Religionswissenschaft. Eine Stellungnahme

Vermutlich ist es vollkommen überflüssig, aber einige Kommentare haben mir doch zu Denken gegeben und daher wollte ich klarstellen: dieser Blog ist nicht religionswissenschaftlich.

Die Religionswissenschaft ist die möglichst bewertungsneutrale Erforschung als religiös erachteter Phänomene sämtlicher Kulturen. Das heißt: wenn ich als Religionswissenschaftlerin schreibe, dann schreibe ich als Agnostikerin. Aus Respekt vor meinen Forschungsgegenständen, auch gegenüber dem Katholizismus.
Wenn ich als Religionswissenschaftlerin schreibe, dann nehme ich sämtliche Phänomene, von der Geomantie über baptistische Vergnügungsparks bis hin zur Kirche des fliegenden Spaghettimonsters mindestens so ernst, wie deren Benutzer bzw. Mitglieder. Manchmal sogar etwas ernster.
Wieso studiert man so etwas? Man verzeihe mir den Pathos: es ist wie eine Abhängigkeit, eine Besessenheit. Man kann nicht anders. Wann immer ich darüber nachdenke, etwas anderes zu studieren, Komparatistik oder Theologie z.B., dann werde ich traurig bei dem Gedanken, was mir von da an alles fehlen wird.
Es ist das Herzklopfen, das ich beim Lesen bekomme, bei Schriften von amerikanischen Reformjuden aus dem 19. Jahrhundert, den Visionen von Mechthild von Magdeburg, der Gitagovinda, Schriften Aleister Crowleys oder Paracelsus‘. All die Schwierigkeiten: die Unmöglichkeit klarer Begriffsdefinitionen (besonders des Begriffes „Religion“), die Unzugänglichkeit persönlicher religiöser Erfahrung, die Interdisziplinarität und die damit verbundene Neigung, stets über Sachen zu sprechen, von denen man fast nichts versteht, die problematische Stellung in der Hochschulpolitik; all diese Dinge machen die Welt, in der wir Religionswissenschaftler uns bewegen nicht nur komplizierter, sondern auch faszinierender.

Die Atheisten und Agnostiker unter uns – und sie stellen den allergrößten Teil, ja sogar diejenigen, die die Religion für gefährlich halten fühlen es meiner Erfahrung nach: unsere Geister sind wie besessen.

Die wenigsten von uns können sagen, wieso wir Religionswissenschaft studieren und was wir eigentlich damit anfangen wollen. Weil wir nicht wissen, was wir wollen, außer Religionswissenschaft zu studieren. Wir sind ein Sammelbecken für Universalbegabungen, für Menschen, die mehr Talente haben, als sie jemals nutzen können, für unorthodoxe Denker und Redner, zukünftige versumpfte Genies, Möchtegernpolitiker und Spinner. Obwohl wir die tiefsten Abgründe menschlicher Empfindungen kennen und fast ausnahmslos eine gewisse Neigung zur Misanthropie haben, kennen wir – und jetzt wird es endgültig kitschig – die Freude über die unversehrbare Schönheit menschlicher Kulturleistungen und zugleich die Notwendigkeit zur Gelassenheit bei deren Beobachtung.

Das hat nichts oder nicht viel mit eigener Religiosität zu tun, es ist die Leidenschaft für das Extrem, das Skurrile, das Einzigartige, Schöne und Beängstigende, das der Mensch mit seinem Verstand zu leisten in der Lage ist.

Dieser Blog bietet mir viel eher die Möglichkeit, etwas zu tun, was ich mir sonst verkneife: hier darf ich mein religionswissenschaftliches Wissen mit meiner eignen Religiosität in Bezug setzen. Hier darf ich werten, Anleihen nehmen und mich nach Herzenslust aufregen. All das hat in meinen wissenschaftlichen Arbeiten nichts zu suchen und darf bitte nicht verwechselt werden mit der Wissenschaft, die sich mit Religionen beschäftigt. Sollte ich aber etwas dezidiert Religionswissenschaftliches von mir geben, dann werde ich das eindeutig als solches kennzeichnen.

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Eine Antwort zu “Religionswissenschaft. Eine Stellungnahme

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