Aus gegebenem Anlass: Das liebe Vieh

„Dann hab wenigstens den Arsch in der Hose Vegetarierin zu sein!!!“ Ja, dieser Satz kam tatsächlich aus meinem Munde. Gerichtet war er an eine Schulkameradin, die mir erklärte, sie könne kein Fleisch essen, bei dem man noch sehen kann, welcher Teil eines Tieres es gewesen sei. Also: nur Stücke ohne Knochen, Haut, Sehnen…. Ihr Problem: sie wollte nicht daran erinnert werden, dass sie Hühnchen, Kälbchen, Schweinchen und Öchslein verspeiste.

VegetariAnerInnen verwenden manchmal im Zusammenhang mit dem Verhältnis der omnivoren Bevölkerungsteile zum Tierreich den Begriff „Perversion“. Ich tue meinen Lesern an dieser Stelle den Gefallen, ihn mir zu verkneifen.

Doch die Haltung des Fräuleins ist symptomatisch für die Art und Weise, auf die in unserer Gesellschaft Tiere wahrgenommen werden: Tiere, das sind quasi Babys, die nie erwachsen werden. Tiere sind unschuldig und daher eigentlich die besseren Menschen.

An dieser Haltung hat durchaus die christliche Religion einen Anteil: nach Sicht der katholischen Kirche und vieler anderer christlicher Konfessionen, können Tiere sich nicht schuldig machen. Deshalb haben sie keine Seele (bzw. andersherum; ironischerweise ist es gerade das, was vielen sogenannten Tierfreunden wiederum sauer aufstößt). Das ist auch zu ihren Gunsten anzunehmen. Hätten Tiere eine Seele und somit ein Schuldbewusstsein und ein Gewissen über das hinaus, was z.B. der Rudeltrieb bewirkt, dann würden sie ja all den Kram, den sie machen – z.B. Kaninchen jagen, obwohl daheim die zuverlässig volle Futterschüssel steht (und nein, ich spiele nicht auf das pelzige Bündel an, das gerade leise schnarchend in der Vormittagssonne liegt) – aus Boshaftigkeit tun.

Aber aus irgend einem Grund wird Unschuld immer mit Gut-Sein verwechselt. Die tierische (und kindliche) Unschuld aber macht nicht moralisch überlegen, sondern entfernt den so bezeichneten aus der Kategorie der Moral. Er ist nicht unschuldig, weil er sich nicht schuldig gemacht hat, sondern weil er sich nicht schuldig machen kann. Mangels eines Gewissens.

Eine Welt, in der Tiere Schuld haben können, das wünscht sich auch kein Tierschützer: in der frühen Neuzeit wurden z.B. auch Tiere für ihre Vergehen, inklusive unterlassener Hilfeleistung, hingerichtet, aufgehängt, ersäuft, erwürgt oder erschlagen, auch im Buch Exodus finden sich Hinweise auf diese Praxis.

Die aktuelle Lage erscheint mir da viel vernünftiger – es gibt sogar Gruppen, die sich dafür einsetzen, dass scharfe Hunde, die einen Menschen angefallen haben nicht eingeschläfert werden, weil sie – meiner Meinung nach mit Recht – dem Halter die Schuld geben, der den Hund scharf gemacht hat.

Bitte versteht mich nicht falsch: das ist keine Entschuldigung, mit Tieren zu machen, was man will. Vielmehr das Gegenteil: wenn man Tiere nicht für das verantwortlich machen kann, was sie tun, dann ist es die Aufgabe des Menschen, für sie zu sorgen, sie zu schützen und sie aber im Gegenzug auch dort einzugrenzen, wo es nötig ist (eben z.B. durch verantwortungsvolle Jagd, Domestizierung, Flächendeckende Kastration), daher halte ich auch Tierrechtsbewegungen im Gegensatz zum kompetenten und realistischen Tierschutz für ein weiteres Symptom dieser gesellschaftlichen Fehlentwicklung im Umgang mit Tieren. Die in Zeiten eines engeren Zusammenlebens von Mensch und Tier entstandene Genesis schildert ja schließlich auch, wie die Tiere dem Menschen von Gott anvertraut werden. Nimmt man dies ernst, dann ergibt sich daraus besagte doppelte Verantworung: das Zusammenleben von Mensch und Tier ist für erstere überlebensnotwendig (es sei denn, man lebt Vegan), daher müssen wir einerseits uns vor den Tieren, andererseits die Tiere vor uns schützen, da sie mit beiden Aufgaben überfordert wären.

Man sollte ihnen also nicht mutwillig Schmerz zufügen und ich kann verstehen, dass man aufgrund moralischer und philosophischer Überlegungen auf den Konsum von Tierfleisch, aber auch von Tierprodukten (was übrigens wesentlich konsequenter und – wie ich an anderer Stelle ausführen werde – logischer ist) verzichtet.

Tiere zu quälen ist nicht in Ordnung. Das war es noch nie und selbst in Zeiten, in denen die Menschen noch ein wesentlich instrumentelleres Verhältnis zu Tieren hatten, war Grausamkeit gegenüber Tieren geächtet, wobei allerdings die Hemmschwelle eindeutig etwas höher lag (das war sie ja auch bei Kindern…).

Dieses Instrumentelle Verhältnis ist es, bei dem ich ansetzen möchte. Für viele unserer Vorfahren, das ändert sich erst schleichend im 19. Jahrhundert, waren Tiere Nutztiere. Sie sortierten sie gemäß ihrer Bedürfnisse und dem entsprechenden Nutzengewinn ein – und sei es bei einem Kanari nur dessen Gesang, bei einem Schoßhund dessen Gesellschaft (bei letzterem kamen aber, das vergessen viel zu viele Hundebesitzer, Fähigkeiten, wie Rattenfang, Wache und Personenschutz hinzu). Das hatte für die Tiere den entscheidenden Vorteil, dass der Mensch erstens nichts in sie hineinprojizierte, was diese überforderte, wie es bei Hunden und Katzen beobachtet werden kann und sie nach dem pflegte, was die Tiere selbst brauchten und nicht nach dem, was er sich einbildete. Auf die Idee, seinen Hund vegan und seine Katze glutenfrei zu ernähren, wäre damals keiner gekommen.

Artgerechte Haltung, soweit diese bekannt oder durchführbar ist, war und ist angebracht, weil sie das Produkt verbessert, findet aber ihre Beschränkung eben in der Produktivität.

Auch von diesem Satz hätte ich nie gedacht, dass ich ihn jemals in den Mund nähme: der durchschnittliche Mensch ist von diesem Produktionsprozess komplett entfremdet.

„Das Schwein macht grunz“. Mehr Infos gibt es zu diesem Thema für die Meisten nicht. Die allermeisten Tiere gibt es aus dem Fernsehen, entweder zeichenvertrickt, sprechend, mit Kulleraugen und ohne jegliche Fäkalabsonderung oder aber in Form der Tierdoku, in der sie aber ebenfalls ins menschliche Narrativ verpackt, in die Erzählung von Geschichten gepresst, ebenso vermenschlicht werden (bisweilen verbalisiert hierbei ein Sprecher ihre „Gedanken“), oben drauf noch eine Schippe schlechtes Gewissen, weil das Korallenriff, die Savanne, der Wald schwer gefährdet ist. Tiere aber leben nicht in Narrativen, weil sie nicht erzählen. Tiere sind einfach so. Es ist ihnen piepegal, ob ihre Art ausgelöscht wird, die einzigen die das wirklich stört (und damit nehmen sie eben ihre Verantwortung wahr), sind die Menschen.

Dass es Tiere nur noch im Fernsehen oder als sprachloses Familienmitglied gibt, macht sie zu Protagonisten, zu Symbolen.Wir geben ihnen Namen. Wir präsentieren sie im Zoo, wo es wieder Tafeln mit Geschichten über sie gibt und wo sie stellvertretend für ihre Art und den Schutz der Tierwelt Afrikas stehen. Kein Tier würde mit einem anderen Tier so umgehen (und das meine ich komplett wertungsfrei).

Sehr viele Vegetarier sind ein gute Beispiel für diese Entfremdung von der Produktion: oft ist es weniger die moralische Überlegung, die sie vom Fleischkonsum abhält, als viel mehr ihr verkitschtes Tierbild. Man isst keine Kuscheltiere. Nur wenigen ist aber bewusst, dass ein vegetarisches Leben nur aufrecht erhalten werden kann, wenn es im Land auch Fleischverwertung gibt. Die allermeisten Nutztiere nämlich sind Herdentiere. Der Aufbau dieser Gruppen ist üblicherweise ein geschlechtliches Ungleichgewicht, ein Hahn, Stier, Bock und viele weibliche Tiere. Leider hält sich die Natur nicht an dieses Verhältnis, wenn es um die Geburtenrate bei neuen Tieren geht: die jungen Männchen kämpfen untereinander und mit dem Leitmännchen. Natürlicherweise würden sie die Gruppe verlassen und einzeln davon ziehen, in der Domestizierung aber können sie nirgendwohin. Gibt es Fleischesser, ist das Problem schnell gelöst. Es ist ein der Religionswissenschaft bekanntes Phänomen, dass vegetarische Intellektuellenkommunen auf dem Land tatsächlich an diesem Problem scheiterten. So weit aber denken viele Vegetarier bei ihrer Entscheidung gar nicht, weil sie nichts mit der Realität von Tieren zu tun hat sondern von dem Bild, wie Tiere zu sein haben. (Ich möchte hierbei natürlich die vielen rühmlichen Ausnahmen ausgenommmen wissen. Außerdem umgehen Veganer, oft ohne es überhaupt zu wissen, dieses Problem).

Kein Wunder also auch, dass es eine Katastrophe gibt, wenn der kleine Marius, der so tapfer für den Erhalt der Savanne gekämpft hat (einen Dreck hat er) zerteilt und an die Löwen verfüttert wird. (Wobei man natürlich wirklich darüber streiten kann, ob man das in Anwesenheit von Kindern durchführen muss…). Oder, wenn ein Mitarbeiter im Umweltministerium auf Elefantenjagd geht, übrigens legaler Weise.

Ich mag Elefanten. Großwildjagd finde ich aber als Hobby ziemlich unromantisch, teuer und außerdem findet sie in heißen, staubigen Ländern statt.

Der Punkt ist, dass der Mann – und die Faktenlage (nämlich, dass die Elefanten zum Abschuss freigegeben waren und er nichts ausrottet, gefährdet oder sonst irgendwelche Gesetze übertreten hat – die Ranger müssen so oder so die Elefantenherden dezimieren) ist dafür vollkommen irrelevant – Todesdrohungen bekommen hat. Todesdrohungen. Da kommt mir gleich wieder das P.-Wort in den Sinn.

Weil er einfach so feige einen Elefanten erschossen hat. „Hat er verdient, ne?“, werden sich viele denken. Wer ein Tier tötet, egal aus welchem Grunde, ja es auch nur aus Überforderung oder Gedankenlosigkeit nach Meinung der Tierrechtler und/oder -schützer falsch hält, muss Lynchjustiz beinahe mehr fürchten, als ein gemeiner hinterhältiger Heckenschütze. Weil sein Opfer nicht nur für sich selbst, seinen Organismus steht, sondern für eine Philosophie schuldlosen und damit höheren Daseins (Tiere leben quasi ganzheitlich, daher sind Meditationen, bei denen man sich in ein Tier hineindenkt auch so hip), dazu stellvertretend für einen Charakter, seine ganze Art und sein Ökosystem.

Das wird ihnen aber nicht gerecht. Tiere haben zwar Persönlichkeiten und sie fühlen Schmerz, aber bei all dem sollte man nicht vergessen: sie sind immer noch nur Viecher (geliebte, schützenswerte, wunderschöne).

Damit wird man ihnen viel gerechter.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Religion und Politik

2 Antworten zu “Aus gegebenem Anlass: Das liebe Vieh

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