Religion kann, darf und will nicht aus der Öffentlichkeit verschwinden

Von Michael Schmidt-Salomon bis hin zu den Femen, über die ich eine Hausarbeit schreibe, jetzt gerade (man könnte sich fragen, wieso ich mir das antue… es ist wie ein Fluch! Ich weiß es einfach nicht), kann man landauf, landab die Forderung hören, Religion solle sich doch bitte in das ihr angemessene Gebiet zurückziehen und zwar in die vier Wände ihrer Anhänger and that’s that.

Eine solche Forderung spiegelt ein Religionsverständnis wider, gegen das wir uns eigentlich wehren sollten: es gibt nur sehr wenige Religionen, in denen das überhaupt möglich ist.

Religionen brauchen Öffentlichkeit, viele von ihnen, der Protestantismus, der an obiger Schnapsidee maßgeblich mitschuld ist, inklusive, zielen auf eine Veränderung der Gesellschaft zum Besseren ab. Selbst, wenn diese Veränderung nicht über Mission stattfinden soll, wie es z.B. bei den meisten christlichen Religionen oder dem Islam ist. Deshalb ist die Äußerung in der Öffentlichkeit Teil der Religion, mit einer Verantwortung für sich selbst, die Menschen, die Schöpfung ausgestattet ist es Anliegen vieler Religiöser, dieser Verantwortung nachzukommen. Zudem haben viele Religionen Traditionen, die ein Handeln in öffentlichen Räumen erfordern, Umzüge wie die katholische Fronleichnamsprozession, Segnungen von Gewässern, Gebäuden, Objekten oder Feste, die unter freiem Himmel stattfinden.

Wenn man die Stadt für eine „Blade-Night“ mit 6000 Teilnehmern absperren darf und die Bevölkerung wochenlang mit einer für gut zweidrittel komplett schwachsinnigen Sportart belästigt, dann kann man das auch für die Fronleichnamsprozession, zu der außerdem keineswegs nur 30 Leute auftauchen, die sich wichtig machen wollen (in München sind es bei gutem Wetter eher 12.000 Leute…).

So lange durch diese Meinungsäußerungen und religiösen Praktiken in der Öffentlichkeit niemand über das bloße „Genervtsein“ hinaus geschädigt ist, wäre das Verbieten von religiösen Äußerungen und Repräsentationen in der Öffentlichkeit schlichtweg eine Beschneidung der Freiheit von Religionsausübung, zumal damit auch verhindert würde, dass sich Religionen z.B. gegen Diskriminierung äußern oder konkrete Probleme durch Gesetzgebungen formulieren (z.B. muslimische Beerdigungspraktiken). In wieder anderen Fällen besteht das Problem, dass religiöse und politische Forderungen kaum getrennt werden können – wie z.B. aktuell im Fall der Demonstrationen rund um den Nah-Ostkonflikt, aber auch der Free-Tibet-Demos (an denen, das nur am Rande, mit Sicherheit der ein oder andere „Humanist“ beteiligt ist).

Hinter dieser Vorstellung, dass Religion nur in den privaten Bereich gehört, steht eine Auffassung von Religion als etwas, das „innerlich“ geschieht – etwas, das der Mensch mit sich selbst und Gott ausmacht und für das es genau genommen nicht einmal eine Kirche braucht. Diesen alten Hut trug bereits Schleiermacher und er passt eigentlich fast nur auf eine ganz bestimmte Sorte christlicher Köpfe – eine solche Auffassung von Religion schließt gut 90% aller Religionen aus oder zumindest einen großen Anteil dessen was sie ausmacht, nämlich alles, was ästhetisch, moralisch und organisatorisch rund um ihre Inhalte passiert. Wir neigen heute noch ein wenig dazu, diese Dimensionen von Religion als überflüssig und unaufgeklärt zu sehen und wir lassen uns deshalb sagen, dass Religion nicht in die Öffentlichkeit gehört, dass sie eine private und „gefühlige“ Sache ist.

Diese Haltung ist eine zutiefst diskriminierende. Sie stammt aus einer kulturimperialistischen, aufklärerischen Hybris, ihr Ziel war es einst, alles abzuwerten, was nicht einem intellektuellen Protestantismus des 18., 19. und frühen 20. Jahrhunderts entsprach. Das betraf den Katholizismus genauso, wie den Islam, das Judentum oder zahlreiche lokale Religionen in Asien, Australien, Amerika und Afrika. Es ist eine Vorstellung, die in die Mentalität hinter den Ausschreitungen des Ku-Klux-Clans einfloss, in den Antisemitismus in Europa und die auch hinter den Verbrechen in den Kolonien stand: Religionen, die nicht unserem Bild von Religion entsprechen, Religionen, die symbolisch, öffentlich und ästhetisch agieren gehören abgeschafft oder versteckt. (Dass natürlich auch Katholiken an den letzteren beiden Phänomenen beteiligt waren ist definitiv nicht zu leugnen und das habe ich auch nich vor.)

Manche sind auch nur der Meinung, Religion darf öffentlich agieren, sollte aber ihre Nase aus der Politik heraushalten. Dem gebe ich bedingt sogar Recht: ein Gottesstaat, eine Staatsreligion, das geht nur selten gut. Im konfessionell gemischten Deutschland war es ein erheblicher Schritt zum Schutz verschiedener Religionen im Lande, säkulare Herrscher einzusetzen.

Das Problem ist nur, dass diese Menschen nicht fordern, dass die Religion keine direkte Macht im Staat haben sollte, da wären sie auch weitestgehend überflüssig mit ihrer Forderung, Nein, sie wollen, dass Religion (genauer gesagt „Die Kirche“ – was auch immer das sein mag…) auch keinen indirekten Einfluss mehr nimmt, soll heißen: sich zu politischen Themen nicht mehr äußert, keine politische Meinung bei ihren Anhängern bildet, nicht mehr versucht, andere von ihren Wertvorstellungen zu überzeugen.

Das ist im Grunde eine Ungeheuerlichkeit: Demonstrationen in denen es darum geht, dass die Meinung des Papstes oder des Zentralrats der Juden oder der evangelischen Landeskirche oder des Zentralrats der Muslime oder von wem auch immer, falsch sei: ok. Demonstrationen, in denen es darum geht, dass diese Organe ihre Meinung gar nicht veröffentlichen dürfen, dass sie „die Klappe halten sollen“: nicht ok. Es sind Demonstrationen gegen die Meinungsfreiheit religiöser Menschen.

Diese, beziehungsweise ihre Vertreter haben genauso ein Recht auf Meinungsfreiheit, wie jeder andere Mensch in Deutschland auch und Journalisten haben im Falle religiöser Meinungsäußerungen genauso die Freiheit, sie abzudrucken oder zu ignorieren wie bei jeder anderen Meinungsäußerung. Unsere Medien unterliegen nun einmal einem Marktgesetz: so lange sich die Menschen dafür interessieren, was die Vertreter der Religionen zu sagen haben, wird es auch abgedruckt. Punkt.

Einige Humanisten oder Säkulare beschweren sich, dass bestimmte Religionen oder Religionen generell in Deutschland bevorzugt würden, weil es zu viele religiöse Politiker gäbe. So würde niemand etwas für die Rechte von Säkularen, „Humanisten“ und Atheisten unternehmen und die Sonderstellung religiöser Vereine in Deutschland beenden!

Vor dem Hintergrund, dass sie sich zugleich beschweren, religiöse Äußerungen würden mit mehr Respekt behandelt und hätten diese Extrawurst nicht verdient, ist das eine lustiges Paradoxon: Wenn die Politiker eine mehrheitliche Einstellung zu einem nicht-religiösen Thema haben – sagen wir mal, dass sie z.B. alle gegen Atomkraftwerke sind (nun gut, ein bisschen religiös ist das ja doch) – ist das nämlich Demokratie, wenn sie aber mehrheitlich eine religiöse Einstellung teilen ist das ein Skandal. Wer behandelt nun religiöse Meinungen anders als säkulare?

Ja gut, sagen dann viele Humanisten, es ist ja auch so, dass viele Politiker heimlich Atheisten sind (wer flippt nochmal aus, wenn man ihm unterstellt, er sei heimlich religiös?), aber es sich nicht trauen, das zu formulieren. Wegen der Wähler, die sie zu verlieren fürchten.

Jetzt ist also die Demokratie das Problem ja? Wenn die Wähler religiöse Staatsvertreter wählen, dann wählen sie religiöse Staatsvertreter, weil sie solche haben wollen. Sie könnten genauso gut gezielt Atheisten wählen. Machen sie aber halt nicht, Möglicherweise ja sogar, weil sie dem gar keine so große Bedeutung beimessen. Solche Leute soll es ja auch noch geben.

Auch beim Zugang zu politischen Parteien gibt schon lange keine Schranke mehr, die es Atheisten verbietet, aktiv zu werden und es gibt auch genügend Parteien, in denen es für einen Aufstieg schon beinahe schädlich ist, sich mit der Kirche gut zu stellen. Zudem gibt es nun wirklich genügend Atheisten in Deutschland, so dass diese nicht befürchten müssen, in einer Mehrheit zermalmt zu werden, vor der sie geschützt werden müssen, wie andere kleinere religiöse Gruppierungen, z.B. Juden oder in ihrer Heimat verfolgte Christen, wie Kopten oder Syrische Christen, die eine im Verhältnis zu ihrer Größe höhere Beachtung, auch wegen ihrer kulturhistorischen Bedeutung für ein Land, erhalten und auch brauchen. (Wie diese Beachtung aussehen sollte steht freilich auf einem anderen Blatt)

Zudem wäre es eine Unerhörtheit, Politikern zu verbieten, eine Religion auszuüben (Herr Gauck z.B. ist vielen ein Dorn im Auge, wegen dieser Sache), die sind schließlich auch nur Menschen und können, ja dürfen nicht gezwungen werden, ihr Recht auf freie Religionsausübung für die Politik aufzugeben. Wenn er eine Religion hat, hat er eine und wie bereits besprochen geht Religionsausübung nur ganz ganz selten ohne religiöse Wertevorstellungen, Meinungsäußerungen und Praktiken.

So, wie ich damit leben muss, dass die Politiker mehrheitlich glauben, wir könnten den Klimawandel aufhalten und damit, dass aus Angst vor den Wählern auch diejenigen, die es „besser wissen“ die Füße stillhalten, so werden die „Humanisten“ damit leben müssen, dass viele Politiker glauben, dass es einen Gott gibt und damit, dass diejenigen, die es nicht glauben wegen der Wähler zurückhaltend sind.

So wie ich es Herrn Schmidt-Salomon nicht verbieten kann, seine ungekämmte Rübe in jede Talkshow zu halten, kann es auch niemand einem Bischof verbieten, den Domgottesdienst im Fernsehen zu übertragen und da z.B. etwas über Abtreibung zu sagen (und das will ja eigentlich nicht mal der Salomon selbst), zumindest solange keiner von beiden zur Gewalttätigkeit aufruft – zum Glück scheint weder der eine, noch der andere solches in nächster Zeit zu planen.

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3 Kommentare

Eingeordnet unter Religion und Politik, Zu allgemeiner Religionskritik

3 Antworten zu “Religion kann, darf und will nicht aus der Öffentlichkeit verschwinden

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  3. Nepomuk

    Kommentar in zwei Worten:

    sehr richtig.

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