Einige Gedanken zum Barbaratag

Heute ist der Namenstag einer der prägendsten Frauen meines Lebens, nämlich meiner Mutter. Und weil nicht nur sie, sondern auch ihre Namenspatronin eine Frau von Schrot und Korn ist, ist dieser Post vor allem einem gewidmet: Frauen.

Wer sich ein bisschen mit Heiligenlegenden auskennt, der weiß, dass an der Überlieferung über die Heilige Barbara nur sehr wenig Charakteristisches ist: Die Geschichten von der Jungfrauenfolter, die alle ein wenig dem Schema „A“ (A wie Agnes) folgen, sind auf die Dauer dann doch alle gleich.
Die Standhaftigkeit, mit der die Märtyrerinnen dieser Erzählungen Folter hinnehmen ist, obwohl neben Personen wie der heiligen Christina von Alexandrien Ozzy Osbourne wirkt wie ein Atheistenknäblein (Ministranten sind ja derlei gewohnt), nicht die Stärke auf die ich hinaus will.

Nein, die heilige Barbara ist zwar ebenso ein Dickkopf wie ihre Kolleginnen Dorothea und Katharina, aber sie ist noch etwas anderes: subtil.Sich ein aufwendiges Badezimmer einrichten lassen oder ein drittes Fenster machen lassen, das wird ja wohl nicht verboten sein? Kommen solche Handlungen nicht von ihr, dann sind sie vollkommen unschuldig; ihren Vater muss es rasend machen, dass sie jede kleine Freiheit die er ihr lässt nutzt, um ihm auf die Nase zu binden, dass sie immer noch machen kann, was sie möchte. Auch ist dieses Handeln auf Außenwirkung bedacht: selbst den wenig zimperlichen Mitbürgern in der Spätantike musste es als Überreaktion erschienen sein, die Tochter wegen ihrer innenarchitektonischen Maßnahmen halb tot zu schlagen. Seine oberflächlich betrachtete Unverhältnismäßigkeit fällt also gesellschaftlich auf ihn zurück. Es sind diese subtilen Provokationen, die bis heute noch eine spezifisch weibliche Technik darstellen, um sich gegen die Unterdrückung von Männern zu wenden. Ein Beispiel dafür ist die „Kopftuchmode“. Einerseits schreien die Outfits: „Was heißt hier Haram? Bin ich etwa nicht ganz bedeckt? Was kann ich denn dafür, wenn ich dabei modisch ausseh?“, in die Richtung des männlichen westlichen Betrachters schreien sie aber auch: „Was heißt hier prüde? Ich seh‘ tausendmal besser aus, als die halbnackte Jagdtrophäe, die da an Deinem Arm baumelt.“

Aus anderen Legenden erfahren wir auch ein weiteres, entscheidendes Charakteristikum: Barbara war gebildet.
Wie übrigens die meisten höher gestellten Frauen, bis die Renaissance (ja, sie haben richtig gelesen), mit der Erfindung der Universitäten die Frauenbildung erst einmal ad acta legte.
Denn Barbara ist, zumindest laut einer Legende, durch ihre eigene Verstandesleistung dazu gekommen, vom Glauben ihrer Eltern abzufallen (sie ist quasi die Schutzpatronin der Atheisten ;) ), wandte sich in einem Brief an Origines und fand dann zum christlichen Glauben.
Von Malala bis Marie Curie ist eine der wichtigsten Botschaften Barbaras an die Welt da draußen: Frauenbildung ist Frauenrecht.

Und meine Mutter? Nun, meine Mutter ist ein gutes Beispiel dafür. Sie stammte mit Sicherheit nicht aus dem, was der Linke mit einem Ekelschauder auf dem Rücken als „Akademikerhaushalt“ bezeichnen würde. Mein Großvater ist zwar ein fürsorglicher, aber auch einfacher Mann und meine Großmutter hätte zwar eine Universitätsausbildung schaffen können, aber dafür war ihr Umfeld einfach noch nicht bereit.
Meine Mutter besuchte zwar ein Gymnasium, lernte Latein und legte ein beachtliches Abitur vor, vor dem Universitätsstudium schraken aber auch meine Großeltern zurück. Sie machte daher Karriere bei einer Bank. Sie schaffte einen Aufstieg und das ohne Steigbügel und trotz vieler Hindernisse, auch Hindernisse, die mit ihrem Frau-Sein zusammenhingen.
Meine Mutter repariert Spülmaschinen und wechselt Reifen, kontrolliert die Finanzen der Familie und fällt Bäume. Ohne ein Wort oder auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, dass sie eine Frau ist. Meine Mutter ist meine Protofeministin.

Wir vergessen allzu leicht, dass es noch vor gar nicht so langer Zeit überhaupt nicht selbstverständlich für Frauen in Europa war, so viel Freiheit zu genießen, dass außerhalb des „Westens“ noch kaum eine Frau diese Freiheiten genießt und dass auch wir Frauen hier oft Dinge erdulden müssen, die uns unsere Unfreiheit vor Augen führen.

Das Martyrium der Heiligen Barbara, aber auch Geschichten anderer Märtyrerinnen könnten ein Anlass sein, sich darauf zu besinnen, dass Schicksale wie ihres nur dann möglich sind, wenn Frauen nicht als Partner und Mitbürger betrachtet werden, sondern als Besitz. Nicht, weil Männer nicht zu Märtyrern wurden, sondern weil die Märtyrergeschichten von Frauen eine spezifisch weibliche Tragik enthalten: das Problem ist weniger ihre Konversion zum Christentum an sich, sondern, dass sie sich damit dem Besitzanspruch der sie umgebenden, nicht-christlichen Männer entziehen. Als Töchter, Mütter und Ehefrauen sind sie wertlos geworden, wenn sie keine adäquaten, das heißt in diesem Fall: heidnischen Nachkommen produzieren. Dafür müssen sie nicht einmal Jungfräulichkeit gelobt haben.
Nicht zufällig werden vielen der frühen Märtyrerinnen der Erzählung nach die Brüste abgetrennt. Damit wird ihre Wertlosigkeit als Frau physisch umgesetzt.
Das Christentum, in dem diese Frauen ihr Heil und ihre Freiheit suchten, hat sie im Lauf der Geschichte viele Male arg betrogen: über eineinhalb Jahrtausende hat es gedauert, bis endlich in einigen christlichen Ländern das Leben von Frauen dem von Männern, zumindest rechtlich gleichgestellt wurde und das oft nicht mit, sondern gegen jene Personen, die sich für die Hüter des Christentums hielten.

Gerade an Weihnachten sind es die Frauen, die Mütter, die immer noch die drückende Last ihrer alten Rolle spüren. In vielen Familien sind sie es, die sich Blasen an die Finger backen und kochen, die dafür sorgen, dass Kinder und Alte unterm Christbaum versammelt werden und eine Aufmerksamkeit erhalten, die Zimmer dekorieren und Krippenspiele organisieren.
Es ist unser aller Aufgabe dafür zu sorgen, dass Weihnachten, sowohl als historisches als auch privates Ereignis nicht auf dem Rücken von Frauen stattfindet, sondern in der Mitte der Familie.

Als Schutzpatronin der Bergleute und vieler anderer verlustreicher, anstrengender und harter „Männerberufe“ auf der anderen Seite, ist Barbara nicht nur eine Mahnerin für die Rechte der Frauen sondern auch für die Leiden der Männer.
Ihr Tod ist ein Beispiel dafür, wie Männer, die aufgrund ihrer gesellschaftlichen Rolle immer nur Härte gegenüber allem zu zeigen haben, auch gegenüber sich selbst, letztlich von allem entfremdet werden was ihnen lieb ist.
Der Vater, der das Schwert gegen die eigene Tochter erhebt, weil er glaubt, dass er muss, erhebt das Schwert gegen sich selbst. Barbara ist nicht das einzige Opfer ihrer Geschichte: auch, wenn wir freilich mit dem Kindsmörder wenig Solidarität empfinden können, sollte uns sein Tod erschrecken.
Barbara breitet ihre Arme aus, damit sich die emotional Stummen, die von Leid umgeben sind für das ihnen die Gesellschaft keine Worte erlaubt, an ihrer Brust ausweinen dürfen. Barbara, aber auch viele anderer Märtyrerinnen stehen für die Hoffnung, dass Liebe und vor allem eine sture, unnachgiebige, bedingungslose Liebe und Glauben letztlich Hass, Engstirnigkeit und blinde Traditionsgebundenheit überwinden können.

Wenn also dürre Zweige auf dem Fensterbrett erblühen können, dann könne Glaube, Liebe und Hoffnung uns auch in eine Gesellschaft führen, in der Schicksale wie das Barbaras und ihres Vaters nicht mehr vorstellbar sind.

Wir sind auf einem guten Weg.

 

PS: ich weiß, dass Barbara keine historische Figur war. Es geht mir rein um das, was auf der erzählerischen Ebene abläuft.

 

Advertisements

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Über mich - über diesen Blog, Uncategorized

Eine Antwort zu “Einige Gedanken zum Barbaratag

  1. meckiheidi

    So was von treffend. Danke!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s