Vom Sinn und Unsinn des konfessionellen Religionsunterrichts

Kultusminister ist neben Papst und Ernährungsberater von Kim Jong Un einer der schlimmsten Jobs auf dieser Erde.

Jeder hält sich für einen Experten auf diesem Gebiet, weil jeder schon einmal in der Schule war oder noch schlimmer: Kinder auf der Schule hat(te) und daher fühlt sich auch jeder berufen, reinzuquatschen. Wollte er allen Leuten, die ihm mit ihren innovativen Konzepten in den Ohren liegen Folge leisten, dann hätten wir eine 7-10-jährige Gesamt- und Ganztagesschule, in der Latein, Englisch und Swahili als spätbeginnende Erstsprachen unterrichtet werden.

Ich rede daher nur über ein Gebiet, auf dem man mir gewisse Kenntnisse nun doch nicht absprechen kann: konfessioneller Religionsunterricht.

Meine persönlichen Erfahrungen damit sind wechselhaft. Ich hatte begeisterte und resignierte Religionslehrer. Die Mittelstufe war für mich eine theologische Hölle, die mich in der 10. Klasse so weit hatte, dass ich in den Ethikunterricht wechseln wollte, weil unsere Religionslehrer über „Jesus will, dass die Kinder zu ihm kommen“ irgendwie nicht hinauskommen konnten oder wollten. Die evangelischen Mitschüler nahmen Moralphilosophen des 18. Jahrhunderts durch, die Ethikklasse die Veden und ich verfasste mein „ganz persönliches Glaubensbekenntnis“ oder formulierte aus, warum Schöpfung für den Menschen Verantwortung bedeutet. Es war unfassbar frustrierend. In unserer Klasse kannte keiner den Unterschied zwischen einem Erzbischof und einem Kardinal oder wusste, was die Rota ist, es war wichtiger gewesen uns mitzuteilen, dass Satanismus, Scientology und Baghwan (als vorletzter G9-Jahrgang genossen wir ein zum Teil unglaublich veraltetes Lehrwerk), irgendwie nicht gut für uns sind.

Anschließend wurden die zwei Kollegstufenjahre mit einer Durchnudelung diverser Religionskritiker und philosophischer Schulen vollgestopft und wir bekamen noch einen Überblick über die Organisationsstruktur einer Organisation, die uns geistig offensichtlich weniger zu bieten hatte, als die Büffelei auf die vollkommen überflüssigen Sportklausuren.

Ein Blick auf den Lehrplan des G8 zeigt, dass sich das bis heute kaum verändert hat.

Vielleicht lag das auch an unseren Lehrern. Pubertierende und Religion sind eine explosive Kombination, möglicherweise wollten sie nicht unseren heiligen Zorn erwecken, indem sie uns zu tatsächlicher intellektueller Betätigung anhielten oder gar mit Informationen fütterten, die unseren stumpfen jungen Geist gegen die Kirche aufhetzen konnten. Aber ich will ihnen nicht mal wirklich die Schuld geben – wir hatten auch Lehrer, die z.B. versuchten, mit uns über die Frage zu diskutieren, wie viel Freiheit man der Kunst einräumen darf oder muss. Das alles waren jedoch nur kurze und von den Lehrern selbstmächtig unternommene Intermezzi, die aus dem Zuckerwattelehrplan ausbrachen.

Das Problem des katholischen Religionsunterrichts ist es meiner Meinung nach, dass er sich irgendwie als Seelsorgeeinrichtung begreift und weniger als Ort der Wissensvermittlung. Dafür halte ich die Schule für einen komplett verfehlten Platz. Wer möchte bitte vor 30 ihm nur vage und nicht von ihrer besten Seite bekannten Teenagern seine religiösen Gefühle nackt auf den Tisch legen?

Wer spricht mit dem Religionslehrer, wenn er gebeutelt wird von Liebeskummer, Esssucht oder dem Tod des Hundes, den er mit 5 bekam? Der Gedanke erscheint mir so absurd, dass ich darüber nicht einmal lachen kann. Unserer Lehrer hingegen wurden nicht müde, uns zu ermutigen, ganz offen zu sprechen, mit unseren Gefühlen zu ihnen zu kommen und mutig unsere Zweifel zu formulieren – daher gehe ich davon aus, dass man ihnen beigebracht hatte, dass das ihre Aufgabe sei.

Von diesem Standpunkt aus und mit einem solchen Religionsunterricht bin ich für dessen Abschaffung. Es gibt bereits Bundesländer, in denen der Religionsunterricht ins Wahlprogramm oder in den privaten Bereich verschoben wurde und durch einen „religionsneutralen Weltanschauungsunterricht“ ersetzt wurde, in dem die Schüler eine grundlegende Erziehung zum Staatsbürger erfahren, mit den „Weltreligionen“ vertraut gemacht werden und einen knappen Überblick über die Abendländische Philosophie erhalten. Ausgerechnet in Italien ist der Religionsunterricht ebenfalls freiwillig (bzw.: „abwählbar“), aber erstaunlich gut besucht. Nun möchte ich Italien ganz gewiss nicht als schulpolitisches Vorbild loben: ich wollte nur erwähnen, dass dort zumindest der Religionsunterricht nicht stirbt.

Lösung gefunden? Nicht ganz. Vom Prinzip her klingt das alles Friede-Freude-Eierkuchen, alle werden gemeinsam grundlegend über das Feld Religion und Ethik unterrichtet und wer sich zusätzlich für seine private Religion interessiert, kann dem in seiner Freizeit nachgehen. Das Problem liegt wieder einmal in der Durchführbarkeit: So etwas wie einen religionsneutralen Weltanschauungsunterricht gibt es nicht.

Schön lässt sich das am – übrigens in der Lehrerausbildung dringend reformbedürftigen – Ethikunterricht an Bayrischen Schulen zeigen. Der wird nämlich von, meist der Religion nicht besonders gewogenen, Lehrern besonders gerne zur Ausübung ihrer Hobbies benutzt. So hatten wir einen Lehrer, der seine Schüler gerne Jahr für Jahr darin unterrichtete, wie man sich gegen Holocaustleugner wehrte (vom Prinzip her ein nobles Ziel, nur für 9 Jahre etwas wenig Stoff), jemand erzählte mir von seiner Schule, eine Biologielehrerin traktierte sie an jeder passenden und unpassenden Stelle mit dem Klimawandel und der Umwelt und ich habe mittlerweile gehört, dass viele muslimische Eltern ihre Kinder lieber in den katholischen Religionsunterricht schicken, weil die Lehrer z.B. eine ziemlich weltliche und offene Sexualmoral verbreiten oder Religionskritiker ohne Gegenargumente behandeln.

Das liegt bereits sehr nahe am Problem des Weltanschauungsunterrichts, nämlich, dass die religiösen Schüler in so einem Unterricht in eine ständige Rechtfertigungsposition gedrängt werden, weil er zwangsläufig seine Werte und Ideale möglichst offen, weitläufig und beweglich vermitteln muss, damit er die Pluralität der Klasse einfängt. Langfristig lernt die Klasse, dass ihre religiösen Mitschüler eigentlich keine richtigen Staatsbürger sind, weil sie die vermittelten Werte einschränken und kritisieren wollen oder müssen.

Ein kleines Beispiel: wird das Thema Sexualmoral behandelt, würden viele religiöse Schüler in eine Bredullie geraten. Die Haltung eines solchen Unterrichts wäre wohl so etwas wie: Sexualität ist etwas natürliches, wofür sich niemand schämen muss, jeder sollte seine Sexualität offen praktizieren dürfen und es ist gut, sich in der Pubertät auszuleben, junge Menschen haben schließlich starke Triebe. Natürlich gehört zur Sexualität auch Verantwortung, sie kann Krankheit bis hin zu Kindern hervorbringen.

Das Problem ist, dass hier für die meisten religiösen Menschen ein erheblicher Teil der Sexualität fehlt, für sie ist sie oft kein rein profaner Vorgang, ein Trieb wie Hunger und daher ist im Umgang mit ihr auch mehr Fingerspitzengefühl gefragt. Sie ist stark an eine Zweierbeziehung, mitunter die Ehe, gebunden, an das Konzept von Liebe und auch stärker an die Fortpflanzung. Für sie ist diese Haltung eben nicht der kleinste gemeinsame Nenner, sondern sie impliziert Haltungen mit, die sie so nicht teilen können, gleichzeitig wollen sie aber nicht als Freiheitsbeschneider dastehen. Sie wissen auch, dass die nichtreligiösen Klassenkameraden bereits eine genaue Vorstellung, besonders christlicher oder muslimischer Sexualmoral haben und nur darauf lauern, dass man ihnen die Brocken hinwirft.

In so einem wertneutralen Unterricht erscheint beinahe zwangsläufig das dargestellte moralische Gerüst als weit, frei, unkompliziert und vergnügensorientiert, die verschiedenen Religiösen als einschränkend, beschneidend, kurz: die Spielverderber.

Während das dargestellte Weltbild aufgrund seines Anspruchs auf hohe Kompatibilität mit möglichst vielen Weltanschauungen simpel und logisch erscheint, werden die religiösen kompliziert und widersprüchlich wirken.

Vor der Weitläufigkeit und Zugänglichkeit des „Neutralen“ kann das Spezifische und Wertende der Religion im Vergleich immer nur verlieren, so wie die Garderobe eines Mädchens mit Hijab vor der eines Mädchens mit westlichem Kleidungsstil immer irgendwie beschränkt wirkt – dass letztere dabei mindestens genauso viel Spaß hat und von geradezu berückender Schönheit sein kann, bedarf des spezifischeren Blicks (nur so am Rande: ich habe eine Arbeit über Hijab-Mode geschrieben und ich finde Euch toll!). Damit würde letztlich den religiösen Schülern die Möglichkeit genommen, sich ohne ständigen Rechtfertigungsdruck mit seiner Religion zu beschäftigen.

Ich kenne das von mir selbst: diskutiere ich mit anderen Katholiken erscheine ich oft ungewöhnlich liberal, diskutiere ich mit atheistischen oder religiös indifferenten Personen, muss ich aufpassen, nicht in Extrempositionen zu verfallen.
Gleichzeitig finde ich es auch keine gute Idee, Kinder und Jugendliche, die ihr Leben lang in einer pluralistischen Gesellschaft leben werden, immer nur im weltanschaulichen Ghetto ihres Religionsunterricht zu belassen.
Mein Vorschlag wäre, jeweils eine Stunde die Woche einen gemeinsamen Philosophie- beziehungsweise Weltanschauungsunterricht abzuhalten und eine Stunde einen Religionsunterricht, der sich aber vom momentanen wesentlich unterscheiden sollte.

In den Religionsunterricht gehört meiner Meinung nach

  • eine klare Darstellung der kirchlichen Standpunkte zu sozialen und politischen Themen und deren offizielle Begründung – auch wenn’s weh tut. Die Jugendlichen erfahren es so oder so und wenn man sich für seine Überzeugungen schämt, ist es vermutlich Zeit, sich neue zu suchen.
  • Kirchen- und Heilsgeschichte – Vermittlung einer mittelmäßigen Bibelfestigkeit
  • die Organisationsstruktur der Kirche
  • Sakramentologie
  • Trinität und Christologie sowie deren historische Diskussion
  • Apologetik, Apologetik, Apologetik

In den Religionsunterricht gehören hingegen nicht:

  • Persönlich-religiöses Gedöns wie das Selbstverfassen von Gebeten oder das Reflektieren über die eigene Beziehung zu Jesus. Dafür gibt es kirchliche Jugendgruppen, Jugend- und Kindergottesdienste und es ist meiner Meinung nach nicht die Aufgabe des Religionsunterrichts, die Leute zum beten zu zwingen, die dort nicht freiwillig hingehen. Jemanden, der in der Atmosphäre einer pubertierenden Schulklasse zum Beten findet möchte ich gerne mal sehen.
  • Sekten- und Psychogruppen, sowie der Esoterikmarkt. Das Jahr 1995 ist inzwischen fast 20 Jahre her und die Regierung hat ihre Enquetekommission schon längst aufgelöst. Die Gruppen ließen sich im Rahmen des einstündigen Philosophieunterrichts abhaken, wenn dieser verschiedene Religionen darstellt und damit hat’s sich. Verteufelung generiert Faszination. (Ich weiß wovon ich spreche… ich habe dadurch begonnen, mich für Religionswissenschaft zu interessieren)
  • Sozialgedöns wie Mager- und Drogensucht, körperliche und geistige Behinderung, Obdachlosigkeit, Abtreibung etc. Im Rahmen der Soziallehre der Kirche finden sie selbstverständlich als Themen ihren Platz. Jedoch sehe ich nicht ein, wieso ich neben Biologie, Deutsch, Geschichte und Sozialkunde in Religion auch noch tränentreibende Geschichterl aus der Branche des Elendstourismus konsumieren muss. Unsere Religionsbücher waren voll davon. Die Sensationslust bei uns jugendlichen Lesern war groß! Nur 4 Gummibärchen! Methadon, wie aufregend! Keine Beine nach Minenexplosion, wie grausig! Letztlich hatte das weder etwas mit Religion zu tun, noch machte es uns zu moralisch aufmerksameren Menschen – im Gegenteil. Die eine Hälfte der Klasse war geschockt und verfiel in sozialen Aktionismus, die andere labte sich am Grusel.

Damit wäre den Schülern die Möglichkeit gegeben, sowohl innerhalb ihrer Tradition, als auch außerhalb dieser zu diskutieren. Die Religionsklausuren wären keine solche wischi-waschi-rede-über-deine-Gefühle-Farce mehr. Außerdem wäre den Schülern eine gemeinsame Wissensgrundlage auf dem Gebiet der Philosophie und Weltanschauung gegeben – etwas, was ich in meiner Schulzeit sehr vermisste, da wir alle zwangsläufig Eklektiker waren und oft Schwierigkeiten hatten über die großen Themen des Lebens zu unterhalten, weil die Lehrpläne in den konfessionellen Unterrichten so auseinandergingen.

Das Ergebnis wären Schüler, die sich mit ihrer eigenen Religion gut auskennen UND zum interreligiösen und weltanschaulich flexiblen Diskurs fähig sind. Das halte ich für ein realistisches Unterrichtsziel.

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11 Kommentare

Eingeordnet unter Gedanken zur Praxis der katholischen Kirche, Kritik zu katholischen Themen, Religion und Politik

11 Antworten zu “Vom Sinn und Unsinn des konfessionellen Religionsunterrichts

  1. @raschelmaschine

    „In so einem wertneutralen Unterricht erscheint beinahe zwangsläufig das dargestellte moralische Gerüst als weit, frei, unkompliziert und vergnügensorientiert, die verschiedenen Religiösen als einschränkend, beschneidend, kurz: die Spielverderber.“

    Ist es denn nicht genau so?

    „In den Religionsunterricht gehört meiner Meinung nach
    – eine klare Darstellung der kirchlichen Standpunkte zu sozialen und politischen Themen und deren offizielle Begründung – auch wenn’s weh tut. Die Jugendlichen erfahren es so oder so und wenn man sich für seine Überzeugungen schämt, ist es vermutlich Zeit, sich neue zu suchen.
    -Kirchen- und Heilsgeschichte – Vermittlung einer mittelmäßigen Bibelfestigkeit
    -die Organisationsstruktur der Kirche
    -Sakramentologie
    -Trinität und Christologie sowie deren historische Diskussion
    -Apologetik, Apologetik, Apologetik“

    Das sind alles nur auf deine Konfession beschränkte Elemnte für den Religionsunterricht. Würde es hier um einen privaten Religionsunterricht gehen, würde ich dir bei den Punkte auch zustimmen. Die Liste stellt eine Grundlegende Auswahl der Punkte dar, die ich von einem Diskussionspartner erwarte.

    ABER es geht hier um den (mehr oder weniger) verpflichtenden Religionsunterricht in der Schule. Und da empfinde ich deine Liste eher als Propaganda für die katholische Kirche. Insbesondere die Apologetik. Diese ist zwar interessant und wichtig. Um den Schülern aber ein uneingeschränktes Bild über die Religionen zu geben ist es unfair, wenn nur die eigene Seite mit ‚Fakten‘ unterstützt wird.

    Meiner Meinung nach sollte der Religionsunterricht in den Schule vollständig und ersatzlos gestrichen werden. Dann stellt sich das Problem nicht.

    Religionen können auch im Fach Geschichte oder Politik behandelt werden. Aus meiner Sicht sollten die Religionen auch wertneutral dargestellt werden. Das kann gerne auch vergleichend geschehen. So könnten verschiedene kontroverse Themen aus Sicht der unterschiedlichen Religionen dargestellt werden. Dabei können die von dir angesprochenen kirchlichen Standpunkte für die unterschiedlichen Weltanschauungen und deren Ursprung aufgeführt werden. Eine abschließende Bewertung bleibt aber dem Schüler überlassen. Es könnte dadurch sehr gut aufgezeigt werden, dass zu einem Thema immer unterschiedliche Standpunkte existieren. Jeder sieht das Thema aus seinem kulturellen Hintergrund etwas anders. Vielleicht können dann alle ein wenig voneinander lernen.

    Konfessionellen Religionsunterricht hingegegen habe ich persönlich immer so empfunden: „Die [andere Religion] sieht [Thema XY] so und so, aber wir [Katholische Kirche] haben natürlich recht.“

    Dein gewünschtes Ziel wird dadurch, aus meiner Sicht, nicht erreicht:

    „Das Ergebnis wären Schüler, die sich mit ihrer eigenen Religion gut auskennen UND zum interreligiösen und weltanschaulich flexiblen Diskurs fähig sind. Das halte ich für ein realistisches Unterrichtsziel.“

    Ich würde vermuten, dass bei einem von dir geforderten Religionsunterricht, der Schüler sich zwar mit der eigenen Religion auskennt, die anderen alternativen Weltanschauungen aber nicht kennt. Durch „Apologetik, Apologetik, Apologetik“ sehe ich zudem die Gefahr, das der einzelne Schüler lernt, dass seine Glaubensvorstellung IMMER bewiesen und gerechtfertigt werden kann. Das gibt keinen oder kaum Raum für Kompromisse in Diskussionen mit anderen Weltanschauungen.

    Wenn alle nur auf diese Weise unterrichtet würden, wäre die Welt voller kleiner ‚Extremisten‘ die sich ihrer Religion zu 100% sicher sind.

    Eine Religion, die für sich in Anspruch nimmt die Wahrheit zu predigen (Und das tun wohl alle Religionen), sollte so viel Selbstvertrauen besitzen, seinen Gläubigen auch die anderen Sichtweisen und Gegendarstellungen zu präsentieren. Religionen die Angst davor haben die Anhänger zu verlieren, wenn deren Nachkommen keinen konfessionellen Religionsunterricht in der Schule erhalten, scheinen von Ihrem Konzept selber nicht sonderlich überzeugt zu sein.

    Ich finde es sehr gut, dass du dich kritisch mit dem Thema Religionsunterricht beschäftigst.

    • Danke für den Kommentar.
      Ja und nein. Wie bereits erwähnt würde ich keinesfalls die Leute immer nur unter sich bleiben lassen, daher bin ich ja für jeweils eine Stunde konfessionellen und eine Stunde gemeinsamen Philosophie-/Weltanschauungsunterricht – erstens unterrichten sonst Religionslehrer über Kram, von dem sie nicht so richtig was verstehen und zweitens müssen wir nunmal lernen, dass wir nicht alleine auf dem Planeten sind. Das ist wichtig und gut. Hast Du das mit dem eine Stunde so, eine Stunde so möglicherweise übersehen?
      Gerade da kommt eben der Punkt „Apologetik“ ins Spiel: im Religionsunterricht selbst kommt meistens irgendwann der Punkt, an dem Schüler mit „RK“ im Pass im Unterricht sitzen, aber schon längst überzeugte Atheisten oder Agnostiker (übrigens ist für die das süßliche Religionsgedöns erstrecht eine Zumutung…) sind. Es darf nicht sein, dass Lehrer auf sie fast prinzipiell inkompetent reagieren – mit Angst, Rauswurf, Ignorieren oder Zorn. Einer meiner Lehrer meinte einmal, dass sie darauf auch gar nicht vorbereitet seien.
      Für mich spricht nichts dagegen, Lehrern und Schülern Angebote zu machen, wie sie ihren Standpunkt verteidigen können, so sie es für nötig erachten. Ich dachte weniger an ein Religiöses Bootcamp, in dem man lernt, dass jedes Gegenargument gefährlich und jeder Kritiker der Teufel ist. Außerdem lässt sich die Lehre von der Rechtfertigung schlecht vermitteln, wenn man nicht zuvor die Gegenargumente gegen den eigenen Standpunkt erlernt ;)
      Und keine Sorge: normalerweise werden die anderen Religionen im Religionsunterricht, wenn sie durchgenommen werden, mit Ausnahme der Sektendebatte freilich, gegen die ich mich ja auch hinreichend geäußert habe, eher auf die „eigentlich haben wir alle Recht, besonders, wenn wir die andere Religion mit unserer eigenen interpretieren“-Tour unterrichtet – Vatikanum II sei dank. Das ist zwar immernoch haaresträubend, so aus retrospektiver religionswissenschaftlich geprägter Sicht, aber immer noch besser als gar nichts.

      • @raschelmaschinie

        „Hast Du das mit dem eine Stunde so, eine Stunde so möglicherweise übersehen?“

        Ja, habe es tatsächlich übersehen. Oder bicht so viel Bedeutung zugeschrieben, da du weiter unten detailierte Punkte zum Religionsunterricht aufgeführt hattest.

        Meine Kritik am konfessionellen Religionsunterricht bleibt aber weiterhin bestehen. Das hätte in öffentlichen Schule doch zu sehr den Beigeschmack der Mission. Insbesonder da du selber schreibst, dass viele Teilnehmer selber Agnostiker/Atheisten seien.

        Der konfessionelle Religionsunterricht gehört meiner Meinung nach in die Gemeindehäuser. Dort ist es auch vollkommen legitim, wenn die Teilnehmer freiwillig mehr über Ihre Religion lernen möchten.

        Ein gemeinsammer Weltanschuungsunterricht ist gut. Aber meiner Meinung nach auch nicht optimal. Ich finde nach wie vor, dass das Thema Religion gut in anderen Fächern (wertfrei) integriert werden kann. Fächer wie Geschichte und Politik hatte ich schon erwähnt. Weiter wären auch Deutsch oder andere sprachlich ausgerichtete Fächer (Oder auch Musik und Kunst) geeignet.

        Zwei Stunden für Religion/Weltanschauung im Stundenplan halte ich darüber hinaus für zu viel. Es fallen auch so schon zu viele Stunden aus und weg. Zeit ist kostbar, besonders bei Turboabi und verkürzten Schulzeiten. Da wäre es aus meiner Sicht wichtiger die Hauptfächer weiter zu stärken.

        Wir selber sind Ausbildungsbetrieb in einem technischen Beruf. Und leider stellen wir fest, dass den Auszuildenden vielfach Grundkenntnisse fehlen. Da wir auch Schulen vor Ort haben, die in (strenger) kirchlicher Trägerschaft sind, kann ich versichern dass der Anteil des Religionsunterrichtes sich in keiner Weise auf die Qualifikation der Azubis auswirkt (weder positiv noch negativ). Von allen Schulen kommen die Schüler mit mäßigen Kenntnissen in den Hauptfächern und mit teils sehr schlechter Motivation und Arbeitseinstellung. Auch die streng katholisch geführte Schule hat den Schülern keine Disziplin beigebracht. Das sind zwar alles sehr subjektive Bewertungen einer verhältnismäßig kleinen Stichprobe, aber die Einschätzung wird von anderen Ausbildungsbetrieben geteilt.

        Religionsunterricht in der bestehenden Form bildet daher aus meiner Sicht keinen Mehrwert für die Schüler und gehört daher ins Private. Das in den Schulen (und im Elternhaus) mehr Wert auf „Werte“ und „Ethik und Moral“ gelegt werden müsste ist unabhängig davon erforderlich. Doch hier sehe ich alle an der Ausbildung beteiligten in der Pflicht, denn dies kann und darf nicht auf einen einzelnen Religionslehrer oder Ethiklehrer abgewältzt werden.

        Kannst du mir als Fachfrau die ursprüngliche Rechtfertigung des Religionsunterrichts nennen? (Für NRW weiß ich, dass „Erfurcht vor Gott“ in der Gesetzgebung verankert ist. Ist dies für die Länder schon die Rechtfertigung?)

      • Der Konfessionelle Religionsunterricht ist Teil des Grundgesetzes – demnach darf jede staatlich anerkannte Kirche oder Weltanschauungsgemeinschaft einen solchen Unterricht anbieten, so lang sie dabei im Rahmen des Grundgesetzes bleibt, einen Lehrplan aufstellen und eine Ausbildung der Lehrkräfte organisieren kann. (An letzteren beiden Punkten scheitert gelegentlich muslimischer Religionsunterricht). Damit soll letztlich auch verhindert werden, dass in der Schule die Religionsfreiheit durch bewusstes Abqualifizieren religiöser Anschauungen beschnitten wird (siehe DDR).
        Es gibt inzwischen (ich weiß leider nicht wo, Bremen glaub ich), einen solchen Unterricht, der von einem humanistischen Verein organisiert wird. Der Staat besteht deshalb auf einem Unterricht dieser Art, sei es Religion oder Ethik, weil er sichergehen möchte, dass die Schüler in der Schule zu funktionierenden Staatsbürgern herangezogen werden – um sich letztlich seine eigene Grundlage zu schaffen. Er verhindert damit, dass Eltern ihre Kinder zu Hause demokratiefeindlich, entgegen der Menschenrechte oder ganz generell in Ablehnung des Staates erziehen. Zumindest die grundelgenden Werte, die nötig sind, um funktionierendes Mitglied eines demokratischen Rechtsstaates zu sein, sollten vermittelt werden. So weit die Theorie. Darauf kann und wird der Staat nicht verzichten, wobei ich Dir aber recht gebe: ob das bei so vielen was bringt?
        In Bayern haben wir mit den Atheisten/Agnostikern im konfessionellen Religionsunterricht eine besondere Situation – die dürfen sich nämlich theoretisch nur unter Genehmigung der Eltern vom Religionsunterricht abmelden – im Rest Deutschlands darf ein Schüler das ab seiner Religiösen Mündigkeit mit 14 (?) eigenmächtig – allerdings werden die Eltern prinzipiell informiert. Viele bleiben im Katholischen Unterricht auch deshalb, weil er eben oft pillepalle ist. Ist eben leichter, über seine Gefühle zu schreiben, als über konkrete Wissensfragen.

  2. @raschelmaschine

    „Der Konfessionelle Religionsunterricht ist Teil des Grundgesetzes – demnach darf jede staatlich anerkannte Kirche oder Weltanschauungsgemeinschaft einen solchen Unterricht anbieten, so lang sie dabei im Rahmen des Grundgesetzes bleibt, einen Lehrplan aufstellen und eine Ausbildung der Lehrkräfte organisieren kann. (An letzteren beiden Punkten scheitert gelegentlich muslimischer Religionsunterricht).“

    Das begrenzt letztendlich die Anzahl der Religionen im Unterricht. Aber was ist nun, wenn die Katholiken und Protestanten sowie die Muslime falsch liegen. Was ist, wenn die Shinto recht haben. Dann wird den Schülern hier, nur aufgrund der größe der Religionsgemeinschaft vor Ort, die wahre Lehre vorenthalten.

    „Damit soll letztlich auch verhindert werden, dass in der Schule die Religionsfreiheit durch bewusstes Abqualifizieren religiöser Anschauungen beschnitten wird (siehe DDR).“

    Die Religionsfreiheit gilt aber nicht nur für Christen, Muslime und Humanisten. Denn faktisch werden alle anderen Weltanschauungen nach deiner eigenen Definition bewusst abqualifiziert, weil sie nicht in den Schulen unterrichtet werden.

    Eine wirkliche Gleichberechtigung würde alle Arten von Religionsunterricht aus der Schule heraushalten. Was ja nicht gleichbedeutend mit Verschweigen der Religionen sein soll.

    Könnte ein Religionsunterricht, wenn es Ihn denn geben muss, nicht in der Art erfolgen, wie Bertrand Russel in „hilosophie des Abendlandes – Ihr Zusammenhang mit der politischen und der sozialen Entwicklung“ beschreibt. Unabhängig davon, dass er Atheist war finde ich den Aufbau des Buches gut geeignet für einen Unterricht. Er beschreibt sehr schön, wie die einzelnen Philosophien sich gegenseitig beeinflusst haben. Wo die Wurzeln der Weltanschuungen sind. Wie sich die unterschiedlichen Ideen entwickelt haben. Soetwas würde doch viel mehr zum Verständnis zwischen den Weltanschuungen beitragen, als in sich abgeschlossene Erklärungen der einzelnen großen Weltreligionen.

    „Es gibt inzwischen (ich weiß leider nicht wo, Bremen glaub ich), einen solchen Unterricht, der von einem humanistischen Verein organisiert wird.“

    Brandenburg.

    „Der Staat besteht deshalb auf einem Unterricht dieser Art, sei es Religion oder Ethik, weil er sichergehen möchte, dass die Schüler in der Schule zu funktionierenden Staatsbürgern herangezogen werden – um sich letztlich seine eigene Grundlage zu schaffen. Er verhindert damit, dass Eltern ihre Kinder zu Hause demokratiefeindlich, entgegen der Menschenrechte oder ganz generell in Ablehnung des Staates erziehen.“

    Staat und Religion sind getrennt. Der Staat darf sich nicht in die private Religionsausübung einmischen. Ebensowenig sollte sich die Religion nicht in Staatsangelegenheiten einmischen. Dem Religionsunterricht daher die Aufgabe zu übertragen, gute „funktionierende Staatsbürger“ zu erziehen halte ich für äußerst bedenklich.

    Das den Schülern die Errungenschaft der Demokratie nahegebracht werden muss ist selbstverständlich. Auch unsere heutigen moralischen und ethischen Massstäbe sind eine Errungenschaft, die aus den Erfahrungen vieler Generationen stammen. Unsere Nachkommen können von dieser Erfahrung nur profitieren, wenn wir diese an Sie weitergeben. Dafür benötigen wir aber nicht den Religionsunterricht. Das könnte wieder fächerübergreifend passieren. Wieder sind hier Fächer wie Politik, Geschichte und Deutsch sicher die bessere Wahl.

    “ Zumindest die grundelgenden Werte, die nötig sind, um funktionierendes Mitglied eines demokratischen Rechtsstaates zu sein, sollten vermittelt werden. So weit die Theorie. Darauf kann und wird der Staat nicht verzichten, wobei ich Dir aber recht gebe: ob das bei so vielen was bringt?“

    Wie vor gesagt, meiner Meinung nach sollte die Wertevermittlung in jedem Fach latent erfolgen.

    „In Bayern haben wir mit den Atheisten/Agnostikern im konfessionellen Religionsunterricht eine besondere Situation – die dürfen sich nämlich theoretisch nur unter Genehmigung der Eltern vom Religionsunterricht abmelden – im Rest Deutschlands darf ein Schüler das ab seiner Religiösen Mündigkeit mit 14 (?) eigenmächtig – allerdings werden die Eltern prinzipiell informiert. Viele bleiben im Katholischen Unterricht auch deshalb, weil er eben oft pillepalle ist. Ist eben leichter, über seine Gefühle zu schreiben, als über konkrete Wissensfragen.“

    In meiner Schulzeit (90er) gab es noch keine Alternative zum Religionsunterricht. Ich war allerdings auch noch kein richtiger Atheist. Damals war ich wohl am ehesten als Wischi-Waschi-Christ zu bezeichnen. Ich habe an die tatsächliche Existenz Gottes nicht glauben können. Habe aber gedacht, die Geschichten um Jesus sind ja moralisch gut und Wegweisend und die Bibel ist ein gutes wertvolles Buch. Ich war jedoch damals schon kritisch, wenn es um Detailfragen ging.

    In unserem Religionsunterricht (rkk, 10 Klasse) mussten wir Bibelgeschichten auswendig lernen. Wir mussten Religionen vergleichen und beschreiben können, warum die rkk den anderen überlegen ist. Es wurden Klassenarbeiten über Religionswissen geschrieben. Dem gegenüber habe ich mich verweigert. Ich hatte die Alternative eine „5“ auf dem Zeugnis stehen zu haben oder das Fach abzuwählen und ein „/“ auf dem Zeugnis stehen zu haben. Das habe ich dem Lehrer mitgeteilt und Ihm gesagt, dass er die Wahl hat. Er hat sich dafür entschieden uns nach mündlicher Beteiligung zu bewerten und die Klassenarbeiten nicht zu bewerten. Es war Ihm dann offensichtlich doch lieber ein paar Schüler mehr zu haben.

    • Die Religionsfreiheit gilt aber nicht nur für Christen, Muslime und Humanisten. Denn faktisch werden alle anderen Weltanschauungen nach deiner eigenen Definition bewusst abqualifiziert, weil sie nicht in den Schulen unterrichtet werden.
      Eine wirkliche Gleichberechtigung würde alle Arten von Religionsunterricht aus der Schule heraushalten. Was ja nicht gleichbedeutend mit Verschweigen der Religionen sein soll.

      Vom Prinzip her will ja der Gesetzgeber die bisher nicht vertretenen Religionen nicht ausschließen, das Problem ist eher die praktische Seite. Es ist auch nicht so doll, dass jüdische Schüler oft kilometerweit fahren müssen, um zum Religionsunterricht zu können. Vom Prinzip her kann jeder, der die entsprechenden amtlichen Hürden schafft, eine Religionsunterricht aufziehen. Einerseits sind die Hürden natürlich auf der Basis der Annahmen über Religion in den 50ger Jahren gestaltet – damals konnte man sich schlecht vorstellen, dass nicht-christliche oder gar nicht-religiöse Gruppen einmal so starke Bevölkerungsteile stellen würden, daher sind die Gesetze stark auf christliche Organisationsformen ausgerichtet. Das ist schlichtweg nicht fair. Aber gleichzeitig besteht das Problem, dass man ansonsten in Null Komma Nix Irrnis und Wirrnis in den Schulen hat, wiel sonst irgendwann jede Engelsseherin Religionsunterricht anmelden könnte – selbst, wenn dieser gar keine Besucher hätte. Organisatorisch wäre das von Seiten des Staates kaum zu stemmen. Daher verlegt man sich auf die Religionen, die bereits eine lange Tradition im Land aufweisen (Lutheraner und Katholiken und in einigen Bundesländern das Judentum) und solche, die einen entsprechend großen Bevölkerungsanteil oder die entsprechenden Forderungen stellen, so wie in der Lage sind, den amtlichen Weg zu beschreiten (wie Muslime, in einigen Fällen auch Buddhisten und Hindus, sowie orthodoxe christliche Bekenntnisse). Leider entscheidet eben manchmal eher das, was möglich ist über die Praxis und nicht das, was gerecht ist.
      Ich bin dennoch gegen eine Abschaffung des Religionsunterrichts. Für den Deutschen Staat ist nunmal die Weitergabe von Gesinnung eine delikate Sache, einfach aufgrund seiner Geschichte. Indem er die Religionen in die Schulen lässt – und zwar vom Prinzip her alle, die nciht komplett destruktiv sind, delegiert er damit letztlich die moralische Erziehung seiner Bürger und ermöglicht es ihnen, zu wählen, wer die Werteerziehung ihrer Kinder übernehmen soll. Er gibt zwar das Heft nicht so wirklich aus der Hand, aber gleichzeitig holt er „äußere“ Kräfte und Meinungen mit ins Boot.
      Die Nazis hatten zwar auch Religionsunterricht, aber ganz bestimmt nicht für jeden, der ihn organisieren konnte. Und ganz bestimmt lag ihnen dabei nicht die Meinungsvielfalt am Herzen ;)

      In unserem Religionsunterricht (rkk, 10 Klasse) mussten wir Bibelgeschichten auswendig lernen. Wir mussten Religionen vergleichen und beschreiben können, warum die rkk den anderen überlegen ist. Es wurden Klassenarbeiten über Religionswissen geschrieben.

      Die Lehrpläne und -methoden scheinen mir kapital auseinanderzugehen. Soetwas steht nichtmal in unserem Religionsbuch von 1975… und ich find’s auch ziemlich daneben.

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  4. Betonkopf

    Nur als Hinweis: Zu Bremen: Bremer Klausel, hier gibt es keinen bekenntnisorientieren Religionsunterricht an staatlichen Schulen, sondern Biblische Unterweisung. Hat Gründe in der Konkurrenz von Lutheranern und Reformierten.
    In Berlin und Brandenburg gibt es humanistische Gruppen, die Bekenntnisunterricht anbieten.

  5. Betonkopf

    Ich bin ja für die Abschaffung der Theologie an staatlichen Hochschulen (genauer gesagt, dafür, dass die Kirche damit nichts mehr zu tun hat), das würde euch mehr Kapazitäten geben, den Professoren, die Jesus für einen Kyniker halten (worüber dann Publik Forum berichtet) die Freiheit, das auch vor ihrer Pensionierung preiszugeben und bei den Theologieprofessoren, die es noch gäbe, könnte man sich sicherer sein, dass die auch katholisch sind. Religionsunterricht an staatlichen Schulen (nach, freilich, der Kirchensteuer) versetzt die Kirche in eine Abhängigkeitsposition (man hätte ja was zu verlieren, wenn man zu deutlich die Regierung kritisiert), sorgt durch schwache Lehrer für ein falsches Katholizismusbild, zwingt die Religion, sich irgendwelchen externen Normen zu unterwerfen, auch wenn diese Normen noch so gut gemeint sind, verbreitet schon durch seine Existenz die Idee, Identifikation mit dem Staat und seinen Institutionen sei so ohne weiteres für einen Katholiken möglich.
    Das eigentliche Problem ist freilich die Schulpflicht. Aber die ist in Deutschland indiskutabel.

    (Ich sollte auch einen Blog führen.)

  6. Naja, innerhalb der katholischen Kirche gibt es nun genügend Raum, um den Staat zu kritisieren und das wird ja – Gott Lob – auch gemacht.
    Ich finde, eingedenk der Europäischen Geschichte ist es sinnvoll, weder die Religionsgemeinschaften „vor sich hinwursteln“ zu lassen, noch den Schulunterricht für die verschiedenen Weltanschauungen unzugänglich zu machen und deren Meinungen ins Private zu schieben – und quasi mit einer offiziellen, säkularen Weltanschauung zu ersetzen. Damit werden sie nämlich nebensächlich und optional.
    Ich halte diese Kooperation daher für dringend notwendig, ebenso die Schulplficht. Ich weiß, dass sie ganz wesentlich ins Erziehungsrecht der Eltern eingreift. Das ist gut so. Man muss kein Religionswissenschaftler zu sein, um sich auszumalen, was teilweise abginge, wenn die Eltern ihre Kinder zuhause lassen dürften. .
    Doch der Staat schützt damit ja nicht nur sich selbst, sondern auch die Kinder. Viele Fehlentwicklungen blieben dabei unentdeckt – das beginnt allein bei denjenigen Jugendlichen aus sozial schwachen Familien, die dadurch ganz legal schwänzen würden und sich quasi der Kontrolle aber auch dem Hilfsangebot der Jugendämter entziehen könnten.
    Eine ordentliche elterliche Erziehung lässt sich auch nicht in der Schule zunichte machen – und wenn ja, dann ist es vermutlich auch mit dem lieben Sprössling nicht weit her.
    Vor bestimmten Themen – z.B. der sexuellen Aufklärung, lässt sich ein Kind sowieso nicht abschirmen, es sei denn, man hielte es in einem Zwinger im Keller. Altergenossen, das Internet, Zeitschriften etc. erledigen das so oder so (mir wäre es lieber, wenn das die Schule erledigt, ehrlich gesagt, damit die Informationen wenigstens biologisch korrekt sind – die moralische Dimension müssen die Eltern eben dann gegebenenfalls nacharbeiten).

    Meiner Meinung nach sollten die Schulen allerdings stärker darauf achten, sich unpolitisch zu verhalten. Die SMVs (Schülermitverwaltungen) gerade im städtischen Millieu sind oft Links und zwar mit einem hitzköpfig-jugendlichen Einschlag Richtung Antifa. Vielen Lehrern ist das sympathisch, weil sie selbst in ihrer Jugend so waren. Das kann sich durchaus zu einem regelrechten Meinungshegemonie auswachsen, unter der dann konservativere oder liberale Schüler wirklich leiden. Ich fand es auch nicht ok, dass bei uns auf der Schule 11-13 jährige mit gegen den Irakkrieg demonstrierten, obwohl sie nicht wirklich informiert wurden, worum es geht und auch keine Zeit hatten, das zu tun (falls sie überhaupt schon zu diesem Thema eine Meinung hatten). Ich wurde auch schon mehrfach vor versammelter Manschaft vor Klassenkameraden als „Nazi“ bezeichnet (worüber jeder, der mich näher kennt nur herzlich und lange lachen kann), ohne dass ein Lehrer eingeschritten wäre.
    Und so stimmte ich gemeinsam mit immer derselben kleinen Gruppe von „Outlaws“ gegen eine Aufführung von „Eine unbequeme Wahrheit“ mit Anwesenheitspflicht, beschwerte mich, weil die DDR mehr oder weniger als lustiges soziales Experiment dargestellt wurde oder führte meinen Klassenkameraden vor Augen, dass Schulstreiks ein schlechter Witz sind.
    Geschadet hat es mir bestimmt nichts, im Gegenteil: vielleicht sollte man früh lernen, dass man in der Welt da draußen mit bestimmten Meinungen einfach aneckt. Ich bin ehrlich gesagt lieber mit 14 resigniert, als mit 18 plötzlich damit konfrontiert, dass ich jahrelang fälschlicherweise angenommen habe, meine Meinungen seien für alle total logisch und zugänglich. Vielleicht war ich ja auch für so manchen auf Mainstream gebürsteten Klassenkameraden durchaus ganz heilsam. Ich hoffe es.

  7. Pingback: Ist Religionsunterricht in der heutigen pluralistischen Gesellschaft ethisch vertretbar? – Informatik4u

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