Prinzessinnen am Fließband

Seit einigen Jahren gibt es nun frauenspezialisierte Privatsender (sixx, TLC).

Wieso braucht man spezielle Frauensender? Natürlich, weil Frauen spezielle Interessen haben, nämlich Mode, Kinder, Kochen, Einrichtungen und Tanzen, sowie sämtliche Arten von Voyeurismus. Ich denke, mein Kritikpunkt hierzu liegt doch ziemlich auf der Hand.

Natürlich und zuvorderst sehen meine Schwester und ich am liebsten amerikanische Fernsehserien an, wie „Vampire Diaries“ oder eher harmlos-amüsantes wie „Die Kofferjäger“, eine Sendung über Trödler, die verschlossene Kisten kaufen und dann ihren Inhalt untersuchen.

Auf diesen Sendern boomen aber auch Formate zu einem Thema, das natürlich jede Frau brennendst interessiert, weil es perfekt alle Frauenthemen verknüpft: „Hochzeit“. Hochzeit in allen Facetten. Es gibt Sendungen über Hochzeitstorten, Hochzeitskleider, Hochzeitsplanung, Verlobungen, und natürlich über die Hochzeiten selbst. Hochzeiten von Prominenten, Hochzeiten von Leuten wie „Du und ich“, Hochzeiten von ethnischen Minderheiten in den USA, Mormonenhochzeiten und natürlich der amerikanische Dauerbrenner: die Red-Neck-Hochzeit.

Dabei interessiert wirklich niemanden, wieso das Paar heiratet, wie die Ehe danach verläuft, oder gar Details ihres ethnischen oder religiösen Hintergrunds, was interessiert sind die Farben der Servietten und die Rüschen am unteren Rand der Schnürkorsage und wie der Bräutigam sich beim Junggesellenabschied voll laufen lässt. Bei der Hochzeitstorte interessiert es ja nicht einmal wie sie schmeckt, wichtig ist, wie sie aussieht und deshalb überspult man gerne die langwierigen Erläuterungen der Bräute bei „Lori’s“ (ein Brautmodenausstatter), woher und wieso sie ihren „Leron“ oder ihren „Johnny“ kennen, den sie „to death“ lieben.

Andere Formate offenbaren den „Show“-Charakter moderner Eheschließungen noch offensichtlicher: fünf Heiratswillige gehen sich gegenseitig auf die Hochzeit und bewerten diese mit Punkten für Kleidung, Essen, Kulisse (aka „Location“), gelegentlich auch Zeremonie, Stimmung und, besonders perfide: Emotionalität. Keine Sekunde dient der Frage, ob man Emotionalität anderer bewerten kann und ob eine Hochzeitszeremonie nicht vielleicht anderen Gesichtspunkten unterliegt, als ein Auftritt bei einem Talentwettbewerb.

Die Hochzeit wird zum „Event“, das für die Gäste, das Publikum organisiert wird. Der Bräutigam, aber natürlich besonders die Braut, sind Hauptdarsteller in diesem öffentlichen Theater, in dessen Zuge mit viel Liebe zum Detail demonstriert wird, dass die eigene Liebe nach aktuellen medialen Maßstäben marktfähig ist.

Die Hochzeitsfeier erhält einen sorgsam geplanten dramaturgischen Bogen, der (wenn nicht schon viel weiter zuvor, wie ich später noch erläutern werde) schon beim öffentlichen Heiratsantrag beginnt: möglichst spektakulär sollte er sein, im Fernsehen oder zumindest gefilmt auf Youtube landen, vielleicht auch schon unter Einbeziehung zukünftiger Hochzeitsgäste – gestern konnte man im Fernsehen Lugners Verlobung mit Spatzi bestaunen, die sich zu diesem Zwecke bereits in ihr erstes Brautkleid zwängte (weitere werden folgen).

Hundebesitzer heiraten gemeinsam mit ihrer Meute auf einer Wiese, Schuhsammlerinnen kaufen eine Torte in Schuhform. Man heiratet auf Harleys, Pferden und Jetskis, im Mittelalterkostüm oder auf Schalke. Das Event kann mit den favorisierten Konsumgütern jedweder Sphäre möbliert werden, die Ehe wird zur Zusammenführung der Geschmäcker zweier Konsumenten. Nicht selten erzählen die Formate, deren Ziel es ist, dem Zuschauer die ganze Zeit ein nahes Ehedebakel vorzugaukeln, von der Kollision der Geschmäcker: der Bräutigam muss der Braut ein Kleid aussuchen. Sie steht auf Rosa, er kauft eine Gothic-Robe. Am Ende lieben sie sich doch.

Die Sendezeit ist normalerweise zwischen 14 und 18 Uhr: die Zeit, in der Mädchen zwischen 7 und 18 von der Schule nach Hause kommen und sich vor den Fernseher setzten.

Ach, einmal Prinzessin sein, denken sie. Eine Prinzessin, wie jede andere auch.Was sie nicht denken ist: ach, einmal so bedingungslos lieben. Denn dass eine Prinzessin geliebt wird liegt ja seit Disney offensichtlich auf der Hand.

Überhaupt, dieses „einmal im Leben“, die Geschichten, die mit dem Ende der Hochzeitsfeier abgebrochen werden – wenn nicht schon nach dem Kleiderkauf. Im Kopf vieler dieser Frauen wird festgesetzt sein, dass die Hochzeit im Grunde „der Tag“ im Leben ist und dass weder davor noch danach viel kommt, worauf man sich freuen kann. Ihre Beziehungen bestehen nur aus Schritten zur Ehe hin, deren Ereignisse nicht selbst als wertvoll gesehen werden, sondern als Fortschritt gen Ziel. Für diesen Tag kaufen sie sich dann das einzige Kleid ihres Lebens. „Ich war noch nie so schön“, heulen sie vor dem Spiegel. „Wie eine Prinzessin“, haucht die Mutter mit erstickter Stimme – in deren Leben ist es der zweitbeste Tag.

Wird die Unzufriedenheit zu groß gibt es ja auch immer noch: Rinse and Repeat. Scheidung und nochmal. Nicht selten fällt im Fernsehen der Satz: „Meine erste Hochzeit war eher im kleinen Kreis, jetzt, wo ich es mir leisten kann, möchte ich aber eine richtig große Feier. Ich möchte mich fühlen, wie eine Prinzessin.“

Prinzessin, Prinzessin, Prinzessin. Dieses Wort hallt wider in den ausgeblasenen Eierköpfen jener Frauen, die notfalls einen Besenstiel heiraten würden, nur um Braut zu sein.

Das geht so weit, dass die Forderung einer Ehe für Homosexuelle für manche Befürworter eigentlich nur die Forderung eines Rechtes Homosexueller auf eine Hochzeitsfeier ist: die sollten auch wenigstens einen schönen Tag im Leben haben dürfen; das Mitgefühl gilt eher der Vorstellung, dass eine lesbische Frau niemals im weißen Kleid den Gang einer Kirche hinab schreiten wird, als dem Problem, dass ihr verweigert wird, ihrer Beziehung ein religiöses und/oder ökonomisches Fundament zu geben (und ja: ich finde das sollte sie dürfen).

Aber was macht die katholische Kirche als immer noch eine der größten Ehespendungseinrichtungen in diesem Lande? Gar nichts. Im Gegenteil, sie stellt auch noch die glitzernde Kulisse für die durchgestylten Eheevents. Dankbar, dass die Leute überhaupt noch kommen und nicht ahnend (oder nicht ahnen wollend?), dass sie kommen, weil die Innenausstattung der Barockkirche perfekt mit dem romantischen Goldrand der Einladungskarten harmoniert. Der Taufschein ist schließlich schnell aus den Unterlagen herausgekramt. Ich kenne sogar Mütter, die ihre Kinder taufen ließen, damit sie einmal in einer Kirche heiraten können.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Gedanken zur Praxis der katholischen Kirche, Medien - Kritik und Empfehlungen

2 Antworten zu “Prinzessinnen am Fließband

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