Ein Video über Demenz und warum ich unglücklich darüber bin.

Das untenstehende Video wurde mir über meine Facebookseite zugetragen:

Vom Prinzip her: wahr und berührend. Möchte ich nicht leugnen.

Dennoch bin ich unglücklich damit. Um das zu erklären muss ich wohl ungewohnt ernst werden und etwas persönlicher: mein eigener Großvater ist dement. Das, was der Film transportiert ist wahr: man braucht eine Engelsgeduld. Ich versuche, nicht zornig zu werden, wenn er falsche Vorwürfe gegen die Schwestern erhebt. Ich versuche, mich nicht persönlich beleidigt zu fühlen, wenn er findet, ich wäre heute scheußlich angezogen. Ich will nicht die Geduld verlieren, wenn er mich zum vierten Mal in einer halben Stunde fragt, ob ich heute noch etwas vorhätte.

Der Mann, der einst selbst ein Vater und Großvater war, stark, lustig, selbstständig, ist nun tatsächlich wie ein kleines Kind. Er muss gewickelt werden. Er ist verwirrt. Wenn man ihn lässt, sieht er den ganzen Tag fern.
Von daher: vollständige Zustimmung.

Was mich so stört ist, dass der Film letztlich Angehörigen von Demenzkranken genau diesen Vorwurf vor Augen führt, den sie sich selbst ständig machen und gegen den sie bisweilen sogar ankämpfen müssen, um sich selbst zu schützen:

„Du bist undankbar. Dieser Mann hat so viel für Dich getan und jetzt lässt Du ihn im Heim? Als Du ein kleines Kind warst, hat er Dich auch nicht weggegeben. Er hat Deine Windeln gewechselt und jetzt kannst Du nicht das Gleiche für ihn tun?Er war immer geduldig. Er hat Dich vor allem beschützt.Und Du? Flippst aus, wenn er Dich zum 4. Mal fragt, was ein Spatz ist. Schäm Dich! Schäm Dich für Deine Gefühle! Du musst geduldiger sein. Du musst freundlicher sein. Du darfst Dich nicht mit ihm streiten. Nichts, was er tut ist Absicht. Du bist eine schreckliche (Enkel-)Tochter.“

Diese Gefühle gehen im Kopf eines Demenzangehörigen herum, wie ein Mühlrad. Immer wieder. Natürlich versucht das Video nicht, den Sohn als den Bösen darzustellen: schließlich sieht er ja am Schluss ein, dass er falsch gehandelt hat. Dennoch bekommt der Zuschauer nur einen Eindruck seines Fehlverhaltens, aber keinen Einblick in seine Gefühle. Wie es ist, ständig mit der Demenz konfrontiert zu sein:

Ein Demenzkranker hat vielleicht den Betreuungsaufwand eines kleinen Kindes, aber er ist kein kleines Kind. Der Demenzkranke ist immernoch der (Groß)Vater. Auch, wenn er mit weit aufgerissenen Augen durch die Gegend glotzt, weil er schon wieder nicht weiß, wo er eigentlich ist.
Es ist nicht so einfach, zu sagen: „ich darf mich nicht ärgern, er ist nicht mehr der, den ich kannte“, denn ich kannte ihn 18 Jahre lang als den, der er war. Er sieht immernoch genau so aus und wenn er gerade eine gute Phase hat, dann benimmt er sich auch wieder so. Ich kann das nicht ausknipsen. Natürlich ist es leichter, sich vor Augen zu führen: er ist nicht so boshaft, dumm, aufbrausend; es ist seine Krankheit. Aber wenn mein eigener Großvater mich beschimpft oder nach mir schlägt, mit Gegenständen wirft, weint, einnässt, dann habe ich in diesem Moment nicht die intellektuelle Distanz, die zu so einer Haltung nötig ist. Die bekomme ich erst, wenn ich wieder aus dem Zimmer bin und versuche, mich zu beruhigen.

Ein weiterer Unterschied zwischen einem Demenzkranken und einem Kind: es wird schlechter, nicht besser. Wenn ein Kind 21 mal fragt, „was das ist“, weiß ich, dass es nächstes Jahr schon nicht mehr fragen wird. Bei einem Demenzkranken kann es sein, dass er nächstes Jahr schon nicht mehr weiß, was eine Frage ist.
Ein Kind entdeckt seine Welt, mit jeder Frage wird sie heller, schöner vielfältiger. Ein Demenzkranker verliert sie gerade. Jede neue Frage bedeutet einen Schritt ins Dunkel, in die betäubende Watte des Vergessens. Mit jedem Schub erschrecken wir Angehörige und auch der Kranke. Wir sind hilflos. Wir sind wütend. Alle beide.

Bitte, Leute, die ihr dieses Video teilt: wir Angehörige von Demenzkranken haben ein Recht auf unsere Wut und unsere Angst. Auf unsere Inkompetenz. Auf Überforderung. Wir brauchen Euch nicht, um uns dafür zu schämen. Das tun wir schon oft genug.

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8 Kommentare

Eingeordnet unter Medien - Kritik und Empfehlungen

8 Antworten zu “Ein Video über Demenz und warum ich unglücklich darüber bin.

  1. Gut geschrieben. ich kann es nachvollziehen. Gut so.

  2. Pingback: Ein Video über Demenz und warum ich unglücklich darüber bin. | theolounge.de

  3. QntlAC

    Genau das habe ich vor zwei / drei Jahren erlebt. Dankbar sein, für das was Mama / Papa gemacht haben, aber auch ehrlich zu mir selber, dass ich an meine Grenzen komme, wenn ich immer der „liebe Junge“ sein will / muss.
    Ausgebildete Pfleger / -innen können es besser

  4. Sehr gut beschrieben. Vollkommen nachvollziehbar. Immer wieder behaupte ich, dass die Pflege von an Demenz Erkrankten als Beruf einfacher ist. Obwohl ich es nciht vergleichen kann, da ich zum Glück in meiner Familie keinen Demenz-„Fall“ habe. Aber ich hab irgendwann Feierabend. Angehörige haben das nie.

  5. Laubfrosch

    Den Kommentar zum Video kann ich sehr gut verstehen und nachvollziehen. Das Video finde ich nicht gut, es ist unrealistisch. Der Vater, der den Spatz nicht mehr erkennt, wird kaum noch in der Lage sein seinem Sohn eine passende Geschichte in einem Buch herauszusuchen. Die Szene ist gestellt und kann nicht mehr sein als der drohende Zeigefinger eines Produzenten, der Demenz mit allem was dazugehört nicht verstanden hat.

    • Ich denke, die Idee dahinter ist viel mehr, dass der Vater seinen Sohn auf eine eventuelle zukünftige Demenzkrankheit hin vorwarnen möchte. Das macht die Sache allerdings meiner Meinung nach noch schlimmer.

  6. Also ich sehe hier kein Video. Liegt das an meinem Computerprogramm? Mein Onkel war auch demenzkrank, ich habe ihn fast bis zu seinem Tod gepflegt, vor kurzem starb er. Nur die letzten beiden Wochen lag er im Krankenhaus, denn er war auch schwer krank. Da konnte er auch fast nicht mehr verständlich sprechen und döste fast nur noch vor sich hin, weil er starke Schmerzmittel bekam. Die Ärzte sagten mir, in seinem Kopf sei fast nur noch Wasser – kein Gehirn. Doch bis dahin war er klüger als man glauben sollte. Auch wenn er vieles vergessen hatte. Ich erinnere mich nicht mehr was genau er gemacht hatte, jedenfalls sagte ich, er sei ja kein Baby. Darauf meinte er: „Doch, jetzt bin ich wieder ein Baby!“ :) Ich glaube trotzdem nicht, dass sich die Menschen wesentlich durch die Demenz verändern. Sie zeigen nur wer sie wirklich sind und immer waren. Früher konnten sie sich verstellen. Wer Demenz hat kann das nicht mehr. Bei aller Verwirrtheit bleibt man doch immer man selbst, auch wenn man das nicht gerne zugeben möchte.

  7. Hallo Susannaveronika,
    danke, dass Du das mit mir teilst. Ich bin immer wieder froh, wenn ich auch von anderen höre, die ähnliches mitmachen.
    Was mich so ärgert ist, dass man eben immer nur hört von den bösen bösen Angehörigen und Altenpflegerinnen, die ihre Senioren wegsperren, wundliegen lassen, ausbeuten und abschieben, oder aber, auf der anderen Seite, wie erfüllend und toll doch so ein Dreigenerationenhaus ist und wie viel man von den lieben Alten lernen kann. All das stimmt ja auch, aber dass z.B. Demente unfassbar boshaft werden können, aggressiv, dass man als Angehöriger manchmal kurz vor dem Verzweifeln ist, von vollgesch** Klamotten oder davon, dass ich manchmal erst um halb zwölf an die Unisachen gehen konnte, weil hier vier Senioren gleicheitig lebten, davon liest man nämlich nichts in den herzerwärmenden Broschüren und Skandalberichten…
    Man soll doch aufhören, das zu verkitschen, oder Pflegende (oder noch schlimmer: Angehörige, die irgendwann den Schnitt machen und die Senioren ins Heim geben müssen – da mussten wir uns in der Gemeinde nämlich schon anquatschen lassen, als wir uns schweren Herzens dazu durchgerungen haben) Angehörige unter Generalverdacht zu stellen…

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