Aktueller Anlass: wieso #YesAllWomen und #NotallMen in Wirklichkeit #AllPeople heißen müssten

Durch den Amoklauf des 22-jährigen Elliot Roger tobt die Twitterschlacht zwischen angestochenen Feministinnen, die sich bereitwillig in ihrer Opferrolle aalen und selbsterklärten Gentlemen, die den empörten Heiligen mimen.

Die eigentliche Katastrophe hingegen geht unter all dem Geplärr verloren.

Nicht nur die Todesopfer, nein, auch, dass die verquasten Theorien dieses jugendlichen Spinners durch den Diskurs bestätigt scheinen: wo eigentlich Solidarität, gegenseitiges Trösten, ein gemeinsames Hinwenden zu den Opfern von Misogynie stehen sollte, kommt es zu einem virtuellen Kampf der Geschlechter.

Dabei vergessen beide Seiten, dass ein schlechtes Frauenbild ein schlechtes Männerbild bedingt – und umgekehrt; wenn Frauen nur da sind, um Männer zu befriedigen, sind Männer armselige ihren Trieben ausgelieferte Würstchen. Wenn Frauen zickige selbstverliebte Regentinnen sind, sind Männer kuschende Pantoffelhelden.

Nein, es ist gewiss auch nicht richtig, dass die Zeitungen mit großem Elan zur Pathologisierung des Täters schreiten. Pathologisch ist nur die außergewöhnliche Gewalttätigkeit, das Ausmaß, seine Haltung hingegen hat nichts mit eventuellem Asperger zu tun.
Seine Haltung, dass er als Mann ein Anrecht auf eine Frau hat, wenn er sich entsprechend verhält, hat erstens damit zu tun, dass wir nach wie vor für BEIDE Geschlechter ein beschränktes Rollenkontingent anzubieten haben, dass sich zudem bei BEIDEN Geschlechtern hauptsächlich über das Verhältnis zum anderen Geschlecht definiert. Wer das, was medial als „erfüllte Sexualität“ bezeichnet wird, nicht erreicht, scheitert grandios an den gesellschaftlichen Anforderungen, für ihn gibt es keine Kategorie, außer der „aussortierten Spreu“, man ist unvermittelbar, ausgeschlossen, vereinsamt.

Seit Lebensentwürfe wie Klöster immer mehr zurückgedrängt und lächerlich gemacht, ja pathologisiert werden, nimmt diese Problematik sogar noch zu.

Zweitens hat es aber auch damit zu tun, dass wir zunehmend Sex (im Sinne von: Geschlechtsverkehr) zu einem Aspekt machen, der in jedem Bereich unseres Lebens eine Rolle spielt. Sex ist ein Statussymbol, wie ein Auto, ein Job. Ein Leben ohne Sex ist ein gescheitertes Leben, eine Beziehung ohne Sex ist lieblos. Demnach ist es, mit einer (begehrenswerten) Frau „einfach nur befreundet zu sein“ , eine Degradierung des Mannes und ein Anzeichen für die moralische Verkommenheit der Frau, die dessen großartigen Charakter nicht zu schätzen weiß oder ihn sogar ausnutzt.

Innerhalb weniger Jahrzehnte haben wir es geschafft, von einer Gesellschaft, für die Geschlechtsverkehr ein Tabu war, in eine Gesellschaft zu wechseln, in der Jungfräulichkeit eine Schande ist. Briefe besorgter Mädchen und Buben an Dr. Sommer, die mit 14 und 16 „noch“ Jungfrau sind, sprechen diese Sprache ganz deutlich. Dabei geht es nicht dringend um bedeutungs- und bindungslosen Sex, sondern auch um das Gesamtpaket „Beziehung“ als soziale Trophäe.
Damit impliziere ich keineswegs, dass wir zurück zu einer Situation kommen sollen, in der man gar nicht mehr über das Thema spricht. Ich meine nur, dass es Gebiete gibt, in denen Wettbewerbsdenken und sozialer Druck eigentlich nichts zu suchen haben sollten. Eine Meinung, die die Kirche durchaus teilt.

Eventuell sollten sich in Folge dieses tragischen Vorfalls lieber beide Geschlechter zusammentun und darüber nachdenken, ob man nicht über eine gemeinsame Neuformulierung des gemeinsamen Verständnisses von sexuellen Beziehungen sprechen sollte, statt sich jeweils als Opfer des anderen zu inszenieren und dabei ganz zu vergessen, dass man Sex und/oder Beziehungen eben auch nicht alleine hat. Eine solche Haltung würde vermutlich auch beiden Genderrollen nicht schaden.

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