Leicht verspäteter Kommentar – Noah (Darren Aronofsky)

 

Man wird sich durchaus fragen dürfen, wieso ich mir so etwas antue, wo man doch von vornherein weiß, dass dieser Film nicht zur visuellen Unterstützung historisch-kritischer Bibelauslegung dienen kann oder soll.

Aber eigentlich bin ich da gar nicht so, was diese Dinge angeht. Die Geschichte um Noah und seine Arche ist bekanntermaßen eine Erzählung, die es nicht nur in der Bibel gibt, sondern die aller Wahrscheinlichkeit nach im zweiten Jahrtausend vor Christus großflächig im orientalischen Raum verbreitet war. Es gibt hunderte von Bearbeitungen biblischer Stoffe, natürlich widersprechen sie sich. Wir können unsere machen, das ist doch gar kein Problem: für mich muss es nicht wort-wörtlich sein.

Überhaupt fokussieren sich viele christliche und jüdische Diskussionen und Probleme rund um genau diese Erzählung: zunächst dient sie der allgemeinen Kritik an diesen Religionen, weil sie, wie gesagt, nicht ausschließlich in der Bibel zu finden ist („seht Ihr: Euer heiliges Buch ist nur eine Sammlung altorientalischer Märchen, vergleichbar mit 1001 Nacht. Von wegen auserwähltes Volk“), aber auch, weil Gott darin unter den Menschen aufs Grausamste dreinschlägt, drittens aber, weil Noah auch nicht das perfekte Rollenmodell darstellt, weil er sich nach der Reise hemmungslos besäuft (Richard Dawkins z.B. benutzt für seine Kritik der Bibel in „The God Delusion“ hauptsächlich die Geschichte von der Arche).

Dann gibt es noch interne Probleme: z.B. dass Noahs Kinder nach der Flut zum Inzest gezwungen waren, ebenfalls die Diskussion darüber, ob Kleinkinder der verdorbenen Menschen verdorben sind, sowie in fundamentalistischen eine Diskussion darüber, ob die Sintflut nun einen Beweis der Schöpfungsgeschichte gegenüber der Evolutionstheorie darstellt, weil durch sie Fossilienfunde erklärt werden könnten – besonders Dinosaurier, die nicht auf die Arche passten.

Dann gibt es im biblischen Bericht noch die etwas kryptische Stelle mit den „Söhnen Gottes“, die sich mit Menschenfrauen einließen und deren Kinder als riesenhafte Menschen auf Erden wandelten.

In Verbindung mit den Erzählungen des Ätiopischen Henoch eröffnet sich hier ein zweiter Handlungsstrang innerhalb der Arche-Geschichte, der apokryph ist, aber, wie ich erläutern werde, für die Auslegung des Geschehens, besonders die christliche, äußerst relevant ist.

Man sieht: es gibt hier einen ganzen Haufen konfliktgeladenen Stoff, den man in einem Film verwursten könnte, Anlagen für höchst dramatische Seelenkonflikte, großartige Bilder und tiefe Abgründe.

Der Film wird dessen nur teilweise gerecht.

Auf jeden Fall bietet er atemberaubende Bilder, voller Details und Emotionen, dazu tragen auch die wirklich hochkarätigen Schauspieler bei. Noah ist auch kein zahnloser, an Blumen schnüffelnder Plüschtiger, sondern ein raubeiniger, kraftstrotzender Ahnvater von Schrot und Korn.

Inhaltlich aber bleibt der Film hinter den bereits erwähnten Möglichkeiten.

Stattdessen entschied Aronofsky, was sich zugegebenermaßen ein bisschen anbietet, aus Noah und seiner Familie so eine Art Proto-Ökoterroristen zu machen, mit Gott als mächtigem Sprenggürtel. Sie sind nämlich allesamt Vegetarier, ja Veganer (Russel Crowe, äh, Noah erreicht sein beachtliches Kampfgewicht nämlich durch den Konsum präsintflutlicher Sojapräparate oder so) und halten Tiereessen für eine der zivilisatorischen Krankheiten, die der böse Rest der Menschheit betreibt, welcher schließlich, falls ich das zwischen all dem Geplärr und Gewusel richtig mitbekommen habe, sogar in den Kannibalismus mündet. (Zum Kannibalismus später mehr). Sie pflanzen einen magischen Wald aus dem gemopsten Samen aus dem Paradies, den sie dann für die Arche wieder abholzen – das hätte man noch vor 15 Jahren, als sich die grüne Angst auf das Waldsterben kaprizierte, kaum verkaufen können, aber der sterbende Wald von gestern ist ja der Rohstoff von morgen…

Damit ignoriert Aronofsky natürlich auch geflissentlich, dass Gott in der Bibel sogar explizit sagt, Noah solle von „allem essbaren“ mitnehmen, was im biblischen Rahmen ziemlich sicher Fleisch mit einbezieht, zumal Noah davon die Tiere füttern soll.

Dieses Problem wird beseitigt, da die Tiere sowieso in Narkose transportiert werden – gar kein dummer Einfall, denn der starke Realismus in dem der Film im Großen und ganzen gehalten ist, hätte die Frage aufgeworfen, wie Noah sonst verhindern hätte sollen, dass die Löwen sich unterwegs an den letzten zwei Antilopen gütlich tun.

Ähnlich also wie jeder extremistische Öko-Aktivist ist Noah davon überzeugt, dass die Menschen nicht zur guten Schöpfung gehören und dass Gott sie daher ausgelöscht haben möchte – mit der erfrischenden Ehrlichkeit, dass dies auch ihn und seine eigene Familie einschließe – ein Gedanke, der bei genannten Personen höchstens in der Form vorhanden ist, als sie sich als Opfer der Restmenschheit betrachten, die sie mit in den Untergang zieht. Kein Wunder also, dass Gott auch andere Pläne hat, Noah irrt sich und die guten Menschen dürfen weiterleben.

Diese Annahme Noahs führt aber dazu, dass Aronofsky seinen Hauptkonflikt um ein Problem aufbaut, das in der Bibel so nur zur Hälfte angelegt ist: Noah sieht sich gezwungen die Nachkommen der ursprünglich als unfruchtbar geltenden Frau seines Sohnes umzubringen, welche nicht nur unschuldig sind, sondern sein eigen Fleisch und Blut. Das ist selbstverständlich alles frei erfunden, aber nötig, um den bereits vorprogrammierten Konflikt eskalieren zu lassen.

Aronofsky gibt damit der Figur Noahs wesentlich mehr Tiefe: Der Mann ist so gut, dass er ein schlechtes Gewissen hat, gerettet zu werden – gleichzeitig fragt man sich, ob das nicht ohne die eigentlich unnötige Ökodimension auch möglich gewesen wäre.

Short story long: Ich wünschte, man könnte noch irgendwelche Filme machen, in denen es nicht um den Klimawandel geht…

Ein weiteres Problem, das aus dieser dem Zuschauer im Laufe des Filmes immer mehr auf den Senkel gehenden und alle Zeichen Gottes ignorierenden Haltung Noahs hervorgeht ist, dass sein pubertierender, Testosteron ausschwitzender Sohn Hem keine Frau mitnehmen darf.
Obwohl die blanke Not des Knaben, die nicht nur darin besteht, dass er sich etwas wünscht, was er sich seinen Eltern gegenüber zu formulieren schämt, dem Zuschauer ersichtlich ist, langweilt sie ihn irgendwann, weil, verdammt noch mal, Noah und seine Familie ein größeres Problem haben, als dass Hem nichts zum Vögeln kriegt.
Obwohl sein Wunsch eigentlich legitim ist, verbleibt er damit für den Rest des Filmes der trieb-gesteuerte Trottel, der einzige ernstzunehmende, da sich nicht nur durch Weinen, Kreischen und strenge Blicke artikulierende Zweifler am bärbeißigen Noah ist diskreditiert.

Sein Versucher aber, der Häuptling der Massentierhalter und Börsenmakler, ist so plump, so eindeutig böse, dass es albern erscheint, dass er ihm (zunächst) erliegt. Dabei wäre es durchaus interessant gewesen, Noah einen vernünftigen, intellektuell agierenden Gegenspieler zu geben, der zwar böse ist (ich mein, es ist schließlich Hollywood), der aber für den Zuschauer eine geistige Versuchung darstellt. Bei Aronofsky handeln aber alle aus dem Bauch heraus, oder von noch tiefer, das mag zwar der „Urtümlichkeit“ der Vorlage gerecht werden, ist aber auch für den modernen, westlichen Zuschauer etwas unbefriedigend, zumal Aronofsky ja auch im restlichen Teil des Filmes nicht davor zurückscheut, die Erzählung westlichen modernen Problem(vor)stellungen anzupassen. (Womit freilich nicht impliziert werden soll, dass nicht-westliche Personen nicht mit hohen intellektuellen Fähigkeiten begabt sind.)

Damit kommen wir zu einem Teil meiner Anmerkungen zum Film, der mich besonders frustriert hat, die Sache mit den gefallenen Engeln. Wie bereits erwähnt, ist die Stelle mit den Söhnen Gottes und den Menschenfrauen in der Genesis ziemlich unverständlich.
Das liegt daran, dass sie wahrscheinlich auf Erzählungen anspielt, die nicht zum biblischen Kanon gehörten, unter anderem auf den Ätiopischen Henoch.

Die Söhne Gottes nämlich, sind dort gefallene Engel und die Kinder, die sie mit den Menschenfrauen zeugen, sind riesenhafte, monströse Allesfresser, die von ihren armen menschlichen Eltern und Verwandten gemästet werden wollen – notfalls fressen sie diese nämlich auch einfach auf. Dieser größte Tabubruch, Kannibalismus, kommt auch im Film vor, wird aber von den hungernden Kapitalistenschweinen praktiziert, die rund um die Arche lagern.

Sogar Henoch, der Vater Noahs befürchtete, dass seine mächtig angeschwollene, schwangere Frau in Wirklichkeit einen solchen Giganten austrage, Methusalem (der auch bei Aronofsky der professionelle Deus ex Machina, eine Art biblischer Gandalf ist) überzeugt ihn von der Treue seiner Frau.

Die Urflut ist dann nicht nur die Auslöschung der fiesen Menschen, sondern die Auslöschung dieses kosmologischen Betriebsunfalles – der monströsen Folgen einer ungeplanten Vermischung des Göttlichen und Menschlichen (christliche Leser ahnen vielleicht, worauf ich hinaus will). Die sterblichen Hüllen dieser Giganten aber vergingen in den Fluten, die unsterblichen Seelen, für die es, da keine echten Menschen, keine echten Engel, keinen Platz gibt, überlebten den Vorfall und sind ab diesem Zeitpunkt die Dämonen, die noch zu Jesu Zeit versuchen, ihre Sehnsucht nach Körpern an den Menschen zu stillen, indem sie diese besetzen.
In der christlichen Interpretation wird ihnen Jesus gegenübergestellt, als glorreiche, gottgewollte Verbindung von göttlicher Abkunft und geschöpftem Körper. (Diese These wird z.B. in München von Prof. Lorin Stuckenbruck vertreten, in dessen Publikationen man noch mehr zum Thema finden kann – das nur am Rande.)

Zumindest für diesen letzten Teil dürfte Aronofsky sich nicht sonderlich interessiert haben. Dennoch ist es schade, dass er diese drastische, widersprüchliche und unterhaltsame Erzählung komplett verdreht und verkitscht in seinen Film integriert hat: die gefallenen Engel wollten den Menschen helfen, wurden ausgenutzt, zurückgestoßen und beschützen nun die Arche (vermutlich, um Anlass für noch eine Schlachtenszene zu bieten). Dieser selbstlose Akt führt dazu, dass sie von Gott heim geholt werden.

Vom Prinzip her habe ich ja gar nichts dagegen, dass solche Versatzstücke neu zusammengeschustert werden, das ist schließlich der normale Ablauf der Kulturgeschichte, traurig finde ich nur, dass Aronofsky damit wiederum eine Tür zuschlägt, die zu einer komplexeren Betrachtung geführt hätte:

die Erzählung von den gefallenen Engeln nämlich ergänzt die Noah-Problematik um eine weitere Dimension: in ihr sind nicht ausschließlich die Menschen selbst Schuld an der Existenz des Bösen, es gibt da ja noch die Engel. Oder sogar Gott, der es zulässt und vielleicht sogar schickt – ein Gedanke, der im Rahmen der biblischen Erzählung immer wieder aufkommt, aber ebenso immer wieder verworfen wird beziehungsweise werden muss.

Das hingegen, passend zur grünen Veggie-Ideologie, kann gar nicht sein, dass es irgendetwas gibt auf der Welt, was nicht vom Menschen ausgeht und daher muss er schuld, allein schuld sein.

Er allein macht das Böse, aber, und hier wird es problematisch: wenn er allein das Böse macht, macht er auch das Gute.

So wird aus einer komplexen Geschichte, die letztlich die Allmacht Gottes und die Ausgesetztheit des Menschen, zeitgleich aber auch Gottes Liebe, die Unwahrscheinlichkeit seiner Milde und die menschliche Schaffenskraft und Güte formuliert, ein Spektakel in dem es letztlich nur um die Vorstellung geht, dass der Mensch kraft seiner Entscheidung das Weltgeschehen in der Hand habe. Das Original, die Bibel und die Apokryphen zeichnen zusammengenommen die tiefe Verunsicherung, Verstörtheit und dennoch das hoffnungsvolle Bild einer Menschheit, die das Böse sich einerseits gegenübergestellt sieht und es zeitgleich in sich selbst fühlt, Aronofsky verfällt hingegen in plumpe Menschheitsschelt.

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7 Kommentare

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7 Antworten zu “Leicht verspäteter Kommentar – Noah (Darren Aronofsky)

  1. Nach Gen. 1, 29f sind die ersten Menschen Vegetarier. Erst nach der Flut bekommen Noah plus Nachkommen die Erlaubnis Fleisch zu essen. (Gen. 9, 3-5). Es ist logisch, dass dann die Guten aus Noahs Sippe sich daran halten, und die Kains-Erben sich ihr eigenes Gulasch-Süppchen kochen.
    Da kann jetzt der Veggie-Noah als überzeichnet angesehen werden, aber er hat ein gewisses biblisches Argument auf seiner Seite.
    Drehbuchautor/ Regisseur Aronofsky ist Jude. An seinem Umgang mit den Texten finde ich die Art der jüdischen Auslegung wieder: So viel wie möglich aus den Texten zu schließen. (Bei Ham und dem Frauenproblem finde ich eine gewisse Inkonsequenz.)
    Daher hat er natürlich auch kein Interesse an einer christlichen Interpretation.

    • Nach Genesis 1,29 müssen theoretisch auch alle Tiere Vegetarier gewesen sein, ganz abgesehen davon, dass Gott sich kein bisschen über das Tier-Brandopfer Kains beschwert, es interessiert ihn offensichtlich bloß nicht.
      Nebenher erfindet Herr Aronofsky einen ganzen Haufen zusammen, den er nicht aus der Bibel abgeleitet haben kann, z.B. ignoriert er die Stelle mit den Vorräten für Mensch und Tier, erfindet stattdessen die Betäubung der Tiere, die Belagerung der Arche, die Unfruchtbarkeit, Schwangerschaft und Zwillingsgeburt der Frau Sems sowie die ständigen Interventionen Methusalems.
      Zu guter letzt: Ich hab ja gesagt, dass ihm die christologische Interpretation des Ägyptischen Henoch egal gewesen sein dürfte… Die Plattisierung der Problematik um das Böse hingegen ist nicht besonders jüdisch…

      • Natürlich müssen die Tiere das gewesen sein.
        Und m. E. ist eine Menge (nicht das Meiste!) phantasievolles Stopfen von Lücken, die der Text lässt.
        Er ignoriert auch und …- ach, kurz gesagt: er macht das Ganze massentauglich und actionlästig. Wer will schon 40 Tage Regen sehen? ;) Und iIn eine rabbinische Thoradiskussion kriegt man auch weniger Zuschauer.
        ich finde de Film jedenfalls ein interessantes Experiment. Und ich bin gerne drin gewesen. :)

  2. Pingback: Leicht verspäteter Kommentar – Noah (Darren Aronofsky) | theolounge.de

  3. „Die“ Bibel existiert mangels Urtext, liturgisch uneinheitlicher Kanonisierungen, bzw. auch Übersetzungen, nicht. Schriften gibt es ca. 100 auf der Erde. . Mythenvergleich, Mythenkritik, die xte bemühte Rekonstruktion eines Nichtgeschehenem macht Inhalt psychologisch-juristisch nicht glaubhafter.

  4. @Raschelmaschine,. die paradoxe Antwort, ohne Silbenverstand passt durchaus zum Eingangsartikel, Ohne Urtext, Urkunden, Urheberpersönlichkeit, fehlende Genetik, Biometrie, ohne Sachverhalt,postmortum vorhersehend, ist keine Wahrheit. Schwache Gene sind nciht böse. Untersuchung von Stoffen ist relevant. Zum Seegang ist die Weltorganisation für Meteorologie Homepage | WMO http://bitly.com/PMv2Kn relevant. Wege finden sich mit GPS auch für den Gang im Erzbergbau, samt Milchstraße. Hirnströme misst der Arzt, per EEG Elektroenzephalographen, auch MEG Magnetoenzephalographie. Es nutzt aber nichts, bei Fremd-, Autosuggestion (Pawlowscher Hund).

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