Geistiger Input zu Weihnachten – einige Hinweise

Bis noch vor ca. 4 Jahren lehnte ich Weihnachten in jugendlichem Leichtsinn ab. Ich fand es doof. Ich hasste all den verkitschten amerikanischen Konsumkram, ich hasste all die verkitschte europäische Konsumkritik. Ich hasste den feministisch angehauchten Prediktdauerlutscher unserer Pastoralreferentin darüber, dass Maria als junge Frau all ihre Träume und Ziele für die Zukunft aufgibt, um Gott zu folgen.

(Man erlaube mir einen kleinen Exkurs: ’ne Frau in Nazareth hatte um die Zeitwende eh keine anderen Pläne, als zu heiraten und Kinder zu kriegen und ihr Traum war es, sich niemals ums tägliche Brot zu sorgen, gut von ihrem Mann behandelt zu werden und keine Kriegszeiten erleben zu müssen. Das war mit Verlaub schon ganz schön utopisch und die Geburt Jesu hinderte sie an der Durchführung dieses Traums zwar faktisch, aber das war für sie ja bei der Verkündigung nicht ersichtlich).

Ebenso wenig war mir eingängig, warum ein solider, junger Handwerker in einem wirtschaftlich prosperierenden, da von den Römern besetzten Land angeblich arm gewesen sein soll…

Ausgedehnt berichteten Pfarrer und Pfarrpersonal, Schuldirektoren und Kinderliedbarden, von der bettelarmen Heiligen Familie, die wegen ihrer sichtbar ramponierten Kleidung von Herberge zu Herberge gehetzt wird, durch die Bitterkälte (bei den Simpsons ist es wenigstens Marias geplatzte Fruchtblase, die den Wirt veranlasst, sie aus seiner frisch renovierten Lobby zu schmeißen) irren und schließlich in einem Stall nur durch ihre eigene Herzensglut gewärmt Geborgenheit vor dem hüfthhohen Schnee Bethlehems finden. Rülps.
Das ganze scheint mir nur einem Ziel zu dienen: leicht gewonnener Applaus von den billigen Plätzen. Für das Heilsgeschehen ist es nämlich vollkommen egal, wie arm oder reich Jesu Familie war, deshalb steht’s auch nicht im Evangelium. In einer Apokryphe lesen wir, Marias sei ein Priester im Tempel gewesen (wie glaubwürdig das ist, sei einmal dahingestellt). Und der soll seine Tochter einem abgerissenen Hungerleider versprochen haben? Ganz bestimmt.

Aber die durchaus politisch angehauchte Konsumkritik zu Weihnachten ist ja so ungemein idyllisch und vor allem: unendlich simpel. Der Pfarrer kann da eine anrührende Geschichte a la „Teen Moms“ erzählen, vom verzweifelten Mädchen und ihrem treuen Verlobten, die in einer Welt voller sozialer Kälte * wimmer * nicht einmal an Weihnachten Zuflucht finden. * schluchtz * Und die Zehen frieren ihnen ab und die Hirten, die doch der Bodensatz der jüdischen Gesellschaft waren, die * schnief * lassen sogar ihre Herde auf dem Feld zurück (und dann wird der Sohn Gottes, Messias und König der Könige geboren) und die bösen, bösen, bösen Börsenmakler Wirte, die sitzen unterdessen auf ihren Bergen von Geld! Die Gemeinde kann empathisch lauschen, mit Tränen in den runzligen Augen dem blondgelockten Engkelchen noch einen Fünfer in die Manteltasche schieben und dann daheim bescheiden Würstchen mit Kartoffelsalat schmausen. Aber nachdenken muss sie glücklicherweise nicht – wo käme man denn da hin? Ich für meinen Teil langweilte mich und schluckte Tabletten gegen Sodbrennen.

Doch im Laufe der Zeit stellte ich fest, dass Weihnachten nicht die theologisch bedeutungslose Puderzuckerschicht auf dem Kirchenjahr ist, sondern ein handfestes Riesending. Auch für mich. Theologisch gesehen ist es eine absolute Unerhörtheit, quasi die kanonisch gewordene Blasphemie: der eine Gott wird Mensch. Daraus erwachsen die faszinierendsten Gedankenkonstrukte und Konsequenzen.

Interessanterweise lernte ich das alles nicht in der Kirche, sondern durch mediale Produkte sowie auf der Uni, deshalb teile ich jetzt mit Euch meine ganz persönliche, nicht-verblödete Weihnachtshitparade.

  1. Der Film „Das letzte Einhorn“

Da an Weihnachten ohnehin ein Cartoon nach dem anderen läuft, um den Eltern ihre aufgedrehten Bälger vom Hals zu halten, läuft auch dieser Film zu dieser Zeit im Fernsehen.

Für Erwachsene lohnt es sich trotz angekitschter Optik einmal hineinzusehen; die Handlung basiert auf einem echten Fantasyklassiker („The last Unicorn“ von Peter Beagle) und die Animationen stammen von jenem Team, das sich später zum Herz der mittlerweile doch gut bekannten Gibli-Studios entwickeln sollte (für jene, die noch nie davon gehört haben: das Japanische Disney).

Ein Einhorn (bereits im Physiologus eine Christusmetapher), entdeckt, dass es wohl das letzte seiner Art ist und macht sich auf eine Reise, um all die anderen Einhörner zu suchen. Verzweifelt stellt es fest, dass die Menschen es gar nicht erkennen können, weil sie so vernagelt sind. Nur ein Zauberer, der nicht an seine eigenen Kräfte glaubt und die von Selbsthass und ihrem sozialen Abstieg gequälte Räuberhauptmannsgattin Molly folgen dem Tier, das schließlich auf einem einsamen Schloss angekommen in eine Menschenfrau verwandelt wird, um es zu tarnen. Nun ist es das Einhorn gewohnt, unsterblich zu sein und leidet schrecklich unter seinem irdischen Leib, ebenso unter den menschlichen Emotionen, die es geradezu überwältigen. Und der Rest ist Spoiler.

Klingelts? Richtig. Der Film vermittelt versteckt die Grundlagen der christlichen Inkarnationsidee. Nicht nur wird ein Unendliches in einen Irdischen Leib mit Irdischen Empfindungen gebracht, nein: dadurch werden auch menschliche Emotionen ins Unsterbliche übertragen. Das Einhorn, das geliebt und gelitten hat, konserviert sie quasi für die Ewigkeit. Wer sich einmal vor Augen geführt hat, was für eine unendliche Erniedrigung und Qual der um ihn herum zunächst wachsende, dann zerfallende Leib Jesu für ihn als Göttlichen gewesen sein muss, der braucht auch den Quatsch von der Armut und der einfachen Herkunft seiner Eltern nicht mehr. Jede Geburt wäre für ihn noch zu niedrig gewesen. Gleichzeitig aber macht er die lustvolle Erfahrung menschlichen Daseins und erhebt damit unsere Gefühle, macht sie zum Teil des Ewigen.

An Weihnachten feiern wir letztlich, dass unser Gott aus eigener Erfahrung weiß, wie sich eine vollgeschissene Windel, sowie die liebende Umarmung einer Mutter anfühlen, dass er die menschliche Gefühlswelt in- und auswendig kennt und letztlich transzendiert. Ich sagte doch: ein unheimliches Riesending.

Dass diese Erkenntnis aus einem Zeichentrickfilm stammt und nicht aus dem Mund eines Priesters spricht eigentlich schon Bände darüber, dass die Texte und Predigten die man an Weihnachten normalerweise konsumiert immer nur ein und der selbe fade Einheitsbrei sind – mit wenigen rühmlichen Ausnahmen freilich.

  1. Mittelhochdeutsche Inkarnationslyrik

Ja ganz recht. Ich konsumiere Texte aus der angeblich düstersten Zeit der Kirche: dem Mittelalter (die Renaissance oder die Spätantike war viel schlimmer, übrigens). Unter den höfischen Dichtern stellt die Lyrik rund um das Wunder der Fleischwerdung Gottes beinahe ein eigenes Genre.

Am Schönsten sind sie natürlich im Original und ich ermutige jeden, das einmal zu versuchen: besonders wer einen süddeutschen Dialekt spricht, kommt unter Zuhilfenahme dieser nützlichen Einrichtung eigentlich ganz gut zurecht, wenn er ein bisschen übt.

Walther von der Vogelweide, Friedrich von Sonnenburg, Konrad von Würzburg, Reinmar von Zweter, Heinrich von Mügeln und Frauenlob (Heinrich von Meißen) gehören nur zu den bekanntesten Dichtern, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen und dem Leser wahre Kopfnüsse verdichteter Bildsprache aufgeben.

Sie trauen sich, mit geradezu spielerischer Freude, die Paradoxa der Fleischwerdung und mit besonderer Hingabe die Jungfrauengeburt um- und umzuwenden. Eines meiner Lieblingsbilder beispielsweise bezeichnet Maria als den Spiegel, an dem Gottes Atem, der Heilige Geist, kondensiert. Christus ist eben dieses Kondensat, der Tau. Nicht nur wird hier faszinierend die Dreifaltigkeit ins Spiel gebracht, sondern auch die Unberührtheit Mariens und zu guter Letzt als wohl schönste Idee: Gott erkennt (! erkennen im übertragenden, wie im biblischen Sinne?) in der klaren, reinen Maria sich selbst, sein Antlitz aber wird durch die Fleischlichkeit Jesu aber letztlich verhüllt – im Beschlagenen Spiegel kann man sich ja nicht mehr sehen. Und dieses Bild stammt aus dem angeblich so düsteren 13. Jahrhundert! Ebenso schwindelerregend wie den damaligen Dichter traf zumindest mich die Erkenntnis, dass „Ave“ „Eva“ rückwärts ist – Gott macht an Maria die Erbsünde rückgängig. Das ist natürlich mittlerweile aus guten Gründen kein besonders attraktiver Gedanke mehr, aber das macht ihn nicht minder faszinierend.

Natürlich verlangen die Texte eine gewisse biblische Sattelfestigkeit, zumal der mittelalterliche theologisch gebildete Mensch auf etwas andere Stellen wert legte, als wir heutzutage (So war Gideon damals eine echte Größe, kommt bei uns aber nicht mehr so oft vor). Ein gutes (Symbol-)Lexikon ist möglicherweise ganz angebracht und vielleicht auch etwas Humor, denn der Mittelalterliche Autor stellt sich Gott bisweilen etwas… handfester vor. Besonders wenn es um die genaue Mechanik der Empfängnis geht.

Und wem das noch nicht genug altmodische Theologie ist: der bereits angesprochene Physiologus kreist ebenfalls regelmäßig um diesen Problemkomplex.

  1. Flyleaf „Christmas Song“ und „Do you hear what I hear?“

Flyleaf ist eine post-grunge-(white-)metal-Band deren (ehemalige) Sängerin Lacey klingt, als hätte sie Bleiche getrunken (und manche behaupten, dass sie das wirklich getan hat). Das „white“ vor Metal kommt hingegen hauptsächlich daher, dass sich ca. ¾ ihrer Texte entweder eindeutig oder leicht versteckt auf christliche Themen beziehen und zwar im positiven Sinne, die Mitglieder der Band sind alle offen christlich.

Natürlich haben sie auch ein Weihnachtslied („Christmas Song“) in ihrem Repertoire, das es leider nicht zu kaufen gibt, aber im Internet zugänglich – daher kann ich es nicht verlinken und empfehle, einfach selbst danach zu suchen.

Dass Laceys über alle Maßen ausdrucksstarke Stimme nicht jedermanns Sache ist, lässt sich kaum bestreiten, aber mir hat sie quasi einen emotionalen Kinnhaken verpasst. Selten fühlte ich mich derart emotional am Geschehen der Weihnachtsgeschichte beteiligt, die Betonung des Gedankens, dass dieses Kind bereits geboren wird, um eines Tages zu sterben – dass dies letztlich ja bei keinem Kind anders ist… Aber es versaut einem natürlich die gute Weihnachtslaune. Ebenso die in den Lyrics deutlich gemachte Überforderung aller Beteiligten mit dem großen Wunder, dem sie beiwohnen dürfen – inklusive der drei Weisen aus dem Morgenland – die nicht anders können, als sich voller Angst damit abzufinden. Dieses Lied reißt einen sofort aus jeder Plätzchenträgheit und führt einem vor Augen, was für ein gewaltiger, geradezu angsteinflößender Feiertag Weihnachten eigentlich ist. „Rocking around the Christmas-tree“ wollte ich auf jeden Fall danach nicht mehr hören, dafür war ich ab sofort süchtig nach Laceys Stimme, die sich auf der Seele anfühlt, als würde sie einem den Schorf runterpuhlen.

Wem das auch so geht, dem empfehle ich noch ihre Version von „Do you hear what I hear“, eines klassischeren Weihnachtsliedes, bei dem es um einen Hirten auf dem Feld geht.

Ich bin natürlich jederzeit offen für noch mehr Anregungen für geistige Beschäftigung an und um Weihnachten.

Selbstverständlich bin ich in dieser Zeit freigiebiger und verbringe mehr Zeit mit meiner Familie. Aber was erfüllt uns zusätzlich intellektuell? Womit können wir unseren hungrigen Geist füttern, wenn wir uns schon den Magen vollschlagen?

In diesem Sinne: Frohe Weihnachten da draußen, ich hoffe ihr habt es warm und tröstlich, ich hoffe, ihr fühlt die Freude.

Eure Raschelmaschine

Oder um es Flyleaf zu überlassen:

„Gods angels sound their trumpets and blow their horns

tonight the long awaited saviour’s to be born.

The goodness bound by Satan – it has been torn,

with this babys precious brow ready for thorns.“

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Kritik zu katholischen Themen, Medien - Kritik und Empfehlungen

Eine Antwort zu “Geistiger Input zu Weihnachten – einige Hinweise

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