Der Bart des Kaisers auf dem Totenbett

Sterbehilfe ist ein modisches Thema, besonders für katholische Blogger. Ich habe mich bisher entschieden, es zu ignorieren.

Aber der Punkt ist der: wenn immer nur die am lautesten schreien, die einen extremen Standpunkt vertreten, dann gehen die gemäßigten und daher meist umsichtigeren Meinungen verloren. Hauptsächlich bin ich einfach nicht damit einverstanden, wie die öffentliche Diskussion geführt wird.

Ich warne zuvor: dieser Text ist voller kalter, menschenverachtender und realitätsorientierter Analysen. Er bietet keinerlei befriedigende Lösungen. (Wenn ich im Folgenden vom „Sterbehilfe“ rede, dann meine ich damit indirekte Sterbehilfe (Inkaufnahme der Lebensverkürzung bei der Verabreichung schmerzstillender Mittel), passive Sterbehilfe (Sterbenlassen aufgrund des Patientenwunsches) und Assistenz zum Suizid (das Zur-Verfügung-Stellen von Werkzeugen zum Suizid, der aber vom Sterbenden letztlich selbst ausgeführt wird). Aktive Sterbehilfe halte ich für einen anders gelagerten Fall.)

Die Qual der Wahl

Peter Bergers Modernetheorie kreist im Wesentlichen um die Idee des „Zwangs zur Häresie“. Sie besagt, dass es ein Charakteristikum der Moderne ist, dass Menschen plötzlich einen Haufen von Entscheidungen zu treffen haben, die es vor der Moderne mangels Alternativen nicht gab: z.B. eben: welche Religion? Welcher Beruf? Welcher Partner? und eben auch: wann und wie will ich sterben?

Ist erst einmal eine Sache zum Gegenstand dieser selbstverantwortlichen Entscheidungsgewalt des Einzelnen geworden, ist er Teil unseres gesellschaftlichen Konzeptes von „Freiheit“. Sie ist höchstens situativ (Gefängnis, Psychiatrie, Schule) reversibel.

Vieles aber, was die Kirche und die Sterbehilfegegner fordern zielt drauf ab, dass das eigene Sterben gar nicht Gegenstand individueller Entscheidungsgewalt sein darf. Nein, sie leugnen schlicht weg, dass es das überhaupt ist. Sprich: ihr eigentliches Ziel ist es, den Fall „Sterben“ aus der menschlichen Entscheidungsgewalt wieder herauszunehmen.

Man verstehe mich nicht falsch: natürlich dürfen sie das ruhig. Aber ich billige dem nur eine äußerst geringe Erfolgschance zu, besonders wegen ihres Mittels: wenn ich etwas verbiete, dann nehme ich es damit nicht aus dem Pool der Handlungsalternativen. Ich kann mich ja auch jederzeit frei entscheiden, zu klauen, oder es zu unterlassen.

Regulationswut und unklare Begrifflichkeiten

Der eigentliche Wunsch vieler Befürworter einer weiteren Lockerung der Sterbehilferegelungen (mitunter in Richtung aktive Sterbehilfe) ist es, eine wasserdichte, saubere Gesetzeslage zu erwirken, um Missbrauch vorzubeugen.

Das bedeutet aber oft: Regulation über Regulation. Da werden so Ideen präsentiert wie: wer einen Sterbewillen äußert, muss ein Psychologisches Gutachten durchlaufen, ob er entscheidungsfähig ist. Dagegen gibt es aber einen Haufen Einwände: Erstens wird ihm damit die Entscheidung über das eigene Leben im Endeffekt genommen und einer staatlichen Stelle übergeben, zweitens bedeutet das das Ingangsetzen eines großen also schwerfälligen amtlichen Apparats, was wochenlanges Ausharren bedeuten könnte und drittens ist das eine absolut fragwürdige Beschneidung der Rechte psychisch Kranker. Ja. Das mein ich Ernst.

Wo genau ist denn der Unterschied zwischen jemandem, der nach jahrzehntelanger erfolgloser Behandlung seiner Psychosen einfach nicht mehr kann und jemandem, der nach jahrzehntelangen, erfolglosen Chemos nicht mehr kann? Ich persönlich sehe da überhaupt keinen. Dennoch wird der psychisch Kranke trotz ausdrücklicher Willensäußerung am Suizid gehindert werden, wo es nur möglich ist. Selbst dann, wenn er gerade eine klare Episode hat. Wer sich in Deutschland überraschend das Leben nimmt, wird erst einmal „gerettet“, auch bei ausdrücklich vorliegendem Sterbewillen (z.B. schriftlich), und dann eingewiesen: Suizid ist ein Indikator für psychische Krankheit. Vom Prinzip her halte ich das für sinnvoll, gleichzeitig ist es aber absolut paradox in Zusammenhang mit der Diskussion um Assistenz beim Suizid, unterlassene Hilfeleistung und Entscheidungsfähigkeit.
Das mit der „Zurechnungsfähigkeit“ (wie es im Volksmund genannt wird) klingt so unglaublich beruhigend, dass man es  einfach trotzdem lieber in der Argumentation behält.

Einer der beliebtesten Mechanismen ist außerdem das „sterbende Model“, junge Menschen, von denen vorteilhafte Photos verbreitet werden, nachdem sie heroisch in den Tod gegangen sind.
Das ist aber nicht das Alltagsgeschäft der Sterbehilfe und es sind vor allem nicht die Fälle, für die unsere Gesetzeslage in Deutschland noch zu wackelig wäre: junge, agile, selbstständige Menschen haben diverse Möglichkeiten, zu sterben.
Das Alltagsgeschäft der Sterbehilfe sind alte Menschen, die heute noch sagen, sie wollten sich zu Tode hungern und fragen, wie viele Herztabletten sie nehmen müssen, um zu sterben, morgen aber wissen wollen, was es an ihrem Geburtstag zu Essen gibt. Das Alltagsgeschäft der Sterbehilfe sind Ärzte, die die Gesetzeslage nicht kennen und Angst haben, verklagt zu werden, Angehörige, die ihre Eltern nicht gehen lassen oder loswerden wollen. Selbstmord im Altenheim, der geschieht, während die Sippe schon über dem Erbe zankt, um sich dann gegenseitig vor Gericht zu ziehen. Schwer Demenzkranke, die noch schnell ihre Patientenverfügung unterzeichnen. Patienten mit kompletter Lähmung: heißt zweimal blinzeln, dass Sie nicht mehr wollen? Patienten, mit degenerativen Erkrankungen, die sich nicht entscheiden können: will ich erst jetzt sterben oder erst nach dem nächsten Schub? Was, wenn ich mich dann schon nicht mehr selbst töten kann? Was, wenn es zu früh ist?

Dieser Abschnitt des Lebens ist einfach so dreckig, so verwirrend, so schmerzvoll und unberechenbar, dass der Ruf nach einer klaren, gesetzlichen Regelung so logisch wie sinnlos ist. Im Bereich der Sterbehilfe sollte darauf geachtet werden, dass solche legalistisch-ökonomischen Überlegungen so knapp wie möglich gehalten werden, um private, häusliche und unbürokratische Prozesse zu entwickeln.
Es ist eine höchstprivate Angelegenheit. Vom Staat bräuchte es in solchen Fällen vor allem einen Notfallplan, wenn das soziale Gefüge versagt.

Ärzte und andere Gespenster

Was in solchen Diskussionen auch fast nie vorkommt ist die Rolle der Ärzte: sie verbleiben meist anonym und erscheinen entweder als Henker, die jedem das volkswirtschaftlich vorteilhafteste Ende aufschwatzen, oder als die stillen hilfreichen Geister, denen die fiese Kirche/der Staat die Hände bindet.
Ärzte aber werden immer, egal, welche Regelung letztlich getroffen wird, die zwiespältigste und undankbarste, aber auch die wichtigste Rolle in dieser Thematik spielen. Die Hausärzte meiner Großeltern waren stets sehr kompetent. Das konnten sie aber deshalb sein, weil sie sich auf das Wohlwollen und die Kooperation von uns als Angehörigen verlassen konnten.

Es ist einfach nur unfair, diesen Leuten, die in aller Regel nur helfen wollen und die Sterbenden seit Jahren kennen und betreuen, ständig juristische Steine in den Weg zu legen, sie dauernd misstrauisch zu beäugen und sie in zweifelhaften Rechtslagen verbleiben zu lassen, so dass sie den Eindruck haben, ständig halblegal und unter der Hand arbeiten zu müssen. Dabei sind sie in manchen Geschichten sogar die eigentlichen Helden.

Beide Seiten dieser Diskussion werden sich damit abfinden müssen, dass es immer Ärzte geben wird, die sich aus Gewissensgründen jeder Form von Sterbehilfe verweigern und Ärzte, die sich Assistenz zum Suizid auf die Visitenkarte schreiben. Sie sind eben Personen mit Meinungen, die zu kritisieren jedem frei steht.

Mein Plädoyer für das Thema ist eigentlich Folgendes: unsere Gesetzeslage muss klarer werden und sie muss klar sagen, ab wann sich ein Helfer strafbar macht. Dafür braucht es gut zugängliche Broschüren, Weiterbildungen für Ärzte und Pflegepersonal, öffentliche Berichte, die nicht immer nur den Horrorfall wälzen, sondern legale, realitätsnahe Beispiele präsentieren. Dafür bräuchte es aber auch einen weniger verklemmten Umgang mit dem Thema an sich.
Man würde damit schon allein den Schreihälsen das Zepter aus der Hand nehmen, dass sie sich „als einzige trauen, darüber überhaupt zu sprechen“.

Der zweite Punkt ist: Je weniger im Detail reguliert wird, desto besser wird die Würde des Sterbenden gewahrt, denn letztlich gibt es nichts Entmächtigenderes, als amtliche Prozesse durchlaufen zu müssen. Besonders in so einer Situation.

Statt immer große, wohlklingende Worte von Freiheit und Lebensschutz im Munde zu führen, könnte man sich dem Thema einmal mit der Ehrfurcht vor dem Sterben und den Sterbenden nähern und erkennen: sie sind das schlechteste Politikum aller Zeiten, weil sie uns letztlich immer in Trauer, Verwirrung, Atemlosigkeit zurücklassen. Dafür gibt es zum Glück keine elegante Lösung.

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4 Kommentare

Eingeordnet unter Kritik zu katholischen Themen, Religion und Politik

4 Antworten zu “Der Bart des Kaisers auf dem Totenbett

  1. Ich bin dem neuen Text-Design mit Zwischenüberschriften sehr angetan. Jetzt braucht es nur noch eine Unterüberschrift, dann ist das Layout genauso gut wie die Texte ;-)

    • Ach, Du meinst, quasi eine Erklärung, worum es eigentlich geht? Auf die Idee hätte ich, jetzt, wo ich schon fast ein Jahr in der PR arbeite auch von selbst kommen können ^^°
      Danke für die Anregung. Und Grüße.

      • Genau. Und mit nem Plugin kann man das auch gut in WordPress einbauen. Ist auch gut für’s SEO und die Eleganz der Hauptüberschrift, weil du das Keyword nicht da rein packen musst.
        (Och, das klang total technisch ;-))

  2. Pingback: Der Bart des Kaisers auf dem Totenbett | Gardinenpredigerin | theolounge.de

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