Christkönig… war da nicht was?

An Christkönig überschlagen sich die Pastoralreferenten und Pfarrer regelrecht dabei, das Evangelium möglichst wegzudiskutieren
– aber warum eigentlich?

Faszinierend, worüber nun an Christkönig alles gepredigt wurde. Am meisten über Lehrer, über Richter und über Väter aber am allerwenigsten über… nunja: Könige.

Eines der eklatantesten Beispiele war ein Kindergottesdienst, den ich damals zu diesem Datum mitmachen durfte: unsere Pastoralreferentin sang mit uns ein Lied, in dem unter anderem die Zeile fiel: „Er kommt nicht wie ein König hoch zu Ross, sondern wie ein Bettler“. Er kommt NICHT WIE EIN KÖNIG?! Ist Lesen seit neuestem auch elitärer Theologenhabitus, denn im Pfarrbrief steht nämlich „ChristKÖNIG“.

Fakt ist jedenfalls, dass auch die Lesungen an diesem Tag nur so überborden von Königsmetaphoriken. Besonders die Stelle aus der Offenbarung des Johannes ist christologisch wahnsinnig interessant: die Sitzordnung am himmlischen (?) Gericht entspricht den Schilderungen der Sitzordnung der Mächtigen bei der Ankunft des Messias in den Schriften, die wir z.B. aus Kumran haben. Was hier offenbar wird ist nicht die Erwartung eines ominösen Himmelreiches im Jenseits, in dem ein demütiger Christus uns in seine verarmten Bettlerarme (haha: Arme) schließt, sondern es geht hier um eine konkrete Regentschaft eines weltlichen Königs, der weise, gerecht und vor allem in Herrlichkeit regiert. Man stellte sich in einer Linie zu jüdischen Messiaserwartungen einen realen, politischen, kriegerischen Christus vor, der wiederkehrt, um auf der Erde ordentlich aufzuräumen. Mit Feuer und Schwert.
Christus der König ist eine Schreckensvision, so sehr, wie er eine Hoffnung ist.

Es ist klar, dass das vom Transzendenzgrad her nicht mehr wirklich mit modernen Vorstellungen vereinbar ist. Einer Gemeinde zu erklären, man erwarte die leibliche Wiederkunft Christi, einen Krieg und ein goldenes Zeitalter… naja. Wenn man ganz viel Pech hat und an die falschen Hörer gerät, bekommt man sogar vorgeworfen, einen Gottesstaat errichten zu wollen. Es ist auch klar, dass sowohl Prediger als auch Zuhörer überfordert sind, wenn es daran geht, zu erklären, wie sich christliche Jenseits- und Endzeitvorstellungen aus der jüdischen Apokalyptik und Messiaserwartung entwickelt haben.

Die Angst vor einem Pantokrator

Was aber drin sein sollte, wäre, wenigstens EINMAL im Jahr zu den Wurzeln des Christentums zurückzukehren und ausnahmsweise mal nicht über den weisen Asketen in spartanischen Gewändern zu reden, sondern über den Pantokrator. Den Christus, der sich in den Himmel einhüllt, wie in einen Mantel. Das war bis in die Romanik hinein die häufigste und wichtigste Christusdarstellung: der erhöhte, thronende Christus in goldenen Gewändern.

Versteht mich nicht falsch: die menschliche Seite Jesu ist ungemein wichtig für uns: dass er mit den Zöllnern gegessen hat (da wird es übrigens auch nicht so schlecht runtergegangen sein) und in den Dreck gespuckt hat, alles coolio und schnieke. Als Katholiken haben wir neben dem amerikanischen Good-Guy-Jesus-Next-Door noch den Schmerzensmann, der sich in ungeahnte Tiefen erniedrigt und leidet. Aber Geißelung und Kreuzigung scheinen den modernen Predigern noch immer nicht genug zu sein, nein, nicht mal an Christkönig darf der arme Kerl auf den Putz hauen, sich die feschen Klamotten anziehen und ein bisschen das All regieren. Natürlich nicht: er ist der „andere König“, der als Bettler kommt.

Woher kommt das? Kränkt es unseren zivilisierten Geist so sehr, dass das Himmelreich keine Demokratie ist? Natürlich gab es grausame Könige, die ihre Untertanen auf angespitzte Holzpfähle setzten oder unnötig in Kriege stürzten. Aber so ein König ist doch Christus niemals, Christus ist eher die Sorte König, die sich um zwei Uhr morgens hinsetzt und Parlamentsbeschlüsse durchackert, an Katastrophenherden mit seiner Privatkasse einspringt und Operndivas so lange umschmeichelt, bis sie in der Staatsoper singen.

Überfordert von der Überforderung weltlicher Politiker

Können wir uns das nicht mehr vorstellen, einen weisen und guten Herrscher? Wollen wir denn überhaupt noch von jemandem regiert werden oder geben wir uns nicht lieber einer Politik hin, die uns mit der Illusion einlullt, uns selbst zu regieren, während sie uns in Wirklichkeit von der Wiege ins Totenbett gängelt? Ist man denn frei, wenn man die Wahl zwischen vorab festgelegten Möglichkeiten haben muss?
Und die sogenannten „Politikmüden“, wünschen sie sich nicht etwas, das von vornherein unmöglich ist? Schließt sich für sie nicht „Politik“ mit „Authentizität“ qua definitione aus? Erwarten sie nicht so etwas, wie einen endzeitlichen Messias, der all die bösen Gierschlünde und Nichtstuer davonjagt, endlich, endlich eine „neue Politik“ beginnt, die zwar ständig eingefordert aber nie tatsächlich beschrieben wird?

Vielleicht gibt es einfach keine guten Formen der Regierung, sondern nur mehr oder weniger praktikable. Eine Demokratie gehört definitiv zu den praktikableren. Vielleicht ist Christkönig ja der Tag, an dem wir uns klar werden müssen, dass „die Gute Regierung“ eine Utopie ist. Natürlich müssen wir weitermachen, natürlich müssen wir versuchen, besser, gerechter, vernünftiger zu regieren, aber das, was wir uns letztlich wünschen überfordert Menschen bei weitem: Unsere Politiker sollen im Endeffekt Jesus sein. Gütig und streng, dabei demütig, liebevoll, weise, einen perfekten Lebenswandel pflegen und nebenbei möglichst optisch noch was her machen. Wir hoffen auf Freiheit in Sicherheit, Reichtum in Gleichheit, Individualität in Gemeinschaft. Wir suchen nicht nach Menschen, die kompetent ein bestimmtes Problem lösen können, wir wollen den auf Erden wandelnden Heilsbringer.
Es ist doch kein Wunder, dass solche übermenschliche Erwartungen ständig enttäuscht werden müssen und erst recht ist es kein Zufall, dass Systeme, die derartige Idealzustände mit allen Mitteln herbeizuführen versuch(t)en gerne in die Theologie abrutschen und dann an der Realität scheitern.

Letztlich gibt es aber nur einen Addressaten, an den solche Hoffnungen zu richten nicht komplett überzogen ist: den  König der Könige. Dürfen wir also diesen unseren König nicht einfach mal feiern? Mit Weihrauch und Dschingdarassabumm?

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Kritik zu katholischen Themen, Religion und Politik

Eine Antwort zu “Christkönig… war da nicht was?

  1. Christoph P.

    Hallo,

    hmm, in meiner Gemeinde im Nordosten gibt es da zumindest musikalisch schon „Dschingdarassabumm“. Am letzten Christkönigssonntag enthielt die Liedauswahl beispielsweise
    * Gelobst seist du, Herr Jesu Christ (GL 375);
    * König ist der Herr, alle macht hat er… (GL 811, da kommt u.a. vor: „thront auf Kerubim“ und Mantelsaum füllt den Weltenraum“);
    * O großer König, Jesu Christ… (GL 805 mit u.a. „sonnenumkränzter Kron“ usw.);
    * „Dich König loben wir“ (GL 798 mit „wolln wir geben Ruhm, Preis, Dank und Herrlichkeit“).

    An der Orgel freue ich mich, dass ich es noch einmal so richtig krachen lassen kann vor der Adventszeit. Das Christkönigsfest ist für mich neben Ostern die Gelegenheit, einmal als Nachspiel (da ist der Gottesdienst formal ja eh schon vorbei) eine barocke spanische Batalla zu spielen, Musik, die musikalische Schlachtengemälde darstellt mit Trompetenstößen, Granaten, fliehenden Feinden und Triumpf am Ende. Man kann sich das beispielsweise hier anhören:

    Dieses Genre war im 17. und 18. Jahrhundert groß in Mode und ist bis heute sehr beliebt – ist natürlich auch barocke Macho-Musik. Damit man so etwas im Gottesdienst spielen kann, sagte man einfach, dass der Kampf und Sieg Gottes mit bösen Mächten dargestellt werde. Passt an Christkönig und an Ostern natürlich.

    Beste Grüße von der Waterkant
    Christoph P.

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