Schluss mit dem Kinderficker-Mythos

Nach langer Zeit hat mich ein Erlebnis wieder so bewegt, dass ich darüber schreiben möchte.

Ich saß in gemütlicher Runde zum Abendessen, als plötzlich die Frage aufkam, was ein Ministrant sei. Noch bevor ich antworten konnte, kam die lakonische Antwort, das seien die Buben die am Altar stehen und die der Priester sich, wenn er Lust habe, nehmen könne.

Leider konnte ich nicht rechtzeitig reagieren, denn diese Aussage kam so plötzlich daher, wie sie wieder verschwand. Die Diskussion brandete einfach darüber hinweg, niemand war betroffen (und es wussten auch nur zwei Leute am Tisch, dass eine Katholikin anwesend war).

In den Jahren nach dem Missbrauchsskandal waren die Faschingssendungen voll mit Katholische-Priester-sind-Kinderficker-Witzen. Inzwischen ist der Witz nicht nur den Faschingssendungen entwachsen, er ist auch dem Witz entwachsen. Er ist zu einer Trope, einer Redensart geworden, die wiederspruchlos akzeptiert wird. Auch von Leuten, die sonst Aussagen mit gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit nicht akzeptieren.

Leider akzeptieren auch wir Katholiken diese Witzeleien viel zu oft. Dabei gibt es mehrere gute Gründe, wieso wir uns entschieden gegen sie wenden sollten, wieso wir uns gegenüber diesem Problem sensibilisieren sollten. Eine grundsätzliche Einlassung zum Thema Kinderfickerwitze.

  1. Der Witz verschiebt die Schuldfrage weg von den Tätern hin zum System – Eltern und manchmal sogar Opfer erhalten somit die Mitschuld

Vielen dieser Aussagen ist die diffuse Vorstellung gemein, dass das System Kirche Pädophilie fördere. Entweder, weil Zölibat und angebliche Prüderie dazu führen, dass Männer sich aus sexueller Frustration heraus an Kindern vergehen und Eltern bzw. Kinder zu verschämt sind, um über dieses Thema zu sprechen, oder, weil das System (ob unfreiwillig oder freiwillig) Pädophilen ein sicheres Versteck und im Zweifelsfall Schutz biete, weil es deren Taten unter den Tisch kehre.

Gemein ist diesen Ansätzen die Vorstellung, die Kirche bedinge, fördere und schütze die Misshandlung von Kindern strukturell. Die eigentlichen Täter, die Männer, die sich an den Kindern vergehen, haben somit keine andere Wahl, sie sind selbst Teil oder Opfer dieses Systems. Die Eltern hingegen sind diejenigen, die ihre Kinder diesem grausamen System aussetzen und sie aufgrund ihrer Indoktrination quasi den Priestern zur Befriedigung zur Verfügung stellen und dann auch noch die Taten vertuschen wollen. Betroffene Kinder sind zwar freilich Opfer, aber der Theorie nach wachsen sie ja, werden sie nicht rechtzeitig „da rausgeholt“, in der Kirche auf und setzen dann selbst ihre Kinder dem Missbrauch aus.

Diese Vorstellungsblase ist letztlich auch unmenschlich gegenüber den Eltern: Katholische Eltern sind Ungeheuer, die den Missbrauch ihrer Kinder gutheißen. Sie sind so indoktriniert, dass sie ihre Kinder nicht richtig lieben können. Die allermeisten Eltern werden aber in Wirklichkeit entsetzt und betroffen darüber gewesen sein, was ihren Kindern angetan wurde. Oft wird ins Feld geführt, sie hätten den Kindern nicht geglaubt, oder die Vorfälle verschweigen wollen, um den Priester zu schützen. Diese Mechanismen sind aber nicht exklusiv den Missbrauchsfällen in der Kirche vorbehalten. Gerade im allerhäufigsten Szenario für sexuellen Missbrauch, nämlich innerhalb der eigenen Familie, ist es nicht minder üblich, dass Eltern versuchen, die Täter zu schützen, welche sie lieben, schätzen und von denen sie sich nicht vorstellen können, dass sie solcher Monstrositäten fähig sind.

Dem System Kirche und somit auch den Eltern die Schuld an den Missbrauchsfällen zuzuschieben aber verlegt den Fokus ungut von den Tätern selbst fort. Es gibt keine Entschuldigung für einen Menschen, sich so an einem Kind zu vergehen, das ihm anvertraut wurde. Weder sexuelle Frustration, noch angebliche kirchliche Prüderie oder die Behauptung, die Täter wüssten, dass die Kirche sie damit schon davon kommen ließe, heben die Fähigkeit eines Menschen auf, sich willentlich zu entscheiden, Böses zu tun. Dass der sexuelle Missbrauch von Kindern böse ist, das hat die Kirche bereits vor den Missbrauchsfällen offen gelehrt und vertreten.

Es ist wichtig, solche Priester als echte Täter zu betrachten, weil bei ihnen die echte Schuld ist. Niemand hat sie zu ihren Taten gezwungen, die Kirche nicht, die Eltern nicht und ganz bestimmt nicht die Opfer.

  1. Es handelt sich um die systematische Diskriminierung sexuell inaktiver Menschen

Kehren wir zu einem der Argumente aus Punkt eins zurück, nämlich, dass der Missbrauch von Kindern eine Folge des Zölibats sei.

Themen, bei denen man über die Penisse religiöser Menschen reden kann, sind ja unglaublich beliebt. Von der Beschneidungsdebatte über die Vielehe bei den Mormonen bis hin eben zum Zölibat ist das nach wie vor ein echter Hit. Gekreuzt wird das mit dem aktuellen Zustand, dass die sexuelle Befreiung dem Sex zwar auf der einen Seite das Schmuddel-Image entzogen hat (zumindest behauptet sie das gerne von sich selbst), auf der anderen Seite aber somit Nicht-Sex als ungesund und prinzipiell verdächtig wahrgenommen wird. Man braucht nur den ein oder anderen Tatort mit katholischem Priester anzusehen, um zu begreifen dass einer, der sich freiwillig entscheidet, auf sein Sexualleben zu verzichten, nicht ganz dicht sein kann.

Vorurteile, die früher nur Homosexuellen entgegenschlugen, tauchen jetzt plötzlich wieder gegen Personen auf, die keinen Geschlechtsverkehr haben. Sie sind effeminiert, bzw. bei Frauen: maskulinisiert, in ihrer Kindheit sexuell traumatisiert worden, sie haben schlechte Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht gemacht/sind für dieses zu unattraktiv, oder/und sie sind in Wirklichkeit heimlich pädophil. Weniger progressiven Menschen ist es ja auch nicht zufällig ein besonderes Fußbad, Gerüchte darüber zu streuen, dass die meisten Priester schwul seien. Ich wage jetzt aber mal die Aussage, dass die „progressivere“ Variante, diese alte, hässliche Fratze der Homophobie jetzt einfach Asexuellen und freiwillig enthaltsam lebenden Menschen zuzuwenden, kein Deut besser ist.

Es ist gut, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der sexuelle „Devianz“ mehr und mehr akzeptiert wird. Homosexualität wird allmählich als natürlich gegebener Teil der menschlichen Verhaltenspallette anerkannt und nicht mehr gesellschaftlich sanktioniert. Es müsste doch auch möglich sein, dieselbe Akzeptanz Menschen entgegen zu bringen, deren Lebensentwurf oder sexuelle Neigung eben im Verzicht auf Sex liegt.

  1. Es verzerrt die Realität des sexuellen Missbrauchs und es zerstört Kindheitskulturen

Kindesmissbrauch ist definitiv kein primär kirchliches Problemthema. Am allerhäufigsten findet er im direkten Umfeld der Familie statt. Wäre das Fernhalten der Kinder von Risikosituationen ein sinnvoller Weg zur Prävention von sexuellem Missbrauch, dann müssten Eltern sie weniger von der Kirche fernhalten, als viel mehr von sich selbst, ihren Verwandten und engen Familienfreunden. Sexueller Missbrauch findet in Sportvereinen und Schulen statt, bei den Pfadfindern und in den Häusern von Spielkameraden, durch Männer und durch Frauen. Es ist falsch, Eltern das Gefühl zu geben, dass das Fernhalten ihrer Kinder von der Kirche, vom Sportverein, von fremden (männlichen) Erwachsenen diese vor Missbrauch schütze. Es ist falsch, Eltern das Gefühl zu geben, dass es überhaupt ihre Schuld sei, wenn sie ihr Kind unwissentlich irgendwo sexuellem Missbrauch ausgesetzt haben. Im Gegenteil: die Vorstellung, dass man sich nur genug einschränken muss, damit man Missbrauch vermeidet, verunsichert Kinder und Eltern. Unsichere Kinder hingegen sind leichtere Beute für Kinderschänder. Sie sind leicht zu beeinflussen und neigen dazu, sich selbst die Schuld zu geben, zu schweigen, sich nicht zu wehren.

Wer seine Kinder vor Kindesmissbrauch schützen will, sollte ihnen keine Angst vor Priestern, Sportlehrern oder dunklen Gebüschen einreden, sondern sie stärken, selbstbewusst machen und ihnen das Gefühl geben, auf ihrer Seite zu sein.

Der Schaden, den die omnipräsente Angst vor Kindesmissbrauch angerichtet hat – nicht nur in der Kirche – ist hingegen beachtlich. Viele Männer trauen sich nicht mehr, mit ihren eigenen oder fremden Kindern natürlich umzugehen. Sie fühlen sich unter Generalverdacht oder Beobachtung. Bei einem Vater, der seinem Sohn auf dem Spielplatz Klimmzüge beibringt, sieht die Gesellschaft ganz genau hin.

Einer unserer Pfarrer schlief bei einer Firm-Fahrt im Liegewagen nicht mit uns im Sechserabteil, sondern auf dem Flur – ein anderer musste beim Ministrantenwochenende bei 35 Grad im Schatten voll bekleidet am Ufer des Badesees auf uns warten, um sich vor Anschuldigungen zu schützen.

Auf der einen Seite ist es gut, dass unsere Gesellschaft ein Auge auf ihre Kinder hat. Die Art, wie sie es tut, ist aber wenig effektiv und sie entzieht dabei den Kindern die so wichtigen männlichen Bezugspersonen. Sportlehrer, Väter, Pfarrer, Lehrer, Onkel, Kindergärtner. Hinter den ach so harmlosen Kinderschänderwitzen steht ein komplexes Geflecht tiefster Verachtung von Menschen mit einem bestimmten Geschlecht, einer bestimmten Religion und einem bestimmten sexuellen Lebensstil. Das Männerbild, das Kinder bekommen, wenn sie in so einem giftigen Milieu aufwachsen, kann nur verheerend sein. Darunter leiden ganz gewisse alle. Nicht nur Priester

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Gedanken zur Praxis der katholischen Kirche, Medien - Kritik und Empfehlungen, Zu allgemeiner Religionskritik

Eine Antwort zu “Schluss mit dem Kinderficker-Mythos

  1. Nepomuk

    Was den Tatort betrifft… ein Positivbeispiel ist übrigens: „Im Namen des Vaters“. Warum nicht immer so …

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