgangslage in der parteilichen Glaubenswissenschaft. (rechtlich Mangel angewandter Informations-, Wissenschaftsfreiheit).Mehrdeutige Begriffe, Selbstqualifizierungen bringen Weiteres. Zum konformen Buchhandel schau mal in den Einband der Glaubensbücher und was jeweils auf der Kanzel benutzt wird. Das läuft im parteilisch-loyalitätspflichtigem Glaubenswissenschaftlichem Rahmen ab. Person Gott hat leider noch nicht nach § 13 UrhG notariell oder vor Staatsbeamtem „rechtsverbindlich“ unterzeichnet. Schmerztherapeuten messen Gefühle nicht auf Tiefe und sogenannte Lügendetektoren werden hier nicht eingesetzt, weil damit nicht auf Richtigkeit prüfbar ist. Seit 18 Jh. ist Welt der Kosmos. Ich habe auch vom Berg noch keine Weltanschauung.

    • Da ich Gedankenströme als literarisches Stilmittel schätze und ein großer Dada-Fan bin, lasse ich dieses Dein Werk als Mahnmal für die Dekonstruktion der Sprache stehen. Ganz nebenbei bin ich mit Fäkal- und Sexualbegriffen im religiösen Kontext nicht zu beeindrucken…

  9. „Zur verfassungsrechtlichen Meinungsfreiheit, gehört:
    „Belege für die Legitimität, Notwendigkeit und Angemessenheit konkreter Restriktionen vorbringen und sich mit kritischen Einwänden in der Öffentlichkeit und ggf. vor Gerichten auseinandersetzen.”
    UN Sonderberichterstatter Prof. Dr. Heiner Bielefeldt zum Streit um Religionsfreiheit.! pdf http://bitly.com/12aKapn
    Wenn Frau Problem mit juristischen, emiprischen Argumenten hat, tituliert sie medizinische Fachsprache, modern mit Fakälsprache und fabuliert Sexualbegriffe, die nichtmals annähernd im obigen Text stehen? Glaubensbuch hat im religösen Kontext Selbiges (Lügenbäuche, Afterredner, usw.). Und was von nachfolgenden Kultfürsten überliefert ist, ist auch nicht ohne. Verjährt!

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