Gegen Quacksalber hilft der Heilige Bimbam

Ab und an, wenn ich mein Missbehagen gegenüber „alternativer Medizin“ äußere, besonders der Hochpotenzhomöopathie, werde ich gefragt, wie ich eigentlich so mit zweierlei Maß messen könne. Nicht nur glaube ich an die vollkommen unbeweisbare reale Existenz meines allmächtigen imaginären Freundes, sondern auch an Wunder, schließlich sei ich auch katholisch.

Nun ist bereits das mit den Wundern so eine Sache: ich möchte sie, ebenso wenig wie die Existenz von Geistern oder Dämonen oder sonst irgendwas vom Prinzip her ausschließen. Und es gibt Wunder der Kategorie, welche zu glauben mir unerlässlich erscheinen, zu denen ich mich bekenne (beispielsweise die Auferstehung) und Wunder jener Kategorie, die an die Gespenstersache eher heranrücken – wie z.B. die Heilungen in Lourdes. Überzeugt zu sein, dass Gott mit seinen Wundern mehr als sparsam ist, ist mir als Katholik absolut erlaubt, dass er sie aber wirken kann ist eine logische Konsequenz daraus, dass er personal und allmächtig ist.

Ja, ich gehe sogar, wenn es sich einrichten lässt und hole mir den Blasiussegen und es gibt mir ein gutes Gefühl, obgleich ich bisher nicht die geringste Wirkung feststellen konnte.

Wenn ich also diese grauseligen Überzeugungen aus dem finstersten Mittelalter teile, wie möchte ich dann ausschließen, dass z.B. Zuckerkügelchen oder Reiki-Therapie gegen die Masern helfen? Gar nicht. Damit kommen wir nämlich zum zweiten Punkt:

So lange der Reiki-Meister und der Feng Shui-Berater zugeben, dass ihre Therapien über Entspannung, Zuwendung, Ästhetik und Placebo funktionieren, habe ich damit nicht das geringste Problem. Im Gegenteil, ich finde es tragisch, dass „Placebo“ immer noch als Schimpfwort für „uneigentliche“ und „betrügerische“ Medizin benutzt wird. Ich denke, wenn Placebos wirken, dann sollten sie auch als medizinische Methode verwendet werden und das werden sie auch, z.B. legen Studien nahe, dass Patienten schneller gesunden, wenn ihr Arzt einen weißen Kittel trägt oder Spritzen mit dem gleichen physischen Effekt wie Pillen dennoch eine stärkere Wirkung zeigen. Ich finde nichts dabei, wenn Epileptikern zur Reduzierung ihrer Medikamentierung „Einschlafrituale“ nahegelegt werden oder Personen mit chronischen Schmerzen zur Klangschalentherapie geschickt werden. Alternative Heilangebote dürfen nicht aufgrund ihrer rein psychosomatischen Wirkungsweise abqualifiziert werden. Abqualifiziert werden dürfen sie aber, wenn sie eine nicht nachweisbare physikalische oder chemische Wirkungsweise für sich beanspruchen.

Nun stellen sich aber die Matrix-Transformierer und Chakrenheiler hin und tun genau das – etwas, was die Kirche mit ihrem Blasiussegen oder ihren Bitten für gedeihliches Wetter niemals tun würde (zumindest nicht im Mainstream): sie argumentieren in wissenschaftlichem Habitus.

Da wird auf Teufel komm ‚raus in den düsteren Schubladen der Naturwissenschaft gewühlt, am liebsten da, wo die Wissenschaftler selbst nur Hypothesen aufstellen können und immer noch im Dunkeln tappen: Quantenphysik, Biogenetik, Strahlenforschung beispielsweise.
Dabei erscheint die „Wissenschaft“ der alternativen Heiler so wahnsinnig plausibel, weil sie eben nur das ist, was sie sich selbst aus ihrem sporadisch angelesen naturwissenschaftlichen Wissen zusammenreimen: was sich jemand ausgedacht hat, wirkt eben schlüssiger, als die verwirrende, dunkle Realität.
Hochpotenzhomöopathie wird beispielsweise gerne mit Quantenmechanik begründet, wie genau, erspare ich nun dem geneigten Leser. Für mich war der Schluss aus diesen Ausführungen das Folgende: würde sie wirklich so funktionieren, dann müssten wir sie aus dem Verkehr ziehen, weil wir gar nicht richtig nachvollziehen können, was wir da anrichten, schließlich verstehen wir viel zu wenig von Quantenphysik, selbst die Quantenphysiker.

An dieser Stelle möchte ich allerdings Phytotherapie und Teile verschiedener Naturheilkunden ausschließen: dass ich ohne Blasentee keinen Winter überleben würde steht auf einem ganz anderem Blatt – hier sind aber auch chemisch wirksame Stoffe nachweisbar und es stellt sich keiner hin, der mir erklärt, dass der Tee auf meine Astralblase wirkt.

Was aber macht nun die Kirche mit ihrer Anna Maria Gallo anders? Sie lässt bewusst offen, wie und wieso die Schwester möglicherweise Unfruchtbarkeit heilen konnte. War es möglicherweise einfach Placebo, kann ihr das auch Recht sein: vielleicht ist sie letztlich eine der führenden Hüterinnen de Placebo, weil sie eben am besten weiß oder wusste, wie man es macht. Möglicherweise hat ja auch doch Gott seine Finger mit im Spiel, vielleicht wirkt er ja auch über Placebo, aber sie versucht nicht, erstens den Nimbus wissenschaftlicher Argumente für sich auszunutzen, zweitens wissenschaftlich falsche oder ungenaue Thesen zu verbreiten, oder gar für sich zu beanspruchen, die wahre Wissenschaft zu hüten, die von der Naturwissenschaft und der „Schulmedizin“ unterdrückt werde.

Im Gegenteil: konfrontiert mit einem Wunder neigt die Kirche eher dazu, so lange nachzuprüfen, ob es nicht vielleicht eine den Naturgesetzen folgende Erklärung gibt, bis sie eine solche findet – oder eben nicht. Ebenso wenig käme sie auf die Idee, Fahrten zu Wallfahrtsorten von der Krankenkasse bezahlt haben zu wollen – eine Forderung die gerade in der gesellschaftlich aus mir völlig schleierhaften Gründen so anerkannten Homöopathie nicht unüblich ist.

Letztlich gibt die Kirche zu, dass sie auf den Körper nur über die Seele wirken kann und dass die beiden auseinanderzuhalten bei einem lebenden Menschen schlechterdings unmöglich ist. Dass wir uns in bestimmten Situationen krankdenken oder gesundbeten können, erkennen beide, sie und die Naturwissenschaft an.

Dafür braucht sie keine Gottdrüse zu erfinden.

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4 Kommentare

Eingeordnet unter Gedanken zur Praxis der katholischen Kirche, Zu allgemeiner Religionskritik

4 Antworten zu “Gegen Quacksalber hilft der Heilige Bimbam

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  2. Nepomuk

    >>Überzeugt zu sein, dass Gott mit seinen Wundern mehr als sparsam ist, ist mir als Katholik absolut erlaubt.

    Das ist richtig; es ist erlaubt.

    Nur: ist es sinnvoll?

    Wenn man einmal überhaupt das szientistische Dogma verworfen hat, daß es Wunder nicht gebe, dann – so könnte man sagen – „sinkt die Hemmschwelle“; wieso sollte man da auch nicht mehr annehmen. Ganz einfach je nach Beweislage.

    Zumal wir ja durchaus wissen, daß Gott auch die natürlichen Vorgänge lenkt, und zwar nicht für die Heiligsprechungskongregation, die gewissermaßen gerichtsfeste Beweise braucht, aber sonst für jeden Gläubigen eine ggf. unwahrscheinliche glückliche Wendung nach einem Bittgebet, die natürlich durchaus erklärbar ist, durchaus in eine ähnliche Kategorie gehört… man könnte ganz nüchtern sagen, das sei jetzt halt kein hundertprozentiges Wunder, sondern ein achtzigprozentiges.

    (In diesem Sinne: man frage einmal schlampige Katholiken nach dem hl. Antonius.)

    Wobei auch die hundertprozentigen Wunder zwar ohne Zweifel nicht alltäglich sind; aber alle bekannten Fakten (sofern man sie nicht aus szientistischer Haltung heraus einfach verwirft) deuten darauf hin, daß sie durchaus weit öfter vorkommen als alle biblischen Zeiten einmal.

    —–

    Langer Rede kurzer Sinn:

    im übrigen völlige Zustimmung.

    • Wenn man die Definition eines Wunders lediglich auf dessen Zeichenhaftigkeit reduziert – wie das z.B. durchaus Thomas von Aquin unterstellt werden könnte (der klassifiziert Wunder in Wunder außerhalb der Naturgesetze – also z.B. die jungfräuliche Empfängnis, Wunder innerhalb der Naturgesetze, aber außerhalb der Wahrscheinlichkeit – also z.B. Schnee im Juli und gewöhnliche Wunder – z.B. wenn eine Uhr im „passenden“ Moment stehen bleibt und sagt: ein Wunder ist das, worüber die Menschen sich wundern….), dann freilich geh auch ich nicht davon aus, dass Wunder unglaublich selten sind.
      Aber die Wunder, die außerhalb der Natur sind, die für selten zu halten heißt noch lange nicht, dass man der protestantischen, bzw. frühchristlichen Idee des Endes der Wunder anhängt. Oder da auch nur Gefahr läuft. Die sich schnell erhitzende Verehrung für diese heilende Nonne und jenen frommen Mann mit Stigmata nimmt hingegen gelegentlich bedenkliche Ausmaße an. Da gibt es Leute, die lieber die Kirche verlassen als anzuerkennen, dass die Kirche ihre LIeblingsnonne nicht für heilig hält…
      Es ist eben ein zweischneidiges Schwert.

      • Nepomuk

        Die Unterscheidung kannte ich nicht, interessant. In dem Fall meinte ich in der Tat vor allem die Wunder innerhalb.

        Wobei die Grenze angesichts der quantenmechanischen Zusammenhänge sowie dem, daß die Medizin bei vielen Krankheiten mit der Möglichkeit einer sonst nicht erklärten Spontanheilung rechnet, etwas verwaschen sein dürfte.

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