Manchmal muss man laut werden (Aktueller Anlass)

Atwort auf Jobos Aufruf zum mäßigenden Umgang mit Henriette Rekers Armlängen-Debakel.

Wer Jobos Artikel lesen möchte, kann das hier tun.

Ich bin die letzte, die auf unbedacht gemachten, spontanen Statements herumhackt, die von Dritten (insbesondere Journalisten) mit Gusto falsch verstanden werden. Dazu gehört aber Henriette Rekers Armlängen-Statement nicht.

Zum ersten war es kein spontan, in der Überforderung getätigter Ausspruch, als man ihr ungeplant das Mikro unter die Nase drückte.
Das Statement ist einer Pressekonferenz entnommen worden. Als Bürgermeisterin einer der größten Städte Deutschlands erzählt Frau Reker auch nicht einfach etwas frisch von der Leber weg, weil es ihr gerade einfällt: das Statement hat vermutlich einen Coach, oder Berater oder Öffentlichkeitsteam durchlaufen.

Nicht nur das, es ist die Vorwegname eines geplanten, ausgiebigeren Verhaltenskatalogs für Frauen, der somit, ungeachtet seiner Nützlichkeit bereits einiges an Ernsthaftigkeit eingebüßt hat und zudem nichts mit der von Jobo formulierten allgemeinen Vernunft zu tun hat: Denn Reker richtet sich ausdrücklich nur und spefizisch an Frauen.

Das war kein Blooper, es war ein Ausfall eines ganzen politischen Teams auf ganzer Ebene.

Ebenso wenig ist die Äußerung nicht nur ungeschickt, weil sie gegen mögliche, für Außenstehende oft kaum zu durchschauende Richtig-Sprech-Codes der Feministenszene verstößt. Man braucht nicht mal „Rape-Culure“ oder „Victim-Blaming“ zu röhren.

Die Aussage ist auf der Basis der gewöhnlichen weiblichen Alltagserfahrung geradezu katastrophal. Das Leben vieler Frauen ist von panischen Vermeidungsstrategien in Bezug auf sexuelle Gewalt gezeichnet:

Frauen wechseln nachts die Straßenseite und trauen sich nicht alleine in Parkhäuser. Sie meiden es, den Fahrstuhl alleine mit einem fremden Mann zu nutzen, sie verabreden mit ihren Freundinnen, sich gegenseitig anzurufen, wenn sie spät Abends sicher zuhause angekommen sind. Sie bestellen nur kleine Biere, damit sie sie in einem Zug austrinken können, sie tragen Anti-Vergewaltigungshöschen. In München gibt es mehrere Clubs, in die viele Münchnerinnen nach eigenen Aussagen überhaupt gar nicht gehen. Es sind verlorene Orte, an denen Frauen bei Betreten das Recht an ihrem Körper verlieren, werden sie angegrapscht, dann ist das für die Security höchstens zum Lachen.

Viele Frauen leben ein Leben in Angst. Ob diese realistisch ist, oder nicht (die meisten sexuellen Übergriffe finden nicht durch Fremde sondern durch Verwandte und Freunde statt), sei dahin gestellt.

Henriette Reker muss das wissen. Es muss Teil ihrer Realität sein. Das Thema ist für Frauen allgegenwärtig und sei es nur über den Kontakt zu ängstlichen Freundinnen oder Bekannten. Es ist Teil von Kriminalromanen und Kaffeekränzchen. Ich wurde sogar einmal von einer älteren Dame in der Ubahn angesprochen, ob ich keine Angst hätte, spät Nachts alleine nach Hause zu fahren.

Henriette Reker hat einen absoluten Mangel an Empathie gegenüber ihren Geschlechtsgenossinen bewiesen, indem sie einen weiteren dummen Ratschlag in das Arsenal der paranoiden Selbstschutzstrategien panischer Frauen eingefügt hat. Angesichts einer allgemein angespannten Sicherheitslage wäre ihr Ratschlag zwar banal und dümmlich gewesen, aber nicht verheerend. Angesichts der geschliderten Problematik aber trägt sie zu einem spezifischen Frauenproblem bei, sie hat damit nicht Sicherheit vermittelt, sondern Angst geschürt.

Gerade, wenn sie als eine starke Frau eine ganze Stadt führt, ein Attentat überlebt hat, gibt sie sich eine unglaubliche Blöße, wenn sie sich jetzt an die Frauen einer ganzen Stadt wendet, wie ein besorgtes Muttchen an ihre Tupperfreundinnen.

Im Übrigen hat sie auch keiner um eine Lösung gebeten: sich mit den Opfern zu solidarisieren und die Täter zu verurteilen hätte zu diesem Zeitpunkt vollauf gereicht.

Deshalb sind all die lauten, wütenden, selbstbewussten Antworten wichtig und vollkommen korrekt, Zurückhaltung hingegen unangebracht: Die Stadt gehört ebenso den Frauen, sie brauchen kein Regelwerk, um sich darin korrekt zu verhalten. Ihre Sicherheit sollte aus ihrem Inneren kommen und durch alle Anderen Anwesenden garantiert werden.
Die Äußerung stützt, trägt und verbreitet eine ohnhin schon gefährliche Tendenz in der Selbstwahrnehmung vieler Frauen. Sie macht Angst, normalisiert diesen Angstzustand und bietet zusätzlich absolut unzureichende Verteigigungsstrategien (denn ich befürchte, ein kleines Heftchen wird nicht erklären, wie man im Alleingang einen 1000-Leute-Mob ausschaltet). Es ist nötig, sie zu übertönen, um zu zeigen, dass es genügend Frauen und Männer in der Republik gibt, die keine Angst haben und den öffentlichen Raum für sich beanspruchen, als einen sicheren, gemeinschaftlichen und angstfreien Aufenthaltsort.

 

PS: zur Nützlichkeit des zu erwartenden Ratgebers: Natürlich ist es hilfreich, gezielt in solchen Massenveranstaltungen Handreichungen zu geben, wie man sich im Ernstfall am Besten verhält, z.B. wo und wie man Hilfe erhält, ob es eventuell Schutzräume gibt, etc.

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Eingeordnet unter Medien - Kritik und Empfehlungen, Religion und Politik

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