Aus gegebenem Anlass: Amerikanische Wissenschaftler belegen, dass nicht alle Kinder ihrer Meinung sind

Derzeit geistert eine Studie durchs Internet, in der Forscher behaupten, herausgefunden zu haben, dass religiös erzogene Kinder „Schwierigkeiten“ hätten, Fiktion und Realität zu unterscheiden.

Dabei brüsten sie sich damit, dass die atheistischen bzw. säkularen Kinder sowohl Magie, als auch religiöse Erzählungen als Fiktion entlarven könnten, während die religiös erzogenen Kinder sogar (!) religiöse Geschichten für Realität hielten.

Die genannte Beispielgeschichte mit David und Goliath ist schon alleine deshalb eine Frechheit, weil Goliath in der Bibel definitiv als MENSCH beschrieben wird und nicht als „Monster“. Da der Begriff „Monster“ ein Fiktionsmarker ist, liefert er atheistischen Kindern den Hinweis, was man hier gerne von ihnen hören möchte. Religiös erzogene Kinder hingegen erkennen die Erzählstruktur und denken: „klar, David und Goliath! Kenn ich! Natürlich gibt es die“. Allein das befördert, neben der viel zu kleinen Datenmenge (66 Kinder. Lächerlich)  und der Herkunft der Wissenschaftler, sowie ihrem naturwissenschaftlichen Hintergrund (zu China brauch ich wohl nichts zu sagen und in den USA tobt der Krieg zwischen Naturwissenschaft und Religion wesentlich intensiver und es macht mich nicht gerade glücklich, dass wir diesen Unfug dank Internet derzeit importieren) für mich als Religionswissenschaftlerin den Verdacht, dass diese Studie vermutlich aus kulturwissenschaftlicher Sicht vollkommen unzureichend und methodisch unsauber ist. Wie so vieles, was die Kognitionswissenschaft zum Thema Religion verzapft. Die meisten Studien dieser Art, z.B. ob Religion der mentalen Gesundheit nutzt oder schadet, ob religiöse Menschen glücklicher, hilfsbereiter oder stärker von Fußpilz betroffen sind, hängen auf mysteriöse Weise von der religiösen Überzeugung der Forscher ab. Bevor jetzt einer sagt, das läge daran, dass mir das Ergebnis nicht passe: ich bin auch bei Pro-Religiösen Studien dieser Meinung.

Aber nehmen wir mal an, dass die Studie sauber ist… Nein, ich kann nicht einmal so tun. Denn die Definition von „Fiktion“ ist auch ziemlich fragwürdig. Wer bestimmt den bitteschön, was Realität ist? Hirnforscher? Darauf würde ich mich nicht so gerne verlassen. Wenn religiöse Überzeugungen als Fiktion definiert werden, dann steht per Definition von vornherein fest, dass religiöse Kinder „Realität“ und „Fiktion“ nicht unterscheiden können. Das ist kein Defekt in den Kategorien der Kinder, das ist die Arroganz von Wissenschaftlern, die denken, Fiktion sei alles, was nicht Physik ist, zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden heiße, zwischen IHRER Fiktion und IHRER Realität zu unterscheiden.

Das ist ein ähnliches Spiel wie bei unseren Studien: Wenn wir erforschen, ob Personen „religiös“ sind stehen wir oft vor dem Problem, dass unsere befragten Personen eine andere Vorstellung davon haben, was eine Religion ist, als wir. Natürlich muss man, ähnlich wie bei dem „Fiktion“ und „Realitäts“-Ding irgendwo die Grenze ziehen. Kreuzt jemand an, er sei „religiös“; weil er im Ferrari-Oldtimer-Verein ist, lehne ich als Religionswissenschaftlerin auch dessen Selbstbezeichnung ab. Behauptet jemand, alle Romanfiguren seien „Realität“, weil sie in unseren Köpfen existieren, dann ist das zwar sehr philosophisch, muss aber zugunsten brauchbarer Ergebnisse vernachlässigt werden. Nur: Kulturwissenschaftler wissen von dem Problem, sie wissen auch, dass dadurch ihre quantitativen Ergebnisse eher „Richtwerte“ sind und lassen daher ihre Definitionen so flexibel wie möglich.
Ich denke, vielen religiösen Kindern ist klar, dass David und Goliath, Schneewittchen und der Osterhase nicht auf die selbe Art und Weise real sind, wie ihre Kindergärtnerin oder ihr Hund, sondern in eine andere Kategorie von Realität fallen. Möglicherweise sind Realität und Fiktion auch nicht zwingend Gegenbegriffe.

Also, nehmen wir nochmal an, die Studie sei sauber. Wo genau ist jetzt bitte das Problem damit, wenn Kinder denken, es gäbe Rapunzel oder einen Geist auf ihrem Dachboden oder König Herodes? (Achja, richtig, den gab es ja vermutlich… wenn nur in der Bibel nicht unverschämterweise auch noch historische, reale Figuren vorkämen!) Ich jedenfalls sehe keines. Die Kinder werden genauso schreiben lernen und Klavier spielen – naja, vielleicht manche von ihnen besser nicht – und sich die Knie aufschürfen.

Die Vorstellung, die die Studie zu so einem Triumph für Atheisten macht, ist die implizite Annahme, dass die Unterscheidung von „Fiktion“ und „Realität“ ein Zeichen von Intelligenz ist. Sie sagt demnach atheistischen Eltern: ihr bringt Eure Kinder voran, weil sie sich nicht so lange mit dummem Zeug beschäftigen, wie religiöse Kinder.

Solche Vorstellungen von Intelligenz kotzen mich einfach nur an…

Seit der Freistaat Bayern für kurze Zeit meine Eltern von der Idee überzeugte, dass sie sich mehr mit meiner Intelligenz auseinanderzusetzen hätten, um mich als fehlende Fachkraft auszubilden (oder so), weiß ich, was sie anrichten.
Ich kam in Förderprogramme, ich begegnete einem Haufen Kinder, die auf Intelligenzverwertung getrimmt wurden.
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich ein funktionierendes soziales System um mich herum, Freunde mit denen ich mich zwar intellektuell langweilte, aber mich ansonsten sehr gut amüsierte – und für ersteres hatte ich ja auch meine Eltern und Jacques Cousteau.
Dennoch blickte ich der Aussicht, endlich mit Gleichgesinnten zusammen zu sein fieberhaft entgegen und wurde bitter enttäuscht. Diese Intelligenzbestien waren zu einem nicht unerheblichen Teil geigespielende, rubikwürfellösende, schachmeisterliche Förderleichen (wenn auch nicht ausschließlich). Viele hatten keinen Fernseher, diejenigen, die fernsehen durften, kannten „Sailor Moon“ nicht, damals der letzte Schrei unter 6-10jährigen und mein Lieblingsspiel (gleich nach „Meerjungfrauen“). Während ich den Großteil der Märchen der Gebrüder Grimm aus dem Kopf zitieren konnte, bibelfester war, als meine damalige Religionslehrerin (das war auch kein Kunststück) und meiner Schwester über Monate hinweg selbst erfundene Fortsetzungsgeschichten erzählte, wussten manche dieser Kinder nicht einmal, wer „Schneeweißchen“ und „Rosenrot“ waren.

Aber gleichzeitig kam ich mir vor den Anderen unglaublich dumm vor. Ich konnte nicht Schachspielen und ich lernte es auch nicht, ich war zwar sehr gut in Mathe, aber zu faul für Rubikwürfel, ich lernte keine Eisenbahnwagentypen auswendig und die Blockflöte befand ich für musikalisch derart unbefriedigend, dass ich lieber zum Zuhören überging – und in den Chor – Gesang ist ja bekanntermaßen die am wenigsten mit Intelligenz verknüpfte Art von Musik, weil man da nicht rechnen kann oder muss. Stattdessen hörte ich von einigen Kindern, wie sinnlos meine Freizeitbeschäftigungen waren, dass sie ihre Zeit besser zu nutzen wüssten, als stundenlang Operettenfilme anzusehen und auf dem Spielplatz den Film „Anastasia“ nachzustellen. Ich glaubte ihnen, ich wusste, wie man sich eigentlich als intelligentes Kind zu verhalten hatte.

Vermutlich lag ich auch im unteren Teil der Skala innerhalb der Gruppe – es gab unter ihnen erstaunliche Savanten, einige haben ihr Abitur mit 16 gemacht, aber die Tests waren nun einmal da und sie bewiesen, dass ich nicht blöde war, egal, wie sehr ich es mir einredete.

Wir haben eine viel zu festgelegte und eingeschränkte Vorstellung davon, wie Begabung sich zeigt und was Intelligenz überhaupt ist: Intelligenz zeigt sich in sehr guten oder extrem schlechten Noten, Intelligenz hat effizient zu sein und Intelligenz schlägt sich in einer naturwissenschaftlichen und musikalischen Begabung, einem messerscharfen und kalten Verstand nieder. Intelligenz träumt nicht, sie rechnet.

Ich interessierte mich für Sprache, Narrative, Fiktion und Ästhetiken. Meine Eltern versuchten nie, mein Potential auszuschöpfen oder zu erschöpfen und sie ließen mich glauben, was ich wollte, weil sie, nachdem sie nach Streitigkeiten mit anderen Eltern „auf Linie“, eingesehen hatten, dass mein intellektuelles Wohlbefinden nicht mehr erforderte als zwei Dinge: erstens Schutz und zweitens das richtige Futter. Sie nahmen mich aus dem Förderprogramm und gaben mir stattdessen Zugang zu allem, was ich mir nur wünschte, egal, wie ausgefallen oder „unpassend“ es war.

Vermutlich konnte ich mit 5-6 Jahren „Realität“ und „Fiktion“ nicht auseinanderhalten. Sie verschwammen und verschwimmen immer noch ineinander, weil wir nie sichergehen können, dass wir nicht gerade träumen, dass wir nicht vielleicht alle Figuren in einer Erzählung sind und hinter der nächsten Ecke ein sprechender Löwe, ein Kettensägenmörder oder Alexander der Große steht. An diesen Punkt gelangte ich vergleichsweise früh – die Lektüre von „Sofies Welt“ machte es nicht unbedingt besser. Hinter diesen meinen Vorstellungen standen auch all die Erfahrungen, die ich gemacht hatte, weil ich Medien und damit Fiktion konsumierte, konsumierte und konsumierte. Ich las, sah fern, spielte PC, erzählte und hörte Geschichten. Es ist in meinen Augen fragwürdig den „Realitätsverlust“ von Menschen zu pathologisieren, die weder Leidensdruck haben, noch eine eingeschränkte Funktionalität aufweisen. Es ist verrückt, Kinder für verrückt, falsch oder dumm zu erklären, wenn sie nicht den durch irgendwelche amerikanische Kognitionswissenschaftler vorgegebenen Maßstäben für Realität und Fiktion folgen.

Ich habe schon von atheistischen Eltern gehört, die stolz darauf waren, dass der kritische Geist, den sie ihrem Kind eingebläut haben, so ausgereift war, dass es aus Klugscheißerei andere Kinder traurig machte, indem es ihnen sagte, es gäbe das Christkind nicht. Obwohl ich mich mit permanenter Klugscheißerei ins soziale Aus manövrierte und bisweilen immer noch manövriere hatte ich nie das Bedürfnis, anderen ihre Träume und Phantastereien zu nehmen.
Meine kleine Schwester ist zwei Jahre jünger als ich und glaubte rund 4 Jahre länger ans Christkind. All die Zeit tat ich ihr zuliebe so, als würde ich auch daran glauben, als wüsste ich nicht, dass meine Mutter die Kerzen anzündet und meine Eltern die Geschenke einkaufen. Ja, ich hatte am Schluss sogar das Gefühl, als würden wir beide meinen Eltern zum Gefallen nur noch so tun. Außerdem war es mir eigentlich gleich. Als allmählich diese Gewissheit in mir reifte, nahm ich das als ganz gewöhnlichen Prozess hin. Dass meine Eltern Geschenke von weiter entfernt lebenden Verwandten eigentlich selbst kauften und sich von ihnen das Geld überweisen ließen, traf mich da weit mehr, als die Christkind-Enthüllung.

Also: wenn religiöse Kinder glauben, da draußen stapfen die Sieben Zwerge durch den Wald und Jesus habe Wasser in Wein verwandelt, wo genau ist das Problem? Ich persönlich war jedenfalls glücklich, in meiner übersinnlich bevölkerten Kinderwelt.

Wenn die Kinder erwachsen werden, hören sie so oder so aller Wahrscheinlichkeit nach auf, das Erstere zu glauben und das Zweitere vielleicht sogar auch (nur, wenn sie bei Beidem bleiben, sollte man sich vielleicht Gedanken machen). Religiöse Eltern, fürchtet Euch nicht vor dieser Studie, Fiktion ist nicht dumm. Fiktion wird Papst und Fiktion wird Bauingenieur und Fiktion wird Bestsellerautor. Kinder haben es verdient, keine traurigen Klischees zu sein.

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8 Kommentare

Eingeordnet unter Medien - Kritik und Empfehlungen, Religionswissenschaft, Zu allgemeiner Religionskritik

8 Antworten zu “Aus gegebenem Anlass: Amerikanische Wissenschaftler belegen, dass nicht alle Kinder ihrer Meinung sind

  1. Ich nehme an, nach modernen wissenschaftlichen Untersuchungen und Intelligenztests wäre Rembrandt dumm. Denn es gibt von ihm keinen Nachweis, daß er gut schreiben, rechnen oder Logikaufgaben lösen konnte, hingegen sehr viel Nachweise, daß er die Bibel hervorragend kannte und ihr glaubte.

    • Würde ich so nicht zwingend sagen. Viele moderne Intelligenztests – unter anderem die, denen ich mich unterziehen dufte, untersuchen auch Dinge, wie räumliches Vorstellungsvermögen, Sprachverständnis, Gedächtnis, Kreativität und manche sogar Dinge wie Empathie (soziale Intelligenz) und erläutern dann auch, wo die Stärken der jeweiligen Personen sind. Bie mir war das auch so, dass sich am Schluss einfach eine Psychologin hinsetzte und mit mir sprach.
      Übrigens sind die Logikaufgaben so gestaltet, dass auch Rembrandt damit durchgekommen wäre.
      Das Problem sind eher die Förderer: Es geht darum, Begabungen früh abzufangen und sie dem Arbeitsmarkt zugänglich zu machen. Daher fördern viele der Programme (auch nicht alle) vor allem „verkäufliche“ Fähigkeiten, also Mathe, Logik, etc.

      • Ja, das klingt plausibel. Es geht ewig um Nützlichkeit (was übrigens die Teile der höheren Mathematik, die näher an Philosophie sind als an wirtschaftlich unmittelbar nutzbaren Dingen, auch wieder nicht gefördert werden). Zum Seufzen, das.

  2. Pingback: Aus gegebenem Anlass: Amerikanische Wissenschaftler belegen, dass nicht alle Kinder ihrer Meinung sind | Gardinenpredigerin | theolounge.de

  3. Meenzer

    Brillianter Artikel! Sehr berührend. Schön zu lesen daß man nicht der einzige ist/war..

  4. Danke. So schlimm war es auch gar nicht, an den Veranstaltungen hatte ich sogar durchaus meinen Spaß :D

  5. Nepomuk

    Sehr interessant, klingt (trotzdem) so, als hätte ich nicht allzuviel verpaßt.

    Ich kann mich noch gut daran erinnern, daß ich eines Tages einen Brief heimschleppen durfte, in dem die Rede von „wir würden uns gerne mit Ihnen unterhalten über die Beobachtungen, die wir bei Ihrem Sohn [Nepomuk] gemacht haben, mit freundlichen Grüßen etc.“. Und mir war überhaupt nicht klar, was denn nun *soo* schlimm war! Das gelegentliche Hüpfen vielleicht (Hyperaktivität ohne Aufmerksamkeitsdefizit?)? Hänseleien von Mitschülern kenn ich ja schon, aber daß die Lehrer, das Rektorat gar, jetzt auch noch damit anfangen?

    Jedenfalls bin ich am nächsten Morgen mehr oder weniger in Tränen aufgelöst im Rektorat gestanden, was denn nun soo schlimm gewesen sei, und ich würde mich bestimmt zusammenreißen etc. Da kam dann heraus, daß die mich für besonders intelligent hielten. Und das war mir dann gleich *noch* peinlicher, nein, nein, ich bin ganz normal usw. Ergo: nie einen Intelligenztest gemacht…

    Ach ja, Sailor Moon habe ich allerdings auch nicht geschaut, sondern Janoschs Traumstunde. Und den Zauberer Schmollo, aber das war im Kindergarten.

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