Hysterische Weiber?

Der Feminismus ist in den letzten Jahren im Kreuzfeuer der Presse und Medien – vor allem des Internets. Die Vorwürfe sind vielfältig, die Satiren ätzend. Wer sich heute als Feminist bezeichnet, wird schon fast automatisch nicht mehr ernst genommen. Versuch einer Problemanalyse

1. Institutionalisierung führt zum Arbeitszwang

Stellen Sie sich vor, Sie sind Polizist in einer Kleinstadt auf einer Norwegischen Insel, auf der wortwörtlich nichts passiert. Und Sie sind nicht alleine, Sie haben auf dieser Insel noch um die 20 Kollegen, die, genau wie Sie, fertig geladene Waffen am Holster tragen und einen nagelneuen BMW-Streifenwagen, der 240 Sachen kann. Und wenn Sie nicht nachweisen können, dass Sie alle Arbeit haben, dann fliegen Sie.

So ungefähr ist es, einen Lehrstuhl für Gender-Studies zu haben und dort zu arbeiten.

Die Institutionalisierung der Genderstudies hat dazu geführt, dass sich zu viele Personen mit zu wenig Thema auseinandersetzen und dass sie nur noch das machen. Eine Studie zum Einfluss der Gastgeberinnen auf literarischen Salons? Sinnvoll. Aber 20 braucht man davon nicht und vor allem ist das ein Projekt für vier, fünf Jahre, aber was danach? Das Problem ist dabei gar nicht, dass das Feld zu klein ist, sondern zu groß: Frauen gibt es halt leider überall und hie und da beeinfluss(t)en sie Ereignisse erheblich, ohne bisher dafür beachtet worden zu sein (Das ist ja die eigentliche Daseinsberechtigung der Gender-Studies).
Viele Gender-Forscher sind aber nebenher katastrophale Kulturwissenschaftler, der Effekt ist dann eine Wissenschaft wie zu Zeiten der Psychoanalyse: ich nehme ein Phänomen aus einer Kultur, von der ich nichts verstehe und klatsche meine alles zurechterklärende, prinzipiell aufgehende Theorie drauf, die mysteriöserweise immer aufgeht. Mit einem Hammer erscheint einem halt die ganze Welt wie ein Nagel.

Ganz nebenbei lastet auf ihnen aber auch noch der ungute Druck, gesellschaftsverändernd zu agieren (sie müssen ja die Welt retten), etwas, das Geisteswissenschaftlern ganz allgemein schlecht bekommt, weil für sie als reine Theoretiker Praktikabilität und gesellschaftliche Realität schon beinahe ein rotes Tuch sind. Dass die Medien natürlich mit Begeisterung jeden Rülpser dieser leider Gottes mit universitärem Renommee ausgestatteten G’schaftelhuber aufnehmen und durchs Dorf treiben, unter allgemeiner Belustigung und Ablehnung einer Bewegung, die es Frauen überhaupt erst erkämpft hat, zu studieren, ist dann natürlich die andere Seite.

Die Kampagne der Frauenbeauftragten der LMU zum Thema sexuelle Übergriffe auf der Wiesn ist halt nicht so lustig wie der neueste *_IN-Käse. Eine sinnvollere Umsetzung der Genderstudies wäre es, sie eben zu einem Aspekt verschiedenster Kulturwissenschaften zu machen. Dann wären Gender-Forscher zunächst einfach Experten auf einem bestimmten Gebiet, auf dem sie sich auch speziell für Frauen interessieren. Dann stünde Genderstudies nicht mehr synonym für „wissenschaftlichen Verfolgungswahn“ und vor allem gäbe es keine berufs-queeren Schreckschrauben mehr, die deutsche Forschungsgelder für ihre Selbstdarstellung verschwenden

2. Opfer aus Leidenschaft

Es gibt einen ganzen Haufen Frauen und Mädchen, die sehr gut begriffen haben, wie famos bequem es in der westlichen Gesellschaft ist, sich als Opfer zu profilieren. Das bringt nicht nur jede Menge Aufmerksamkeit, sondern es hat auch den großartigen Nebeneffekt, gar nicht mehr so richtig als Täter in Frage zu kommen. Deshalb kommen sie z.B. damit davon, Männer mies zu behandeln, bis hin zum Missbrauch: „Jetzt siehst Du mal, wie das ist!“ Und: „Ich hab so viel Erniedrigung erfahren, dass ich jetzt emotional instabil bin und ein gestörtes Verhältnis zu Männern hab.“, sind ganz heiße Renner. Im Grunde lässt sich aber so gut wie jedes schlechtes Benehmen zur Rebellion gegen das Patriarchat umdeuten und jede Kränkung diesem unterschieben.

Das ist kein Feminismus, das ist das genaue Gegenteil davon. Sich in seiner Opferrolle auszuruhen und wohlzufühlen führt letztlich dazu, dass man in einer Opferrolle bleibt. Feminismus ist eigentlich dafür da, sich als Person ernst nehmen zu können, ohne immerzu auf Männer oder das eigene Frau-sein Bezug nehmen zu müssen. „Ich hab ’ne 4 in Mathe, weil die Gesellschaft meine intellektuellen Kräfte als Frau unterdrückt.“ ist nicht viel besser als „Ich hab ’ne 4 in Mathe, aber mein Papa hat mir eh gesagt, dass ich das nicht brauche.“. Wer der Meinung ist, dass Frauen nicht schlechter in Mathe sind, hat auch keine Ausrede mehr, besonders keine, die mit Männern zu tun hat. Die feministische Variante ist „Ich hab ’ne 4 in Mathe, weil ich seit Monaten keine Hausaufgaben mehr gemacht hab.“. Wir brechen die Frauen immer noch gesellschaftlich verordnete Schranke vor den Naturwissenschaften (ja, die gibt es. Mein Mathelehrer sagte zu meiner Mutter, ich sei „für ein Mädchen erstaunlich gut.“) nicht, indem wir über sie jammern, sondern in dem wir einfach unignorierbar gut in Naturwissenschaften werden und unsere eigenen Töchter und Schülerinnen dazu ermuntern.

Aus der reflexiven Nabelschau, die am Anfang eines „feministischen Erwachens“ steht, muss letztlich die Konsequenz der Selbstdisziplinierung gezogen werden. Aber allzu viele (Internet-)Feministinnen erstarren lieber in wortgewaltigem Selbstmitleid.

4. Verfolgungswahn

Als die Ärzte „Männer sind Schweine“ sangen, war das ein lustiger Witz. Für viele Feministen ist es das nicht. Ein schönes Beispiel für Femi-Paranoia ist die momentane Cat-Calling-Panik, die sich in den letzten Monaten auf feministischen Blogs und News-Seiten ausgebreitet hat. Es geht um die Bekämpfung von Männern, die Frauen auf der Straße „anmachen“, ihnen hinterher pfeifen, anzügliche Bemerkungen oder Komplimente machen oder sie auch einfach nur anstarren.

Ich las mich in das Thema und die Argumente ein und war zunächst heftig erbost: Auch mir war das schon einige Male passiert und vermutlich passiert das wirklich JEDER Frau in ihrem Leben. Aber über die Lektüre vergaß ich vollkommen, wie oft mir das eigentlich passiert war: insgesamt vielleicht 2x im Jahr, während die durchgedrehten Feministinnen angeblich jeden Tag mindestens 5x angesprochen wurden. Ich vergaß auch vollkommen, dass ich das gar nicht immer so schlimm fand, besonders dann nicht, wenn das ganze in ein Gespräch mündete. Catcalling kann eklig sein und das hängt nicht mal davon ab, ob man den „Catcaller“ nun attraktiv findet oder nicht, sondern davon, ob man es mit ehrlicher Freundlichkeit zu tun hat, oder mit einer anzüglichen Dominanzgeste, wie z.B. das eine Mal, als eine Gruppe junger Männer langsam im Auto hinter mir herfuhr, während ich nach Hause radelte und mir diverse Sprüche zu meinem „Arsch“ zubrüllte. Diese Differenzierung aber ist nicht mehr möglich. Selbst ein ehrliches Komplimen in einer unbedrohlichen Situation ist inzwischen schon verpönt. Hätte mir jemand eines gemacht, kurz nach der Lektüre dieser Artikel, wäre auch ich an die Decke gegangen, ja, ich war so weit, dass ich nervös in den Öffentlichen saß und hinter jedem Blick bereits eine potentielle sexuelle Belästigung erwartete.
Auch hier werden Frauen zu Opfern erzogen: nicht nur fühlen sie sich in der Öffentlichkeit ständig als Freiwild, sie benehmen sich auch so und das ist wiederum attraktiv für echte Angreifer. Kein Mann, oder kaum ein Mann bewegt sich derart unsicher und panisch im öffentlichen Raum, die meisten Männer bewegen sich darin vielmehr vollkommen selbstverständlich, wenn keine konkrete Bedrohung vorliegt. Statt Frauen dauernd Angst vor Männern zu machen, sollte der Feminismus sich darauf zu konzentrieren, ihnen diese Selbstverständlichkeit zu ermöglichen, indem er den öffentlichen Raum absichert und Frauen mit einem entsprechenden Selbstbewusstsein ausstattet

4. Absonderung des Weiblichen ist nicht die Wertschätzung des Weiblichen

Viele Einrichtungen, die der moderne Feminismus erwirkt hat, sind für mich von dieser Problematik gekennzeichnet, denn statt eine selbstverständliche Gleichberechtigung von Frauen zu erreichen, wird für sie eine Extrawurst nach der anderen eingefordert. Z.B.

  • Frauenbeauftragte (bzw.: „Gleichstellungsbeauftragte“, die dann aber nur durch Frauen besetzt werden
  • Das Gendering in Wort und Schrift
  • Frauenparkplätze
  • Frauenstipendien
  • Frauenquote (zumindest in der geplanten Form)
  • Girls‘ Day
  • Spezieller Aufklärungsunterricht für Mädchen, aber nicht für Buben

Der Effekt ist aber nicht, dass das Weibliche dadurch dem Männlichen gleichgestellt wird, sondern dass im Gegenteil Männer sich benachteiligt fühlen und/oder Frauen vorwerfen, dass sie es „wohl nötig haben“, sich dauernd bevorzugen zu lassen. Das Weibliche präsentiert sich in all diesen Beispielen als verletzlich, empfindlich, penibel, störend, aufdringlich, schwach, benachteiligt, kurz: genau die Vorstellung vom Weiblichen, die der Feminismus auszumerzen versucht.

Mein Recht auf Gleichberechtigung bedeutet, dass ich ein Recht darauf habe, genauso gedankenlos durch’s Leben zu gehen, wie ein Mann. Das ist aber unmöglich, wenn hinter jeder Ecke ein Feminist mit einer Torte wartet, auf der „DU BIST EINE FRAU“ steht. Egal, wie süß sie ist.

Alles, aber auch alles, was eine Frau tut wird damit plötzlich zum Politikum: welche Frisur sie trägt, welches Studium sie wählt, was sie mit wem im Schlafzimmer macht, wie sie ihren Namen schreibt, in welchen Kinofilm sie geht, mit wem sie befreundet ist, welches Spielzeug sie ihrer Tochter kauft, was sie in ihrer Freizeit macht, was sie isst. Eine Frau, die versucht, den Ansprüchen vieler moderner Feministen zu entsprechen, denkt 24 Stunden am Tag an nichts anderes als daran, dass sie eine Frau ist und wie sie das politisch korrekt umsetzen kann. Kaum ein Mann macht sich so viele Gedanken. Die Frauen, die die ultimative Freiheit für Frauen fordern, formulieren Sätze, die mit „Eine Frau muss“ „Eine Frau darf nicht“ und „Eine Frau soll“ anfangen. Formuliert man es so, wird klar, dass das so gar nicht funktionieren kann.

Feminismus abschaffen?

Wenn ich aber all diese herben Kritikpunkte am zeitgenössischen Feminismus habe, wieso identifiziere ich mich immer noch mit dem Feminismus, wenn es um bestimmte Themen geht? Wieso bin ich immer noch einer der wenigen Studenten die hie und da gendertheoretische Standpunkte einbringt?

Weil ich glaube, dass Frauen immer noch nicht fair behandelt werden, von Männern, von anderen Frauen, von Feministen. Ich weiß es, denn ich bin eine. Aber noch viel besser wissen es die Mehrheit der Frauen, außerhalb des „Westens“, die immer noch prä- und postnatal ermordet, verstümmelt, bedroht, verkauft und mundtot gemacht werden und an die offensichtlich keiner, der sich über Feminismus als solchen lustig macht, auch nur eine Sekunde denkt.
Ich kann und darf nicht aufhören, zu diesem Thema zu sprechen, weil es mehr vernünftige, besonnene Stimmen braucht, die auch in der Lage sind, männliche Standpunkte zu respektieren (denn ohne das funktioniert Feminismus einfach nicht) und weil das Feld nicht all den oben genannten degenerierten Erscheinungen überlassen werden darf.

Den Begriff des „Feminismus“ hinter sich zu lassen und zu einem anderen Begriff wie „Geschlechtergleichheit“ zu wechseln ist aber auch keine Alternative für mich: es ist eine Schande, dass eine Bewegung, die dafür gekämpft hat, dass ich heute hier studieren, lieben, arbeiten, einkaufen, schreiben, denken darf, nur noch mit hysterischen Weibern identifiziert wird.

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9 Kommentare

Eingeordnet unter Religion und Politik, Religionswissenschaft

9 Antworten zu “Hysterische Weiber?

  1. Interessantes und aktuelles Thema. Ich kann zwei Punkte anmerken:

    1. Der Gleichstellungsbeauftragte an meiner Fakultät war ein Mann und er es war eine sehr gute Besetzung.

    2. Der Girls-Day hat aus meiner Sicht schon eine Berechtigung. Ich habe z.B. in den Ingenieurwissenschaften studiert. Dort ist die Frauenquote traditionell gering. Vor kurzem habe ich eine Gender-Debatte mit einer Kollegin geführt. Obwohl wir uns ziemlich einig waren. Sie hat dabei betont, dass viele Ihrer Abifreundinen, nicht im Entferntesten daran gedacht haben, Ingenieurwissenschaften zu studieren. Und da gebe ich Ihr recht. Wie viele Maschinenbauingenieurinen oder Bauingenieurinen gibt es? Viel zu wenige! Und durch den Fachkräftemangel, den wir derzeit bereits spüren, wird es nicht besser. wir benötigen jeden fähigen Kollegen. Wenn durch den Girls Day mehr Frauen eine Idee von dem Job bekommen, desto besser.

    Ich habe auch schon davon gehört, dass der Girls-Day auch für Jungs organisiert wird. Das es parallele Veranstaltungen in typischen Frauenberufen gibt. Das finde ich dann ebenso gut. (Vermutlich war es dass, was du als Kritikpunkt hervorheben wolltest, dass die Gleichberechtigung auf der Strecke bleibt)

    Schönes Wochenende

    • Hallo Fließwechsel,

      Ganz genau. So lange bei den Versuchen, weniger Beschränkung einzelner durch ihre Geschlechtsidentität zu erreichen, bin ich mit Feuer und Flamme dafür. Das bedeutet aber auch und ganz besonders, dass die Maßnahmen eben nicht nur für Frauen sind. Girls- UND Boys-Day ist bestimmt sinnvoll, ebenso männliche Gleichstellungsbeauftragte (oder noch besser: ein Mann und eine Frau. Dann kann man sich ja aussuchen, an wen man sich wenden will. Ich kann mir z.B. vorstellen, dass ein Mann, der mit Vergewaltigungsvorwürfen erpresst wird nicht von einer Frau beraten werden will und dass eine Frau nicht mit einem Mann über Begrabbler im Aufzug reden möchte).
      Ich denke, global gesehen sind allerdings Frauen immernoch stark Männern gegenüber benachteiligt, z.B. Milliarden abgetriebene Mädchen in Indien und China.
      Wie dem auch sei: ich bin sowohl unglücklich über die mediale Darstellung des Feminismus, als auch über viele Formen seiner Umsetzung :/

      Viele Grüße, Raschelmaschine

  2. Pingback: Wochenendlektüre 24./25. Januar 2015

  3. Miu

    „Die Frauen, die die ultimative Freiheit für Frauen fordern, formulieren Sätze, die mit „Eine Frau muss“ „Eine Frau darf nicht“ und „Eine Frau soll“ anfangen.“
    Meiner Meinung nach, ist genau DAS kein Feminismus. Als Feministin setze ich mich dafür ein, dass jede Frau und jeder Mann für sich selber entscheiden kann, was sie oder er machen möchte.

    • Genau das sage ich ja selber auch. Ich definiere mich ja selbst als Feministin und sehe das schlichtweg als den falschen Weg an, irgendwas zu erreichen.

    • Gast auf Erden

      Richtig! Diese Worte „muss“, „darf nicht“ und „soll“ stehen nur dem kirchlichen Lehramt zu. Bezüglich Schwangerschaftsabbrüchen, wirksamer Verhütung, Unauflöslichkeit der Ehe, Sexualität, Sexualkundeunterricht, gleichgeschlechtlicher Liebe etc. pp.

      • Äh… ist das jetzt Ironie?
        Denn ehrlich gesagt: Ich gehöre nicht dringend zu den linientreuesten Katholiken.. Ich meine, das Lehramt kann gene muss, darf nicht, soll sagen, aber hauptsächlich deshalb, weil es keinerlei Exekutive dafür hat…

  4. Norbert

    Schöner Blogbeitrag!
    Zum Thema passt auch eine Dokumentation aus Norwegen, in der Harald Eia, ein norwegischer Soziologe und Unterhaltungskünstler (tolle Kombination), die Luft aus den Gender Studies raus lässt: http://youtu.be/p5LRdW8xw70

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