Pfingsten – heute ist ein guter Tag für heiligen Zorn

Eine der Lieblingsgeschichten meines Vaters ist die Erzählung über den Custus einer katholischen Domkirche in Bayern. Der Mann, in Uniform – Gehrock, Schiffhut, schritt während des Gottesdienstes den Vorraum ab, als eine Japanische (?) Reisegruppe die Kirche betrat.

So weit so gut. Jedoch begann der Gruppenleiter dann, lautstark die Örtlichkeiten zu erläutern. Der Custus ging auf sie zu und sagte freundlich: „Wenn ich Sie bitten dürfte, sich ruhig zu verhalten, oder den Dom zu verlassen, wir feiern gerade Gottesdienst.“ Keine Reaktion (die Japaner konnten vermutlich auch kein Deutsch – vor allem kein bayrisch eingefärbtes). „Wenn Sie bitte gehen könnten, Sie können nach dem Gottesdienst gerne wieder hereinkommen?“ Nichts. Dann, mit hochrotem Kopf: „Herrgottsakrament, ‚AUSSE hab I gsagt!“ Die Japaner, über den plötzlich brüllenden Einheimischen, der zuvor so freundlich – ja beinahe der asiatischen, leisen, höflichen Art ähnlich mit ihnen gesprochen hatte (inhaltlich natürlich ist das ganze für einen Japaner immer noch ziemlich unhöflich) – verließen die Kirche. Der Custus hingegen bemerkte, dass die hinteren Reihen ihn anstarrten. Erschrocken drehte er sich zum Altar, bekreuzigte sich, klemmte seinen Stock unter den Arm und schritt eilig weiter.

Wieso soll nun ausgerechnet eine Geschichte über das Ausschließen von Personen eine Geschichte sein, die zu der Öffnung der Kirche zur Welt an Pfingsten passt?

Mir geht es hier um den Heiligen Zorn dieses Mannes.

Ein weiterer Einschub: In jenen Verballhornungen asiatischer Religionen, die im Westen praktiziert werden ist eine Idee (die allerdings auch eher aus dem Westen stammt) verbreitet: religiöse Erleuchtung tritt nur ein, wenn man ganz in sich selbst ruht. Mit der Betonung auf „Ruhen“. Der Weg zum Göttlichen liegt in der eigenen Entspannung, der Weise und – um den christlichen Ausdruck zu benutzen – Gottgefällige (in diesem Fall dann eher Selbstgefällige) erhitzt sich nie und wenn, dann kann er das Alles in nutzbringende Bahnen umleiten. Das ist nicht nur nicht die Lehre der meisten Buddhismen und Hinduismen – beziehungsweise: höchst ungenau – es ist auch vollkommen diametral zu der katholischen.

Die katholische Kirche aber, erkennend, wie beliebt diese asiatischen Geiztriebe im deutschen Raum sind, nimmt sich gerne die ein oder andere Anleihe: „Im Gottesdienst zur Ruhe kommen“, „Im Gebet Achtsamkeit üben“ oder „Die Gemeinde als Oase der Ruhe“.

Gerne gibt man sich auch den Anstrich einer Kritik an der Konsumgesellschaft: Entschleunigung, Entspannung, Geborgenheit werden als Gegenbewegung zur Höher-Weiter-Schneller-Gesellschaft gepriesen (ich sage bewusst nicht „Leistungsgesellschaft“ weil die Leistungsgesellschaft eigentlich eine Gesellschaft ist, in der Leistung zum Aufstieg führt, im Gegensatz zur Standesgesellschaft – wir alle wollen ganz bestimmt lieber in einer Leistungsgesellschaft leben – oder wollen wir das?).

Dabei ist die ganze Entspannungs-Bewegung nicht gegen das System sondern dessen sinnvolle Ergänzung – ihr Katalysator quasi. Der Mensch als Konsument und Produzent braucht ein effektives Entspannungssystem, um effektiv arbeiten zu können – letztlich geht es hier um die Rationalisierung und Funktionalisierung der Freizeit und sogar der Religion.

Ausgerechnet der Katholizismus aber, der immer noch gerne als DAS SYSTEM angefeindet wird, wird somit zum konstruktiv-destruktiven Element, außer natürlich in solchen Fällen, in denen er auf die Bedürfnisse des „Systems“ eingeht (und ausgerechnet unser Papst tut das mit seinen herzig-lauwarmen, aber vollkommen folgenlosen Akten der Kapitalismuskritik).

Nicht nur schert der Katholizismus sich einen Dreck um effektive und gesundheitsfördernde Freizeitnutzung, er ist auch noch geistig verdammt anstrengend: er lenkt die Gedanken seiner Gläubigen auf extrinistische Objekte und hindert sie an der selbstverbessernden Egobastelei, die doch der brave Konsument und Dienstleister betreiben sollte.

Damit verteufle ich übrigens keineswegs den Konsum-Kapitalismus als wirtschaftliches System – der Katholizismus steht für ihn lediglich als schützende Schranke vor unserem privaten Bereich. Wirtschaftlicher Erfolg, wirtschaftliches Denken sind keine Sünde, in meinen Augen, aber ich weigere mich, meine Religion als Kapital zu betrachten.

Eine Form dieser extrinistischen Zielsetzung ist eben besagter Heiliger Zorn. Denn sie ist keine Empörung über die Verstellung des eigenen Blicks auf die Skyline oder Zeichen eines beleidigten Egos, nein, der Heilige Zorn richtet sich auf einen Gegenstand der außerhalb der eigenen Person liegt, auf Ungerechtigkeit, Beliebigkeit, Lieblosigkeit, Gedankenlosigkeit oder Respektlosigkeit und er ist latent von einer Traurigkeit über den Zustand der Welt durchzogen.

Deshalb darf man als Katholik auch ruhig mal sauer werden, so wie Jesus im Tempel oder Petrus im Garten Gethsemane. Man darf ein echter, treuer Verbündeter und Freund sein, man darf sich empören für Andere, man darf sich, auch als Katholik, für seine eigene Religion in die Bresche werfen, man darf ein echter Mensch sein, kein losgelöst schwebender Heiliger – von denen es in der Katholischen Kirche auch fast keine gibt – die meisten von Ihnen waren Menschen mit Heiligem Zorn, der schließlich in Produktivität mündete.

Das bedeutet natürlich immer noch, dass Jähzorn nicht in Ordnung ist und zu den klassischen Sünden gehört, eine Eigenschaft ist, die verletzt und Beziehungen vergiftet und zerstört, es geht auch gar nicht darum, blindlinks jemanden zu vermöbeln, der einen wütend gemacht hat.

Es geht darum, dass nicht alles irgendwie „ok“ ist, relativ. Es ist eine Attacke auf den „Das-muss-jeder-selber-Wissinismus“, auf „coole“ Gleichgültigkeit aus Angst davor, eine auf den Deckel zu bekommen.

Und: es geht auch um das Kreuzzeichen des Custus: Denn Heiliger Zorn äußert sich auch darin, dass man in der Lage ist, sich hinterher zu entschuldigen, wenn man versehentlich über die Stränge schlägt.

Darum letztlich geht es auch an Pfingsten: um entflammte Herzen und darum, die Zähne auseinander zu kriegen, auch gegenüber den Römern.
Das waren Feuerzungen, die vom Himmel kamen und kein lauwarmer Ingwer-Zitronengras-Tee.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Gedanken zur Praxis der katholischen Kirche

2 Antworten zu “Pfingsten – heute ist ein guter Tag für heiligen Zorn

  1. Aber natürlich; war mich übrigens echt auf die Palme bringt, ist, wenn ich für Kirchenbesuche Eintritt zahlen muss.
    Z.B. in Wien oder in Prag war das der Fall. Dann fühlt sich leider alles noch mehr nach Museum an. Zumal sie einen in Wien auch noch auf einem vorgegebenen Parcours durch den Dom schleusen und die Betenden in dessen Mitte wie auf dem Präsentierteller hocken!

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