Schamhaftigkeit und andere Laster

Ist ja klar, dass ein katholischer Blog sich über einen Vorstoß im Sexualkundeunterricht aufregen muss. Denken sich jetzt vielleicht viele.

Dieser katholische Blog hingegen regt sich zwar über diesen Vorstoß auf, aber er nimmt dabei eine andere Stoßrichtung, wie ich hoffe.

Dass die Pläne Sielerts Lehrer zum sexuellen Missbrauch von Schülern ermutigen können (Missbrauch geht übrigens auch ganz ohne Soutane), dass das Recht von Eltern über die Erziehung ihrer Kinder zu entscheiden hier mit Füßen getreten wird, weit über das normale und selbstverständlich notwendige Maß schulischer Wissensvermittlung hinaus, das ist ja alles bekannt und wird in der FAZ korrekt kritisiert. Ich möchte aber noch auf etwas anderes hinaus.

Sexualkundeunterricht ist nicht NICHT das Werk des Teufels

Wie bereits an anderer Stelle erwähnt, sollte es aber auch klar sein, dass Sexualkundeunterricht per se sinnvoll ist, auch, um Verhütungsmethoden zu vermitteln. Die Argumentation, dass es falsch ist, Jugendlichen beizubringen, wie man Kondome benutzt, weil es der Sexualmoral der Kirche widerspricht, halte ich für fragwürdig. Nur, weil man lernt, wie etwas funktioniert, muss man es ja nicht benutzen: Jugendliche lernen ja auch, dass es gefährlich ist, sich Fixernadeln zu teilen, doch deshalb beschwert sich auch keiner darüber, dass die Kinder zum Heroinkonsum ermuntert würden. Das halte ich schlichtweg für eine Erziehungsfrage, die in der Verantwortung der Eltern liegt.
Wer was wann wo wie mit wem machen kann, darf, oder soll, hat hingegen nichts im Biologieunterricht zu suchen. Besonders haben Sätze wie „das ist ganz normal, dafür brauchst Du Dich nicht zu schämen“ meiner Meinung nach weniger die Wirkung, dass Jugendliche, die „normal“ sind, sich weniger schämen, sondern, dass Jugendliche, die derartiges – aus welchen Gründen auch immer – nicht fühlen oder tun sich noch viel mehr schämen.

Die soziale Dimension von Sexualität gehört dann natürlich in den Sozialkunde- und Geschichtsunterricht. Sexuelle Befreiung, die Rechtsbewegungen für Homosexuelle, Transgender, etc. (man verzeihe mir, dass ich zu faul bin, um den Sermon abzutippen), der Pillenknick, Gender-Mainstreaming, Schwierigkeiten bei der Verbreitung des Kondoms in Afrika usw. usf. All das kann, darf und soll man im Unterricht diskutieren und zwar mit Jugendlichen, die ein entsprechendes Alter erreicht haben, um zu wissen, worüber sie reden, zumindest theoretisch. Die Sexualmoral selbst hingegen gehört dann in den Ethik, Philosophie und/oder Religionsunterricht. Es ist nicht die Aufgabe des Staates, Kindern beizubringen, mit wem sie ins Bett gehen dürfen oder nicht.

Das Wörtchen „normal“

Das, worum es hier aber in der FAZ geht, ist der Versuch, nicht nur das Thema Gleichstellung in alle Bereiche der Schule zu tragen – als ob Jugendliche nicht schon oft genug an Sex denken würden – sondern der Versuch, Kindern in möglichst jungen Jahren Scham abzutrainieren und ihnen das Gefühl anzutrainieren, dass es richtig, ja normal und wünschenswert ist, sexuell zu empfinden.

Letzteres klingt doch eigentlich voll okay, aber das Problem wird deutlich, wenn man es negativ formuliert: nicht sexuell zu empfinden wirkt plötzlich anormal. Für Spätzünder (wobei allerdings die Pläne sich ja schon auf 9-11jährige beziehen) oder Asexuelle ist das ein ernstes Problem. Wenn man mit 11 schon eingetrichtert bekommt, dass ein normaler Mensch eben Sex zu haben hat, dann geht einem spätestens mit 14 die Muffe, wenn keiner mit einem schlafen möchte, oder, noch schlimmer, man selbst keinerlei Lust dazu verspürt.

Lustlosigkeit immer mehr zu pathologisieren („Erfindung“ der erektilen Dysfunktion zur Vermarktung von Viagra, beispielsweise) und sozial zu ächten ist für mich genau das Gegenteil von sexueller Befreiung oder einem „natürlichen“ Umgang.

Schamhaftigkeit und andere Laster

Doch kommen wir zum Abtrainieren von Scham, denn das ist für mich der erhebliche Knackpunkt: wieso genau ist Scham etwas Schlechtes? Die meisten unangenehmen menschlichen Empfindungen haben, in der richtigen Dosis, durchaus ihren Sinn. Angst schützt vor Gefahren, Trauer schafft Bindungen und begleitet Ablöseprozesse. Dass die Scham als das Nicht-preis-geben-wollen bestimmter Persönlichkeitsaspekte einen negativen Beiklang bekommen hat, erklärt sich mir nur äußerst mangelhaft. Aus irgendeinem Grund wird so getan, als wäre Scham identisch mit dem Wunsch, eben diese verborgenen Persönlichkeitsaspekte loszuwerden. Das stimmt aber eben nicht immer. Gerade im Bereich des Körperlichen schämen wir uns für Dinge, obwohl wir wissen, dass alle sie tun oder haben – wir wissen alle ganz genau, dass jeder auf den Topf muss. Wir wollen es nur nicht in einer Gruppe von Gleichaltrigen und unter Anleitung durch den Lehrer tun. Wir wissen alle genau, dass die anderen unter ihren Klamotten nackt sind. Das ist kein Grund, sich auszuziehen.

Ich gehe noch einen Schritt weiter: ich vermute, dass Scham, obwohl ich nicht leugnen möchte, dass ihr Gegenstand kulturell verschieden ist, eigentlich eine ganz natürliche, normale Empfindung ist (es ist ganz natürlich, dass Du Dich schämst, dafür brauchst Du Dich nicht zu schämen ;) ). Denn trotz sexueller Befreiung, sexualpädagogischer Kinderbücher, FKK-Stränden und der Generation Porno grölen immer noch die Jungs wie ein Rudel Brüllaffen und die Mädels werden rot und gucken weg, sobald zum ersten Mal die Seite mit den anatomischen Bildern im Biobuch aufgeschlagen wird.

Doch man braucht nicht einmal ein Kind zu sein, um ein gesundes Schamgefühl zu haben: Ich glaube kaum, dass, einmal abgesehen von den Enthemmten aus der Sexualpädagogik, irgendein Erwachsener vor einer Gruppe ihm flüchtig bekannter Mitarbeiter seine Lieblingsstellung vortanzen möchte. Wieso sollte das also einem 11jährigen Kind leichter fallen?
Vielleicht – und ich gebe zu, dass das eine gemeine Unterstellung ist – vielleicht sind die Herren Sexualpädagogen ja selbst so ausgehungert, dass sie die Schuld dafür bei der Gesellschaft suchen. Nicht etwa sie sind möglicherweise abstoßende Charaktere, vergraben in ihren abstrusen Ideen und zerknautschen, nach Räucherkerzen und Studentenparties muffelnden Anzügen, sondern die Bevölkerung ist einfach zu prüde, um sie mit genug Sexualpartnern zu versorgen: Weg mit der Schamhaftigkeit und mehr anspruchslose Bumsobjekte für abgeflippte Sexualpädagogen! Das ist eher albern, als bedenklich. Gruselig wird es dann, wenn einige dieser Herren ihr Bemühen darauf legen, dass Kinder möglichst früh Teil der „freiwillig“ sexuell aktiven Bevölkerung werden.

Doch zurück zur Scham: Scham ist die Hemmung des Menschen davor, vor Fremden sein Innerstes nach Außen zu kehren, es ist die Angst vor Angreifbarkeit und deshalb ist es ein Gefühl, das man respektieren muss, statt es auszutreiben.

Um Scham abzubauen braucht es Vertrauen und Liebe. So herum wird auch ein Schuh daraus: man liebt nicht, weil man sich nicht schämt, sondern man schämt sich nicht, weil man liebt.

Aber dass Sex etwas mit Liebe zu tun haben könnte, liegt ja weit jenseits der Vorstellung solcher Sexualpädagogen. Deshalb ist Scham für sie auch ein schlechtes Gefühl, sie hindert den Menschen nämlich daran, zu tun, wonach solchen Sexualpädagogen gerade ist und das darf nicht sein.
Das Wörtchen „natürlich“

Dieser Zustand wird mit dem zeitgenössischen, wenn auch nicht gerade neuen Kampfbegriff „unnatürlich“ belegt. Unnatürlich gehört im Grunde mit Begriffen wie „faschistisch“, „populistisch“ oder „mittelalterlich“ in eine Kategorie. Eigentlich bedeuten sie gar nichts, außer „schlecht“. Wenn der Mensch Teil der Natur ist, wie es ja eigentlich inzwischen die weit verbreitete Auffassung ist, wie kann er dann unter Bearbeitung anderer der Natur zugehöriger Dinge etwas Unnatürliches hervorbringen? Ohne die Annahme von etwas Übernatürlichem kann es auch nichts Unnatürliches geben. Doch selbst, wenn man diesen zugegeben etwas metaphysischen Gedanken bei Seite lässt, lassen sich die Pole Natur-Kultur nicht aufrecht erhalten (z.B.: ab wie viel Bearbeitung wird etwas Natürliches unnatürlich? Z.B.: sind gekochte Biokartoffeln unnatürlich? Wenn nein, wieso sind es dann gefrorene?), geschweige denn die Zuteilung von gut und böse. „Natürlich“ wird blindlings da gebraucht, wo „sanft“, „schonend“, „angenehm“ und „gesund“ gemeint ist, als ein Werbewort eben, nicht nur für Fußcreme, Erkältungspillen und Urlaub in Baden, sondern auch für Pädagogik.

Wie bereits erwähnt, ist es, wenn man frei festlegen kann, was natürlich ist oder unnatürlich, auch ein Kinderspiel zu behaupten, der Naturzustand müsse gegen den Willen der Betroffenen, unter größten Anstrengungen hergestellt (nein: wiederhergestellt) werden, was ja eigentlich widersinnig ist: wieso sollte man Natürlichkeit unter Mühen einüben müssen? Sollte sie sich nicht… naja, von Natur aus einstellen? Eine Argumentation, dass vielleicht Kultur nicht immer die schlechteste Angelegenheit ist, wird damit natürlich auch zur Ungeheuerlichkeit.

Der Einzige, der den Rittern der „Natur“ dabei noch einen Strich durch diese Milchmädchen-Rechnung macht, ist die Natur selbst. Und die lässt Kinder regelmäßig ihren Pädagogen den Stinkefinger des Desinteresses zeigen.

— Disclaimer: dieser Beitrag bezieht sich auf den Artikel in der FAZ. Keineswegs würde ich behaupten, dass Sexualpädagogen vom Prinzip her müffeln und seltsame Neigungen haben —

— Disclaimer II: Da dieser Beitrag vermutlich noch nicht genug Googler auf der Suche nach Pornographie anzieht: Sex, Sex, Sex. Danke für Ihre Aufmerksamkeit —

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6 Kommentare

Eingeordnet unter Medien - Kritik und Empfehlungen

6 Antworten zu “Schamhaftigkeit und andere Laster

  1. F. M.

    Scham unterliegt kultureller Prägung. Jede Kultur und Religion hat ihre spezifischen Sünden und damit auch spezifische Dinge/Themen/Ereignisse, die die Scham auslösen.
    Auch wenn Sie noch so sehr wollen, dass Scham (wahrscheinlich Ihre spezielle, katholische Scham, die vor allem auf alles sexuelle zielt) „natürlich“ ist, sie ist es nicht, sie ist anerzogen.

  2. F. M.

    Einen exzellenten Beitrag zum Thema Scham: kulturell bedingt habe ich hier gefunden:
    http://www.zeit.de/gesellschaft/2014-10/scham-kultur-migrationshintergrund

    Ich frage mich natürlich jetzt, was die römisch-katholische und muslimische Religion so sehr verbindet, dass …

  3. Ich habe ganz genau geschrieben, dass ich sehr gut weiß, dass der Gegenstand von Scham kulturell bedingt ist, ich aber vermute, dass das Gefühl an sich „natürlich“ ist, bzw., viel wichtiger (da ich die Kategorie „natürlich“ – obwohl ich sie im Text einmal benutze – eigentlich ablehne): vom Prinzip her nichts Schlechtes.
    Du würdest Dich, ganz ohne katholisch/christliche Scham ja auch schämen, wenn Du z.B. von plötzlichem Durchfall gepeinigt im Büro in die Hosen machst. Es kommt aber kein schlauer Stuhlgangpädagoge, der mit Dir übt, vor andern Leuten aufs Klo zu gehen.
    Ich möchte nur darauf aufmerksam machen, dass Scham nicht immer nur den Menschen dabei einschränkt, Spaß zu haben.

    Wenn man sich natürlich dauernd und für alles schämt, also krankhaft lähmend in seiner Scham gefangen ist, dann ist das eben genauso problematisch, wie es das bei der Angst ist oder der Trauer. Das sind auch keine schönen Gefühle, trotzdem in Maßen sinnvoll.

    Ich weiß, dass zum Teil natürlich im Kontext von Religionen – auch von Katholizismus gerade Sexualität übermäßig zum Gegenstand von Scham gemacht wurde. Allerdings hatte z.B. auch die Römische Kirche Phasen, in dem Sexualität in viel stärkerem Maße zugelassen und eingebettet wurde. Absurderweise im Hochmittelalter. Da kommt mitunter in einem Gedicht Gottes „Ständer“ vor und eine Mystikerin wird in ihren Visionen von ihm aufs „Hochzeitslager“ geführt. Auch der Islam hat Zeiten hinter sich, in denen Sexualität weniger stark mit Scham belegt wurde.

    Allerdings geht es in diesem Artikel um Dinge, die nicht nur für verklemmte Pietisten schambelegt sind. Ich denke, auch die meisten Säkularen sähen eine Grenze überschritten, wenn ihr Zehnjähriger vor der Klasse drüber reden soll, ob und wie er sich gerne selbst anfasst.

  4. F. M.

    Ich weiß, dass zum Teil natürlich im Kontext von Religionen – auch von Katholizismus gerade Sexualität übermäßig zum Gegenstand von Scham gemacht wurde.

    Richtig, im beschönigen selbst verursachter Katastrophen und die selbst verschuldete Unglaubwürdigkeit in Sachen Ehe, Liebe und Sex ist eine solche Katastrophe, war man in der katholischen Kirche schon immer exzellent.
    Liegt vielleicht daran, dass die katholische Kirche im Verursachen von Katastrophen mindestens so exzellent war, wie im Beschönigen derselben.

    • Was genau soll ich denn auf sowas jetzt bitte antworten?
      Diese Aussage hat nicht nur nichts mit dem zu tun, was ich geschrieben habe, sondern auch nichts mit dem Artikel in der FAZ.
      Glaubst Du, „Kirche ist kaka“ ist eine Aussage, mit der man in einem katholischen Blog irgendwas erreichen/anstoßen/erläutern kann?

  5. F. M.

    Die Kirche ist doch nicht mehr oder weniger „kaka“ als andere Grossorganisationen. Wobei natürlich bei der römisch-katholischen Kirche die völlige Unbeweglichkeit eines absolutistischen Feudalsystems dazukommt. Und daran sind schon ganz andere Reiche bis zur völligen Bedeutungslosigkeit geschrumpft (worden). Angesichts der beinahe einzigartigen Botschaft Jesu wäre das vielleicht nicht ganz so prickelnd. Deswegen sollte man sich weniger auf die Verursachung von Katastrophen spezialisieren, sondern auf eine verständliche Verkündigung der Lehre Jesu. Hoffen wir das beste. Die katholische Kirche wird sich reformieren müssen. Wenn sie das nicht will, oder kann, wird sie von aussen reformiert werden, ob sie nun will, oder nicht. Das hatten wir ja schon mehrfach und einmal war danach der halbe Laden weg.
    Das muss man ja nicht unbedingt nochmal praktizieren u d sich dann unverhofft auf der Ebene der Zeugen Jehovas wieder finden.

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