Und das ist der Grund, wieso ich manchmal nachts nicht schlafen kann… (nur bedingt für Minderjährige geeignet)

Ich denke mir nichts Böses und forsche ganz gemütlich vor mich hin und gerate ein bisschen vom Wege ab und lese die Emma und den ein oder anderen Feministischen Blog und wie das Schicksal so spielt lande ich bei der TAZ.
Jetzt muss man wissen, dass die TAZ und ich ganz sicher nicht das politische Profil teilen, aber dass ich manchmal gerne die TAZ lese, weil es da so viele Kommentare und so wenige dpa-Meldungen gibt – ich bin ein Zeitungshipster.
Und es geht in diesem Artikel um eine ganz scheckliche Geschichte, um ein junges Mädchen, das auf einem Musikfestival in einer Mischung aus Alkoholeinfluss, Verwirrung, Einschüchterung und Festivaleuphorie die Genitalien diverser Männer in den Mund nahm und zusammen mit den widerwärtigen Typen, die sich das gefallen ließen bzw. mit mehr oder weniger sanfter Gewalt herbeigeführt hatten, von irgend einem Wachuschti photographiert wurde.
Der Wachuschti beließ diese Photos nicht in seiner Schatulle für private Glücksstunden sondern ließ das ganze Internet daran teilhaben. Das Internet hingegen ist immer zur gleichen Zeit überall und deshalb auch zur falschen Zeit am richtigen Ort. Die Photos gingen um die Welt, es wurden mehrere Seiten eingerichtet, auf denen das 17-jährige Mädchen beschimpft wurde, in Irland flippten alle aus, weil es auch dort Internet gibt. Das alles ist einfach nur traurig. Es ist traurig, dass das Mädchen beschimpft wird, aber nicht die Männer, die es in diese Lage gebracht hatten. Es ist traurig, dass überhaupt irgendwer beschimpft wird, wenn er mit irgendwem sexuell intim wird (vorrausgesetzt, es ist keine Pädophilie oder Vergewaltigung oder sonstwie ein echtes Problem). Es ist traurig, dass andere sich für diese Photos interessiert haben. Es ist traurig, dass das im Internet landet. Es ist traurig, dass jemand diese Photos gemacht hat. Es ist traurig, dass dieses Mädchen so behandelt wurde.

Doch dann musste ich meinen Schreibtisch in der Bibliothek verlassen, auf’s Klo rennen und einen unterdrückten Schrei loslassen. Denn dann kam das hier:

Sicher, man könnte sagen: Das ist Irland! Katholisch seit tausend Jahren. Mit all dem Maria- und Magdalena-Gedöns, das Frauen in Mütter und Huren einteilt, und dazwischen ist Platz für nichts. Mit all der Scham und der Schuld und jener diffusen Angst in den Knochen, sodass sich der Katholik ein Leben lang auf den Tod als Erlösung freut.

Angst ist ein prächtiger Nährboden für jede Art von Haß. In Irland. Bei den Katholiken. Und überall sonst auf der Welt. Mein Stiefvater, gleichgültig protestantisch, lehrte mich in meinen Teenagerjahren: „Eins merke dir, Mädchen. Nur das faule Obst fällt leicht vom Stamm.“ Ich hatte keinen Schimmer, wovon er sprach, aber sein Blick und sein Tonfall machten mir Sorge. Später kapierte ich dann: Das Obst war ich. Und möglicherweise faul, verdorben. Das entschied sich allein daran, ob ich für einen Mann „leicht zu haben“ war.

Super. SUPER. Wenn ich das nächste Mal einen Artikel über Toleranz schreibe, dann wird darin auch vorkommen, dass eine ganze Religion falsch und pervers ist.
Nur zu Ihrer Info: es ist NICHT katholisch, Photos von Mädchen beim Geschlechtsverkehr im Netz zu verbreiten. Oder sie zu machen. Und katholisch ist es übrigens auch nicht, Frauen zu sagen, dass sie Männer lieben müssen, mit denen sie geschlafen haben, sondern Frauen und Männern gleichermaßen nahezulegen, dass man nur mit Leuten schläft, die man liebt. So durchgeknallt sich das auch anhört.
Ja, die Katholiken sind auch die Spießer, die sich vor dem Sex überlegen, was sie machen würden, wenn sie versehentlich ein Kind bekämen. Sie sind auch diese verrückten Leute, die denken, man (also Mann und Frau) hätte Verantwortung für seinen eigenen Körper und dass man ihn unter Kontrolle haben sollte, statt einfach zu sagen: ach, weißt Du Körper, was solls, mach was Du willst. Weck mich, wenn Du nicht mehr geil bist…
Aber das heißt nicht, dass es Teil eines modernen Katholizismus ist, Frauen öffentlich bloßzustellen, die sich nicht an diese Vorstellungen halten wollen oder denen ein Fehltritt (gleichgültig aus wessen Sicht) unterläuft. Der Katholizismus Irlands ist historisch nachvollziehbarerweise eine ziemlich extreme Ausformung, aber ich bin mir auch sicher, dass vermutlich die Pfarrgemeinde des Mädchens ihre geringste Sorge sein dürfte, viel schlimmer ist wahrscheinlich ihre Schulklasse.
Die erwähnte Maria Magdalena übrigens, das nur am Rande, ist bekannterweise gar keine Prostituierte. Es heißt nur, sie sei eine „Sünderin“ das kann alles Mögliche sein, inklusive Vater und Mutter beleidigen oder Stehlen.
Und, zum Schluss: mir wäre das vermutlich nicht passiert. Auch Ihnen nicht. Auch nicht Ihrer Tochter. Weil Sie als Feministin sehr wohl über ihre Tochter enttäuscht wären, wenn sie sich von Männern so demütigen lässt und wenn sie in solcher Bedrängnis nicht die Hilfe sucht, die man ihr anbietet. Ich wäre verdammt wütend auf meine Tochter, weil ich enttäuscht wäre, wie wenig sie offensichtlich von meiner Erziehung mitgenommen hat, wie wenig sie sich wert ist (denn wir reden ja nicht davon, dass sie selbstbestimmt entscheidet, zum Spaß Oralsex zu verteilen sondern davon, dass sie sich von irgendwelchen Typen ausnutzen lässt).
Ich bräuchte vermutlich einige Zeit, um mich zu beruhigen und diesen Zorn in Mitleid, Verständnis und schließlich Beistand umzuwandeln. Mir klar zu machen, dass es Situationen gibt, in denen man aus Angst und Alkohol und Dummheit heraus so handelt. Dass mir das ganz eventuell doch hätte passieren können.
Das ist nur menschlich. Und es ist übrigens auch katholisch.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Medien - Kritik und Empfehlungen

Eine Antwort zu “Und das ist der Grund, wieso ich manchmal nachts nicht schlafen kann… (nur bedingt für Minderjährige geeignet)

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