Religionspädagogen zum Abgewöhnen – eine Typologie

Mein immer wiederkehrendes Credo was die religiöse Sozialisierung angeht ist, dass vermutlich mehr Gläubige von Priestern, Pastoral-/Gemeindereferenten und Religionslehrern zu Atheisten gemacht wurden, als Richard Dawkins und Konsorten es je vermögen werden.

Dabei spreche ich nicht unbedingt von den berühmten Ohrfeigen für die intelligenten Zweifler und Fummeleien im Beichtstuhl (ich habe keine Ahnung, warum die Pädophiliekramer ihre schmutzigen Phantasien immer auf den Beichtstuhl richten, der für derlei Übergriffe denkbar ungeeignet ist…). Ich spreche von den pädagogisch überbildeten Kinderfreunden…

Manch einer mag mir hier Nestbeschmutzung vorwerfen, aber man behalte im Hinterkopf: man kann von der eigenen Empörung auch immer was lernen.

Da draußen gibt es eine große, große Menge von Religionslehrern, Pfarrern in der Jugendarbeit und Pastoral-/Gemeindereferenten, die sich ehrlich und bemüht einen abzappeln und nicht in die hier geschilderten Klischees verfallen.

Und es gibt die wandelnden Klischees, beziehungsweise deren Kombinationen…

DrillInstructor

1. Der Drill-Instructor (vom Aussterben bedroht)

In so gut wie jedem Film über katholische Kindheiten gibt es den Religionslehrer/Pfarrer vom Typ Drill-Instructor. Er geistert durch Astrid-Lindgren-Verfilmungen und Alpenkrimis, er unterrichtet in den Gymnasien der 60ger-Pennäler-Kommödien und den Missionsschulen der Hollywood-Filme. Heute gibt es ihn beinahe gar nicht mehr, weil sich bereits herumgesprochen hat, dass sein Vorgehen für das Formen eines erwachsenen Glaubens denkbar ungünstig ist.

Für ihn ist Religion Religion im Wortsinne, nämlich das genaue Befolgen von Regeln und Bräuchen. Und diese Regeln und Bräuche muss man kennen. Wörtlich. Auswendig. Um drei Uhr morgens. Betrunken. Auf einem Kasernenhof im Schneesturm.

Seine Methode hat den unweigerlichen Vorteil, dass die Schüler anschließend tatsächlich etwas über ihre Religion wissen, im Gegensatz zu manchen modernen Religionspädagogen, die auch die Antwort, Abraham sei der erste Innenverteidiger von Maccabi Tel Aviv gewesen, akzeptieren würden, wenn ein Schüler das so empfindet.

Gleichzeitig hat es aber auch zur Folge, dass zweifelnde Schüler nicht zu Wort kommen. Kommen sie zu Wort, werden sie meist heillos enttäuscht, weil so ein Lehrer nun einmal überhaupt keine Handhabe, keinen Ansatzpunkt für derartige Anliegen hat, so wie ein Großteil der Mathematiklehrer keine Handhabe für Fragen hat, die die Gesetze der Mathematik bezweifeln (und glaubt mir, auch in Mathe kann ein Schüler von so etwas sehr enttäuscht werden…).

2. Die-mit-der-Gitarre-tanzt

GitarreTheologie ist für alte Männer, die gar nicht verstehen, worum’s im Glauben geht. Im Glauben geht’s nur um SIE. Äh. Also nein, es geht um IHRE Musik. Also nein, es geht um Musik. Nein. Um Gefühle. Es geht darum, dass man das ganz innen drin fühlt, wenn SIE AUF IHRER GITARRE SPIELT.

Die-mit-der-Gitarre-tanzt ist jederzeit bereit, wie die Hauptfigur eines Disney-Films in spontane Arien auszubrechen, die sie dann kompetent mit den Akkorden zu „Gott ist nur Liebe“ begleitet. Mehr kann sie auch meistens nicht, außer natürlich „wind of change“, was ihr dieser süße Typ auf der Kolping-Freizeit damals beigebracht hat.

Ach, die Kolping-Freizet. Ihr Leben ist eine ewige Kolping-Freizeit.

River’s deep, and mountain so high… und jetzt: BLOCKFLÖTENSOLO!!!

Beinahe hat man ja den Eindruck, sie versuche mit ihrer betonten Einfachheit und Gefühlsduselei einen Mangel, sowohl an theologischer Kompetenz, als auch an Musikalität zu verbergen, ja, sie habe quasi die perfekte Nische gefunden, in der sie, obwohl sie es niemals auch nur ins Schulorchester geschafft hätte, trotzdem andauernd von Berufs wegen singen, spielen, tanzen und malen darf und keiner kommt ihr aus: schließlich ist ästhetische Kritik da nicht angebracht, wo’s um echte, tiefe religiöse Gefühle geht und die kindliche Einfalt durch Jesus höchst persönlich legitimiert worden zu sein scheint.

Selbst die Tatsache, dass die lieben Kleinen, auf die der ganze Zirkus ja pro Forma abspielt, spätestens im Alter von 12 Jahren nur noch im Erdboden versinken wollen, lässt sich wegflöten: Sie wurden eben von den ästhetischen Ansprüchen künstlichen Leistungsanforderungen der Turbogesellschaft verfälscht und müssen echten, natürlichen Glauben erst wieder lernen… Und wer wäre da besser geeignet?

3. MC Quatschkopf Obercool

Spätestens, wenn die Trulla mit ihrer Gitarre aufgegeben hat, tritt er auf den Plan: der ewig 18-jährige.Coolquatsch

Er versteht: Wenn Du zu den Jugendlichen durchdringen willst, dann musst Du Dich halt auf ihre Ebene begeben, ja: Du musst ihr Buddy sein.

Zunächst mal: er ist einfach nicht so der Typ, der will, dass man irgendwas lernt, äh, auswendig lernt, das ist doch alles bullshit (hier: kunstvolle Pause einlegen, damit die Jugendlichen merken, dass man genau wie sie flucht), von daher: Ihr könnt einfach Quatschkopf und „Du“ zu ihm sagen. Und: die Bücher braucht ihr auch nicht. Das hier ist sowas wie „Der Club der toten Apostel“. (hier: kunstvolle Pause, wegen der Popkultur-Referenz).

Zugegebenermaßen: wenn einem das ganze Religion-Ding eh ziemlich egal ist, dann kommt man gut aus, mit Herrn Obercool, was hauptsächlich daran liegt, dass er den Eindruck vermitteln will, dass in der Religion auch alles voll cool ist, um nicht zu sagen: beliebig.

Also: holt mal eure Blöcke raus und dann verfasst ihr in Zweiergruppen euer persönliches Glaubensbekenntnis. Oder auch Nicht-glaubensbekenntnis. Das überlässt er ganz euch, er ist da ja nicht so.

Wie jetzt? Eine sechzehnjährige findet, dass die Texte und Ansichten ihrer religiös frischgeschlüpften Klassenkameraden überraschenderweise nicht die Aussagekraft beinahe zwei Jahrtausende Jahre alter, gewachsener und von den größten Köpfen ihrer Religion ausgeformter offizieller Texte entwickeln? Die soll mal runterkommen man. Die ist doch noch jung. Verknöchern kann sie auch, wenn sie schon alt ist. Ich mein, ich seh das schon ein, sie hat schon recht.

Der siebzehnjährige sagt, die Kirche ist nur ein Verein, in dem sich Pädophile verstecken können? Kann man so sehen, finde ich. Haha. Versteh ich voll. Jetzt reg Dich mal ab, man, ich bin doch auf Deiner Seite, ey!

Vom Prinzip her sind alle Jugendlichen, die ihm offen widersprechen und spätestens nach dem dritten „Ich seh das genau wie Du ey, Du machst Dein Ding schon und der da Oben ist letztlich der, der entscheidet“, aus der Haut fahren, eine persönliche Beleidigung für ihn: Erstens ist er ja selbst ein Jugendlicher und weiß, wie Jugendliche so sind, zweitens ist sein ganzes Handeln auf das Ausweichen vor Konflikten geeicht: für eine offene Diskussion, bei der am Ende herauskommen soll, dass eben nicht alle ein bisschen recht haben können, fehlt es ihm an Kraft. Vielleicht auch, weil man mit Mitte 40 nicht mehr das ganze Wochenende auf dem Motorrad cruisen kann, um dann bis halb drei Arbeiten zu korrigieren…

 

4. Papa Bär

PapabärPapa Bär ist ehrlich besorgt um Dich. Immerzu. Er merkt sofort, wenn er glaubt, dass es Dir nicht gutgeht. Und er kann Dir helfen.

Ganz ehrlich. Du kannst mit Allem zu ihm kommen. Das verlässt auch diesen Raum nicht. Er kennt auch die Stellen und die Leute, an die er Dich weiterleiten könnte.

Wie, Du hast kein Problem? Auch das kann Papa Bär lösen, er fragt Dich einfach so lange, was los ist, bis er eines findet.

Und: Papa Bär begrabbelt Dich gerne. Nicht sexuell, keine Sorge, Papa Bär hat in irgendeinem Seminar gelernt, dass es Nähe erzeugt, wenn man andere während des Gespräches am Arm, an der Schulter und am Rücken streichelt.

Wie, Du wirst nicht gerne von Fremden angefasst? Ihr solltet darüber sprechen, wieso das so ist, ihr könnt über alles sprechen, Papa Bär und Du. Ist Dir vielleicht mal was Schlimmes passiert, in der Vergangenheit? Hat Dich jemand mal falsch angefasst? Wieso kannst Du keine Nähe zulassen?

Dein Verhältnis zu Deiner Schwester? Schwierig, jaja, er weiß wie das ist. Er kannte mal jemanden, der hatte auch eine Schwester. Dem ist er beigestanden, in dieser Zeit, oh, wie Papa Bär beistehen kann, mit seinem besorgten Blick und seinen grabbeligen Fingern! Beinahe hat man ja das Gefühl, Papa Bär ist richtig heiß, auf Probleme und Sorgen. Papa Bär sucht das echte Leben, das tiefe Drama, in dem er der Held sein kann, oder noch besser: der treue Freund des Helden!

Papa Bär hat ein Elendsalbum unter dem Bett, da klebt er ein Bild jeder Seele ein, die er gerettet hat. Das ist es nämlich, was Christen so tun. Das ist gelebte Nächstenliebe!

Also wenn Du keine besorgten Anrufe zu Hause haben willst, wenn Du keine mitleidigen Blicke und Privatsitzungen von Papa Bär haben willst, dann begehe bloß nicht den Fehler, Dich ihm zu öffnen. Andererseits weiß Papa Bär sowieso, was Dir fehlt. Keiner ist sicher, vor der Nächstenliebe von Papa Bär.

 

5. Der GuruGuru

Er macht sich die Welt, widewidewie sie ihm gefällt. Er hat ein Haus, ein kunterbuntes Haus, das ist möbeliert mit Kram vom Mc-Doofkopf und Papa Bär. Und er kommt Dich holen.

Der Guru züchtet sich über die Jahre hinweg sein eigenes kleines religiöses System, in dem er so etwas wie der Apostel seiner Schule/Gemeinde/Organisation wird. Dabei ist er nicht nur der besteste Freund aller seiner Anhänger, nein, auch seine theologischen Überzeugungen, die er zu verbreiten nicht zurückschreckt, müssen nicht mehr viel mit denen der Organisation zu tun haben, die ihn eigentlich ausgebildet hat.

Im Endeffekt ist er die erleuchtete Stufe aller vorher genannten Pädagogen (mit Ausnahme des Drill-Instructors), denn er hat genau das geschafft, was diese sich so tief wünschen. Er hat einen Haufen Freunde unter 25. Das mag auf Glück, Charisma oder genügend Elan zurückzuführen zu sein, in jedem Fall aber macht es ihn zu einem höheren Wesen. Wie der entrückt grinsende Buddha sitzt er, in Lederjacke und Röhrenjeans in den Notenkonferenzen und Jugendausschüssen und weiß, dass seine Anhänger und Diener ihm zuarbeiten.

Doch wo Licht ist, ist auch Schatten und wo Mc-Doofkopf ein bisschen eingeschnappt ist, erntet man vom Guru mehr so etwas wie einen heiligen Zorn kombiniert mit der sozialen Hinterhältigkeit einer englischen Gesellschaftsdame des viktorianischen Zeitalters. Bis man merkt, in welchen Ausschüssen und Vereinen er die Finger im Spiel hat, ist es auch schon zu spät, um noch irgendwo Fuß zu fassen, ja, er ist beängstigend und der einzige Weg, vor ihm zu fliehen ist es, die Kinder- und Jugendarbeit ganz zu verlassen. Denn die religiösen Spezialisten, die sich für Erwachsene interessieren, können ihn komischerweise meist auch alle nicht leiden oder halten ihn zumindest aus ihrem Kram raus.

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6 Kommentare

Eingeordnet unter Gedanken zur Praxis der katholischen Kirche, Kritik zu katholischen Themen, Uncategorized

6 Antworten zu “Religionspädagogen zum Abgewöhnen – eine Typologie

  1. cundar

    Griffige Typen, die ich so auch kennenlernen durfte. Der „Guru“ teilt seine Eigenschaften jedoch mit vielen Sozialpädagogen und „angewandten Sozialwissenschaftlern“ die ich kenne. Insbesondere der Charakterzug der „sozialen Hinterhältigkeit einer englischen Gesellschaftsdame“ fällt mir auf. Eine treffende Beschreibung!

    Zum Drill-Instructor fällt mir auch eine – wahre! – Anekdote ein, die weniger typisch ist aber doch unterhaltsam. Es war in der siebten Klasse, als wir einen eigentlich recht jungen, in vollem Kraft und Saft stehenden Lehrer erhielten, der jedoch recht bieder und grau daher kam. Wir, ein Haufen von knapp 30 pubertären Jungs hatten zu diesem Zeitpunkt ein Poster eines leichtbekleideten Pop-Sternchens an die Pinnwand gegenüber des Lehrerpults festgemacht. Als er nun den Unterricht begann, musste er zwangsweise das Poster anschauen. Um es kurz zu machen: Erektion.
    Großes Getuschel in der Klasse, danach Gekichere, Räusperer die nach „Ständer“ klungen sowie hin und wieder Gepruste. Die Lehrkraft blickte verwirrt in die Runde, wurde rot und trat den Rückzug hinter das Lehrpult an.
    Dergleichen ereignete sich zwar nicht mehr aber den dadurch erreichten Titel bekam er auch nicht mehr weg: Mr. Ständer. Schüler sind grausam. Vielleicht unnötig aber den verlorenen Respekt versuchte sich der Pädagoge durch Härte wieder zu erlangen. Der Posten war aber verloren. Er wechselte dann aber aus anderen Gründen die Schule. Danach bekamen wir – mit neuer Klassenzusammensetzung – einen Typ „Papa Bär“ (Die Zeichnung ist fast ein Protrtät) der sich deutlich würdevoller benahm als oben geschildert. Bis auf Mandalas und „Meditationsmusik“ von der CD. :P

    • Aber natürlich sind Schüler gemein zu Lehrern, das ist gar keine Frage! Und der arme Mr. Ständer kann einem schon ein wenig leidtun :D
      Ach, die ewigen Mandalas. Wenn man uns wenigstens gesagt hätte, in welcher Tradition die Herren Pädagogen sich da bedient haben.
      Bei vielen dieser Typen stört es mich, dass sie denken, man müsste Schüler ins Lernen hieneintricksen, indem man seine pädagogischen Absichten hinter irgendwelchen Spielchen versteckt. Das funktioniert leider nicht bei allen Schülern ;)

  2. Pingback: Religionspädagogen zum Abgewöhnen – eine Typologie | theolounge.de

  3. Predigerseminar, Thema Religionspädagogik. Doch, ja, unsere Ausbilderin war kompetent. Allerdings auch unglaublich……..unglaublich eben. Morgenandacht. Sie zückt ihre Blödflocke. Und wir müssen einen Kreistanz machen….gaaaaaaaaaaa……! was ich meine ist: Manchmal liegen religionspädagogische Kompetenz und Peinlichkeit auch haarscharf nebeneinander.

    • Definitiv, ja. Oft sinda uch Umstände schuld, für die der Pädagoge gar nichts kann: ich betreute jahrelang eine Ministrantengruppe mit Kindern zwischen 10 und 16. Der Effekt: die eine Hälfte war oft unter-, die andere überfordert…
      Danke übrigens, dass Du den Weg auf meinen Blog gefunden hast :)
      Ich hab Deinen Artikel über die „Freien Radikalen“ gelesen. Gar nicht so uninteressant, wie ich meine, zumal in der katholischen Kirche sowas ähnliches eigentlich sogar gegeben wäre: die Orden, die Wallfahrtsorte und die Gottedienste in den großen Innenstadtkirchen, Hochschulgemeinden etc. bieten eigentlich solche „freien“ Anlaufstellen.
      Das nehme z.B. ich auch wahr, weil ich mich in der Gemeinde öfter mal ein bisschen unwohl fühle.

  4. Man muss sehr vorsichtig sein bei Nummer 4, sonst verwechselt man Papa-Bär mit Pedo-Bär.

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