Wer hat Angst vor der Bärtigen Lady?

Eine Verteidigungsrede für Conchita Wurst und wieso ich sie kein bisschen widerlich finde.

Okay, der Name ist vielleicht doch ein bisschen widerlich, aber das ändert nichts an einem Faktum: seit ich Conchita Wurst das erste Mal sah, war ich in sie verliebt und zwar auf die Weise, auf die man in einen Popsong verliebt ist oder in eine Comicfigur, also auf die Weise, die ihr in meinen Augen eigentlich gerecht wird.

Ich habe mich dagegen sogar ein bisschen gewehrt, denn ab der Sekunde, in der sie erfolgreich war wurde sie für die Zwecke verschiedenster Gruppen benutzt: Die Vertreter der Rechte für Homosexuelle feierten ihren Sieg als Zeichen dessen, dass sie mit ihrem Anliegen in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind, Begriffe wie Inter- und Transsexualität sorgten dafür, dass wiedermal Deutschlands nicht allzu zahlreiche Trans-Promis durch die Talkshows gezerrt wurden, Andere amüsierten sich darüber, dass Conchita ausgerechnet aus dem erzkatholischen und natürlich, da süddeutsch, komplett zurückgebliebenen Österreich stammte (das ja „nur“ seit Jahr und Tag den Life-Ball beheimatet), wieder Andere freuten sich einen Ast, dass Russland nicht nur schon wieder keinen ESC-Sieg kaufen konnte, sondern nun mit dem Leibhaftigen als Sieger konfrontiert wurde.

Unabhängig davon, wie legitim nun der einzelne Anlass zum öffentlichen Händereiben war, er ging an dem Grund vorbei, aus dem ich Conchita Wurst für eine Bombenidee halte.

Die Bärtige Lady ist Teil des westlichen Kulturguts

Die Bärtige Lady ist bereits älter als das Dogma der jungfräulichen Empfängnis Jesu. Schon Anfang des 19. Jahrhunderts zogen Frauen mit Bart in bunten Wägen der sogenannten „Sideshows“ durch die USA. Sie waren mit einer Krankheit geschlagen, durch welche ihre Behaarung, ähnlich wie die eines Mannes – oder sogar eines Wolfes – überall sprießte, sogar im Gesicht, und sich zu einem ordentlichen Vollbart trimmen ließ. Ihre Beliebtheit stand in keinem Verhältnis zur Angebotslage und deshalb ist es wohl vernünftig davon auszugehen, dass einige der Bärtigen Ladys in Wirklichkeit bärtige Gentlemen in Frauenkleidern waren.

Sie zogen in diesen Wagen herum, zusammen mit zweiköpfigen Kälbern, Jongleuren, starken Männern und zwergenwüchsigen Apachen. Aber im Gegensatz zu Schlangenbeschwörern und dem Schwarzen Mann mit dem Fußballgroßen Geschwür auf dem Rücken waren sie nicht nur oder sogar in geringerem Maße Gegenstand des Ekels, sondern die Leute bewunderten sie und dann graute ihnen ein bisschen vor der verruchten erotischen Note, die ihr anhing, auch, weil sie sich oft freizügiger kleideten als gewöhnliche bürgerliche Frauen und ihre weiblichen Reize gegenüber der maskulinen Haarpracht in Szene setzten.

Conchita und die Geschlechterrollen

Die puritanisch und viktorianisch beeinflusste Gesellschaft der USA des späten 19. Jahrhunderts ist eine der Quellen für unsere Vorstellungen von Geschlechterrollen. In dieser schwülen, fast hysterischen Atmosphäre war die Androgynie der bärtigen Lady eines der sexuellen Flucht- und Vexierbilder, das den Betrachter zugleich quälte und lockte. Sie vereinte in sich die beiden übersexualisierten Bilder des starken, entschlossenen, bis hin zur Homoerotik kameradschaftlichen Mannes und der mädchenhaften, liebevollen, mütterlichen Kindsfrau. Die bärtige Lady ist über-weiblich und über-maskulin, im Gegensatz zu anderen androgynen Figuren (z.B. Außerirdische in der Science-Fiction der 80ger Jahre), die keinerlei Geschlechtsmerkmale aufweisen.

Deshalb gehört sie auch nicht in eine Gesellschaft, in der die Geschlechterrollen allmählich verwischen, das ist meiner Meinung nach der grundlegende Irrtum der sie feiernden Gender-Mainstreaming-Verfechter.

Sie gehört in eine Gesellschaft, für die es immer noch verwirrend und deshalb unterhaltsam ist, mit einer Vermischung des Über-Männlichen und des Über-Weiblichen konfrontiert zu werden – auch, weil nur eine solche Gesellschaft logischerweise diese Technik überhaupt identifizieren kann.

Beispiele für die erneute Bestärkung traditioneller Geschlechterrollen können sein, dass der Vollbart wieder so in Mode ist und auch der Dutt der Ballerina, dass Frauen wieder taillierte Kleider und luftige Röckchen tragen und der Mann das schroff-maskuline Holzfällerhemd präferiert, ebenso die Hose, die so eng ist, dass man sie beinahe wieder in der Renaissance tragen könnte, oder auch, dass unsere Spielwaren immer stärker in rosa und blau aufgeteilt werden.

Denk doch mal einer an die Kinder!

Die Conchita-Gegner, die Derartiges wohl eher gutheißen würden, argumentieren ja gerne, dass die Konfrontation mit einer uneindeutigen Figur wie Conchita ganz schlimm und extrem verwirrend ist für Kinder. Ich weiß nicht, was für Verreckerl von Kindern diese Leute haben. Ich habe zum Beispiel als kleines Kind bei der Primiz meines Onkels konstatiert, dass dieser ein Kleidchen trage. Ich bin übrigens trotzdem heterosexuell, ich habe auch nicht geweint oder gefragt, ob ich nicht lieber zwei Mamis haben kann (vielleicht war ich ja auch das tougheste Kind der Welt, wer weiß).

Meine Mutter ging auf den Gemeindefasching als bärtiges Sandmännchen und wurde trotzdem hereingelassen.

Dann gab es auch noch diese Geschichte von der Heiligen Johanna, die von Gott inspiriert einen Harnisch anzog und gegen die Briten in die Schlacht zog, die ich einfach für die coolste Heilige auf Gottes Erde hielt.

Immer noch Hetero. Keine Sorge, ich bin nicht naiv, ich bin auch der Meinung, dass Unterricht zur sexuellen Diversität während der Pubertät noch früh genug einsetzt, mitunter, weil dieses Thema Kindern bis dahin ziemlich egal sein sollte. Wer Kinder aus Regenbogenfamilien oder Jungs in Strumpfhosen auf dem Schulhof hänselt sollte im Rahmen der Schulvorschriften eine auf die Mütze kriegen und damit hat es sich.

Denk doch  lieber mal einer an die Erwachsenen.

Aber meine These ist ja, das dass alles vorgeschoben und reine Projektion ist: Conchita macht Erwachsenen weit mehr aus, als Kindern. Kinder finden das genauso lustig, wie eine Kindergärtnerin, die sich einen Bart angeklebt hat oder ihren Onkel in Sutane oder ihre Mutter als Sandmann. Sie merken zwar, dass hier aus zwei Kategorien vermischt wird, nämlich männlich und weiblich, aber sie finden es deshalb einfach nur lustig, weil sie sich davon nicht angegriffen fühlen.

Angegriffen fühlen sich davon Erwachsene, die ihr einerseits zu viel Bedeutung beimessen und andererseits nicht mit den Gefühlen umgehen können, die Conchita bei ihnen auslöst.

Ich habe aus mehreren Interviews mit Conchita den Eindruck gewonnen, dass sie zwar weiß, dass sich an ihrer Person ein moderner Krieg kondensiert, aber dass ihr das eigentlich auch ziemlich egal ist, mal abgesehen von der zusätzlichen, selbstverständlich lukrativen Aufmerksamkeit. Des weiteren habe ich den Eindruck gewonnen, dass sie eine reizende, höfliche, freundliche Person ist. Sie blieb zum Beispiel höflich, als sie betonen musste, dass ihre Eltern ihr Kind lieben, obwohl sie, wie Maischberger sich mehrfach nachzubohren entschied, österreichische Dorfbewohner sind. Ebenso wenig, wie Conchita selbst daran glaubt, dass sie die Welt umkrempeln wird, glaube ich daran, dass sie es tun wird. Die Figur wird mit allem, was in sie hineininterpretiert wird überfordert und überstrapaziert. Wie Nicole ist auch sie „nur ein Mädchen, das sagt was es fühlt“. Nur nicht so läppisch. Und mit Bart. Und besser angezogen.

Die andere Seite ist der persönliche Ekel, die Abscheu, die viele Personen Conchita gegenüber empfinden. Dies klingt nun nach einer alten linken Weisheit, aber ich denke, das Problem dieser Leute ist eher ein Persönliches. Es fällt ihnen schwer, zu akzeptieren, dass Conchita eine ziemlich hübsche Frau ist, schlank, gut angezogen, mit traumhaftem Haar, großen, dunklen Augen, einer samtweichen Stimme und sie sie attraktiv finden obwohl, oder noch schlimmer, sogar weil, in ihrem Gesicht dick und fett der Bart prangt. (Umgekehrtes gilt freilich für angeekelte Frauen) Für diese Personen scheint es mir elementar, sich selbst zu vergewissern, dass sie hundertprozentig hetero sind, denn das ist für sie identitäts- und wertebildend.

Mein Gott, lacht doch einfach mal.

Aber diesen inneren Konflikt abzubauen, indem sie, wie ihre Viktorianischen Vorgänger, einfach lachen, eine Reaktion, mit der zwar Conchitas politische Fürsprecher nicht zufrieden wären, Conchita selbst aber mit Sicherheit absolut glücklich (zur Erinnerung: sie ist Entertainerin), das können sie nicht mehr, eben weil diese Figur politisch derart aufgeladen wurde. Nein, hier geht es plötzlich um’s Ganze, um das Leben unserer Kinder, um die Verschwulung der Entertainmentindustrie oder den Fall Europas. Deshalb können diese Leute sich ansehen, wie ein männlicher Balletttänzer die böse Fee in Dornröschen tanzt oder ein männlicher Sänger die Hexe in Hänsel und Gretel singt, oder ihre Spezl’n am Fasching Männerballett machen, weil sie sichergehen können, dass sich hier keiner auf eine politische Botschaft stürzen wird und dass sie bei diesem unschuldigen, akzeptablen Kunstgenuss nicht in den Verdacht kommen werden, schwul zu sein. Obwohl es gewiss kein Zufall ist, dass Humperdinck und Tchaikovski Zeitgenossen der bärtigen Lady waren…

Aber zurück zum Thema: wenn die Bärtige Lady bereits zeigte, wie verkrampft der Umgang in den USA mit Geschlechterrollen war, was zeigt dann erst Conchita?

Darin liegt ihre Genialität, ein uraltes Prinzip anzuwenden auf eine Gesellschaft, die glaubt, sie hätte sich modernisiert und entspannt und dabei in Wirklichkeit zu zeigen, dass eigentlich alles nur noch schlimmer geworden ist. Conchita ist nicht nur selbst Entertainerin, sie öffnet eine Arena, in der sich unser hysterischer Diskurs perfekt selbst lächerlich macht. Und das trifft sowohl auf diejenigen zu, die sie für ihre übertrieben Gender-Gemainstreamte Agenda instrumentalisieren, als auch auf jene, die vor ihr erzittern und versuchen, sie wieder von den Bildschirmen zu vertreiben.

Conchita Wurst ist das Beste, was der deutschen Medienlandschaft passiert ist, seit Hallervorden das erste Mal den Witz von der Flasche Pommes erzählt hat.

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Wer hat Angst vor der Bärtigen Lady?

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