Archiv der Kategorie: Katholisch-Bayrische Esskultur

Wie mach ich eigentlich…?

Wenn man mit verschiedenen Religionen auf so engem Raum lebt, dann steht man schon mal vor neuartigen Problemen: wie man an Pessach trotzdem noch richtig essen kann, zum Beispiel.

Hier ein Rezept, das bayerische Esskultur bietet und trotzdem koscher Lepesach (koscher für Pessach) ist.

An Pessach verzichten Juden zum Gedenken an die Rettung aus der Ägyptischen Sklaverei auf jedwedes Getreideprodukt das gesäuert werden kann. Das aschkenasische Judentum (das auch das in Deutschland traditionelle Judentum ist) verzichtet zudem auf alles, was für Getreide gehalten werden könnte oder sich unbemerkt mit Getreide vermischen kann, also Hülsenfrüchte und vieles Andere, das nach Samen aussieht (Fenchelsamen, Senfsamen, Mohn, etc.).

Die einzigen erlaubten Kohlenhydrate sind also Kartoffeln und natürlich Matzen, die vollkommen zurecht unter der Bezeichnung „Brot des Elends“ kursieren.

Die im Rezept verwendeten Süßkartoffeln können auch durch normale Kartoffeln ersetzt werden. Süßkartoffeln kommen nur zum Einsatz, weil ich sie letzte Woche im Sonderangebot bekommen habe.

Zudem gibt es drei Versionen des Rezepts. Wenn man, wie mein Freund von einer Person mit fixen kulinarischen Vorstellungen wie mir abhängig ist und daher Milch und Fleisch nicht trennt, kann das Rezept so nutzen, wie es dasteht. Ansonsten bietet sich eine milchige Variante an, bei der das Sauerkraut nicht geschmalzen wird oder aber eine fleischige, bei der die Schupfnudeln in Gänseschmalz ausgebacken werden.

Zu guter Letzt kann man das Ganze auch einfach mit normalem Mehl machen. Aber das nur am Rande

Süßkartoffel-Schupfnudeln mit Sauerkraut

Zutaten

(für 2 Personen)

  • ca. 500g Süßkartoffeln (zwei mittelgroße)
  • 4 Platten Matzen (ca. 140g)
  • 1 Beutel Wein-Sauerkraut (500g; ich benutze das von Aldi-Süd)
  • 1 Eigelb
  • etwas Muskatnuss
  • 1 Lorbeerblatt
  • 2-3 Wacholderbeeren
  • 2 Nelken
  • 1 TL Gänseschmalz
  • reichlich Butterschmalz

Zeit: 1 Stunde Garzeit für die Kartoffeln + ca. 45 Minuten Zeit für die Zubereitung

Anleitung:

  • Backofen auf 160° vorheizen; Süßkartoffeln auf einem Gitterrost eine Stunde lang backen
  • in der Zwischenzeit den Beutel mit dem Sauerkraut aufschneiden, das Sauerkraut in einen Topf geben. Im selben Beutel die gleiche Menge Wasser abmessen und dazu geben.
    Wacholderbeeren, Lorbeer, Nelken und den Löffel Gänseschmalz zugeben. Gut salzen und bei gelegentlichem Umrühren köcheln lassen (20-45 Minuten)
  • Matzen im Mixer zu Mehl zerbröseln (oder gleich 140g Matzenmehl)
  • Kartoffeln aus dem Ofen nehmen und kurz abkühlen lassen. Schälen und durch eine Kartoffelpresse drücken.
  • Mit dem Matzenmehl, Muskatnuss, reichlich Salz (Süßkartoffeln sind… süß) und dem Eigelb zu einem festen Teig verkneten.
  • Finger immer wieder anfeuchten und zu Kartoffelteig zu Schupfnudeln rollen.

 

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An dieser Stelle sei erwähnt, dass das der erste Versuch ist, bei dem ein von mir selbst gemachter Kartoffelteig nicht der menschlichen Eitelkeit spottet.

  • 10 Minuten in Wasser kurz unter dem Siedepunkt ziehen lassen. (nicht kochen, so wie mir das passiert ist…)
  • Abseihen und in heißem Butterschmalz (reichlich!) ausbacken
  • Mit dem heißen (nach Wilhelm Busch’scher Erkenntnis nach dem Aufwärmen besonders gutem) Sauerkraut servieren.

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    Abgelenkt von meinen neuen gefiederten Hausgenossen habe ich die Schupfnudeln leider kochen lassen. Deshalb bestehen sie jetzt zur Hälft aus gebratenem Kartoffelmatsch ;)

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Kirchweih-Ente

Zwischen all dem Ernsten, dachte ich, es wäre doch nett, mal positive Auswirkungen katholischer Kultur auf das alltägliche Leben auszubreiten ;)

In Bayern wurde letzten Sonntag „Kirchweih“ gefeiert. Ursprünglich wurde der Feiertag eingeführt, weil die Patrozinien (also die Feiertage des Heiligen, dem die Kirche geweiht wurde) der verschiedenen örtlichen Gemeinden sich so abgwechselten, dass teilweise über Monate hinweg ganze Landstriche lahmgelegt wurden, weil eine „Kierda“ nach dem anderen stattfand. Die Zentralisierung wurde auch ein voller Erfolg und in typisch-bayrischem Gehorsam feierte man danach einfach „Gro(u)ß-Kierda“ und „Kloa-Kierda“ (also nach wie vor das lokale Patrozinium – wenn das überhaupt mit Kieda zusammenfiel. Ansonsten gab es auch noch Gemeinden, die Patrozinium, Kloa-Kierda und Groß-Kierda feierten…).

Zu Kierda gehört auch einfach die Kirchweihente dazu. Die wird aber in Oberbayern klassischerweise nicht mit Blaukraut (oder Gott bewa

hre: Rotkohl) serviert, sondern mit Endivien- und Selleriesalat – und natürlich Kartoffel(!!!)-Knödel.

Ich werde hier nicht mit Euch das Geheimnis der perfekten Kirda-Ente teilen (vielleicht zu Weihnachten), aber die Rezepte der Beilagen (für 4 Personen) stelle ich hier zur Verfügung – sie sind wie die meisten bayrischen Gerichte bestechend simpel-puristisch.

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Endiviensalat

1 großer Kopf Endivien – am besten nach dem ersten Frost, an Kierda naturgemäß noch nicht verfügbar
Kräuteressig
neutrales Öl (Sonnenblumen-)
Salz

Endivien waschen und putzen, Blätter in möglichst schmale Streifen schneiden, maximal 0,7mm (siehe Bild) – gut schleudern: in nudelig geschnittenem S alat hält sich viel Wasser.
Nach belieben mit Essig, Öl und Salz anmachen. Bitte nehmt kein Fancy-Schlagmichtot-Mega-über-Dressing. Endiviensalat hat einen starken Eigengeschmack und neutralisiert mit seiner zarten Senfnote das fettig-schwere der Ente.

Selleriesalat

Ein Kopf Sellerie
Kräuteressig
neutrales Öl (Sonnenblumen-)
Salz

Den Sellerie schälen und in reichlich Salzwasser (ruhig ordentlich salzen) weichkochen, abseihen und dabei ca. einen Liter des Kochwassers zurückbehalten. Dabei gibt es zwei Philosophien, die einen kochen den Sellerie im Kopf, was Jahrhunderte in Anspruch nimmt, die anderen kochen ihn bereits kleingeschnitten.
Entweder vor- oder nach dem KWP_20141019_001ochen den Sellerie in dünne Blätter schneiden (maximal 0,2mm – siehe Bilder). Geschnittenen Sellerie in einer Schüssel gerade so mit dem Kochwasser bedecken. Dann Essig hinzugeben, so viel, bis einem die heiße Brühe gerade zu sauer erscheint. Das gleicht sich später aus. Erst kurz vor dem Servieren mit Öl anmachen, falls nötig nochmal mit Salz und Essig abschmecken.Wichtig ist, dass man den Selleriesalat schon mit der Ente anfängt, damit er gegügend Zeit zum Ziehen hat.

Der Vorteil ist, dass Selleriesalat den Magen beruhigt und gut für die Verdauung ist, außerdem macht er keine so schlimmen Flecken wie Blaukraut… Als Kind zog ich immer, wenn es Ente gab, um den Tisch und trank das reichlich in den Salatschüsseln zurückgebliebene Selleriedressing aus ;)

Nach der Ente gibt es natürlich einen Kümmel. Naja. einen doppelten Kümmel…
Ich hab mich entschieden, immer mal wieder lokale Gerichte zu katholischen Feiertagen mit Euch zu teilen. Ich finde, die Esskultur ist einer der am tragischsten vernachlässigten Aspekte von Religion…

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PS: das nächste Mal mache ich die Photos nicht mit meiner Handy-Kamera ;)

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