Nikolausbuch und -Aktion des BDKJ Köln

Das Nikolaushandbuch

Rezension

Freundlicherweise hat mir der BDKJ Köln eine Ausgabe des „Nikolaus-Handbuch“es zur Verfügung gestellt, das ich nun im Folgenden auf der Basis meiner Erfahrung in der Jugendarbeit (5 Jahre als Oberministrantin) näher beleuchten möchte.

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Tatsächlich lag das Buch des Meisterkritikers Torberg nur zufällig mit auf dem Tisch. Aber wir nehmen beide kein Blatt vor den Mund ;)

Zunächst einmal bin ich generell davon angetan dass es dieses Handbuch gibt. Meine Erfahrungen mit Nikolaus-Darstellern sind gemischt. Da war einerseits de Direktor meiner Grundschule, der zwar in Weihnachtsmannmütze aufschlug, aber eine wesentlich glaubhaftere Figur ablieferte (Obwohl in der ersten Reihe einige Schlaumeier reinbrüllten „Wieso hast Du denn eine Armbanduhr?!“), als unser dünner, 1,40m großer verdruckster Oberministrant mit Mitra und Stab. Am Gymnasium hingegen stritt ich mich volle 7 Jahre lang mit der SMV über ihr bescheuertes Weihnachtsmann-Kostüm. Ich habe also hohe Erwartungen.

Leider erlebe ich gleich zum Anfang eine Enttäuschung. Wieso ich als Leser dieses Buches geduzt werde ist mir ein Rätsel. Die meisten Nikolausdarsteller dürften über 16 Jahre alt sein. Außerdem sollen sie schließlich, wie später mehrfach und richtigerweise betont wird, einen würdevollen Eindruck hinterlassen. Jugendarbeit hin oder her: das einzige Buch, das mich duzen darf ist der Ikea-Katalog. Und schon da nehme ich es nur zähneknirschend hin.

Gelungene Einführung für ernsthafte Nikoläuse

Inhaltlich gefällt mir das Vorwort sehr gut: Traditionen wieder stark zu machen ist auch meiner Meinung nach ein zentraler Schritt zu einem neuen katholischen Selbstverständnis, das der Moderne standhalten kann. Es ist auch in meinen Augen eine der wichtigsten Maßnahmen in Hinblick auf die Mission. Dass die Autoren sich getraut haben, dies so offen zu schreiben verdient in meinen Augen Hochachtung.

Etwas schade finde ich, dass es ein wenig so klingt, als hätte das Christentum das Schenken und das Teilen erfunden („die der christlichen Tradition entspringen“). Das kann man nun bei aller Begeisterung kaum behaupten.

Die Handreichung für Nikoläuse ist sinnvoll strukturiert. Ausgehend von einer meiner Meinung nach etwas stark von katholischem Kulturpessimismus geprägten Analyse des gesellschaftlichen Bedarfs nach einer traditionsverbundenen aber modernisierten Form, den Advent zu begehen, wird der Nikolaus als ein mögliches Angebot präsentiert.

Ebenso gut und wichtig sind die ausführlichen Informationen für die Hintergründe des Nikolaus: seine Herkunft aus der heutigen Türkei und die drei klassischen Legenden (eine kurze, mittlere und lange) bilden einen wichtigen Anknüpfungspunkt für die tatsächliche Arbeit der Nikoläuse. So haben sie nicht nur immer etwas sinnvolles zu erzählen – wobei der Verlust des Erzählens meiner Meinung nach ohnehin eine zu beklagende gesellschaftliche Entwicklung darstellt, sondern können z.B. auch die gerade in Betrieben und Schulen zahlreich anwesenden türkischstämmigen muslimischen Teilnehmer einbinden. Hier wären sogar noch mehr Geschichten eine tolle Sache gewesen!

Ebenso leistet der theoretische Teil wichtige Aufklärung darüber, woher der Weihnachtsmann eigentlich kommt. Viele deutsche Katholiken lehnen ihn aus ihrem Anti-Amerikanismus heraus ab. Darüber vergessen sie ganz, dass der Weihnachtsmann nicht nur eine eigentlich ganz harmlose Werbefigur wie der Kellogg’s-Löwe ist, sondern unter anderem als neu interpretiertes „Väterchen Frost“ auch eine sozialistische Kampffigur aus der Sowjetunion, die bewusst zur Verdrängung christlichen Brauchtums eingesetzt wurde.

Praktische Anweisungen sinnvoll in den Vordergrund gestellt

Im praktischen Teil werden tatsächlich viele wertvolle Tipps gegeben. So z.B. wie man das Gewand richtig anlegt und auf welche möglichen Schwierigkeiten man dabei achten sollte. Auch finde ich es sehr schön, dass immer wieder betont wird, dass der Nikolaus für die Kinder tatsächlich „echt“ ist, dass man eine „Magische Gestalt“ für sie ist. Daher ist es auch vollkommen korrekt, dass die Seiten über das Nikolausgewand rot markiert sind und es zu einem zentralen Thema des Buches wird. Viel zu oft neigt man im Christentum dazu, solche Details als unnötige Oberflächlichkeiten abzutun. Gerade bei Gestalten wie dem Heiligen Martin oder Nikolaus kann es aber meiner Meinung nach nicht oberflächlich genug sein: schließlich werden alle Augen für die nächsten Stunden nur auf ihm ruhen, sein Aussehen ist es, das den Moment zu etwas ganz Besonderem macht.

Ebenso wertvolle Hinweise betreffen die Größe der Geschenke (die leider immer mehr zunimmt) und die Anweisung zur Abwesenheit von verkleideten Helferlein. Ich erinnere mich noch genau, dass unsere Schulbesuche immer geradezu überquollen von Teenagerinnen in knappen, lächerlichen Engelskostümen. Das war zumindest für die unteren Klassen, die noch vom Nikolaus verzaubert werden wollten eher kontraproduktiv.

Auch halte ich die Erfahrungsberichte und den tagesaktuellen Bezug zu den Flüchtlingsheimen für wichtig und generell deren Einbindung in die Nikolaustradition für eine gute Idee, ebenso wie ich keinerlei Einspruch in Bezug auf die Tipps für das Verhalten während des Besuches habe. Es mag für den Darsteller schade sein, wenn er seine Präsentation unterbrechen und das Gewand ablegen muss, um ein verängstigendes Kind zu beruhigen, aber Eltern und andere Anwesende werden es ihm danken.

Kein Herz für den Krampus…

Nun komme ich aber auch zu den Teilen, die mir nicht so gut gefallen haben.

Der eine liegt in der generellen Ablehnung von Traditionen wie dem Krampus, „Hans Muff“ und ähnlichen Gestalten. Von meiner Großmutter her kenne ich noch Geschichten, die tatsächlich nach der unnötigen Traumatisierung von Kindern klingen: ihre Eltern taten selbst, als hätten sie Angst um ihre kleine Tochter und versteckten sie vor dem Krampus im Keller. Dann veranstalteten sie draußen ein Getöse, rasselten mit Ketten um ihr vorzuführen, wie der Krampus sie suchte. Erst dann wurde sie befreit und der Nikolaus kam.

Es gibt keinen Grund, Kinder durch so eine Horrorvorstellung zu zerren.

Zugleich war für mich als Kind der Krampus immer ein selbstverständliches Gespann mit dem Nikolaus. Zu keiner Zeit hatte ich wirklich Angst, dass er mir etwas tun könnte: in meinen Augen war er nur für die richtig ernsthaft bösen Menschen reserviert und dazu zählte ich mich, trotz unaufgeräumtem Zimmer und Löchern in der Jeans nie. Jederzeit konnte der Nikolaus dem Krampus Einhalt gebieten, ja ich hatte den Eindruck, dass der Nikolaus die Kinder eher vor dem Krampus schützt.

Natürlich ist es kein Problem, auf den Krampus zu verzichten: lieber so, als die Kinder ernsthaft zu erschrecken oder sie vom Nikolaus abzulenken, gleichzeitig hat auch der Krampus eigentlich eine wichtige Botschaft: nämlich, dass es in der Welt böse Dinge gibt, aber auch, dass wir alles tun, um die Kinder vor ihnen zu schützen.

Das Ausklammern des Bösen in der zeitgenössischen Religionspädagogik halte ich von Jeher für ein Problem: es entspricht einfach nicht der Erfahrung der Kinder, die in der Regel genau wissen, wie sich Angst, Einsamkeit und Unrecht anfühlen. Leider ist auch das Nikolaus-Handbuch da keine Ausnahme. Wenn man, wie das Buch mehrfach anmerkt, die Nöte von Kindern ernst nehmen möchte, dann muss man ihnen auch zugestehen, dass es diese Nöte gibt. Wir Erwachsene verkitschen die Kindheit gerne als selige Zeit, aber im Leben von Kindern ist die Finsternis und das Böse mindestens so real wie der Nikolaus. Dafür gibt es eben die Gestalt des Krampus. Wir brauchen ihn nicht mitzubringen, aber er gehört eben einfach zu der Tradition dazu. Dass er keine christliche Figur ist, halte ich dabei für absolut unerheblich. Würde das Christentum sich aller heidnischen Einflüsse entledigen, wäre bald nicht mehr viel übrig davon.

In der einen Hand Schoki, in der anderen die Moralkeule

Ein weiterer Kritikpunkt von meiner Seite betrifft die Tendenzen, globale Probleme anzusprechen. Die Frage, „wo sie selbst „Nikoläuse“ sein können“, braucht kein Kind. Dank der Umweltpädagogik und zahlreichen sozial förderlichen Kinderserien lastet auf unseren Kindern ohnehin schon viel zu sehr der Druck, die Welt zu retten.

Kinder anzustiften, im Alleingang den CO2-Ausstoß der Familie zu verringern oder ihnen klar zu machen, dass ihre Plastikspielzeuge die Delfine ausrotten und ihre Nestlé-Joghurts schuld sind, dass die Kinder in Afrika hungern ist leider Gottes heute ganz normal geworden.

Der Nikolaus sollte also wirklich besseres zu tun haben, als die Kinder an diesem Tag, wo sie im Zentrum stehen und als ganze, wertvolle Menschen angenommen werden sollen, mit ihrer globalen Verantwortung zu konfrontieren. Das ist letztlich auch nur eine moderne Variante des vom Nikolaus-Handbuch mit solchem Impetus verurteilten Sündenregisters. Dafür die Welt zu retten gibt es Erwachsene.

„Es ist wichtig, ihnen zu zeigen, dass wir als Erwachsene für sie da sind und für sie Verantwortung übernehmen.“ (S.22), heißt es im Interview mit Hans Gerd Grevelding. Dazu gehört auch, sie mit Erwachsenenproblemen in Ruhe zu lassen und ihnen zu versichern, dass sich jemand für sie darum kümmert. Aus meiner eigenen Erfahrung als Oberministrantin kann ich auch sagen, dass aufgedrehte, glückliche, frisch beschenkte Kinder sowieso gut in der lage sind solche moralinsauren pädagogischen Selbstreflexionen geflissentlich auszublenden.

In dieselbe Kategorie fallen auch die Rührstücke aus der dritten Welt, die am Ende des Buches eingefügt sind. Weder kommt der Nikolaus darin vor, noch eignen sie sich zur Präsentation in einer Nikolausfeier. Nicht mal auf einer Betriebsfeier mit Erwachsenen möchte ich vom Nikolaus für den guten Zweck angepumpt werden. Die meisten Menschen sind gerade im Advent ohnehin mit Spendengesuchen überfüttert.

Nach Marcel Mauss ist es schließlich auch das nicht-reziproke, bzw. das nur unsichtbar reziproke am Geschenk, dass dieses als solches konstituiert. Sprich: wenn der Nikolaus mir ein Geschenk bringt, dann aber um Spenden für Adveniat wirbt, dann fühle ich mich nicht beschenkt, sondern bestochen.

Wieso ausgerechnet der Nikolaus, ein Heiliger, der Süßkram bringt, zur Konsumkritik anregen muss ist mir auch vollkommen schleierhaft.

Offensichtlich geht es heute in der katholischen Kirche nicht mehr ohne diese Plattitüden aus der ritualisierten Gesellschaftskritik ab.

Insgesamt sehr empfehlenswert

Das ist schade, weil ich vom Prinzip her finde, dass das Nikolaus-Handbuch und die Nikolausaktion hervorragende Ideen sind und das Buch selbst für einen Nikolaus-Darsteller sowohl inhaltlich als auch vom lobenswert reduzierten Umfang her gut konzipiert und nützlich ist.

Ein weiteres, aber eher kleines Manko wären noch Tipps für den Notfall, in dem eine Frau den Nikolaus spielen muss. Während meiner Zeit als Oberministrantin kam das einige Male vor, weil Väter keine Zeit hatten, die Direktorin der Grundschule und die Pastoralreferentin weiblich waren und der Pfarrer nicht infrage kam, weil er der Veranstaltung als Pfarrer beizuwohnen hatte. Unsere Pastoralreferentin machte ihre Sache sehr gut. Ich hätte mir trotzdem gewünscht, dass das Buch eine Handreichung für diesen etwas komplizierten Fall böte.

Alles in Allem ein empfehlenswertes Buch für jeden, auch außerhalb der konkreten Nikolausaktion, der dieses Jahr als Bischof verkleidet Kindern eine Freude machen möchte. Es räumt mit vielen Unsicherheiten auf und gibt wertvolle, praktische Tipps, die leider mit den üblichen Klischees kirchlicher Jugendarbeit garniert werden.

Das Nikolaus-Handbuch gibt es über den BDKJ-Köln zu jeder Bestellung eines „echten“ Schokoladennikolauses.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Gedanken zur Praxis der katholischen Kirche

Eine Antwort zu “Nikolausbuch und -Aktion des BDKJ Köln

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