Über Tellerränder von Feminismuskritikern

In der SZ  war vor einigen Tagen ein Artikel darüber, dass Mädchen in einigen Gegenden Indiens mit dem Namen „Nakusa“ belegt werden. Der Name bedeutet so viel wie „Die ungewollte“ und soll den betreffenden Gottheiten signalisieren, dass jetzt erstmal genug sei, mit Mädchen.
Die so benannten Mädchen  sind quasi für den Rest ihres Lebens ein dickes Plakat, auf dem „SO BITTE NICHT“ steht. Entsprechend freundlich werden sie dann auch von ihren Peers behandelt.

Die Vorstellung, dass Mädchen minderwertige Nachkommen sind, ist nicht nur in den „gruseligen“ und „exotischen“ Gegenden dieser Welt verbreitet.
Lange ist es nicht her, da wurden Väter von Mädchen in Süddeutschland als „Büchsenmacher“ vespottet. Mancher fand es vielleicht einfach nur witzig (ahahaa, Büchse. Verstehen Sie?) doch in den 90gern noch wurde mein Vater in meiner Anwesenheit gefragt, ob er nicht traurig sei, dass er keinen Sohn habe.
Eine Frage, die ich mir bis dahin niemals gestellt hatte, die mich aber getroffen hat. Mein Vater bemühte sich, der betreffenden Person zu versichern, dass es ihm vollkommen gleich sei, welches Geschlecht seine Kinder hätten.
Aber dass überhaupt jemand glaubte dass ich als Teil einer reinen Mädchen-Generation die Existenz meiner Familie besiegele blieb trotzdem bei mir hängen. Eine Schuld, mit der man sich nicht helfen kann, weil sie bei dem ansetzt, was man selbst ist, woran man nichts oder nur wenig ändern kann.
Kein Kind sollte das Gefühl haben, seine Eltern mit seinem eigenen Dasein zu verletzen.
Es gibt viele Gründe, wieso Kinder sich so fühlen müssen. Krankheit, Armut, oder vielleicht auch „nur“ dass sie die ungeplante Frucht eines lieblosen Geschlechtsverkehrs waren. Einer davon ist eben auch, das falsche Geschlecht zu haben. Keiner würde anzweifeln, dass wir arme, kranke, ungeliebte Kinder stützen und ihnen das Gefühl von Geborgenheit geben müssen.
Keiner würde den Bemühungen in diese Richtung vorwerfen, dass sie überflüssig seien oder ungerecht gegenüber gesunden, reichen oder geliebten Kindern.
Wieso ist es so schwer zuzugeben, dass Mädchen, die durch ihr Mädchen-Sein benachteiligt werden ebenso eine Unterstützung verdienen und dass das, ja, verdammt noch mal, Anliegen des Feminismus ist, aus dem er unter Anderem seine Berechtigung verdient?
Wieso muss ich mit irgendwelchen Typen im Internet darüber diskutieren, dass sie sich davon emaskuliert fühlen, dass ich meinen Namen nach der Hochzeit behalten darf, wenn in Indien Mädchen „Nakusa“ genannt werden und damit leben müssen?
Wieso werde ich mit Statistiken darüber traktiert, dass Männer sich öfter selbst umbringen, öfter im Krieg sterben und öfter ins Gefängnis kommen, wenn Millionen und Abermillionen von Mädchen nicht einmal auf die Welt kommen dürfen?
Die Antwort ist so einfach wie lächerlich: Es geht hier immernoch um Männer, deren Selbstbewusstsein sich daraus speist, sich besser fühlen zu können, als Frauen. Haarscharf haben sie erkannt, dass es heutzutage ganz gut funktioniert, sich als Opfer von irgendwas zu positionieren, wenn man Aufmerksamkeit bekommen möchte.
Also sind sie die Opfer… der Frauen… und des Feminismus.
Dabei versucht der Feminismus gelegentlich ihre Probleme mitzulösen. Oft wird beklagt, in diesen Fällen springe dann „keine Feministin“ in die Bresche. Hier einige beliebte Beispiele… und Gegenbeispiele:
„Feministinnen beschweren sich nicht, dass Frauen öfter das Sorgerecht erteilt bekommen, als Männer.“
Doch. Ich. Und Alice Schwarzer.
„Feministinnnen beschweren sich nur, dass ihnen die oberen Führungsebenen verwehrt bleiben. Die Blue-Collar-Jobs, in denen man hart körperlich arbeiten muss, wollen sie dann aber nicht für Frauen zugänglich haben.“
Doch. Ich. Und es gibt zahlreiche Förderprogramme, z.B. von Betrieben, Handwerkskammern oder der Bundesregierung. Genau. Dafür.
„Feministinnen machen immer Krach, dass sie alle Rechte eines Mannes haben wollen, aber die Wehrpflicht wollen sie nicht. Während Männer sich abschlachten lassen, können sie schön zuhause hocken.“
Ich wäre damals sofort zum Bund gegangen. Es gibt zahlreiche Projekte, die Frauen an der Waffe fördern, es gibt sogar einen Artikel auf dem ziemlich Mainstreamig-Feelgood-Portal Bento dazu. Frauen vorzuwerfen, dass sie nicht im selben Umfang in Kampfhandlungen sterben wie Männer ist besonders zynisch, wenn sie dann, wenn sie zum Militär gehen z.T. mit sexueller Gewalt und systematischen Rausekel-Versuchen konfrontiert werden.
Letztenendes aber liegt dem ganzen ein allgemeiner Denkfehler zugrunde: Wenn im Sinne des Feminismus verabschiedete Regelungen Männern schaden, dann muss das diskutiert werden. Diese Regelungen. Aber nicht der Feminismus an sich.
So lange nämlich Frauen nur leiden, weil sie als Frauen gelten, ist der Feminismus legitimiert. Alles andere ist nicht sein Thema.
Advertisements

6 Kommentare

Eingeordnet unter Feministisches, Uncategorized

6 Antworten zu “Über Tellerränder von Feminismuskritikern

  1. Es gibt eben „den Feminismus“ nicht. Und Feminismus ist nicht einfach nur Gleichberechtigung.

    So entzieht man ihn auf unredliche Weise der Kritik.

    Es gibt eben radikalen Männer hassenden Feminismus a la dworkins und Frauen sind das heilige Feminismus und gerade auch der moderne intersektionale gender Feminismus ist nicht ohne mit seiner binären Einteilung in Opfer und Täter.

    • Also… wir bewerten jetzt Bewegungen nur anhand ihrer durchgeknalltesten und extremsten Ausgestaltungen? Das heißt, Katholiken müssen sich an den Piusbrüdern messen lassen, Kommunisten an Nordkorea und Demokraten an den Säuberungen der Französischen Revolution?
      Entschuldigung, aber das halte ich wiederum für eine unredliche Argumentation.
      Gerade weil es DEN Feminismus nicht gibt, ist es Unfug die ganze Bewegung zu delegitimieren, weil es eine Handvoll lauter Spinner gibt. Die erscheinen nur so zahlreich und laut, weil in den Medien jedesmal wenn irgendx Profx mal wieder an Logorrhoe leidet ein Riesenaufstand gemacht wird. Übrigens habe ich mich mit der Thematik Gender-Studies bereits grundlegend und durchaus kritisch auseinandergesetzt.
      Es gibt jedoch – und das in großer Zahl – Menschen, die sich auf ganz praktischer Ebene für Gleichheit einsetzen. Die gehen im Sturm der Entrüstung unter. Es gibt z.B. auch Feministen (auch Frauen), die sich gerade für die Gleichberechtigung von Männern in Sorgerechtsstreiten einsetzen oder befürworten, dass Wehrpflichten prinzipiell auch Frauen heranziehen sollten etc.
      Ganz abgesehen davon gibt es außerhalb Europas ein Heer an Frauen, das von dem, was wir für uns in Europa oder den USA erreichen können, nur träumen kann. Aber ja, natürlich, auf der ganzen Welt leiden Milliarden Frauen ausschließlich weil sie Frauen sind, werden abgetrieben, ermordet, misshandelt, ausgestoßen und grundlegendster Bildung beraubt, aber Feminismus braucht wirklich kein Mensch.
      So. Und ich geh jetzt mal Hygieneartikel auswechseln, für die ich mehr Steuern zahlen muss, als für einen Blumenstrauß. Denn der Staat ist der Meinung, dass das Sofa nicht vollbluten zu müssen nicht zur Grundversorgung gehört.

      • 1. hab ich nicht gesagt, dass Tampons als Luxusgut versteuert werden, sondern dass sie normal versteuert werden. Das mit dem Luxus ist der amerikanische Steuersatz, das war mir bekannt.
        2. Werden Nahrungsmittel geringer versteuert, weil es eben „Grundnahrungsmittel“ sind. Das steht so nicht im Paragraphen, ist aber die offzielle Begründung dafür, ebenso wie Transport, Hotelerie und die Kunst begünstigt werden, um dieselben zu fördern. Natürlich kann man auch über Erleichterungen bei Babynahrung oder Klopapier diskutieren. Das ist aber nicht Aufgabe des Feminismus. Nur, weil wir bestimmte Anliegen belegen heißt es ja nicht, dass wir alle anderen Anliegen für weniger relevant ansehen.
        Im Übrigen ist Deine Berechnung Müll. Frauen benutzen nicht nur Tampons, die meisten benutzen auch zusätzlich Binden und Slipeinlagen. Außerdem beziehen sich die 5 Tage auf die Dauer der Blutung, nicht wie lange man dann faktisch blutigen Schleim absondert. Ich kenne jedenfalls niemanden, der ab Tag 6 wieder seinen besten Seidenslip im Einsatz hat.

        Aber gut, ja, lassen wir die Kleinigkeiten bei Seite und packen wir die richtigen Klopper an: Indische Dörfern in denen seit hunderten von Jahren jedes geborene Mädchen sofort im Sand verscharrt wird…
        Man kann auch dafür kämpfen, die Welt für seinesgleichen zu verbessern UND darauf achten, dabei anderen nicht zu nahe zu treten.
        Ganz gelegentlich springt für die „anderen“ auch noch was bei der Sache mit raus, z.B. wenn es darum geht, „Care“-Berufe gesellschaftlich aufzuwerten und damit Männern, die sich dazu berufen zu fühlen gleichzeitig den Einstieg zu erleichtern…

  2. „Es gibt jedoch – und das in großer Zahl – Menschen, die sich auf ganz praktischer Ebene für Gleichheit einsetzen.“

    Das mag sein – aber das sind dann „untheoretische Feministinnen“. Die gesamte feministische Theorie hingegen ist in gewisser weise radikal und insofern „durchgeknallt und extrem“

    Die vorherrschende Meinung gegenwärtig ist ja zB der intersektionale Genderfeminismus, der von einem Blank Slate ausgeht und binär in Gruppen einteilt, die opfer oder Täter sind. Das wird leider an universitäten gelehrt und beinhaltet ein ziemliches Feindbild gegen heterosexuelle weiße Männer, dass diese aus meiner Sicht keineswegs verdient haben.

    Es bedient eine starke Opferhaltung und Feindseligkeit.

    Mit der Mehrwertsteuer auf Tampons liegst du meiner Meinung nach auch daneben. Der Paragraph hat nichts mit Grundversorgung zu tun, die 19% gibt es zB auch auf Toilettenpapier

  3. Magnus aka MJKW

    „So lange nämlich Frauen nur leiden, weil sie als Frauen gelten, ist der Feminismus legitimiert. Alles andere ist nicht sein Thema.“
    Genau da liegt das Problem. Weil es für das Subjekt der Diskriminierung nämlich egal ist, weswegen es diskriminiert wird. D.h. Konzentration auf einzelne Betroffenengruppen verschärft nur die Unterschiede, anstelle das Problem in den Mittelpunkt zu stellen und gemeinsam dran zu arbeiten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s