Zu interreligiösem Beten

JoBo, ein von mir durchaus geschätzter Blogger-Kollege beschwerte sich über die Errichtung eines interreligiösen Gebetsraumes in Berlin und meinte, wir sollten es endlich aufgeben miteinander zu beten, weil wir alle verschiedene Gottesbilder hätten.

Nun gebe ich ihm Recht, wenn es darum geht, dass es nicht funktioniert, dauernd einen auf „Friede-Freude-Eierkuchen, wir sind ja eigentlich eine Religion“ zu machen. Der christliche Gott ist derselbe wie der jüdische und muslimische, aber er ist nun mal nicht der gleiche. Wer so tut, als gäbe es keine Konflikte, der macht dabei nichts anderes, als die Eigenheiten der anderen Religionen entweder für nichtig zu erklären oder christlich umzuinterpretieren. Das ist schlichtweg arrogant und respektlos, also eigentlich das komplette Gegenteil eines guten Miteinanders.

Ich gebe ihm auch darin Recht, dass solche gemeinsamen Gotteshäuser eigentlich überflüssig sind, weil es schwierig und problematisch wird, sie zu bespielen und wir den Dialog im Alltag für gewöhnlich auf anderer Ebene pflegen, weil wir nun mal zusammen leben.

Interreligiöser Dialog um des Dialogs willen ist krampfig. Es gehen doch sowieso nur diejenigen zu solchen Veranstaltungen, die von vornherein vorhaben, sich alle schrecklich lieb zu haben, dadurch werden auch von Anfang an alle möglichen Konflikte vermieden. In einem solchen künstlich geschaffenen Raum gibt es nur künstliche Probleme mit künstlichen Lösungen, eine Verbesserung unserer Beziehungen untereinander kann in so einem Disneyland der Toleranz wohl kaum erreicht werden.

Aber: gerade, weil wir sowieso so oft und in Zukunft noch mehr miteinander zu tun haben und zu tun haben müssen, sollten wir uns eingestehen, dass wir auch um gemeinsames Beten nicht herum kommen.

Mein Freund, beispielsweise ist Jude und wir beide sind mit diesem Problem ebenfalls mehrfach konfrontiert worden.

Natürlich kann er, da er nicht der Ansicht ist, dass Jesus der Sohn Gottes ist und von den Toten auferstanden, Ostern, Weihnachten, etc. nicht vollwertig mit mir feiern. Er kann sich für mich freuen, er kann zum Essen kommen, sogar die Gottesdienste besuchen, aber er ist immer ein Gast. Natürlich sind ebenso seine religiösen Gesetze nicht meine und wenn ich sie befolge, dann periodisch, als sein Gast oder als kleinsten gemeinsamen Nenner, aber es ist kein Akt meiner eigenen Religion. Dass wir aus unseren beiden Religionen keine kleine private Mischreligion machen ist meiner Meinung nach auch eine Frage des Respekts: wir sind beide kompetent genug, um Fremdes und Eigenes unterscheiden zu können und zu entscheiden, welche Praktiken der anderen Religion wir mit der unseren für vereinbar halten oder eben nicht.

Für ein Tischgebet aber, für ein Totengebet oder für die schlichten, kurzen, seligen Momente im Leben ist es absolut nebensächlich, ob der Gott, dem ich für mein unverschämtes Glück danke oder dem ich den Geist eines Nahestehenden anvertraue nun dreifaltig ist, oder nicht. Selbst, wenn wir das Selbe sagen und Verschiedenes meinen, heißt das ja nicht, dass ein gemeinsames Gebet gescheitert ist.
Für uns wäre es absolut lächerlich und ein Abstrich für unsere Lebensqualität, den jeweils anderen komplett aus diesem Lebensbereich auszuschließen, gemeinsam, egal ob toternst oder mit einem Augenzwinkern, unsere Religionen zu praktizieren, diskutieren und auszuhandeln ist für mich wichtig und schön.

Dies lässt sich auch auf die Makro-Ebene übertragen: ja. Wir können gemeinsam um Frieden flehen oder für die Opfer einer Katastrophe beten. Wir unterschiedliche Mitglieder der „abrahamitischen Religionen“ können uns Stippvisiten abstatten und sogar ein Leben in einem gemeinsamen Raum einrichten, so lange wir akzeptieren, dass wir niemals voll begreifen können, was das Gebet, der Raum, die Handlung für den jeweils anderen bedeutet.

Daher auch noch ein Wort zum „Dialog“. Wichtig wird dieser Dialog eigentlich da, wo es auch wirklich Probleme gibt und Differenzen, wo es etwas auszuhandeln gibt, da wo wir uns nicht ausweichen können. Dialog ohne einen Gegenstand ist nämlich Geschwätz

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5 Kommentare

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5 Antworten zu “Zu interreligiösem Beten

  1. Mit solchen Ansätzen, würde es die Menschen noch weit bringen, ich fürchte nur, dass die breite Masse noch nicht bereit dazu ist. ^^

    Trotzdem eine sehr erfrischende Sicht auf diese Thematik.

  2. Pingback: Religion, Islam und wir alle. Ein Statement mit Erlebnisbericht | Liberalides

  3. Pingback: Freitag 23:55 Uhr - Wochenende! | PTB - PAPSTTREUERBLOG

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