Das Kreuz mit dem Fasten

Die Kirche wehrt sich gegen den Weihnachtsmann und Coca Cola, die steigenden Preise für Ostergeschenke und allen möglichen „Kommerz“, der um ihre Feste getrieben wird – was ist mit der Kommerzialisierung des Fastens?

Als Freundin des Kapitalismus (solche gibt es noch unter Katholiken – sorry Franzl) fällt es mir schwer, mich über die Kommerzialisierung von irgendwas aufzuregen.

Klar, es kotzt mich an, dass es schon vor Aschermittwoch Ostereier zu kaufen gab und auch, dass diverseste amerikanische Jodelschnepfen nichts besseres zu tun haben, als jedes Jahr Schicht um Schicht Zuckerguss auf das aufzutragen, was in den USA noch von Weihnachten übriggeblieben ist, auch das nervt. Allein: Keiner zwingt mich, das alles zu konsumieren.

Das, worüber ich spreche, ist ein anderes Problem.Während Ostern und Weihnachten irgendwie als Jubelfeste immer auch mit wohligem Konsum verknüpft waren – Weihrauch, Goldgewänder, Gänsebraten – war es die Fastenzeit nicht.

Die Vermarktung des Fastens

Die Fastenzeit ist genau das Gegenteil von Es-mir-gutgehen-lassen. Aber trotzdem scheint das niemanden davon abzuhalten, mir ständig Dinge verkaufen zu wollen, die mich fitter, schöner, schlanker, mehr Ich-selbst, entspannter, aufmerksamer, also: zu einem halbgöttlichen Wesen machen sollen.

Da ist zum Beispiel der Green-Smoothie- und Power-Food-Hersteller „Charlie Green“, bei dem eine Bekannte von mir entweder tätig war oder aber sie hat so viele grüne Smoothies konsumiert, dass sie inzwischen nicht nur Nieren-, sondern auch Hirnsteine hat, denn sie postete dauernd irgendwelche Werbung für dieses semireligiöse (in den Smoothies ist „kondensiertes Sonnenlicht“…) Menschen-Kraftfutter, unter anderem die Behauptung, ein Cleanse, bei dem man sich über Tage hinweg nur noch von püriertem Obst und Gemüse ernährt, sei quasi eine modernere Form des Fastens. Danach fühle man sich befreit, entschlackt, voller Energie, nebenbei nehme man noch ab und bekäme einen Blick für das Große und Ganze und all das garantiert ohne Hungern. (Fliegen kann man leider nicht, das schafft nur der rote Bulle).
Das muss man ja nicht kaufen, könnte jetzt der aufmerksame Kritiker sagen, der den ersten Absatz gelesen hat. Muss man auch nicht, denn das Problem ist: es ist ansteckend.

Die Idee des „wirtschaftlichen“ Fastens wird unreflektiert übernommen

Von der Kanzel und im Pfarrgemeinderat kann man genau die gleichen Versprechen hören: „Im Fasten gewinnen wir Stärke, weil wir den Blick für das Wesentliche schärfen.“, „Ich mach ja Heilfasten. Fünf Kilo sind schon runter.“ „Auf unserer Exerzitienwoche wollen wir unsere Achtsamkeit und den Blick für uns selbst üben.“ „Fasten heißt nicht hungern, Fasten heißt, sich vom Überflüssigen befreien.“

Analysieren wir aber solche Aussagen, dann geht es bei all diesen Fastenübungen um mich, mich und nochmal: mich. Genau wie von Charlie Green soll ICH schlanker werden, soll ICH aufmerksamer werden, soll ICH rein werden, also ein… halbgöttliches Wesen. Nun leugne ich nicht, dass Fasten eben einen positiven Effekt auf Körper und Geist haben kann und dass Fasten auch noch aus mehr besteht, als dem bloßen Verzicht. Aber diese Überbetonung der Ausrichtung auf die Selbstverbesserung schmeckt mir noch weniger, als Radieschenkraut mit rohem Wirsing und Arganöl.

Ein Professor für Religionswissenschaft an der LMU hat eine interessante Theorie, nämlich, dass es zwei Formen von Religiosität gibt: solche, die wirtschaftlich denken, solche, die bewusst gegen wirtschaftliches Denken verstoßen und drittens deren Mischform: solche, die vom Prinzip her wirtschaftlich denken, aber den ökonomischen Exzess, die Verschwendung, das Opfer, in bestimmten eng umrissenen Rahmen zulassen, quasi die regulierte Unwirtschaftlichkeit. Die Fastenzeit war mal so eine regulierte Unwirtschaftlichkeit. Man selbst opferte, man brachte Zeit, Mühen und Energie auf und es brachte: NICHTS. Es war komplett sinnlos, es MUSSTE einfach so sein, deshalb tat man es auch. Es war letztlich eine Entäußerung des Menschen, im wahrsten Sinne des Wortes.

Aber aus irgendeinem Grund können wir das nicht mehr. Wir verkaufen unser Fasten, wir verkaufen es anderen und uns selbst, wenn wir es tun, um uns zu dienen, wenn wir es tun, um eine bessere Version von uns selbst zu werden. Dann fasten wir so, wie ein Unternehmen, das sich „verschlankt“ um effizienter zu werden.

Aber die menschliche Seele lässt sich, egal, was die Tausenden von Psychoratgebern da draußen verzapfen, nicht entschlacken.

Weil sie genauso wenig Schlacken hat, wie der Körper.

Als Kritik an älteren Fastenregeln wird oft hervorgebracht, dass sie dem Menschen vermittelten, dass man sich das Heil durch regelgerechtes Verhalten erkaufen konnte, dass sich die Sünden wegfasten ließen, dass das Fasten als Strafe betrachtet wurde. Aber was genau ist denn nun der Unterschied zwischen dem „Überflüssigen“ und „Sünden“, „Achtsamkeit und innerem Frieden“ und dem „Heil“? Sind das nicht einfach nur hippere Vokabeln? Der moderne Mensch bestraft sich in seinem Fasten immer noch für den Exzess, für den unnötig vollen Kleiderschrank, für den Besuch bei Burgerking und die Grummeligkeit gegenüber dem Nachbarn. Er ist nicht klüger, nur weil er es geschickt psychologisiert.

Fasten stellt uns aber eigentlich an einen Abgrund, wir bekommen einen kurzen Geschmack auf die Leere, auf das Nicht-sein, das gekürzt und ausgelöscht-werden, weil Fasten heißt: einfach weg-lassen, weg-geben, fort-werfen, ohne etwas dafür zurückzubekommen. Das Opfern und Auf-opfern ist letztlich so etwas, wie die Miniaturvariante des Todes. Und die müssen wir erleben, bevor wir Ostern erleben dürfen, dass es letztlich eine Gnade ist, dass wir vielleicht doch nichts vergebens tun, wenn wir uns geben.

Wer aber immer nur auf seinen Nabel guckt, der sieht nicht den Abgrund. Und er sieht auch nicht die aufgehende Sonne.

Anmerkung: natürlich behaupte ich nicht, dass man von Charlie Green Smoothies Nierensteine bekommt, ich habe auch nicht die ausreichende medizinische Expertise, um dies zu belegen. Lediglich wollte ich anmerken, dass der Gesundheitseffekt grüner Smoothies umstritten ist.

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3 Kommentare

Eingeordnet unter Gedanken zur Praxis der katholischen Kirche, Kritik zu katholischen Themen, Medien - Kritik und Empfehlungen

3 Antworten zu “Das Kreuz mit dem Fasten

  1. Wie immer bei Dir ein sehr spannender Text!
    Einzig die Passage mit dem wirtschaftlichen Denken verstehe ich nicht. Gerade aus wirtschaftlicher Perspektive (wenn man die Mikroeinheit Haushalt/ Hof betrachtet) ist doch das klassische Fleischfasten eine sehr sinnvolle Sache. Ich verzichte jetzt und kann mir dafür in anderen Zeiten mehr leisten. So argumentiert die Religion natürlich nicht, aber so könnte man das umdeuten (so wie Du es in Deinem Post ja auch beschreibst). Also wie verhält sich das mit der ökonomischen Religiosität?
    Danke und liebe Grüße

    • Hallo!
      Danke erstmal für das Lob!
      Was die Ökonomie des Opfers angeht, lässt sich trefflich streiten, weil das tatsächlich immer Ansichtssache ist. Ein klassisches Beispiel ist dafür z.B. das jüdische Sabbat-Jahr. Vom Prinzip her ließe sich das auch als landwirtschafltich notwendige Brache interpretieren – allerdings ist es dann fragwürdig, wieso das alle gleichzeitig machen müssen (das ist eher unwirtschaftlich). Manchmal wurde auch ein zunächst unökonomisches Opfer – z.B. ein Speise-Opfer hinterher ökonomisiert, indem es einer Armen- oder Gemeinschaftsspeisung zugeführt wurde.
      Deine Frage ist also absolut berechtigt. Diese Interpretation funktioniert also im Grunde nur sehr situativ: im Moment des Verzichts bekomme ich zunächst nichts dafür, sondern „darbe“ nur.
      Zudem hat das mit dem Aufsparen des Fleisches nur bedingt Sinn: der Fastenzeit ging ja bereits ein anderer unökonomischer Exzess voran, nämlich die Faschingszeit, in der üblicherweise auch ein letztes Mal geschlachtet wurde (daher auch der Osterschinken: der hatte dann die ganze Fastenzeit über Zeit zu reifen ;) ) Zu Ostern sind dann die Jungtiere (Lämmer, Kälber, Ferkel, Stubenküken) gerade alt genug für die nächste Schlachtung – die hätte aber so oder so stattfinden müssen, weil sie ja dem „Aussieben“ der männlichen Nachkommen dient (die man ja nicht alle aufkommen lassen kann, weil es sonst zu Rangstreitigkeiten in der gehaltenen Herde käme).
      Hinzu kommt in Zentraleuropa ein kleines Problem: In der Fastenzeit (also am Anfang des Jahres) gab es im Grunde fast gar keine Fettlieferanten, außer eben Tierische Produkte (Schmalz, gesalzenes/geräuchertes/getrocknetes Fleisch), denn die jungen Kühe hatten noch nicht gekalbt (-> weniger Milch) und ansonsten blieben noch Kohl, Rüben, Kartoffeln, Getreide, Wurzeln und Eingemachtes – das ist alles nicht sehr nahrhaft auf die Dauer. An die Fleisch- und Schmalzvorräte zu gehen wäre ja eigentlich sehr wichtig gewesen und trotzdem tat man es nicht (oder behauptete das zumindest) – zu Ostern hätte man sie aber nicht gebraucht, weil man ja junges Vieh zur Schlachtung hatte (außer, es ist extrem früh im Jahr). Das ist zumindest die Erklärung, die auf Landwirte zutrift. In einem Haushalt, der Fleisch zukauft und einlagert hast Du natürlich Recht: da kann man die Fastenzeit als „sparen auf Ostern“ interpretieren – aber warum soll es ökonomisch sinnvoller sein, all die „guten Sachen“ auf einmal zu verzehren, statt sukzessive?
      Dennoch ist Dein Einwurf ganz sinnvoll, finde ich, eigentlich eine mindestens ebenso vernachlässigte Interpretation, wie das des „Opferns“.
      Vom Prinzip her finde ich, es spricht nichtmal aus Prinzip was gegen die von mir kritisierte Interpretation – schließlich argumentiere ich ja sogar selbst darüber, dass der Verzicht um des Verzichtes Willen sich positiv auf die Persönlichkeit auswirkt ;) Es sollte nur vielleicht nicht immer so die dominanteste Note des Ganzen sein…
      Ich habe zu Danken,
      Raschelmaschine

  2. Das ist eine tolle ausführliche Erklärung, dafür danke ich wiederum Dir, Raschalmaschine! Dass Deine Erklärung (Stichwort Erlebnischaracter des Fastens) selbst wieder eine Nutzenargumentation ist war mir auch aufgefallen ;-)…Vielleicht sind diese funktionalistischen Erklärungen von allem und jedem gerade einfach viel zu präsent, um sich nicht dahingehend gedanklich verführen zu lassen. Andere Möglichkeit: die eigene Religiosität ist uns allen ein wenig peinlich in der modernen aufgekläreten Welt, da sagen wir lieben, dass uns unsere Spriritualitäts wichtig ist für die Work-Life Balance oder was auch immer anstatt zu sagen: „warum ich faste? Weil Gott das von mir will.“ Stell Dir das als Großstadt-Kantinen-Statement vor!

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