Erntedank – eine Provokation

An Erntedank geht es irgendwie um etwas, wovon der brave Stadtmensch schon lange entfremdet ist und was den gesättigten Mitteleuropäer schon lange nicht mehr wirklich mit Dank erfüllt: es geht darum, dass die Ernte und damit das menschliche Überleben nicht selbstverständlich ist, sondern sich in einer ständigen Gefährdung befindet. Darum, dass die Zivilisation als solche eigentlich pausenlos auf der Kippe steht: Schimmel im Kornspeicher, Fäule im Kartoffelkeller und die Menschen müssen Hunde und Katzen essen – oder sogar sich gegenseitig. Dass es so nicht ist, liegt letztlich an der Huld Gottes: er ist derjenige, an dessen Wohlwollen unser Bestehen hängt.

Diese ständige Existenzangst und die zugehörige Dankbarkeit ist uns irgendwo auf dem Weg verloren gegangen, daran können selbst unmittelbare Bedrohungen wie Ebola, die IS und auch Putin nichts ändern.

Der Grund dafür liegt in verschiedenen wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen: es geht uns einfach sagenhaft gut. In Wirklichkeit ist es das, was wir feiern müssen.

Aber an Erntedank feiern wir gerade die Gründe für diesen unseren sagenhaften Wohlstand nicht. Was wir feiern ist ein gnadenlos veraltetes und verkitschtes Ideal von Landwirtschaft und auch von Landwirten: feiste Bäurinnen in Kleidung, die bereits zur Entstehungszeit der Bilder im 19. Jahrhundert historisierend gemeint war; um den Altar herum liegen Zierkürbisse, die man nicht einmal essen kann und natürlich auch das erdig-sympathisch angeditschte Gemüse vom Biobauern.

Unser Dank aber sollte – wie so oft – den versteckten und oftmals sogar verachteten Ideen, Techniken und Personen gelten, die unseren Wohlstand bedingen. Daher dachte ich, ich danke mal wirklich für unsere reiche Ernte und nicht für unsere reiche Vorstellung dessen, wie Ernte zu sein hat.

Danke, Gott, für die moderne Lebensmitteltechnik

Was man über Lebensmittelchemie und -technik liest ist meistens, dass sie benutzt wird, um uns über’s Ohr zu hauen oder dass sie uns heimlich krank macht.

Fakt ist, dass sie aber auch hilft, die Massen satt zu machen und vor allem bestimmte Bevölkerungskrankheiten zu mindern. Ein Beispiel dafür ist z.B. die Anreicherung von Speisesalz mit Jod, die eine Erfolgsgeschichte aufzuweisen hat: die Bekämpfung von Jodmangel beugt diversen Schilddrüsenerkrankungen, besonders dem Kropf, vor.

Andere Erfindungen, lösen billig bestimmte Versorgungsengpässe, so wie z.B. Margarine zunächst eines war: haltbares und günstiges Fett für die Massen (in diesem Fall: das französische Militär unter Napoleon III).

Konservierungsstoffe ermöglichen es alleinstehenden Personen, warme Mahlzeiten zu sich nehmen zu können, ohne lange und vor allem ineffizient kochen zu müssen. Wie oft habe ich von älteren Damen gehört, wie ihr Leben dadurch erleichtert wird, dass es Iglu-Schlemmerfilets gibt!

Lebensmittelchemie ermöglicht es uns, Nahrungsmittel für verschiedenste Allergiker herzustellen, sie erleichtert uns die Aufnahme von Vitaminen im Winter, verhindert die Verbreitung bestimmter Krankheiten über schädliche Stoffe oder Mikroorganismen in Nahrungsmitteln und sie macht unser Essen günstiger in der Produktion.

Danke, Gott, für konventionelle Dünge- und Pflanzenschutzmittel

Der wahre Hintergrund dessen, dass Europa nach dem zweiten Weltkrieg nicht in eine zehnjährige Periode von Hunger und Knappheit abgerutscht ist, liegt im Landwirtschaftsplan der USA. Und der sah die großzügige Versorgung mit Dünge- und Pflanzenschutzmitteln vor.

Selbst, wenn es hier und da möglicherweise ziemlich übertrieben wurde, sorgte dies vorrangig für eine reichere Ernte, eine effizientere Nutzung der Felder und damit eine Sicherung des Überlebens der kriegsgebeutelten Bevölkerung.

Über die Langzeitfolgen dachte zu diesem Zeitpunkt nicht deshalb keiner nach, weil sie so böse konventionelle Umweltverschmutzer waren, sondern weil die Leute damals ein echtes Problem hatten: nix zu Fressen. Das vergessen wir gerne, weil wir so satt und zufrieden sind. Auch heute noch, in Zeiten einer erheblich verbesserten Technik und engmaschigeren Kontrolle, sichern uns konventionelle Düngung und Spritzmittel eine kontinuierliche Ernte, die zusätzlich gemäß verschiedener Untersuchungen chemisch so gut wie identisch mit Biolebensmitteln ist.

Eigentlich sollten wir uns schämen, wie wir mit einer Technik umgehen, die unseren Großeltern und Eltern mehr als einmal das Leben gerettet hat.

Danke, Gott, für Gentechnik

Die Kirche hatte lange (unter Anderem unter Benedikt dem XVI.) eine sehr kritische Haltung gegenüber Gentechnik: Anmaßung des Menschen gegenüber der Schöpfung.

Ich halte das ehrlich gesagt für Schwachsinn: erstens ist Züchtung, die von der Kirche nicht abgelehnt wird (im Gegenteil… die Kartäuser züchteten mit die schönsten Pferde ÜBERHAUPT), nur eine sehr viel weniger effiziente Form der Gentechnik und zweitens arbeiten Gentechnikforscher ja nicht, indem sie ganz neue Wesen zusammenstricken, sondern sie können auch nur Genome aus Lebewesen entnehmen, die es bereits gibt und sie auf Lebewesen übertragen, die es ebenfalls gibt: soll heißen: sie arbeiten ja auch nur mit dem, was Gott ihnen zur Verfügung stellt. Sie sind keine Schöpfer, sie verwalten nur den Schatz der Schöpfung, so, wie es dem Menschen aufgetragen ist.

Papst Franziskus erkannte das Potential der Genforschung: als für die Philippinen, die wegen der stark Reis-lastigen Ernährung der Bevölkerung mit Erblindung durch Vitamin-A-Mangel zu kämpfen hatten, eine neue Reissorte entwickelt worden war, die dank Gentechnik reich an Betakarotin ist (sogenannter Gold-Reis), segnete Franziskus diese Erfindung. Von einer ganzen Bevölkerung kann auf diesem Weg eine echte Geisel genommen werden.

In solchen Fällen gebietet allein die Menschlichkeit, sein Unbehagen gegenüber dieser Technik über Bord zu werfen. Das Überleben und die Gesundheit ganzer Länder sollte wichtiger sein, als der allgemeine Grusel vor der Gentechnik.

Wenn nicht die Engstirnigkeit wissenschaftsfeindlicher Träumer mit Brett vorm Kopf den Forschern noch mehr Handschellen anlegt, werden sich solche Fälle häufen: Gentechnik ist eine Chance für die Menschheit, eine Chance für eine effizientere (und damit durch die Einsparung von Spritz- und Düngemitteln, sowie Fläche umweltfreundlichere) Landwirtschaft.

Danke, Gott, für die Globalisierung

Globalisierung ist eines der standartmäßigen “Ich-hab-Schiss-vor-Sachen-die-mir-zu-groß-sind“-Themen. Es wird gerne auch mal aufs Tapet gebracht, während im Januar ein Tikka-Masala-Hühnchen mit einem knackigen Salat verzehrt wird. Dabei würde man ohne die Globalisierung im Januar von Kohl, Kartoffeln, schrumpligen Äpfeln und Schweinefett leben.

Neben dem Gewächshaus hat nämlich unsere Fähigkeit, Lebensmittel von der ganzen Welt einzufliegen und zu -schiffen unseren allgemeinen Ernährungszustand erheblich verbessert: auch im Winter können wir noch Obst und Gemüse zu uns nehmen und: unser kulinarischer Horizont erweitert sich. Gewürze aus Indien sind kein Luxus zum Weihnachtsfest der adeligen Tafel mehr, Getreidesorten aus Afrika und Südamerika ermöglichen eine ausgewogenere fleischlose Ernährung, die Produktion von in Europa aus klimatischen und geographischen Gründen ineffizienten Agrarprodukte kann in Länder ausgelagert werden, in denen diese besser funktioniert.

Globalisierung wird oft mit der Ausbeutung der Bauern in ärmeren Regionen in Verbindung gebracht. Dabei wird vollkommen übersehen, dass wir erst durch die Globalisierung überhaupt von der Existenz dieser Menschen wissen: erstens bedeutet diese den Anschluss dieser Bauern an ein globales Wirtschaftssystem, das globale Absatzmärkte und damit verbesserte Einnahmemöglichkeiten bietet (das ist freilich der Idealfall), aber es bedeutet zweitens auch eine Einbindung zuvor vernachlässigter Regionen in ein globales Bewusstsein und damit in die internationale Verantwortung.

Die Situation ausgebeuteter Landwirte wird sich gewiss nicht verbessern, indem wir unsere Handelsbeziehungen einstellen. Sie wird sich eher durch das wirtschaftliche Handeln des Westens verbessern, der erstens ein Interesse an der Stabilisation der lokalen Regierungen hat und zweitens an effektiver Landwirtschaft (kleiner Hinweis: ein verhungerter Bauer ist ineffizient), z.B. durch eine Verbesserung der Infrastruktur, die Erschließung des Marktes für regionale Lebensmittel (besonders auf dem Luxussektor – z.B. Delikatess-Schokoladen oder exotische Obstsorten) und besonders durch das Ausbooten von Mittelsmännern, die die Preise in beide Richtungen treiben.

Fazit: in meinen Augen müssen wir verstehen, dass in der Natur die Dinge nicht so kitschig funktionieren, wie wir sie gerne hätten. An Erntedank sollten wir für das System danken, das uns am Leben hält und nicht für das System, das wir am hübschesten finden.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Gedanken zur Praxis der katholischen Kirche, Kritik zu katholischen Themen

2 Antworten zu “Erntedank – eine Provokation

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