Die Regeln, die wir brauchen – einige Gedanken zum Ende der Fastenzeit

Für Menschen, die mich nicht besonders gut kennen, ist es manchmal etwas unnachvollziehbar, wie ich eher dem konservativen und eher dem liberalen Lager zugeordnete Meinungen einfach so unter einen Hut bringen kann.

Das liegt daran, dass ich ziemlich wenig Prinzipien habe und daran, dass ich so viel Zeit habe, dass ich mich mit Einzelaspekten herumschlagen kann. Also: ich bin für die Wiedereinführung der Verbindlichkeit unserer tradtitionellen Fastenregeln.

Die meisten Katholiken haben nun fast 40 Tage hinter sich, an denen sie auf „irgendwas“ verzichtet haben, das ihnen „überflüssig“ erschien, das ihnen „lieb und angenehm“ ist.
Ich bezweifle, dass das wirklich den Kern des Konzeptes von Fasten trifft: die Ecke aufzuräumen, die einen schon immer gestört hat und sich anschließend wie der größte Asket unter Gottes Sonne zu fühlen.

Das Problem, das hier entsteht ist meiner Meinung nach die mit der Individualisierung des Fastens in der Moderne einhergehende Beliebigkeit und das Aufheben von sozialer Kontrolle.

Soziale Kontrolle? Wie bitte? Das soll gut sein?

Ja, das ist es. Denn seien wir mal ehrlich: „Ich will weniger Fernsehen“, „Ich will mehr Zeit mit meinen Eltern verbringen“, „Ich esse keine Schokolade mehr“ oder, wie in meinem Fall: „Ich will weniger Zeit verschwenden“ – das macht doch jeder nur für sich alleine. Das baut kein Gruppengefühl auf, keine Solidarität, darüber kann man sich nicht unterhalten und darüber kann man auch allerhöchstens auf einem sehr abstrakten und allgemeinen Niveau predigen. Halten sich alle an verbindliche Regeln, haben sie hingegen alle dieselben Probleme, ein Ingroup-Thema, den Rückhalt der Gemeinschaft.

Außerdem vergisst man solche Vorsätze doch immer wieder, kann ihnen leicht aus Versehen ausweichen (von Schoki auf Nüsse wechseln…) und irgendwann gewöhnt man sich daran und danach stellt sich schleichend alles so ein, dass man ganz gut zurecht kommt. Dass einem nach drei Wochen nichts mehr fehlt.
Gut, sagen jetzt die modernen Faster: dann haben wir ja genau das gelernt: wie befreit wir sind, wenn wir merken, dass wir uns von Überflüssigem entledigt haben. Aber wir sind gar nicht befreit, wir haben uns ja der Theorie nach eher wieder normalisiert. Die Idee von Fasten ist doch, dass einem was fehlt und dass man das aushält – oder nicht? Soll Fasten nicht irgendwie auch weh tun?

Ein Blick in die Praxis anderer Kulturen und Religionen zeigt: meist geht es mit differenzierten und genauen Regeln einher, an die man sich halten muss und ist mit erheblichem Aufwand verbunden. Beispiele hierfür sind z.B. der Ramadan oder die jüdischen Fasttage, die orthodoxen Kirchen, das Fasten in buddhistischen Klöstern oder bei den Sufis.

Und es geht immer übers Essen, wenn auch nicht ausschließlich.

Jahrhunderte und Jahrtausende hielt es die katholische Kirche ganz genauso. Das Schöne war, dass mit den Fastenregeln nicht nur die Anstrengungen der Gläubigen befeuert wurden, da es dem Menschen aus irgendeinem Grund Spaß macht, herausfordernde Regeln freiwillig zu befolgen, sondern auch ihre Anstrengungen zur Beugung des Gesetzes.
Gibt es keine Regeln, kann man gegen diese auch nicht verstoßen. Der dröge Individualismus des Fastens nämlich macht den gewieften Regelbeuger immer zum moralisch verkommenen Subjekt, zum Betrüger an sich selbst. Das finde ich aber verdammt sauertöpfisch, weil es den natürlichen Spieltrieb des Menschen betäubt.
Letztlich wurde mit der Anstrengung aus dem Fasten auch der Spaß genommen. Die Kreativität der Fastenspeisen und auch, dass man von Außen vielleicht ein winzigkleinesbisschen bewundert wird (natürlich, während man Acht gibt, dabei nicht in den Stolz zu rutschen).

Apropos Spaß: ein weiteres Thema ist in diesem Fall der Körper. Die Kirche driftet seit dem Zweiten Vatikanum immer weiter fort von den Körpern ihrer Gläubigen. Dabei war es in meinen Augen immer ihr wesentlicher Vorzug gegenüber (es tut mir Leid, dass ich es so hart sagen muss) dem Protestantismus, dass sie den Körper stärker einbindet, dass man Katholizismus nicht nur denkt, sondern auch fühlt. Vierzig Tage Fleischverzicht verändern definitiv das Körpergefühl. Mit der Aufhebung der Regeln verwehren wir es uns letztlich, dieses Gefühl zu teilen und wir verwehren uns auch das Gefühl des Fastenbrechens zu Ostern, wenn wir all das, wonach es uns wochenlang gelüstete, nach Herzenslust haben dürfen.

Denn auch das ist das Problem am modernen Fasten: eigentlich hört es an Ostern nicht auf, sondern soll den Menschen ganzjährig optimieren.

Ja, optimieren.
Das moderne Fasten ist letztlich so etwas geworden, wie eine Technik zur Selbstoptimierung. Genau wie Yoga, oder Heilsteine, Reiki oder eine Entschlackungskur. Es ist auch kein Zufall, dass einige Menschen beide Themen miteinander kombinieren und dass sich das Fasten inzwischen sogar, so widersinnig das sein mag, kommodifizieren lässt.
Aber auch, wenn der Gedanke überhaupt nicht Konjunktur hat: wir fasten doch nicht (nur) für uns selbst? Geht es dabei nicht auch ein bisschen um Gott? Fasten wir nicht auch, weil eben Jesus genau das getan hat, also aus Tradition und im Gedenken an ihn?

Wenn wir in der Fastenzeit also die ganze Zeit nur um uns selbst kreisen, wie wir noch besser, noch toller, noch spiritueller, schlanker, gesünder werden können, handeln wir dann nicht genau gegenteilig?

Wäre es für den modernen, egozentrischen spirituellen Selbstoptimierer nicht das Beste, einfach mal ein paar Regeln zu befolgen, ohne lang zu fragen, statt immer nur in das dumpfe Plätschern seines Egos hineinzuhorchen? Demütig (noch so ein unmodisches Wort) zu sagen: ja, ich folge? Mit dem Wissen, mit Freuden und aus freiem Willen zu folgen?

Möglicherweise könnte er ja dann am Ende auch etwas hören, außer sich selbst…

Also nächstes mal: Klassisches Fasten? Oder ist das schon gar nicht mehr das gleiche, wenn man es sich selbst aussucht? Die Regeln, die wir brauchen sind die, die wir uns nicht selbst setzen…

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Gedanken zur Praxis der katholischen Kirche, Kritik zu katholischen Themen

2 Antworten zu “Die Regeln, die wir brauchen – einige Gedanken zum Ende der Fastenzeit

  1. Isabell

    Ich kann eigentlich nichts Negatives daran finden, sich als religiös Fastender auszusuchen, was man fastet. Es ist nur wichtig, dass man sich vornimmt auf etwas zu verzichten, wo es einem schwerfällt. Ich persönlich habe auf Süßigkeiten, Chips etc. verzichtet, weil ich mich bei diesen Dingen immer sehr schwer zügeln kann. Fleisch dagegen esse ich sowieso kaum, sodass mich ein Verzicht darauf nicht wirklich der Leidenszeit Jesu nähergebracht hätte.
    Ich finde auch, dass man sich selbst wenn man verschiedene Dinge fastet, darüber unterhalten kann, beispielsweise über Probleme und Versuchungen.

    • Es spricht ja gar nichts dagegen, das auch dann zu tun, wenn es die entsprechenden Fastenregeln noch gäbe.
      Es ist vermutlich etwas verquer gedacht, aber es geht mir gar nicht darum, wie oder ob sie eingehalten werden, sondern darum, dass es sie gibt.
      Das hat etwas mit dem grundlegenden Verständnis von Religion zu tun: Ist Religion nur da, um mein Ego zu streicheln und mich selbst zu optimieren?
      Ich denke, es ist einer der wenigen Punkte, an dem wir diese Vorstellung vom „Ich“ als Projekt zur Ausgestaltung und Präsentation noch überwinden können, zu Gunsten der Vorstellung einer Sache, die „größer ist, als der Einzelne“.
      Ich habe keinerlei Zweifel daran, dass die Menschen trotz einer Wiederaufnahme ihre bewährte Fastenpraxis beibehalten würden ;)

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