Archiv der Kategorie: Gedanken zur Praxis der katholischen Kirche

Wer Kinder liebt, pfeift auf Kindergottesdienste

Heute werden zahlreiche regelmäßige Gottesdienstbesucher den Pfarrgemeinden fernbleiben. Es ist Weißer Sonntag, aka Kinderbibelspieltag feat. Erstkommunion. Kindergottesdienste sind schon für Erwachsene kaum zu ertragen. Wieso tun wir das unseren Kindern an?

Es ist ein Schauspiel, bei dem man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll. In den Bänken sitzen hibbelige Buben, Mädchen und Eltern herausgeputzt für ihren großen Tag, vorne hüpft eine Mittvierzigerin in langen Röcken herum und singt schief „Fürchte Dich nicht“. Dann treten die Kinder der Reihe nach vor und verlesen in schleppendem Ton Fürbitten, die sie selbst nicht geschrieben haben, die aber angeblich ihre Sorgen und Nöte aufgreifen. Für gegen den Klimawandel. Für gegen einsame Kinder. Für gegen Krieg in Syrien. Ein Kind heult, weil es sein Sprüchlein vergessen hat. Aufruhr im Altarraum. Nach dem läppischen Spektakel haben die Kinder zwar Erstkommunion gehabt, aber wie ein normaler Gottesdienst aussieht, wissen sie immer noch nicht. Ebenso wenig könnte man behaupten, sie seien nun Teil der Gemeinde. Die war nämlich nicht da, weil sie im Pfarrbrief gelesen hat, dass Kindergottesdienst ist. Die Besucher der Kindergottesdienste bilden in den Pfarrgemeinden eine sorgsam herangezüchtete Parallelkultur. Wer Veranstaltungen für Familien organisieren möchte, begibt sich entweder auf das Niveau „Malen und Klatschen“ oder stößt auf Unverständnis. Die Liturgie wird für diese Veranstaltungen bis zur Unkenntlichkeit verbogen und zerstückelt. Ein Pfarrer, der da nicht mitmachen möchte, stört im Zweifelsfall nur die Harmonie und wird dann eben zum Gottesdienstgültigmacher degradiert.

Alters-Segregation und ihre Folgen

Die Botschaft dieser degenerierten, pädagogisch vorgekauten Eucharistiefeiern ist fatal: Wenn es spezielle Gottesdienste für Kinder bzw. Familien gibt, dann muss ja mit den „normalen“ Gottesdiensten etwas nicht stimmen, sie müssen schädlich für Kinder sein oder zumindest sind Familien dort nicht erwünscht. Die meisten Familien, die man bei den Kindergottesdiensten sieht, sieht man dann folgerichtig an anderen Sonntagen nicht. Es wirkt, als wolle man der Gemeinde die Kinder nicht zumuten und den Kindern die Gemeinde nicht. Etwas, das dafür gedacht war, Kindern den Gottesdienst nahezubringen, hat schon längst dazu geführt, dass Kinder vom Gottesdienst ferngehalten werden.

Wir sollten doch eigentlich froh sein, wenn auf den Fluren unserer Gotteshäuser lärmend Kinder auf- und abziehen. Nicht nur bedeutet das, dass es in der Gemeinde überhaupt noch Kinder gibt, sondern die Kinder wachsen auch mit dem Rhythmus und der Ästhetik des „richtigen“ Gottesdiensts auf. Da wird nicht gemalt und geklatscht, es spielt die Orgel statt dem Keyboard und gelegentlich muss man auch mal stillsitzen.

Dabei erbringen die Gottesdienste nicht einmal den intendierten Nutzen. Angesichts der schwindenden Zahl der Täuflinge, Erstkommunikanten und Firmlinge in Deutschland müssten sich die Kinderbeglücker eigentlich in die Stille Ecke stellen. Religionsgemeinschaften, die weiterhin wachsen, weisen hingegen meist kein überragendes religionspädagogisches Konzept auf. Oder glauben Sie, die Moschee in Ihrer Nähe bietet Mitmachgottesdienste für coole Kids an?

Wenn Sie mal in einer Synagoge, einer Moschee, einer (wie auch immer gearteten) orthodoxen oder einer evangelikalen Kirche gewesen sind, dann werden Sie bemerkt haben, dass nicht nur genauso viele Kinder da sind wie bei uns im Kindergottesdienst, sondern dass sich auch niemand nur das Schwarze unterm Fingernagel darum schert. Warum? Weil die Eltern nicht in einer Parallelwelt leben, sondern in der Gemeinde. Weil die Gemeinde die Kinder nicht nur erträgt, sondern als Teil ihrer selbst betrachtet und deshalb niemand auch nur das Konzept Kindergottesdienst verstehen würde. Für die Kinderkatechese gibt es Veranstaltungen wie Sonntags-, Freitags- oder Sabbat-Schulen, Kinderpredigten die parallel zur Predigt im Gottesdienst stattfinden (ein Konzept, das es freilich auch in katholischen Gemeinden gibt) oder halt eben: nichts. Die grundlegende Haltung ist, dass die Kinder sich im Laufe der Jahre schon an die Gebetszeiten oder Gottesdienste gewöhnen würden. Da muss man sich schon die Frage gefallen lassen, wieso wir als einzige glauben, unsere Kinder seien zu blöd für ihre eigene Religion.

The 80s called. They want their youth culture back.

Kommen wir zurück auf die Mittvierzigerin im Altarraum. Sie würde sich selbst als junggeblieben bezeichnen und das ist sie auch. Nämlich geistig in den Achtzigern hängen geblieben. Sie romantisiert den Zeitvertreib ihrer Jugend und glaubt, dass immer noch cool ist, was sie damals cool fand. (Im Zweifelsfall das, was ihre Mitte der Sechziger sozialisierten Betreuer cool fanden). Damit es jeder merkt, nennt sie es auch „cool“. (Es gibt nämlich bekanntlich nichts Cooleres, als zu sagen, dass man cool ist.) Diese Leute lassen wir dann auf eine Generation los, die heimlich zwischen zwei Runden Zeitungsschlagen auf dem Klo ihrem Fuckboy snapchattet.

Keiner kann ernsthaft erwarten, dass Teenager beispielsweise eine Pastoralreferentin – eine Person, die so lame ist, dass sie Theologie studiert hat, aber nicht einmal das gescheit – als Gegenüber auf Augenhöhe geschweige denn als Freundin wahrnehmen. Die gesamte Klatschen-und-Malen-Fraktion mit ihrer Fairtrade-Schokolade und ihren Trekkingsandalen kann schon froh sein, wenn sie als Autorität durchgeht. Und selbst diese Rolle ist man nicht bereit auszufüllen. Nein, den Meinungen der Jugend gegenüber präsentiert man sich butterweich. Konfrontation wird gescheut, Positionen nicht bezogen. Egal wie weit sich der Teenager aus dem Fenster lehnt, man reagiert mit Verständnis. Man ist ja froh, wenn er mitmacht und genau diese unterwürfige Position vermittelt man ihm auch. Wer soll eine Kirche ohne Rückgrat ernst nehmen?

Jedem Teenager, der sich unter diesen Umständen nicht firmen lässt, kann man nur gratulieren: Denn wenigstens beweist er Rückgrat und lässt sich nicht mit Geschenken bestechen. Letztere sind nämlich der Grund, wieso sich Jugendliche diese unwürdige, nach Verzweiflung und Selbstbetrug stinkende Dilettantenshow reinziehen, die wir Firmvorbereitung und -gottesdienst nennen.

Das einzige, wonach sich heutige Generationen sehnen, Authentizität, gibt man ihnen nicht. Und sie selbst können sich diese Authentizität auch nicht zurückholen. Sie wüssten nicht wie, weil sie ja von Kindesbeinen an nie in einem normalen Gottesdienst waren und keiner ihnen beigebracht hat, wie man sich dort verhält, geschweige denn wie so etwas funktioniert.

Wo Kindergottesdienst ist, leiden die Eltern am meisten

Die Religiosität derer, die eigentlich die wichtigste Rolle bei der Sozialisation ihrer Kinder spielen sollten, die der Eltern, wird hingegen nicht im Geringsten angesprochen.

Gerade ihnen sollte man die Teilnahme am Gottesdienst doch erleichtern. Sie könnten ihn ganz bewusst als ihre Erwachsenenzeit etablieren, die Eltern doch oft so dringend brauchen. Aber nein. Sie haben die Wahl: Entweder sie sitzen als einzige mit Kind in einem normalen Gottesdienst und werden ob der unvermeidlichen Lautstärke böse angeguckt, oder sie verbringen die nächsten 17 Jahre damit, religionspädagogische Hits aus den Siebzigern zu den schiefen Klängen der debil grinsenden geriatrischen Jugendband zu singen. Auf mehrstündige Festgottesdienste müssen sie dafür komplett verzichten. Auch hier hilft der Blick in andere Religionen: Charismatische Konfessionen oder Synagogen bieten z.B. für die aufwändigeren Feiertage Kinderbetreuungen an, damit die Eltern auch diese mitfeiern können. Aber wer interessiert sich schon für die Religionsausübung von Erwachsenen?

Gerade hier liegt der Hund begraben. Unsere Religionspädagogik ist geschaffen, um imaginierte Kinder- und Jugendwünsche zu erfüllen und nicht dafür, unsere Kinder und Jugendlichen zu kompetenten, religionsmündigen Erwachsenen zu machen. Sie hält Kinder und Jugendliche gezielt uninformiert und klein, damit sich eine ganze Kaste von pädagogischen Drohnen möglichst lange an ihnen abarbeiten kann.

Wie unzureichend sie das auf ein Leben als Christ vorbereitet, zeigt die gähnende Leere in unseren Kirchenbänken.

Schafft die Kindergottesdienste ab. Und lasst die Kinder wieder in die Gottesdienste.

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Aus gegebnem Anlass: Vegetarismus als christlicher Wert?

Kurt Remele geistert derzeit durch meine Timeline (Hier im Interview mit katholisch.de ) : wer christlich ist, so seine Ansicht, müsste eigentlich mindestens Vegetarier sein.Eine kritische Einlassung.

Fleischkonsum als „Lesart“?

Als Erstes möchte ich darauf eingehen, dass Herr Remele die Erlaubnis zum Essen von Tieren eine „Lesart“ der Bibel nennt, neben der es auch andere „Lesarten“ gebe.

Tatsächlich gibt es Hinweise für die These, dass Adam und Eva Vegetarier waren. Einige Lehrer des Judentums gehen davon aus, dass das auch nach dem Sündenfall so blieb. Auch die Geschichte darüber, dass Noah die Tiere vor der Sintflut rettet scheint zunächst einmal ein Vorläufer des modernen Artenschutzes zu sein. Doch leider zerschlägt gerade der Bund, den Noah anschließend mit Gott schließt diese Hippie-Phantasien: Gott erklärt explizit Noah, dass er Fleisch essen darf, so lange es kein Blut enthält.

3 Alles Lebendige, das sich regt, soll euch zur Nahrung dienen. Alles übergebe ich euch wie die grünen Pflanzen.4 Nur Fleisch, in dem noch Blut ist, dürft ihr nicht essen.5 Wenn aber euer Blut vergossen wird, fordere ich Rechenschaft, und zwar für das Blut eines jeden von euch. Von jedem Tier fordere ich Rechenschaft und vom Menschen. Für das Leben des Menschen fordere ich Rechenschaft von jedem seiner Brüder.“ (1. Buch Mose 9)

Um das als „Lesart“ abzutun, diese neuralgische Stelle, an der die für alle Menschen geltenden Noachidischen Gebote eingesetzt werden, muss man schon ein besonderes Maß an Wunschdenken an den Tag legen.

Natürlich sagt die Stelle nicht, dass man Fleisch essen muss. Aber sie sagt eindeutig, dass man es darf. Im Gegensatz zu vielen „alttestamentarischen“ Geboten, Erlaubnissen und Gesetzen gibt es hierzu auch keine überlieferte kritische Bemerkung Jesu.

Rein auf der Basis des Evangeliums ist der Fall somit vollkommen klar. Wer das für eine „Lesart“ hält, der kann genauso gut die monogame Ehe als Lesart bezeichnen. Es gibt vielleicht hier und da ein Gegenbeispiel, aber mehr Stellen, die keinen Zweifel offen lassen.

Ganz nebenbei gibt es auch eine einfache theologische Begründung, wieso Tiere und Menschen nicht auf einer Stufe stehen: Tiere haben nun einmal keine Seele. Wer meine Ausführungen zum Mensch-Tier-Verhältnis im Christentum und in der zeitgenössischen westlichen Gesellschaft noch nicht kennt, kann dies hier nachlesen.

Natürlich kann, wer das aus moralischen oder anderen Gründen möchte, vegetarisch oder vegan leben. Das ist mir offengestanden vollkommen Wurst. Aber man kann nicht behaupten, dass es christlich sei. Denn das ist nämlich einfach nicht zu belegen.

Wieso Vegetarismus nicht funktioniert und Veganismus eine Luxuserscheinung ist

Wenn man Katholik ist, muss man sich natürlich nicht nur an das halten, was in der Bibel steht. In unserer Religion gibt es viele außerbiblische Traditionen und Regelungen. Wäre es denn vertretbar, Gläubige zum Vegetarismus anzuhalten? So lange wir davon ausgehen, dass die Kirche den Anspruch hat, die moralische Richtschnur für die gesamte Gesellschaft darstellen zu können nicht.

Warum nicht? Das Problem liegt wie so oft in der Praxis. Denn beim Ovo-Lacto-Vegetarismus müssen Tiere gehalten werden, um Milch und Eier zu produzieren. Wenn Mama Huhn aber Eier legt und Mama Kuh ein Kälbchen bekommt, dann sind darunter in der Regel auch Männchen. Und Männchen haben zwei schlechte Eigenschaften: erstens geben sie weder Eier bzw. Milch, zweitens kann man sie nicht in Gruppen zusammenhalten, sonst gehen sie sich an die Gurgel. Man schlachtet sie also oder kastriert sie und mästet sie fett, um sie dann zu schlachten. Wollte man alle männlichen Nachkommen seiner Nutztiere in Einzelhaltung bis zu ihrem Tode pflegen, wären Milch und Eier quasi unbezahlbar, ebensowenig ist es realistisch dass jedes dieser Männchen seinen Harem bekäme. Vegetarismus kann also immer nur für einen Teil der Bevölkerung funktionieren, die sich darauf verlässt, dass der Rest der Bevölkerung ihnen den Tiermüll wegisst. Folglich verantwortet man als Vegetarier stets die Schlachtung überflüssiger männlicher Tiere mit. Diese Kleinigkeit ist vielen Vegetariern nicht bewusst, weil sie in von der Lebensmittelproduktion dissoziierten Wohlstandsgesellschaften leben. Man könnte meinen, dass Personen, die öffentlich Aussagen über die soziale Verantwortung des Menschen gegenüber Tieren treffen, so etwas wissen. Aber hier geht es ja um Sozialethik und nicht um die Realität. Man kann also aus kirchlicher Sicht, mit einem gesamtgesellschaftlichen Anspruch, nicht befürworten, dass wir alle Vegetarier werden, konsequent wäre lediglich Veganismus.  Man könnte allenfalls fordern, dass der Konsum reiner Fleischtiere (Schweine z.B.) eingestellt würde.

Bleibt noch der Veganismus.

Lassen wir einmal die Behauptung dahingestellt, dass mit entsprechendem Wissen Veganer sich ohne „künstliche“ Zuführung von Eiweiß, Eisen und anderen potentiellen Mangelstoffen gesund ernähren können. Ich bin kein Ernährungswissenschaftler und kann das nicht beurteilen. Träger dieser Stoffe sind beispielsweise Hülsenfrüchte (dazu zählen auch Erdnüsse und Soja), Nüsse und einige Gemüsesorten wie Avocados. Und wieder stehen wir vor dem Problem der Globalität der Kirche: Für viele Christen ist der Zugang zu solchen Lebensmitteln so gut wie unmöglich, entweder weil ihre Gebiete an den globalen Markt noch nicht angeschlossen sind, oder weil sie sich diese nicht leisten könnten. Dazu kommt noch dass selbst bei der Möglichkeit einer veganen Ernährung mit lokalen Mitteln Veganerinnen ihre Kinder nicht stillen können und dann keinen Zugang zu Ersatzprodukten für Muttermilch hätten. Kann die Kirche wirklich etwas zu ihrem moralischen Anspruch machen, das sich nur ein geringer Bruchteil ihrer Gläubigen überhaupt leisten kann? Ganz abgesehen davon, dass es fragwürdig ist, ob ohne die Anbahnung einer ökologischen Katastrophe durch Entwaldung genügend Anbauflächen für die vegane Ernährung einer Weltbevölkerung vorhanden wären. Auf Weideland wächst nämlich häufig auch nichts, außer eben Gras.

Der letzte Ratschlag des Herrn Remele ist „Biofleisch“. Nun ist es tatsächlich so: ich würde gerne sichergehen können, dass die Tiere, deren Fleisch ich kaufe, unter vertretbaren Umständen gehalten werden. Was ich aber nicht möchte, ist dann noch die Ideologie, die hinter „Bio“ steht, gleich mit zu kaufen. Dazu gehört beispielsweise der Verzicht auf Gentechnik, künstliche Düngemittel und bestimmte medizinische Behandlungen, die keinen anderen Hintergrund haben als eine Mischung aus Antiamerikanismus, Angst vor Technologie und westlich-urbanisierter Romantisierung des Ackerbaus (Wer hierzu meine ausführlichere Meinung lesen möchte findet sie hier). Dabei sind die drei genannten Praktiken wichtige Faktoren bei dem Versuch, irgendwann den Hunger auf der Welt zu besiegen, indem Flächen effektiver und mit weniger Pestiziden und weniger wasserbelastenden Pflanzenschutzmitteln bearbeitet werden können. Biologischer Ackerbau ist quasi eine semireligiöse diffuse Ablehnung von Mitteln, die anderen Menschen das Leben retten könnten. Und somit in seinen (zugegebenermaßen: unintentionellen) Folgen christlichen Werten genau entgegengesetzt.

Der Mythos von der Naturfeindlichkeit des Christentums

Zusätzlich greift Herr Remele noch gleich auf den Mythos zurück, im Gegensatz zu beispielsweise polytheistischen Religionen sei der christlich-jüdische Kontext eher utilitaristisch gegenüber der Natur eingestellt und neige daher dazu, sie auszunutzen. Natürlich lässt er sich’s auch nicht nehmen, dazu gleich „macht Euch die Erde untertan“ zu zitieren.

Dabei handelt es sich um einen uralten religionswissenschaftlichen Mythos (aus den 60gern, um genau zu sein). Nicht nur muss man, um auf solche Ideen zu kommen offensichtlich noch nie ein Aquädukt gesehen haben und außerdem glauben, in einer Gesellschaft, in der man an einem eingetretenen Holzsplitter sterben kann, hätte man irgend ein anderes Verhältnis zur Natur als ein höchst misstrauisches, man muss auch ein sehr simplifiziertes Bild vom Christentum haben. Es gibt mindestens seit dem Mittelalter Texte, die den Menschen nicht nur zum Beherrscher der Natur machen, sondern ihn auch in die Verantwortung gegenüber derselben stellen, das galt ebenso für Tiere. Ja, es gab sogar Zeiten, da machte man Tieren Prozesse, wie man sie auch Menschen machte. Inklusive Anwalt. Es gibt sogar Hinweise dafür, dass Naturschutz – und damit auch Themen wie Vegetarismus und Veganismus – von Grund auf christlich inspirierte Erfindungen sind. Wer dafür Quellen möchte, kann das gerne auf rund 50 Seiten von mir bekommen, es ist nämlich Teilinhalt meiner Promotion. Generell ist es sehr schwierig, das frühere Verhältnis zwischen Mensch und Tier mit dem heutigen zu vergleichen und anhand dessen die Ältere zu kritisieren. Letztlich wusste man noch nicht so richtig, wie beide funktionieren, besonders im Hinblick auf die Verhaltens- und Hirnforschung.

Das Thema Fleischgenuss wird auch in diesem Fall ohne jedwede Überlegung im Bezug auf praktische Fragen geführt und läuft in den altbekannten Bahnen, statt sich auf die Entwicklung neuer Konzepte zu verlegen, die möglicherweise ja eine Bereicherung des Diskurses von christlicher Seite bedeuten könnten. Das Christentum in diese ohnehin schon überemotionalisierte und erhitzte Diskussion hineinzuziehen, in der Akteure unterschiedlichster Hintergründe und Motive versuchen Druck auf die Gesellschaft auszuüben, mag vielleicht ein imagepolitisch gesehen günstiger Kniff sein, weil es ja sonst nie auf der Seite des Guten und Schönen stehen mag, abkaufen wird ihm das von Seiten der „Guten und Schönen“ vermutlich sowieso niemand, kann ja nicht einmal Herr Remele auf das obligatorische zeitgenössisch-katholische Selbstzerfleischen verzichten.  Es ist also wieder einmal der typische Fall deutscher Kirchenkritik, die aus deutscher Sicht auf deutsche Probleme eingeht. Das sind dann logischerweise die berühmten „1.-Welt-Probleme“.

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Schluss mit dem Kinderficker-Mythos

Nach langer Zeit hat mich ein Erlebnis wieder so bewegt, dass ich darüber schreiben möchte.

Ich saß in gemütlicher Runde zum Abendessen, als plötzlich die Frage aufkam, was ein Ministrant sei. Noch bevor ich antworten konnte, kam die lakonische Antwort, das seien die Buben die am Altar stehen und die der Priester sich, wenn er Lust habe, nehmen könne.

Leider konnte ich nicht rechtzeitig reagieren, denn diese Aussage kam so plötzlich daher, wie sie wieder verschwand. Die Diskussion brandete einfach darüber hinweg, niemand war betroffen (und es wussten auch nur zwei Leute am Tisch, dass eine Katholikin anwesend war).

In den Jahren nach dem Missbrauchsskandal waren die Faschingssendungen voll mit Katholische-Priester-sind-Kinderficker-Witzen. Inzwischen ist der Witz nicht nur den Faschingssendungen entwachsen, er ist auch dem Witz entwachsen. Er ist zu einer Trope, einer Redensart geworden, die wiederspruchlos akzeptiert wird. Auch von Leuten, die sonst Aussagen mit gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit nicht akzeptieren.

Leider akzeptieren auch wir Katholiken diese Witzeleien viel zu oft. Dabei gibt es mehrere gute Gründe, wieso wir uns entschieden gegen sie wenden sollten, wieso wir uns gegenüber diesem Problem sensibilisieren sollten. Eine grundsätzliche Einlassung zum Thema Kinderfickerwitze.

  1. Der Witz verschiebt die Schuldfrage weg von den Tätern hin zum System – Eltern und manchmal sogar Opfer erhalten somit die Mitschuld

Vielen dieser Aussagen ist die diffuse Vorstellung gemein, dass das System Kirche Pädophilie fördere. Entweder, weil Zölibat und angebliche Prüderie dazu führen, dass Männer sich aus sexueller Frustration heraus an Kindern vergehen und Eltern bzw. Kinder zu verschämt sind, um über dieses Thema zu sprechen, oder, weil das System (ob unfreiwillig oder freiwillig) Pädophilen ein sicheres Versteck und im Zweifelsfall Schutz biete, weil es deren Taten unter den Tisch kehre.

Gemein ist diesen Ansätzen die Vorstellung, die Kirche bedinge, fördere und schütze die Misshandlung von Kindern strukturell. Die eigentlichen Täter, die Männer, die sich an den Kindern vergehen, haben somit keine andere Wahl, sie sind selbst Teil oder Opfer dieses Systems. Die Eltern hingegen sind diejenigen, die ihre Kinder diesem grausamen System aussetzen und sie aufgrund ihrer Indoktrination quasi den Priestern zur Befriedigung zur Verfügung stellen und dann auch noch die Taten vertuschen wollen. Betroffene Kinder sind zwar freilich Opfer, aber der Theorie nach wachsen sie ja, werden sie nicht rechtzeitig „da rausgeholt“, in der Kirche auf und setzen dann selbst ihre Kinder dem Missbrauch aus.

Diese Vorstellungsblase ist letztlich auch unmenschlich gegenüber den Eltern: Katholische Eltern sind Ungeheuer, die den Missbrauch ihrer Kinder gutheißen. Sie sind so indoktriniert, dass sie ihre Kinder nicht richtig lieben können. Die allermeisten Eltern werden aber in Wirklichkeit entsetzt und betroffen darüber gewesen sein, was ihren Kindern angetan wurde. Oft wird ins Feld geführt, sie hätten den Kindern nicht geglaubt, oder die Vorfälle verschweigen wollen, um den Priester zu schützen. Diese Mechanismen sind aber nicht exklusiv den Missbrauchsfällen in der Kirche vorbehalten. Gerade im allerhäufigsten Szenario für sexuellen Missbrauch, nämlich innerhalb der eigenen Familie, ist es nicht minder üblich, dass Eltern versuchen, die Täter zu schützen, welche sie lieben, schätzen und von denen sie sich nicht vorstellen können, dass sie solcher Monstrositäten fähig sind.

Dem System Kirche und somit auch den Eltern die Schuld an den Missbrauchsfällen zuzuschieben aber verlegt den Fokus ungut von den Tätern selbst fort. Es gibt keine Entschuldigung für einen Menschen, sich so an einem Kind zu vergehen, das ihm anvertraut wurde. Weder sexuelle Frustration, noch angebliche kirchliche Prüderie oder die Behauptung, die Täter wüssten, dass die Kirche sie damit schon davon kommen ließe, heben die Fähigkeit eines Menschen auf, sich willentlich zu entscheiden, Böses zu tun. Dass der sexuelle Missbrauch von Kindern böse ist, das hat die Kirche bereits vor den Missbrauchsfällen offen gelehrt und vertreten.

Es ist wichtig, solche Priester als echte Täter zu betrachten, weil bei ihnen die echte Schuld ist. Niemand hat sie zu ihren Taten gezwungen, die Kirche nicht, die Eltern nicht und ganz bestimmt nicht die Opfer.

  1. Es handelt sich um die systematische Diskriminierung sexuell inaktiver Menschen

Kehren wir zu einem der Argumente aus Punkt eins zurück, nämlich, dass der Missbrauch von Kindern eine Folge des Zölibats sei.

Themen, bei denen man über die Penisse religiöser Menschen reden kann, sind ja unglaublich beliebt. Von der Beschneidungsdebatte über die Vielehe bei den Mormonen bis hin eben zum Zölibat ist das nach wie vor ein echter Hit. Gekreuzt wird das mit dem aktuellen Zustand, dass die sexuelle Befreiung dem Sex zwar auf der einen Seite das Schmuddel-Image entzogen hat (zumindest behauptet sie das gerne von sich selbst), auf der anderen Seite aber somit Nicht-Sex als ungesund und prinzipiell verdächtig wahrgenommen wird. Man braucht nur den ein oder anderen Tatort mit katholischem Priester anzusehen, um zu begreifen dass einer, der sich freiwillig entscheidet, auf sein Sexualleben zu verzichten, nicht ganz dicht sein kann.

Vorurteile, die früher nur Homosexuellen entgegenschlugen, tauchen jetzt plötzlich wieder gegen Personen auf, die keinen Geschlechtsverkehr haben. Sie sind effeminiert, bzw. bei Frauen: maskulinisiert, in ihrer Kindheit sexuell traumatisiert worden, sie haben schlechte Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht gemacht/sind für dieses zu unattraktiv, oder/und sie sind in Wirklichkeit heimlich pädophil. Weniger progressiven Menschen ist es ja auch nicht zufällig ein besonderes Fußbad, Gerüchte darüber zu streuen, dass die meisten Priester schwul seien. Ich wage jetzt aber mal die Aussage, dass die „progressivere“ Variante, diese alte, hässliche Fratze der Homophobie jetzt einfach Asexuellen und freiwillig enthaltsam lebenden Menschen zuzuwenden, kein Deut besser ist.

Es ist gut, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der sexuelle „Devianz“ mehr und mehr akzeptiert wird. Homosexualität wird allmählich als natürlich gegebener Teil der menschlichen Verhaltenspallette anerkannt und nicht mehr gesellschaftlich sanktioniert. Es müsste doch auch möglich sein, dieselbe Akzeptanz Menschen entgegen zu bringen, deren Lebensentwurf oder sexuelle Neigung eben im Verzicht auf Sex liegt.

  1. Es verzerrt die Realität des sexuellen Missbrauchs und es zerstört Kindheitskulturen

Kindesmissbrauch ist definitiv kein primär kirchliches Problemthema. Am allerhäufigsten findet er im direkten Umfeld der Familie statt. Wäre das Fernhalten der Kinder von Risikosituationen ein sinnvoller Weg zur Prävention von sexuellem Missbrauch, dann müssten Eltern sie weniger von der Kirche fernhalten, als viel mehr von sich selbst, ihren Verwandten und engen Familienfreunden. Sexueller Missbrauch findet in Sportvereinen und Schulen statt, bei den Pfadfindern und in den Häusern von Spielkameraden, durch Männer und durch Frauen. Es ist falsch, Eltern das Gefühl zu geben, dass das Fernhalten ihrer Kinder von der Kirche, vom Sportverein, von fremden (männlichen) Erwachsenen diese vor Missbrauch schütze. Es ist falsch, Eltern das Gefühl zu geben, dass es überhaupt ihre Schuld sei, wenn sie ihr Kind unwissentlich irgendwo sexuellem Missbrauch ausgesetzt haben. Im Gegenteil: die Vorstellung, dass man sich nur genug einschränken muss, damit man Missbrauch vermeidet, verunsichert Kinder und Eltern. Unsichere Kinder hingegen sind leichtere Beute für Kinderschänder. Sie sind leicht zu beeinflussen und neigen dazu, sich selbst die Schuld zu geben, zu schweigen, sich nicht zu wehren.

Wer seine Kinder vor Kindesmissbrauch schützen will, sollte ihnen keine Angst vor Priestern, Sportlehrern oder dunklen Gebüschen einreden, sondern sie stärken, selbstbewusst machen und ihnen das Gefühl geben, auf ihrer Seite zu sein.

Der Schaden, den die omnipräsente Angst vor Kindesmissbrauch angerichtet hat – nicht nur in der Kirche – ist hingegen beachtlich. Viele Männer trauen sich nicht mehr, mit ihren eigenen oder fremden Kindern natürlich umzugehen. Sie fühlen sich unter Generalverdacht oder Beobachtung. Bei einem Vater, der seinem Sohn auf dem Spielplatz Klimmzüge beibringt, sieht die Gesellschaft ganz genau hin.

Einer unserer Pfarrer schlief bei einer Firm-Fahrt im Liegewagen nicht mit uns im Sechserabteil, sondern auf dem Flur – ein anderer musste beim Ministrantenwochenende bei 35 Grad im Schatten voll bekleidet am Ufer des Badesees auf uns warten, um sich vor Anschuldigungen zu schützen.

Auf der einen Seite ist es gut, dass unsere Gesellschaft ein Auge auf ihre Kinder hat. Die Art, wie sie es tut, ist aber wenig effektiv und sie entzieht dabei den Kindern die so wichtigen männlichen Bezugspersonen. Sportlehrer, Väter, Pfarrer, Lehrer, Onkel, Kindergärtner. Hinter den ach so harmlosen Kinderschänderwitzen steht ein komplexes Geflecht tiefster Verachtung von Menschen mit einem bestimmten Geschlecht, einer bestimmten Religion und einem bestimmten sexuellen Lebensstil. Das Männerbild, das Kinder bekommen, wenn sie in so einem giftigen Milieu aufwachsen, kann nur verheerend sein. Darunter leiden ganz gewisse alle. Nicht nur Priester

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Eingeordnet unter Gedanken zur Praxis der katholischen Kirche, Medien - Kritik und Empfehlungen, Zu allgemeiner Religionskritik

Nikolausbuch und -Aktion des BDKJ Köln

Das Nikolaushandbuch

Rezension

Freundlicherweise hat mir der BDKJ Köln eine Ausgabe des „Nikolaus-Handbuch“es zur Verfügung gestellt, das ich nun im Folgenden auf der Basis meiner Erfahrung in der Jugendarbeit (5 Jahre als Oberministrantin) näher beleuchten möchte.

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Tatsächlich lag das Buch des Meisterkritikers Torberg nur zufällig mit auf dem Tisch. Aber wir nehmen beide kein Blatt vor den Mund ;)

Zunächst einmal bin ich generell davon angetan dass es dieses Handbuch gibt. Meine Erfahrungen mit Nikolaus-Darstellern sind gemischt. Da war einerseits de Direktor meiner Grundschule, der zwar in Weihnachtsmannmütze aufschlug, aber eine wesentlich glaubhaftere Figur ablieferte (Obwohl in der ersten Reihe einige Schlaumeier reinbrüllten „Wieso hast Du denn eine Armbanduhr?!“), als unser dünner, 1,40m großer verdruckster Oberministrant mit Mitra und Stab. Am Gymnasium hingegen stritt ich mich volle 7 Jahre lang mit der SMV über ihr bescheuertes Weihnachtsmann-Kostüm. Ich habe also hohe Erwartungen.

Leider erlebe ich gleich zum Anfang eine Enttäuschung. Wieso ich als Leser dieses Buches geduzt werde ist mir ein Rätsel. Die meisten Nikolausdarsteller dürften über 16 Jahre alt sein. Außerdem sollen sie schließlich, wie später mehrfach und richtigerweise betont wird, einen würdevollen Eindruck hinterlassen. Jugendarbeit hin oder her: das einzige Buch, das mich duzen darf ist der Ikea-Katalog. Und schon da nehme ich es nur zähneknirschend hin.

Gelungene Einführung für ernsthafte Nikoläuse

Inhaltlich gefällt mir das Vorwort sehr gut: Traditionen wieder stark zu machen ist auch meiner Meinung nach ein zentraler Schritt zu einem neuen katholischen Selbstverständnis, das der Moderne standhalten kann. Es ist auch in meinen Augen eine der wichtigsten Maßnahmen in Hinblick auf die Mission. Dass die Autoren sich getraut haben, dies so offen zu schreiben verdient in meinen Augen Hochachtung.

Etwas schade finde ich, dass es ein wenig so klingt, als hätte das Christentum das Schenken und das Teilen erfunden („die der christlichen Tradition entspringen“). Das kann man nun bei aller Begeisterung kaum behaupten.

Die Handreichung für Nikoläuse ist sinnvoll strukturiert. Ausgehend von einer meiner Meinung nach etwas stark von katholischem Kulturpessimismus geprägten Analyse des gesellschaftlichen Bedarfs nach einer traditionsverbundenen aber modernisierten Form, den Advent zu begehen, wird der Nikolaus als ein mögliches Angebot präsentiert.

Ebenso gut und wichtig sind die ausführlichen Informationen für die Hintergründe des Nikolaus: seine Herkunft aus der heutigen Türkei und die drei klassischen Legenden (eine kurze, mittlere und lange) bilden einen wichtigen Anknüpfungspunkt für die tatsächliche Arbeit der Nikoläuse. So haben sie nicht nur immer etwas sinnvolles zu erzählen – wobei der Verlust des Erzählens meiner Meinung nach ohnehin eine zu beklagende gesellschaftliche Entwicklung darstellt, sondern können z.B. auch die gerade in Betrieben und Schulen zahlreich anwesenden türkischstämmigen muslimischen Teilnehmer einbinden. Hier wären sogar noch mehr Geschichten eine tolle Sache gewesen!

Ebenso leistet der theoretische Teil wichtige Aufklärung darüber, woher der Weihnachtsmann eigentlich kommt. Viele deutsche Katholiken lehnen ihn aus ihrem Anti-Amerikanismus heraus ab. Darüber vergessen sie ganz, dass der Weihnachtsmann nicht nur eine eigentlich ganz harmlose Werbefigur wie der Kellogg’s-Löwe ist, sondern unter anderem als neu interpretiertes „Väterchen Frost“ auch eine sozialistische Kampffigur aus der Sowjetunion, die bewusst zur Verdrängung christlichen Brauchtums eingesetzt wurde.

Praktische Anweisungen sinnvoll in den Vordergrund gestellt

Im praktischen Teil werden tatsächlich viele wertvolle Tipps gegeben. So z.B. wie man das Gewand richtig anlegt und auf welche möglichen Schwierigkeiten man dabei achten sollte. Auch finde ich es sehr schön, dass immer wieder betont wird, dass der Nikolaus für die Kinder tatsächlich „echt“ ist, dass man eine „Magische Gestalt“ für sie ist. Daher ist es auch vollkommen korrekt, dass die Seiten über das Nikolausgewand rot markiert sind und es zu einem zentralen Thema des Buches wird. Viel zu oft neigt man im Christentum dazu, solche Details als unnötige Oberflächlichkeiten abzutun. Gerade bei Gestalten wie dem Heiligen Martin oder Nikolaus kann es aber meiner Meinung nach nicht oberflächlich genug sein: schließlich werden alle Augen für die nächsten Stunden nur auf ihm ruhen, sein Aussehen ist es, das den Moment zu etwas ganz Besonderem macht.

Ebenso wertvolle Hinweise betreffen die Größe der Geschenke (die leider immer mehr zunimmt) und die Anweisung zur Abwesenheit von verkleideten Helferlein. Ich erinnere mich noch genau, dass unsere Schulbesuche immer geradezu überquollen von Teenagerinnen in knappen, lächerlichen Engelskostümen. Das war zumindest für die unteren Klassen, die noch vom Nikolaus verzaubert werden wollten eher kontraproduktiv.

Auch halte ich die Erfahrungsberichte und den tagesaktuellen Bezug zu den Flüchtlingsheimen für wichtig und generell deren Einbindung in die Nikolaustradition für eine gute Idee, ebenso wie ich keinerlei Einspruch in Bezug auf die Tipps für das Verhalten während des Besuches habe. Es mag für den Darsteller schade sein, wenn er seine Präsentation unterbrechen und das Gewand ablegen muss, um ein verängstigendes Kind zu beruhigen, aber Eltern und andere Anwesende werden es ihm danken.

Kein Herz für den Krampus…

Nun komme ich aber auch zu den Teilen, die mir nicht so gut gefallen haben.

Der eine liegt in der generellen Ablehnung von Traditionen wie dem Krampus, „Hans Muff“ und ähnlichen Gestalten. Von meiner Großmutter her kenne ich noch Geschichten, die tatsächlich nach der unnötigen Traumatisierung von Kindern klingen: ihre Eltern taten selbst, als hätten sie Angst um ihre kleine Tochter und versteckten sie vor dem Krampus im Keller. Dann veranstalteten sie draußen ein Getöse, rasselten mit Ketten um ihr vorzuführen, wie der Krampus sie suchte. Erst dann wurde sie befreit und der Nikolaus kam.

Es gibt keinen Grund, Kinder durch so eine Horrorvorstellung zu zerren.

Zugleich war für mich als Kind der Krampus immer ein selbstverständliches Gespann mit dem Nikolaus. Zu keiner Zeit hatte ich wirklich Angst, dass er mir etwas tun könnte: in meinen Augen war er nur für die richtig ernsthaft bösen Menschen reserviert und dazu zählte ich mich, trotz unaufgeräumtem Zimmer und Löchern in der Jeans nie. Jederzeit konnte der Nikolaus dem Krampus Einhalt gebieten, ja ich hatte den Eindruck, dass der Nikolaus die Kinder eher vor dem Krampus schützt.

Natürlich ist es kein Problem, auf den Krampus zu verzichten: lieber so, als die Kinder ernsthaft zu erschrecken oder sie vom Nikolaus abzulenken, gleichzeitig hat auch der Krampus eigentlich eine wichtige Botschaft: nämlich, dass es in der Welt böse Dinge gibt, aber auch, dass wir alles tun, um die Kinder vor ihnen zu schützen.

Das Ausklammern des Bösen in der zeitgenössischen Religionspädagogik halte ich von Jeher für ein Problem: es entspricht einfach nicht der Erfahrung der Kinder, die in der Regel genau wissen, wie sich Angst, Einsamkeit und Unrecht anfühlen. Leider ist auch das Nikolaus-Handbuch da keine Ausnahme. Wenn man, wie das Buch mehrfach anmerkt, die Nöte von Kindern ernst nehmen möchte, dann muss man ihnen auch zugestehen, dass es diese Nöte gibt. Wir Erwachsene verkitschen die Kindheit gerne als selige Zeit, aber im Leben von Kindern ist die Finsternis und das Böse mindestens so real wie der Nikolaus. Dafür gibt es eben die Gestalt des Krampus. Wir brauchen ihn nicht mitzubringen, aber er gehört eben einfach zu der Tradition dazu. Dass er keine christliche Figur ist, halte ich dabei für absolut unerheblich. Würde das Christentum sich aller heidnischen Einflüsse entledigen, wäre bald nicht mehr viel übrig davon.

In der einen Hand Schoki, in der anderen die Moralkeule

Ein weiterer Kritikpunkt von meiner Seite betrifft die Tendenzen, globale Probleme anzusprechen. Die Frage, „wo sie selbst „Nikoläuse“ sein können“, braucht kein Kind. Dank der Umweltpädagogik und zahlreichen sozial förderlichen Kinderserien lastet auf unseren Kindern ohnehin schon viel zu sehr der Druck, die Welt zu retten.

Kinder anzustiften, im Alleingang den CO2-Ausstoß der Familie zu verringern oder ihnen klar zu machen, dass ihre Plastikspielzeuge die Delfine ausrotten und ihre Nestlé-Joghurts schuld sind, dass die Kinder in Afrika hungern ist leider Gottes heute ganz normal geworden.

Der Nikolaus sollte also wirklich besseres zu tun haben, als die Kinder an diesem Tag, wo sie im Zentrum stehen und als ganze, wertvolle Menschen angenommen werden sollen, mit ihrer globalen Verantwortung zu konfrontieren. Das ist letztlich auch nur eine moderne Variante des vom Nikolaus-Handbuch mit solchem Impetus verurteilten Sündenregisters. Dafür die Welt zu retten gibt es Erwachsene.

„Es ist wichtig, ihnen zu zeigen, dass wir als Erwachsene für sie da sind und für sie Verantwortung übernehmen.“ (S.22), heißt es im Interview mit Hans Gerd Grevelding. Dazu gehört auch, sie mit Erwachsenenproblemen in Ruhe zu lassen und ihnen zu versichern, dass sich jemand für sie darum kümmert. Aus meiner eigenen Erfahrung als Oberministrantin kann ich auch sagen, dass aufgedrehte, glückliche, frisch beschenkte Kinder sowieso gut in der lage sind solche moralinsauren pädagogischen Selbstreflexionen geflissentlich auszublenden.

In dieselbe Kategorie fallen auch die Rührstücke aus der dritten Welt, die am Ende des Buches eingefügt sind. Weder kommt der Nikolaus darin vor, noch eignen sie sich zur Präsentation in einer Nikolausfeier. Nicht mal auf einer Betriebsfeier mit Erwachsenen möchte ich vom Nikolaus für den guten Zweck angepumpt werden. Die meisten Menschen sind gerade im Advent ohnehin mit Spendengesuchen überfüttert.

Nach Marcel Mauss ist es schließlich auch das nicht-reziproke, bzw. das nur unsichtbar reziproke am Geschenk, dass dieses als solches konstituiert. Sprich: wenn der Nikolaus mir ein Geschenk bringt, dann aber um Spenden für Adveniat wirbt, dann fühle ich mich nicht beschenkt, sondern bestochen.

Wieso ausgerechnet der Nikolaus, ein Heiliger, der Süßkram bringt, zur Konsumkritik anregen muss ist mir auch vollkommen schleierhaft.

Offensichtlich geht es heute in der katholischen Kirche nicht mehr ohne diese Plattitüden aus der ritualisierten Gesellschaftskritik ab.

Insgesamt sehr empfehlenswert

Das ist schade, weil ich vom Prinzip her finde, dass das Nikolaus-Handbuch und die Nikolausaktion hervorragende Ideen sind und das Buch selbst für einen Nikolaus-Darsteller sowohl inhaltlich als auch vom lobenswert reduzierten Umfang her gut konzipiert und nützlich ist.

Ein weiteres, aber eher kleines Manko wären noch Tipps für den Notfall, in dem eine Frau den Nikolaus spielen muss. Während meiner Zeit als Oberministrantin kam das einige Male vor, weil Väter keine Zeit hatten, die Direktorin der Grundschule und die Pastoralreferentin weiblich waren und der Pfarrer nicht infrage kam, weil er der Veranstaltung als Pfarrer beizuwohnen hatte. Unsere Pastoralreferentin machte ihre Sache sehr gut. Ich hätte mir trotzdem gewünscht, dass das Buch eine Handreichung für diesen etwas komplizierten Fall böte.

Alles in Allem ein empfehlenswertes Buch für jeden, auch außerhalb der konkreten Nikolausaktion, der dieses Jahr als Bischof verkleidet Kindern eine Freude machen möchte. Es räumt mit vielen Unsicherheiten auf und gibt wertvolle, praktische Tipps, die leider mit den üblichen Klischees kirchlicher Jugendarbeit garniert werden.

Das Nikolaus-Handbuch gibt es über den BDKJ-Köln zu jeder Bestellung eines „echten“ Schokoladennikolauses.

Ein Kommentar

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Über den gerechten Krieg

Flüchtlinge, Flüchtlinge, Flüchtlinge. Der Deutsche, der gerne andere mit seinem guten Rat belästigt, ist geradezu beglückt davon, dass nun die Rat- und Hilfesuchenden direkt zu ihm kommen. Zugleich ist der brave Deutsche aber auch realistisch genug, um zu sehen, dass er finanziell und kulturell möglicherweise bald an seine Grenzen stoßen wird, und langsam geben immer mehr Leute zu, dass möglicherweise eine militärische Intervention in Syrien nicht nur den Flüchtlingsstrom an der Quelle abgedämpft hätte, sondern – und das ist ein Problem das in der Zukunft noch viel größer werden könnte – auch Syrien vor der Entvölkerung bewahrt hätte. Die deutschen Intellektuellen stehen vor dem Ende eines ihrer liebsten Dogmen.

In den 2000ern stand Deutschland vor der Entscheidung, ob es in den Zweiten Irakkrieg eintreten solle. Die Bevölkerung und die Journaille waren so gut wie einmütig: Deutschland solle sich nicht an einer militärischen Intervention beteiligen. Die Argumentation waberte irgendwo zwischen dem Heraufbeschwören eines amerikanisch-kulturimperialistischen Neokolonialismus und der Binsenweisheit, Krieg sei immer eine Niederlage für die Menschheit. Das Ablehnen des Ergreifens jedweder kriegerischen Initiative war so tief in den Geist der Deutschen eingedrungen, dass es absolut in Ordnung war, wenn Schülermitvertretungen ohne Erlaubnis der Eltern 11- und 12-jährige auf dem Pausenhof gegen den Irakkrieg demonstrieren ließen. Bei so viel Übereinstimmung ist es kein Wunder, dass man natürlich auch Recht behalten musste: Die Massenvernichtungswaffen wurden laut offizieller Meldungen nie gefunden – dass selbst der Verdacht auf solche komplett erfunden und das eigentliche Ziel des Kriegs die Aneignung der Ölförderstellen gewesen sei, sickerte anschließend von der Verschwörungstheorie in den Mainstream. 2005 erzählte mir als 14jähriger eine deutsche Sozialpädagogin der Stadt München, 9/11 sei eine CIA-Aktion zur Rechtfertigung des Krieges gewesen. Medienvertreter in den Twin Towers seien informiert gewesen und hielten sich deshalb außerhalb auf, um filmen zu können. Auch die laut diversen kursierenden antisemitischen Kommentare angeblich vorher informierten Juden, die nicht zur Arbeit im WTC erschienen seien, tauchten in dieser Geschichte auf.

Einen Krieg kann man gar nicht gewinnen dürfen können wollen

Der Irakkrieg wie auch der Afghanistankrieg gelten jedenfalls aus deutscher Sicht heute irgendwie als verloren und weitere Schandflecke auf der moralisch längst nicht mehr weißen Weste des Westens. Dass nicht nur Osama bin Laden und andere Terroristen gefasst wurden, die für Terroranschläge bisher nie dagewesener Qualität verantwortlich waren, wird dabei geflissentlich ignoriert oder sogar bespöttelt, inklusive des Sturzes Saddam Husseins, eines jener Diktatoren, die den Nahen Osten unter Duldung des Abendlandes in eben diesen Zustand gebracht haben, den er heute hat und deren Politik ebendiese unmündige, unorganisierte, verängstigte und gewaltbereite Bevölkerung zu verdanken ist, die auch weiterhin jedwede Stabilisierung der Region unmöglich machen wird – sei es freiwillig oder nicht.

Aber für den Deutschen ist Krieg bereits an sich sinn- und erfolglos, jeder errungene Sieg letztlich nur ein Pyrrhussieg, der durch das Aufgeben irgendwelcher angeblicher Gesellschaftswerte (doch nicht etwa die sonst immer so belächelten jüdisch-christlichen Werte?) erkauft wurde.

Deutschland wie es heute ist verdanken wir eigentlich dem Krieg

Das ist umso skurriler, als schließlich Deutschland das Land ist, das selbst durch die Amerikaner in einer militärischen Intervention von einem der blutigsten Diktatoren der Menschheitsgeschichte und einem Krieg befreit wurde, der bis heute voller Angst als Weltkrieg bezeichnet wird. Als wäre das nicht genug, haben dann auch noch die fremden Besatzungsmächte die erste dauerhaft stabile Demokratie in Deutschland geschaffen – eine Möglichkeit, die dem Irak und Afghanistan nun verwehrt wird, weil sich die Truppen überstürzter zurückziehen, als der Papst aus einer Tabledancebar. Dass die einheimischen Mitarbeiter der Besatzungsmächte aufgrund dieses Abzuges nun ihr Heil in der Flucht suchen müssen, ist dann natürlich ein Sieg für die Menschlichkeit, oder so ähnlich.

Die deutsche Abneigung gegenüber allem Kriegerischen geht so weit, die Tatsache zu ignorieren, dass unser gegenwärtiger Wohlstand nur durch die Verhinderung eines Dritten Weltkrieges auf deutschem Boden zustande gekommen ist – und zwar durch das konsequente Aufrüsten der ach-so-kriegswütigen Amerikaner gegen die Russen.

Statt demütig vor dem Schutz und der Hilfe Amerikas zu stehen und ihr bisheriges Erfolgsrezept nach Kräften zu unterstützen, lullt sich der Deutsche aber lieber in den Mythos ein, das alles sei irgendwie ein Erfolg der deutschen Friedensbewegung gewesen, die in Wirklichkeit nichts getan hat als die Situation permanent zu verschärfen und den deutschen Politikern das Leben zu erschweren. Die „Adenauerzeit“ steht für die deutschen Medien in den Top Ten der Schreckensherrschaften direkt unter der „NS-Zeit“ und das, obwohl sie eigentlich den wirtschaftlichen Aufstieg einer jungen Demokratie begleitete, inklusive Presse- und Meinungsfreiheit sowie Rechtsstaatlichkeit. Am liebsten dämonisiert man sie im Vergleich zur drollig-verträumten DDR, die in Wirklichkeit nichts weiter war, als ein sozialistisches Gefängnis für 17 Millionen Deutsche, in dem man zwar ständig röhrte, man sei Vorreiter des Friedens, aber als russischer Satellitenstaat kräftig jene Stellvertreterkriege unterstützte, die wir bis heute aus irgend einem Grund am liebsten Amerika anhängen. Für Frieden zu sein genügt offenbar schon und ist auch viel bequemer und sauberer, als wirklich für Frieden zu sorgen. Ganz abgesehen davon ist verhindertes Unheil im Gegensatz zu geschehenem natürlich weniger sichtbar. Wir wissen nicht, was passiert wäre, wenn die USA der UdSSR nicht Paroli geboten hätten. Allerdings könnten wir es uns denken, wenn wir wollten.

Aus der Vergangenheit wird nur gelernt, was man schon zu wissen meint

Man würde es sich zu leicht machen, behauptete man, die irrationale deutsche Panik vor allem, was mit Krieg oder auch nur Militär zu tun hat, hinge mit den Erfahrungen aus den gerade genannten Auseinandersetzungen zusammen. Nach dieser Logik hätte es niemals einen Zweiten Weltkrieg geben dürfen. Der Grund hierfür liegt meiner Meinung nach eher in der Art der sogenannten Aufarbeitung des Zweiten Weltkrieges.

Vermutlich haben Sie sich beim Lesen meiner bisherigen Ausführungen ungemein erzürnt: Wie ich hier über den Verlust von Menschenleben, das Zerstören von Schicksalen hinwegfege, ist doch unmenschlich, nicht wahr? Genau nach diesen Kriterien wird heute an den Schulen über Kriege unterrichtet und in den Zeitungen geschrieben: Was wirklich zählt, ist die persönliche Perspektive, das gute beziehungsweise schlechte Gefühl, das man bei einer Sache hat. Die Schüler wissen nicht mehr so richtig, wann der Kriegseintritt der Amerikaner war und was den Anlass hierfür darstellte, dafür wissen sie, was das Leibgericht von Anna Seghers war und haben pflichtschuldigst ein, zweimal in einer KZ-Gedenkstätte bedrückt drein geblickt. Dass die KZs Gedenkstätten sind und nicht mehr in Betrieb, liegt übrigens am Kriegseintritt der USA. Es ist wichtig zu vermitteln, dass Kriege nicht lustig sind, dass sie Leben zerstören können, und es ist sinnvoll, Einzelschicksale nachzuvollziehen, um den Geist der Zeit einzufangen – aber die globale Perspektive ist mindestens ebenso wichtig. Aus dieser globalen Perspektive hat voreiliger Krieg schon oft Länder auf Dauer zerstört und destabilisiert, aber ebenso gibt es genug Beispiele dafür, wie das militärische Eingreifen außenstehender Mächte viel Schlimmeres verhindern konnte.

Saubere Hände muss man sich leisten können

Das hätte möglicherweise vor einigen Jahren auch für Syrien gegolten, aber in den Medien dachte man an Bilder von Müttern, die schreiend mit bloßen Händen in Schutthaufen graben und nicht daran, dass man eine ganze Region für Jahrzehnte (und Jahrhunderte?) einem mörderischen Schicksal überlassen wird. Mehrere Jahre militärischer Zurückhaltung später hat man nun genau diese Bilder von Müttern, die schreiend mit bloßen Händen in Schutthaufen wühlen, aber wenigstens ist man nicht selbst schuld daran. Stattdessen lässt sich der moralische Zeigefinger wieder trefflich ausstrecken: Das ist eben die Folge, wenn die unbelehrbaren Barbaren Krieg führen. Da sag noch mal einer, die Kriegsbefürworter seien zynisch.

Bei der Befürwortung derartiger Interventionen geht es nicht um das Aufrechnen von Toten – bringen wir mehr um, wenn wir nichts tun, oder wenn wir eingreifen – es geht um den Schutz von Lebenden, von Lebensräumen und Kulturen. Es geht auch um Selbstschutz, nicht vor den Flüchtlingen, sondern vor den Leuten, vor denen diese jetzt fliehen. Dabei wird man keine sauberen Hände behalten können, aber es gibt eben Wichtigeres.

Um die sauberen Hände geht es unter anderem auch wichtigen christlichen Persönlichkeiten, die in den letzten 60 Jahren spontan entschieden haben, dass sie Kriege jetzt doch nicht mit den 2000 Jahre alten christlichen Werten verknüpfen können. Das ist billig. Es ist leicht, wie der Papst oder andere Kirchenhäupter für Frieden und Deeskalation zu werben, wenn man weiterhin nicht in der Position ist, etwas dafür zu tun, außer zu beten. Meinetwegen können sie damit gerne fortfahren, vielleicht hilft es ja etwas. Aber sie disqualifizieren sich, indem sie dabei aus Prinzip die Mittel ablehnen die zu eben diesem Frieden realistischerweise führen könnten.

Angesichts der Lage in Syrien ist das im Grunde so zynisch, wie jene Fundamentalisten, die am Bett ihres todkranken Kindes beten, weil sie die Form einer möglichen medizinischen Behandlung ablehnen.

Der Christ, der dem Anspruch des praktischen Handelns ausgeliefert ist, wird sich ab und an eben auch nicht vor dem Krieg drücken können. So traurig, schrecklich und brutal das auch ist – spätestens dann nicht, wenn er ihm aufgezwungen wird. Denn wenn Krieg ist und nur die anderen gehen hin, dann kommt der Krieg zu uns.

3 Kommentare

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Vaplödunk

Ser geeehrte Eminents,

Danke füa iren ser wichtign und Waren beitrak auf da deutschn bischhoffskonfarens. (z.B hia)
Üba die gefahrn des blokns wiard fil zu wenik aufgeklährt.
sehn si mich ann!!!!1!1! Seid jaren hap ich disn blok und jets bring ich kaum ein gradensatz raus.
Früa wolte ich dogtor werdn und jetz weis ich kaum wie fil uur es is!!!1€1!11! (weid ich doch!1!1 8:25!!!1!! Haha!!!!)
das alles nua weil dem doofn blok!
Und wen man so schaut wi der durschschnittlige telologistudend von da uni is, dan lesn di auch filzufilzufile bloken!!!21!1!
Di reinsde säuche dise schaissbloks! Am bestn vabittn!!!!!1!

Ihre, zutiefst enttäuschte, beleidigte und verwunderte
Bloggerin aus München-Freising

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Fronleichnam und Gardinenpredigerin bei Twitter

Wie so ziemlich jeder gehfähige Katholik in München war ich auch dieses Jahr wieder auf der Fronleichnamsprozession – allerdings musste ich wegen der brütenden Hitze bedingt durch einen Kreislaufzusammenbruch bereits an der Ludwigskirche auswitschen und nach Hause fahren.

Jedes Jahr wieder befürchte ich, dass das mit der Prozession eines Tages ein Unglück gibt, Kardinal Reinhard Marx erwähnte in der Predigt ja selbst die durch den G7-Gipfel bedingten Sicherheitsprobleme in München, die anscheinend die Frage aufkommen ließen, ob die Prozession überhaupt gesichert werden könne. Mein Kommentar dazu war: geht’s noch? Wie kann es eigentlich sein, dass WIR uns so sehr fürchten müssen, weil da draußen ein paar Idioten glauben, mit Steineschmeißen unser Wirtschaftssystem verändern zu können?

Wie dem auch sei, wir hatten dieses Jahr tatsächlich eine Gegendemo, die sich genauso ad absurdum führte, wie sich Gegendemos meistens ad absurdum führen: ein krasses Missverhältnis bei der Teilnehmerzahl. Sich angesichts einer Masse von 10.000 Teilnehmern mit 12 Hanseln hinzustellen un darüber zu protestieren, dass ich keiner mehr mit der Kirche identifizieren könne und die Verehrung des Leibes Christi den Gemeinden ihre Seele raube ist irgendwie höchst unfreiwillig komisch. Und das war der Teil, den ich lesen konnte, denn die Plakate waren viel zu klein geschrieben.
Wie ich später erfuhr handelte es sich um „Kirche von Unten“, ja, das sind die mit den Priesterinnen und mit den Stacheln, die das äußerst breite Sitzfleisch der Kirche höchstens entfernt jucken.Jedenfalls empfehle ich ihnen, sich das nächste Mal zu den vier Bahnen Tonpapier auch noch einen breiteren Marker zu leisten und bei ihrer schweigenden Mahnwache vielleicht nicht auszusehen, als wollten sie gerade aus aktuellem Anlass nach Stuttgart trampen.

Aber, um dem ganzen nicht mehr Aufmerksamkeit zu geben, als nötig, möchte ich darauf aufmerksam machen, dass ich jetzt auch auf twitter zu finden bin (also das bin ich schon länger, aber bisher wollte ich nur mal schauen, wie das so läuft.). Falls Ihr Euch jetzt fragt: Predigten auf 140 Zeichen, geht das? Dann muss ich Euch enttäuschen. Ich werde über alles mögliche twittern, auch mal über christliches, katholisches und den ganzen anderen Kram, den man von mir erwartet, aber eben nicht nur darüber. Generell versuch ich aber, dabei spaßig zu sein.

Liebe Grüße, Raschelmaschine

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