Archiv der Kategorie: Kritik zu katholischen Themen

Wer Kinder liebt, pfeift auf Kindergottesdienste

Heute werden zahlreiche regelmäßige Gottesdienstbesucher den Pfarrgemeinden fernbleiben. Es ist Weißer Sonntag, aka Kinderbibelspieltag feat. Erstkommunion. Kindergottesdienste sind schon für Erwachsene kaum zu ertragen. Wieso tun wir das unseren Kindern an?

Es ist ein Schauspiel, bei dem man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll. In den Bänken sitzen hibbelige Buben, Mädchen und Eltern herausgeputzt für ihren großen Tag, vorne hüpft eine Mittvierzigerin in langen Röcken herum und singt schief „Fürchte Dich nicht“. Dann treten die Kinder der Reihe nach vor und verlesen in schleppendem Ton Fürbitten, die sie selbst nicht geschrieben haben, die aber angeblich ihre Sorgen und Nöte aufgreifen. Für gegen den Klimawandel. Für gegen einsame Kinder. Für gegen Krieg in Syrien. Ein Kind heult, weil es sein Sprüchlein vergessen hat. Aufruhr im Altarraum. Nach dem läppischen Spektakel haben die Kinder zwar Erstkommunion gehabt, aber wie ein normaler Gottesdienst aussieht, wissen sie immer noch nicht. Ebenso wenig könnte man behaupten, sie seien nun Teil der Gemeinde. Die war nämlich nicht da, weil sie im Pfarrbrief gelesen hat, dass Kindergottesdienst ist. Die Besucher der Kindergottesdienste bilden in den Pfarrgemeinden eine sorgsam herangezüchtete Parallelkultur. Wer Veranstaltungen für Familien organisieren möchte, begibt sich entweder auf das Niveau „Malen und Klatschen“ oder stößt auf Unverständnis. Die Liturgie wird für diese Veranstaltungen bis zur Unkenntlichkeit verbogen und zerstückelt. Ein Pfarrer, der da nicht mitmachen möchte, stört im Zweifelsfall nur die Harmonie und wird dann eben zum Gottesdienstgültigmacher degradiert.

Alters-Segregation und ihre Folgen

Die Botschaft dieser degenerierten, pädagogisch vorgekauten Eucharistiefeiern ist fatal: Wenn es spezielle Gottesdienste für Kinder bzw. Familien gibt, dann muss ja mit den „normalen“ Gottesdiensten etwas nicht stimmen, sie müssen schädlich für Kinder sein oder zumindest sind Familien dort nicht erwünscht. Die meisten Familien, die man bei den Kindergottesdiensten sieht, sieht man dann folgerichtig an anderen Sonntagen nicht. Es wirkt, als wolle man der Gemeinde die Kinder nicht zumuten und den Kindern die Gemeinde nicht. Etwas, das dafür gedacht war, Kindern den Gottesdienst nahezubringen, hat schon längst dazu geführt, dass Kinder vom Gottesdienst ferngehalten werden.

Wir sollten doch eigentlich froh sein, wenn auf den Fluren unserer Gotteshäuser lärmend Kinder auf- und abziehen. Nicht nur bedeutet das, dass es in der Gemeinde überhaupt noch Kinder gibt, sondern die Kinder wachsen auch mit dem Rhythmus und der Ästhetik des „richtigen“ Gottesdiensts auf. Da wird nicht gemalt und geklatscht, es spielt die Orgel statt dem Keyboard und gelegentlich muss man auch mal stillsitzen.

Dabei erbringen die Gottesdienste nicht einmal den intendierten Nutzen. Angesichts der schwindenden Zahl der Täuflinge, Erstkommunikanten und Firmlinge in Deutschland müssten sich die Kinderbeglücker eigentlich in die Stille Ecke stellen. Religionsgemeinschaften, die weiterhin wachsen, weisen hingegen meist kein überragendes religionspädagogisches Konzept auf. Oder glauben Sie, die Moschee in Ihrer Nähe bietet Mitmachgottesdienste für coole Kids an?

Wenn Sie mal in einer Synagoge, einer Moschee, einer (wie auch immer gearteten) orthodoxen oder einer evangelikalen Kirche gewesen sind, dann werden Sie bemerkt haben, dass nicht nur genauso viele Kinder da sind wie bei uns im Kindergottesdienst, sondern dass sich auch niemand nur das Schwarze unterm Fingernagel darum schert. Warum? Weil die Eltern nicht in einer Parallelwelt leben, sondern in der Gemeinde. Weil die Gemeinde die Kinder nicht nur erträgt, sondern als Teil ihrer selbst betrachtet und deshalb niemand auch nur das Konzept Kindergottesdienst verstehen würde. Für die Kinderkatechese gibt es Veranstaltungen wie Sonntags-, Freitags- oder Sabbat-Schulen, Kinderpredigten die parallel zur Predigt im Gottesdienst stattfinden (ein Konzept, das es freilich auch in katholischen Gemeinden gibt) oder halt eben: nichts. Die grundlegende Haltung ist, dass die Kinder sich im Laufe der Jahre schon an die Gebetszeiten oder Gottesdienste gewöhnen würden. Da muss man sich schon die Frage gefallen lassen, wieso wir als einzige glauben, unsere Kinder seien zu blöd für ihre eigene Religion.

The 80s called. They want their youth culture back.

Kommen wir zurück auf die Mittvierzigerin im Altarraum. Sie würde sich selbst als junggeblieben bezeichnen und das ist sie auch. Nämlich geistig in den Achtzigern hängen geblieben. Sie romantisiert den Zeitvertreib ihrer Jugend und glaubt, dass immer noch cool ist, was sie damals cool fand. (Im Zweifelsfall das, was ihre Mitte der Sechziger sozialisierten Betreuer cool fanden). Damit es jeder merkt, nennt sie es auch „cool“. (Es gibt nämlich bekanntlich nichts Cooleres, als zu sagen, dass man cool ist.) Diese Leute lassen wir dann auf eine Generation los, die heimlich zwischen zwei Runden Zeitungsschlagen auf dem Klo ihrem Fuckboy snapchattet.

Keiner kann ernsthaft erwarten, dass Teenager beispielsweise eine Pastoralreferentin – eine Person, die so lame ist, dass sie Theologie studiert hat, aber nicht einmal das gescheit – als Gegenüber auf Augenhöhe geschweige denn als Freundin wahrnehmen. Die gesamte Klatschen-und-Malen-Fraktion mit ihrer Fairtrade-Schokolade und ihren Trekkingsandalen kann schon froh sein, wenn sie als Autorität durchgeht. Und selbst diese Rolle ist man nicht bereit auszufüllen. Nein, den Meinungen der Jugend gegenüber präsentiert man sich butterweich. Konfrontation wird gescheut, Positionen nicht bezogen. Egal wie weit sich der Teenager aus dem Fenster lehnt, man reagiert mit Verständnis. Man ist ja froh, wenn er mitmacht und genau diese unterwürfige Position vermittelt man ihm auch. Wer soll eine Kirche ohne Rückgrat ernst nehmen?

Jedem Teenager, der sich unter diesen Umständen nicht firmen lässt, kann man nur gratulieren: Denn wenigstens beweist er Rückgrat und lässt sich nicht mit Geschenken bestechen. Letztere sind nämlich der Grund, wieso sich Jugendliche diese unwürdige, nach Verzweiflung und Selbstbetrug stinkende Dilettantenshow reinziehen, die wir Firmvorbereitung und -gottesdienst nennen.

Das einzige, wonach sich heutige Generationen sehnen, Authentizität, gibt man ihnen nicht. Und sie selbst können sich diese Authentizität auch nicht zurückholen. Sie wüssten nicht wie, weil sie ja von Kindesbeinen an nie in einem normalen Gottesdienst waren und keiner ihnen beigebracht hat, wie man sich dort verhält, geschweige denn wie so etwas funktioniert.

Wo Kindergottesdienst ist, leiden die Eltern am meisten

Die Religiosität derer, die eigentlich die wichtigste Rolle bei der Sozialisation ihrer Kinder spielen sollten, die der Eltern, wird hingegen nicht im Geringsten angesprochen.

Gerade ihnen sollte man die Teilnahme am Gottesdienst doch erleichtern. Sie könnten ihn ganz bewusst als ihre Erwachsenenzeit etablieren, die Eltern doch oft so dringend brauchen. Aber nein. Sie haben die Wahl: Entweder sie sitzen als einzige mit Kind in einem normalen Gottesdienst und werden ob der unvermeidlichen Lautstärke böse angeguckt, oder sie verbringen die nächsten 17 Jahre damit, religionspädagogische Hits aus den Siebzigern zu den schiefen Klängen der debil grinsenden geriatrischen Jugendband zu singen. Auf mehrstündige Festgottesdienste müssen sie dafür komplett verzichten. Auch hier hilft der Blick in andere Religionen: Charismatische Konfessionen oder Synagogen bieten z.B. für die aufwändigeren Feiertage Kinderbetreuungen an, damit die Eltern auch diese mitfeiern können. Aber wer interessiert sich schon für die Religionsausübung von Erwachsenen?

Gerade hier liegt der Hund begraben. Unsere Religionspädagogik ist geschaffen, um imaginierte Kinder- und Jugendwünsche zu erfüllen und nicht dafür, unsere Kinder und Jugendlichen zu kompetenten, religionsmündigen Erwachsenen zu machen. Sie hält Kinder und Jugendliche gezielt uninformiert und klein, damit sich eine ganze Kaste von pädagogischen Drohnen möglichst lange an ihnen abarbeiten kann.

Wie unzureichend sie das auf ein Leben als Christ vorbereitet, zeigt die gähnende Leere in unseren Kirchenbänken.

Schafft die Kindergottesdienste ab. Und lasst die Kinder wieder in die Gottesdienste.

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Ein moralisches Feuerwerk

Das Einzige, was dem Deutschen lieber ist als seine Traditionen im Jahreskreis, ist ritualisierte Konsumkritik. Und natürlich Viecher.

Bevor ich meinen Freundeskreis um ein christlich geprägteres Milieu erweiterte, kannte ich das nur von den Brot-für-die-Welt-Plakaten: Brot statt Böller. Dass sich manche Leute über Silvesterböllerei mehr aufregen als über Steuerverschwendungen in Milliardenhöhe, irritiert mich außerordentlich. Wer sich erdreistet, zu Jahresende mal für zehn Lappen ein bisschen Krachbumm zu machen, ist ein „Dummschwätzer“, „schwanzlos“, ein „Heuchler“ und, natürlich, ein „Tierquäler“. Es „mangelt ihm an Empathie“, er „unterstützt Ausbeutung“ und „verschwendet sein Geld, während andere nichts zu essen haben“, kurz, er ist in der Skala der Abscheulichkeiten ganz ganz weit oben dabei.

133 Millionen Euro verpuffen in der Luft

Das ist die magische Summe, die heuer die Tagesschau verkündete. Gerechnet auf 82 Millionen Deutsche ist das pro Kopf gerade mal die abenteuerliche Summe von 1,62 Euro. Natürlich gibt nicht jeder Geld für Böller aus. Bei mir sind es im Jahr ca. 5 bis 8 Euro. Wenn man bei der Kollekte jede Woche ca. 1 bis 2 Euro ins Körbchen legt, dann sind das im Schnitt 87 Euro pro Jahr, also schonmal das Zehnfache.  In meinem Fall gibt es dann meine nicht ganz uneigennützige monatliche Spende für das Kakapo Recovery Center, die Kirchensteuer und die Zeit, die ich in meiner Gemeinde und Studienstiftung investiere. Es ist eine bescheidene Summe. Aber mir zu erklären, ich wäre angesichts dessen, was ich trotz reichlich mittelmäßiger Einnahmenlage der Allgemeinheit zurückgebe ein mieses Dreckschwein, weil ich es wage, 8 Euro in eine Viertelstunde Vergnügen am Jahresende zu investieren, ist schon reichlich dreist.

Gegen Jahresende kann ich nämlich bei all den Ausgaben nichts auf die hohe Kante legen. Und da bin ich sicher nicht die Einzige. Viele, sehr viele Menschen in Deutschland können sich nämlich den Spaß zu Silvester für 15 oder 20 Euro leisten, aber den Jahresurlaub höchstens in Form einer Pauschalreise. Da zeigt die konsumkritische Vorbildfraktion lieber mal schön mit dem Finger auf den böllernden Pöbel und fährt über Epiphanie in den ersten Urlaub des Jahres, in den Skiurlaub, der im Übrigen wesentlich mehr Geld kostet und ganze Landstriche verwüstet.

Brot statt Biathlon

Apropos: Für Wintersport geben die Deutschen im Jahr 16,4 Milliarden – jawohl: MILLIARDEN Euro aus. Davon könnte man 123 Tage Silvester feiern, also bis Anfang Mai.

Der Skisport schädigt die alpine Flora und Fauna dauerhaft, produziert durch Transport, Kühlungs- und Kunstschneeanlagen CO2 ohne Ende und belastet die Staatskasse durch Sportunfälle, Rettungseinsätze und die genannten Umweltprobleme.

Dagegen sind die immer wieder angeführten Umweltschäden durch die Böllerei ein schlechter Witz. Und Wintersport ist nicht mal der einzige schädliche Unfug, für den Geld in Milliardenhöhe verpulvert wird. Ich persönlich würde z.B. weder Diskotheken noch Openair-Festivals oder Flugverbindungen in die DomRep vermissen – könnte man also eigentlich gleich abschaffen. Andere Leute argumentieren nach ähnlichen Mustern für das Verbot von Tabak und Alkohol, die Aufgabe staatlicher Orchester, die Einführung einer Höchstgeschwindigkeit auf der Autobahn oder einer Extrasteuer auf Zucker, Fett und Fleisch. Was „überflüssig“ ist, ist eben persönliche Einschätzung.

Das ganze Jahr könnte man sich letztlich dieses oder jenes verkneifen. Aber mit Vorliebe stürzt man sich auf diese eine Kleinigkeit. In manchen Fällen, wie bei Brot für die Welt, hat das ja durchaus seinen Sinn: Es ist leichter, die Leute dazu zu überreden, das Geld, das sie für Böller ausgeben würden, zu spenden als ihr Budget für den Skiurlaub. Weil die Beträge sich meistens um die 20 Euro bewegen, spenden sogar viele UND kaufen sich ein paar Raketen. Das Ganze ist also letztlich wenig mehr als eine PR-Nummer, ähnlich wie die Plakate, die derzeit darüber aufklären, was das Geld für einen einzelnen Becher Kaffee in der Welt bewegen könnte. Das ist daher eine sinnvolle und durchdachte Kampagne. Aber das ist ja nun gar nicht das tragende Motiv derjenigen Moralapostel, die derzeit online ihren Hass auskippen.

Der Deutsche und das liebe Vieh

Vollkommen egal wäre das alles nämlich einem Großteil der Menschen, wenn nicht jedes Jahr ihre Haustiere verängstigt unter der Küchenbank verschwinden würden. Wer böllert, quält Tiere! Und Tierquäler gehören zusammen mit Kinderschändern zu den einzigen menschlichen Monstrümmern, für die viele Deutsche bis heute Erschießungskommandos gerechtfertigt sähen.

Für vergreiste KZ-Aufseher hat man hierzulande ein Herz. Für jemanden, der sein Meerschweinchen einzeln hält, wird lebenslängliche Isolationshaft verlangt. Ich habe diesen Mechanismus bereits ausführlicher beschrieben. Dass möglicherweise der Besitzer, oder, wenn es um die angeblich verängstigten Kinder geht, die Eltern mit ihrer eigenen Panik der tierischen bzw. kindlichen Vorschub leisten, steht natürlich auf einem anderen Blatt. Aber ähnlich wie Eltern befinden Tierbesitzer sich in eine Art Symbiose mit ihren Tieren, die ihnen Selbstkritik komplett versagt und sie jede auch noch so geringe Unbill ihres vierbeinigen Freundes oder Sprösslings als Dolchstich ins eigene Herz fühlen lässt. Mein Freund und ich hatten jedenfalls bisher heiß geliebte Katzen, Meerschweinchen, Hunde und Wellensittiche und keines dieser Tiere hat jemals zu Silvester Panik geschoben – mehrheitlich hat die Bagage die Böllerei kollektiv verpennt. Wenn dann doch mal ein Tier erschrecken sollte, ergreifen wir die uns möglichen Maßnahmen und bleiben cool. Wir stellen das Wohl unserer (übrigens ebenfalls vollkommen überflüssigen und eine Milliardenindustrie bedienenden) Tiere nämlich nicht über die Freiheit unserer Mitmenschen, ganz besonders nicht, wenn es nur um einen einzigen Tag im Jahr geht.

Letzte Chance zur Konsumkritik

Es ist aber auch vollkommen egal, was der konkrete Anlass ist. Der christliche bürgerliche Deutsche braucht Feiertags einfach seine Konsumkritik. Da hat er Zeit zu lesen und sich mal auf das wichtige zu besinnen. Nur echt mit der Heraufbeschwörung armer chinesischer Arbeiterinnen, die in den Feuerwerksfabriken zu einem Hungerlohn arbeiten, die aber offensichtlich zur veganen Stillyoga-Trainerin umgeschult würden, würden wir von hier aus ihren Industriezweig austrocknen. Oder so.

An Silvester geht es eben auch für die Feuerwerksabstinenzler ohne Krachbumm nicht ab. Sie müssen halt stattdessen ihr moralisches Leuchtfeuer in den Himmel entsenden.

Wem’s gefällt.

PS: Ich wünsche allen Böllerern und Nicht-Böllerern, allen Festivalbesuchern und -nichtbesuchern, Wintersportlern und Sportmuffeln, Tieren und Menschen ein gutes neues Jahr.

PPS: Wer helfen möchte, dass der drolligste Papagei der Welt weiterhin durch die neuseeländischen Wälder wackelt, spendet statt oder neben der Böller an http://kakaporecovery.org.nz/

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Meinst Du das ernst, BDKJ?

Der BDKJ macht mit DiTiB gemeinsame Sache. Nein, das ist keine Verschwörungstheorie aus der Gattung „Muslime erobern das Abendland“, der BDKJ hat eine gemeinsame Kampagne zum Thema Toleranz mit DiTiB.

Die Aktion ist in mehr als einer Hinsicht doof, angefangen mit der unglücklichen Auswahl von DiTiB als Bündnispartner

DiTiB richtet sich an türkischstämmige Muslime, eine durch den Zuzug aus (nord-)afrikanischen Bürgerkriegsgebieten anteilig immer kleiner werdende Gruppe deutscher Muslime. Dadurch ist der Verein einerseits zwar einer der am besten etablierten muslimischen Verbände in Deutschland, auf der anderen Seite eben nicht besonders Repräsentativ.

DiTiB richtet sich allerdings auch unter den türkischstämmigen Deutschen eher an solche, die als Erdogansche sogenannte „Graue Wölfe“ mehr so an den Grenzen des noch-nicht-verfassungsfeindlichen wandeln.

Die Imame, die in DiTiB-Moscheen arbeiten werden nach wie vor in der Türkei ausgebildet. Bei einem Besuch in einer solchen Moschee vor wenigen Jahren teilte uns der dort für Öffentlichkeitsarbeit zuständige, vollkommen integrierte junge Mann mit, die DiTiB-Imame selbst verlangten von den Gemeinden eine Leistung in Sachen Integration – nicht etwa umgekehrt. Neu angekommene Muslime, die in Deutschland Hilfe benötigen, wenden sich oft eher an Moscheen, weil sie hoffen dort auf Personen zu treffen, die mit ihrer Situation vertraut sind und sie verstehen. Sie stoßen im Zweifelsfall dort auf einen Imam, der selbst genauso wenig Deutsch kann wie sie und noch weniger darüber weiß, wie man sich z.B. auf einen Arbeitsplatz bewirbt. Nach drei Jahren Zeit, in der sich der Imam eingewöhnen konnte, wird er dann auch gleich wieder zurück in die Türkei gerufen.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die türkische Regierung versucht, über die Monopolisierung deutscher muslimischer Identität durch ein von der türkischen Regierung betriebenes Organ diese an die Loyalität gegenüber der eigenen Politik zu koppeln. Egal, in welche Richtung die Reise nun gehen mag.

Aber was hat das nun mit den Katholiken zu tun?

Nun, die Handlungen der türkischen Regierung gegenüber katholischen Einrichtungen wie Kirchen kann man wohl am besten mit dem Wort „Gängeln“ umschreiben, weit über den schon längst nur noch als potemkinsche Fassade existierenden Laizismus der Türkei hinaus. Baugrund für neue Kirchen wird über Jahrzehnte hinweg aufgrund diverser vorgeschobener bürokratischer Schwierigkeiten blockiert, die Betreuung oder gar der Schutz von Christen in den ausgedehnten Flüchtlinslagern spielt eine noch untergeordnetere Rolle als in Deutschland und bis heute ist es für Christen in der Türkei nicht möglich, Religionslehrer oder Priester auszubilden. Jede Form einer öffentlichen Darstellung des Christentums, Informationsstände, Prozessionen oder eigene Medienanstalten (z.B. Radiosender) ist untersagt.

DiTiB wird sich den Vorwurf gefallen lassen müssen, mit dieser politischen Linie identifiziert zu werden. Es ist also kein Verein, mit dem der Bund der katholischen Jugend posieren sollte, besonders dann nicht, wenn es um gegenseitige Akzeptanz und religiöse Toleranz geht.

Wenn nun das in die Türkei ausgelagerte christliche deutsche Religions-Ministerium muslimische Türken auffordern würde, gemeinsam mit Christen Selfies als Zeichen der Toleranz zu schießen, ab welchem Punkt wird diese Hypothese zu absurd, um weiterzulesen? Genau.

Der Zweck heiligt die Allianz?

Dem BDKJ ist das wumpe. Vielleicht, das als freundlichste Interpretation, vielleicht glauben sie ja, dass DiTiB sich auf die Dauer losmachen wird, wenn man ihnen von deutscher Seite oft genug sagt, dass man sie lieb hat und dass von Jugendlichen auf der Suche nach 2 Sekunden Ruhm geknipste Toleranzselfies die Welt mehr verbessern können, als eine weitere Stärkung von DiTiB in der deutsch-türkischen Öffentlichkeit Schaden anrichten kann.

Vielleicht aber ist es hier wie mit jeder anderen Aktion aus dieser Kategorie auch: dem BDKJ wäre vermutlich jeder Verband recht. DiTiB ist vergleichsweise gut organisiert und geht leicht her. Durch die Aktion bietet sich sozusagen die Möglichkeit, mal ein bisschen mit dem Exotischen zu posieren. Mit der Aktion holt man sich den Bildbeweis für „einige meiner besten Freunde sind Muslime“, grinst und knickst ein bisschen, tut keinem weh und hat sich selbst den Anstrich des weltmännischen und interkulturellen verschafft.

„Alle sind gleich“ ist das Gegenteil von Toleranz

Dass das aber nichts mit wechselseitigem Verständnis zu tun hat beweist allein der Text auf der Werbepostkarte: „Alle Christen glauben an Allah“, steht da, „Allah ist arabisch und bedeutet einfach nur Gott“. Ja, das tut es und Christen, die arabisch sprechen, nennen Gott ebenfalls Allah. Der gleiche Gott ist es deshalb aber noch lange nicht, höchstens derselbe.

Nein, auch dieser Einwand wird jetzt nicht den AfD-Einschlag nehmen. Sondern den theologischen. Wer schon klug genug ist, darauf hinzuweisen, dass Allah und Gott eine gemeinsame Geschichte haben und eben beide der einzige Gott sind, der sollte dann mit diesen Geschichten entsprechen respektvoll umgehen. Wer dem Islam unterstellt, dass sein Gott und der Chrisliche Gott ja im Grunde genau das gleiche seien, der beweist dass er von mindestens zwei Kulturen keine Ahnung hat.

Die Attraktivität des muslimischen Gottes liegt in dessen Schlichtheit. Er ist den gläubigen ein strenger, ferner Schöpfer, der sich stets in Geheimnis hüllt. Der katholische Gott ist dafür dreifaltig, prinzipiell paradox, nah und fordernd.

Muslime müssen sich selbst bereit machen, geduldig warten und sich sehnen, in der Hoffnung dass er sich erbarmt und zu ihnen kommt.

Christen müssen sich aufmachen, ihn zu suchen, mit ihm und sich selbst ringen. Sie haben eine viel persönlichere Beziehung, denn ihr Gott war selbst einmal Mensch.

Im Islam hingegen stellt Gottesfurcht ein viel zentraleres Element dar.

Ich könnte den ganze Tag so weitermachen. Der Islam ist orthopraktischer als der Katholizismus (der seinerseits orthopraktischer ist, als das reformierte Christentum), der Islam hat eine andere semiotische Ideologie (Achtung! Fachwort, hat nichts mit Politik zu tun) als der Katholizismus.

Und das ist auch nur das, was sich allgemein über Tendenzen im Islam sagen lässt – die gigantische geographische Ausbreitung beider Religionen macht es noch viel, viel schwerer, Aussagen darüber zu treffen, ob Allah und Gott jetzt gleich sind. Denn Allah und Allah sind schon nicht immer so richtig gleich.

Der Blick in Länder, in denen Christen und Muslime schon länger koexistieren, beispielsweise Tansania, zeigt, dass es überhaupt nicht nötig ist sich gegenseitig zu versichern, dass ja letztlich „alles eins“ ist. Toleranz bedeutet nicht, dass ich mir einbilde, der Andere ist genau wie ich, deshalb mag ich ihn. Toleranz bedeutet, zu versuchen zu verstehen, wie anders der andere ist und ihn in dieser Andersartigkeit schätzen zu lernen. Voneinander lernen und miteinander zu diskutieren sollte das Ziel sein, nicht zusammen in eine Smartphone-Kamera zu grinsen, um ein paar Bilder mehr zu produzieren, vor denen Sozialpädagoginnen mit schwimmenden Augen sitzen.

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Der Katholik als nützlicher Idiot

Je näher die US-Wahlen rücken, desto erstaunlichere Entwicklungen zeigen sich innerhalb der katholischen Stimmen zu eben diesem Thema. Plötzlich ist Hillary Clinton in der katholischen Berichterstattung ein Monstrum, das sich nicht entscheiden kann, ob es lieber erst Kinder oder Kirchen fressen will. Gerade als nicht-amerikanische Katholiken sollten wir darauf achten, wessen Karren wir hier eigentlich ziehen.

Donald Trumps Felle schwimmen davon. Auch, wenn deutsche Linke sich gerne weiterhin einreden wollen, dass die USA tatsächlich den Leibhaftigen auf den Thron eines Landes setzen würden, der für sie das säkulare Äquivalent zur Hölle ist, sieht es momentan nach krachendem Scheitern aus.

Die Katholiken sind Trumps letzte Hoffnung

Wer, fragt er sich, soll ihn jetzt noch wählen? Frauen jedenfalls fallen aus – nur noch ein sehr geringer Teil der Amerikanerinnen ist blöde genug, jemanden zu wählen, der sie für eine Mischung aus Schoßhund und Gummipuppe hält. Auch bei anderen Gruppen mit „spezifischen“ Interessen, also beispielsweise Schwarzen, Immigranten, chronisch Kranken, etc., kann Trump keinen Blumentopf mehr gewinnen. Wäre da noch die eine Gruppe in den USA, um die sich sonst nie einer auch nur das Schwarze unterm Fingernagel schert: die Katholiken.

Katholiken haben einen Ruf als SwingVoters. Auf der einen Seite neigen sie zu konservativeren Ansichten in Themen wie der Außenpolitik, Frauenrechten, Religions- und Familienpolitik, auf der anderen Seite gibt es in den Familien von Polen, Italienern, Iren und Latinos noch so etwas wie ein „Milieu“-Gedächtnis. Dass sie als arme Arbeiter in die USA kamen, ist in der Regel nicht viel mehr als hundert Jahre her. Daher sympathisieren sie ähnlich wie die jüdische Milieus der USA, die aber keine derart große statistische Signifikanz aufweisen, zugleich mit Politikern, die sich eben dieses Arbeitermilieus annehmen und für die Armenvorsorge eintreten und haben ein generelles Misstrauen gegenüber sogenannten WASPs (White Anglosaxon Protestants), denen sie im besten Falle vollkommen Wurst sind. Mit Ausnahme von Kerry und Kennedy haben die Katholiken seit dem Krieg auch keine Gelegenheit mehr bekommen, bei einer Präsidentschaftswahl für etwas anderes als das in Bezug auf ihre Belange kleinere Übel zu stimmen.

Kurz: Katholiken sind der einzige größere Bevölkerungsanteil, bei dem Trump eventuell noch was reißen könnte. Und das versuchen er und seine in- wie ausländischen Unterstützer nun mit aller Macht zu reißen

Catholic Nightmare before Election

Da kommen also – whoopsie – ausgerechnet eine Woche, nachdem Trump auf der 18th Annual Catholic Leadership Conference in Colorado der katholischen Sache, was auch immer er dafür halten mag, seine uneingeschränkte Unterstützung ausgesprochen hat, diese Clinton-Emails auf Wikileaks heraus.

Die katholische Welt dreht voll auf – ganz besonders die deutsche, die sich von diesen Emails deshalb so sehr getroffen fühlt, weil sie ein Ziel formulieren, das für sie in Deutschland schon der gefühlte Ist-Zustand ist. Laienverbände sollen gezielt eingesetzt werden, um die als veraltet dargestellte Moral der Kirche auszuhöhlen. Alte und liebgewonnene Begriffe der katholischen Intellektualität werden verhöhnt. Diese Emails sind geradezu dafür designt, sich tief ins Herz konservativerer Katholiken zu bohren

Vladimir, ick hör dir trapsen

Designt? Schon vor dem Auftauchen jener Emails, die sich auf Katholiken kaprizieren, erklärten die Demokraten, die Emails auf WikiLeaks seien möglicherweise russische Erfindungen. Die russische Regierung, daran lässt sie selbst keinen Zweifel, will Trump als Präsidenten sehen.

Dafür die katholische Kirche zu benutzen bietet für sie gleich mehrere Vorteile: Selbst, wenn die amerikanischen Katholiken sich nicht davon überzeugen lassen, einen protestantischen Frauenversteher von Schrott und Korn wie Trump ins Amt zu wählen, kann man über die Skandale und Skandälchen, die man Hillary Clinton anlastet, das Vertrauen der Katholiken in die amerikanische Regierung weltweit nachhaltig erschüttern.

Die Katholiken verbreiten solche Nachrichten auch noch komplett von selbst, da sie praktischerweise über ein weltumspannendes Mediennetzwerk verfügen. Auf diese Weise greift Russland also nicht nur in den amerikanischen Wahlkampf ein, sondern überzeugt gleichzeitig Millionen von Katholiken, dass die Amerikaner ihre angestammten Feinde seien, obwohl die Russen selbst im eigenen Lande alles tun, um religiösen Minderheiten auf die Füße zu treten.

Dieser Effekt tritt selbst dann ein, wenn diese Emails echt sein sollten. Deutsche Katholiken tendieren auch dazu zu glauben, dass sie in den USA politisch und im generellen Ansehen eine ähnliche Rolle einnähmen wie in Deutschland. Tatsächlich gehen sie aber WASPs, die wie Hillary Clinton auf ein links angehauchtes, mit Frauenrechten und Multikulturalismus beschäftigtes College-Milieu abzielen,  komplett am Arsch vorbei. Wenn Hillary Clinton für Abtreibung ist, dann ist sie nicht gegen die katholische Kirche, sondern für Frauenrechte. Deshalb ist ihre Aussage, sie habe 2003 gegen das Verbot von Teilgeburtsabtreibungen gestimmt, weil die Situation der Frau nicht berücksichtigt worden sei, nicht ausweichend, sondern schlichtweg glaubwürdig. (Und nein: ich gebe ihr nicht Recht. Es geht mir nur darum, dass sie damit nicht gegen die Pro-Life-Bewegung argumentiert, sondern an ihr vorbei). Um gegen die katholische Kirche zu sein, müsste Hillary sich erstmal überhaupt für die katholische Kirche interessieren. Das ist es, was in Verbindung mit ihrer perfekten Abstimmung auf meist ausschließlich intern diskutierte katholische Angstthemen diese Emails so unglaubwürdig macht.

Es stimmt, es gibt keinen Grund für einen Katholiken, Hillary Clinton zu wählen.

Aber Trump? Meint ihr das Ernst? TRUMP?

Aber stellen Sie sich mal vor, der große Retter und Beschützer der ungeborenen Kinder, Donald Trump, würde mit einer Nicht-Ivana-Frau schlafen und ihr ein Kind machen. Denken Sie ernsthaft, er würde ihr dann sagen, dieses Kind sei ein Geschenk Gottes, das sie aufziehen müsse und das er lieben werde?

Kaum. Aber er sähe kein Problem damit, sie nach erfolgter Abtreibung dafür auch noch ins Gefängnis zu stecken.

Trump ist nicht Pro-Life oder für die Katholiken, er ist kein starker Beschützer vor dem Islamismus oder ein Verbündeter Deutschlands. Trump ist Pro-Trump, er ist ein Beschützer Trumps und ein Verbündeter Trumps. Moral ist keine Kategorie für ihn.

Ein solches Individuum unterstützt jeder Katholik, der Hillarys „Vergehen“ aufbläst.

Nicht nur das: er unterstützt auch Vladimir Putin und seinen Staat, in welchem es Katholiken hundertmal dreckiger geht als in den USA. Als nicht-amerikanische Katholiken sollten wir über den Tellerrand amerikanischer Innenpolitik hinwegsehen und verstehen, dass wir in den USA einen Verbündeten haben, der uns weltweit schützen kann.

Wer sich so sehr austricksen lässt, dass er vor Abtreibungskliniken in den USA mehr Angst hat als vor Tyrannen wie Putin, Assad und Erdogan, wer eine politische Destabilisierung eines der für Katholiken bei allen Problemen immer noch bequemsten Länder dieser Erde in Kauf nimmt, weil er sich persönlich von einer Präsidentschaftskandidatin beleidigt fühlt, der ist kurzsichtig.

Und ein nützlicher Idiot.

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Über die seltsamen Prioritäten von Laien

Die Pfarrgemeinde bei mir um die Ecke bewirbt in ihren Schaukästen die Anti-TTIP- und -CETA-Demo im September in München und ich sehe das nicht ein.

Was hat die Vereinbarung von Investorenschutzmaßnahmen, die Abschaffung von Zöllen und die Etablierung gemeinsamer Gesundheits- und Verbraucherschutzstandards im Handel zwischen Kanada, Europa und den USA mit der Kirche zu tun?

Richtig, genau gar nichts, außer, dass die Kirche ein Tummelplatz genau jener antiamerikanischen besorgten Bürger von braun über grün bis dunkelrot, ist, die gegen dieses Abkommen sind. Fragt man sie, wieso sie das sind, dann kommen Geschichten über Chlorhendl, den erhöhten Wettbewerbsdruck auf KMUs, dass die Reichen noch reicher würden (denn, Gott behüte, einem Land kann wirklich nichts Schlimmeres passieren, als dass Leute zu Geld kommen), dass das Abkommen undemokratisch sei (weil repräsentative Demokratie anscheinend ein zu kompliziertes Konzept ist), dass die Schiedsgerichte vollkommen willkürlich Staaten verklagen würden (was sie nicht tun, obwohl es bereits massenhaft Schiedsgerichte gibt) und natürlich dass wir uns damit von den USA noch abhängiger machen würden.

Vereint im Hass auf die USA

Bei letzterem Problem liegt nun der Hund eigentlich begraben. Anti-TTIP und Anti-CETA ist nicht so erfolgreich, weil sich ein Großteil der Bevölkerung plötzlich wahnsinnig für internationalen Handel interessiert, sondern weil es gleich zwei diffus politisch aufgeladene Lager in Deutschland gibt, die einfach einen generellen Rochus auf die USA haben: die Rechten und einige Konservative sind sauer, weil die USA den Ersten und den Zweiten Weltkrieg gewonnen und danach Deutschland auch noch wieder auf die Füße gestellt haben, statt es zu vernichten, so daß man ihnen nicht mal böse sein *darf*. Außerdem mögen sie den internationalen Gestus und Erfolg der Siegermacht nicht – aus genannten Gründen und weil Multikulti, das die Amerikaner schließlich erfunden haben, für diese Kreise ohnehin ein Rotes Tuch ist.

Auf der anderen Seite gibt es das eher linke bzw. grüne Milieu, das den Amerikanern übel nimmt, den Kalten Krieg gewonnen und den Real-Sozialismus so ziemlich von der Platte geputzt zu haben. Außerdem halten sie sich nicht an die Emissionsgrenzen und betreiben weiter Gentechnik im Agrarbereich.

Das alles hat nun, wenn Sie genau aufgepasst haben, nichts mit der Kirche und ihren Werten zu tun, außer ich habe etwas verpasst und das elfte Gebot lautet: Du sollst ein Land Dir erwählen und es irrational mit ganzer Seele hassen und verachten.

Also schrieb ich eine freundliche Email an das Pfarrbüro und erhielt eine Antwort. Vom Diakon, der mir bezeichnenderweise nicht in seiner Funktion als Diakon, sondern als Mitglied von Pax Christi antwortete. Deren Inhalt: der Diözesanrat hätte diesen Aushang empfohlen. Nun schienen aber sämtliche andere Gemeinden Münchens, an denen ich im letzten Monat vorbeigekommen war, diese Empfehlung ignoriert zu haben, unter anderem die meisten Innenstadtkirchen. Vielleicht liegt es daran, dass es in diesen Gemeinden keine so eifrigen Pax-Christi-Mitglieder Diakone und somit am Drücker sind, so dass sie ihre Aktionen über die Pfarrgemeinde abwickeln können. Pax Christi steht nämlich seinerseits auch auf den Plakaten, gemeinsam mit so kirchennahen Vereinigungen wie der Linken, den Piraten und der Humanistischen Union. Aber meines Feindes Feind ist ja mein Freund. Und der Feind ist in dem Fall ein Land, in dem Katholiken unbehelligt leben und glauben können. Ich möchte fast behaupten, in Amerika macht es zur Zeit mehr Spaß, katholisch zu sein, als in Deutschland.

Ist ja nicht so als gäb’s was besseres zu tun

Zeitgleich sieht sich an einer komplett anderen Front die Kirche mit Personen in Verbindung gebracht, welche sich politisch entgegen sämtlicher Werte der Kirche äußern. Die empfehlen, Menschen an der Grenze zu erschießen, auf Inseln auszusetzen und chemisch zu kastrieren. Die aktiv alles daran setzen, unsere demokratische Regierung von innen zu zersetzen. Pegida und Konsorten laufen herum und tragen Kreuze, erklären sich zum „christlichen Abendland“, wissen nicht mal, was eine Parusie ist. Und die christlichen Laien? Die geben zwar gelegentlich anderslautende Meinungen von sich, aber im großen Stil Maßnahmen gegen die rechte Suppe zu ergreifen, das fällt ihnen nicht ein. Pegida lässt an Aschermittwoch Muezzin-Rufe durch die Innenstadt erschallen und die geballte Kraft christlicher Empörung zündet als maximale Reaktion am Gehsteig ein paar Kerzen an. Aber die Aggressivität, Masse und Lautstärke der Anti-TTIP und Anti-CETA-Demos erreichen die Wortmeldungen gegen Pegida nicht.

Die Laienvereinigungen in Deutschland haben schon interessante Prioritäten. Vielleicht liegt es ja daran, dass Anti-TTIP und Anti-CETA alle unter einem Schirm vereinigt. Denn da finden sich AfD, Pax Christi und die Grünen inhaltlich plötzlich in trauter Eintracht.

„Ja, was soll man denn da gegen Pegida auch tun?“, werden jetzt Viele fragen. Möglicherweise das, was bei den Anti-TTIP und Anti-CETA-Demos so einfach fällt: plakatieren, denn die Montags-Demos haben ja bekannte Strecken. Und weil ich mich ja nicht dem Vorwurf aussetzen möchte, ich würde stets nur unkonstruktiv herumkritteln, hätte ich auch ein paar Vorschläge für öffentlichkeitswirksame Plakate:

„Christ werden statt Islam hassen“, „Fronleichnam war hier mehr los“, „Putin rettet niemanden. Jesus rette uns vor Putin.“ und „‚Wer ist bitte diese Pegida?‘ – Jesus von Nazareth“.

Aber das wäre ja wieder provokant und cool und hat tatsächlich etwas mit der Kirche zu tun. Das geht nicht, denn es sind ja deutsche christliche Laienvereine. Da ist man mit wichtigeren Dingen beschäftigt, bei denen man sich wenigstens nur von unseren wirklich problematischen, gefährlichen und gewalttätigen Mitbürgern Kritik einfängt: von Unternehmern und Wirtschaftsliberalen.

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Ich mache keinen Frieden mit dem Papst

Den Frieden mit dem Papst zu machen ist insofern Unfug, als der Papst ja nicht weiß, dass man ihm unversöhnlich gegenüber steht. Eine Wahl hat man eh nicht. Allmählich hält sein Pontifikat aber so lange an, dass die Leute beginnen, sich mit ihm abzufinden. Und so, wie man ihn aus den falschen Gründen nicht-mögen kann, kann man ihn auch aus den falschen Gründen rehabilitieren.

Klaus Kelle hat seinen Frieden mit dem Papst gemacht.

Dabei ist es wichtig zu sehen, was ihn bisher am Papst gestört hat. Nämlich:

“ Katholiken müssten sich auch nicht vermehren „wie Karnickel“ sagte er einmal. Und ich muss sagen, das war auch mir deutlich zu viel für den Nachfolger des Heiligen Petrus. So redet ein Papst nicht, dachte ich damals und so denken bis heute viele Gläubige.“

Mich hat das noch nie gestört. Ich bin eben auch erst 25 und außerdem genervt von jenem katholischen Milleu, das meint, es gehöre zu den „Charismen“ einer Frau, so lange Kinder aus sich rauszudrücken, bis sie nur noch ein Schatten ihrer selbst ist. Christi Zahnpastatube sozusagen. Nein, ich finde es gut, dass der Papst gelegentlich verbal austeilt. Nicht umsonst war ich vor seiner Wahl unter denjenigen, die auf Timothy Dolan hofften. Aber gerade, weil der Papst bestimmt nicht zimperlich ist, fällt es umso mehr dann auf, wenn er es wird.

„Welch‘ starke Worte, welche ansteckende Begeisterung, die in diesem Moment von dem fast Achtzigjährigen ausging. Und der Jubel der jungen Menschen, zusammengeströmt aus 180 Ländern auf dieser Welt, um zusammen den Glauben, das Vermächtnis von Jesus Christus zu feiern und zu leben.[…] , da, genau in dem Moment, habe ich meinen persönlichen Frieden mit Papst Franziskus und seiner Art gemacht.“

Papst Franziskus begeistert die Jugend. Aber leider nicht nur für den Katholizismus sondern auch für seine Ansichten zu Themen, zu denen er nicht nur keine Expertise besitzt, sondern regelrecht gefährliche Ansichten hat.
Seine platte und einseitige Kapitalismuskritik ist meiner Meinung nach eine Katastrophe.

Papst Franziskus erzählt jungen Menschen, der Kapitalismus töte, sie seien in einem unmenschlichen System gefangen, das sie knechtet und die Welt in ihrem Würgegriff hält, entgegen aller Statistiken, die nun einmal zeigen, dass es immer mehr Menschen immer besser geht, nicht schlechter. Das ist wohlfeil und kommt auch gerade bei den jungen Menschen gut an, die aus Ländern mir wirtschaftlichen Schwierigkeiten (aus Südeuropa, Südamerika, Osteuropa) kommen; Menschen zu sagen, dass das System falsch ist und dass sie nicht vielleicht nur Pech hatten, sondern Opfer böser Mächte sind, das ist für diese auf den ersten Blick erleichternd. Sie fühlen sich verstanden, deshalb jubeln sie. Aber es ist die falsche Botschaft. Seine Kapitalismusschelte ohne Gegenvorschlag schürt lediglich Angst, Ungewissheit, Unsicherheit und zerstört das Selbstvertrauen. Er ermuntert sie nicht dazu, ihre Länder wirtschaftlich zu sanieren und mit ihrem Einfallsreichtum und Gottes Hilfe neue Wege zu finden, um innerhalb dieses Systems, vielleicht unter dessen Transformation, ihre Zukunft zu sichern, sondern er sagt: „alles Scheiße. Da hilft nur noch beten.“ Er entmutigt sie.

Seine Begegnung mit Fidel Castro vor zwei Jahren trieb mir die Zornesröte ins Gesicht.  Er küsste diesem mörderischen Despoten das Bauchi. Einem Mann, der für alles steht, gegen das Papst Johannes Paul II gekämpft hat. Es ist noch nicht  einmal 5 Jahre her, da hat das Regime in Kuba christliche Widerständler verschwinden lassen. Wo ist da plötzlich der scherzend ermahnende Papst? Nirgends, denn mit seinen wirtschaftspolitischen Äußerungen gibt er Regimes wie dem Kubanischen, die mit Katholiken nie anderes anzufangen wussten, als sie zu morden, verfolgen und schikanieren, auch noch ziemlich eindeutig Recht.

Der Realsozialismus als Feind scheint uns verstaubt; Aber diese jungen Leute, die Papst Franziskus heute mit Stiefeln an den Füßen und Unzufriedenheit in den Herzen in die Wallfahrtsorte schickt, die werden irgendwann verarmte, perspektivlose Familienväter und -Mütter sein. Immer noch mit Unzufriedenheit im Herzen. Damit ist nichts erreicht.

Und bei dem Gedanken, dass ein alter Mann junge Leute aufhetzt war mir noch nie besonders wohl. Papst Franziskus würde mich nicht mögen. Und ich muss ihn dann auch nicht gut finden.

 

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Aus gegebnem Anlass: Vegetarismus als christlicher Wert?

Kurt Remele geistert derzeit durch meine Timeline (Hier im Interview mit katholisch.de ) : wer christlich ist, so seine Ansicht, müsste eigentlich mindestens Vegetarier sein.Eine kritische Einlassung.

Fleischkonsum als „Lesart“?

Als Erstes möchte ich darauf eingehen, dass Herr Remele die Erlaubnis zum Essen von Tieren eine „Lesart“ der Bibel nennt, neben der es auch andere „Lesarten“ gebe.

Tatsächlich gibt es Hinweise für die These, dass Adam und Eva Vegetarier waren. Einige Lehrer des Judentums gehen davon aus, dass das auch nach dem Sündenfall so blieb. Auch die Geschichte darüber, dass Noah die Tiere vor der Sintflut rettet scheint zunächst einmal ein Vorläufer des modernen Artenschutzes zu sein. Doch leider zerschlägt gerade der Bund, den Noah anschließend mit Gott schließt diese Hippie-Phantasien: Gott erklärt explizit Noah, dass er Fleisch essen darf, so lange es kein Blut enthält.

3 Alles Lebendige, das sich regt, soll euch zur Nahrung dienen. Alles übergebe ich euch wie die grünen Pflanzen.4 Nur Fleisch, in dem noch Blut ist, dürft ihr nicht essen.5 Wenn aber euer Blut vergossen wird, fordere ich Rechenschaft, und zwar für das Blut eines jeden von euch. Von jedem Tier fordere ich Rechenschaft und vom Menschen. Für das Leben des Menschen fordere ich Rechenschaft von jedem seiner Brüder.“ (1. Buch Mose 9)

Um das als „Lesart“ abzutun, diese neuralgische Stelle, an der die für alle Menschen geltenden Noachidischen Gebote eingesetzt werden, muss man schon ein besonderes Maß an Wunschdenken an den Tag legen.

Natürlich sagt die Stelle nicht, dass man Fleisch essen muss. Aber sie sagt eindeutig, dass man es darf. Im Gegensatz zu vielen „alttestamentarischen“ Geboten, Erlaubnissen und Gesetzen gibt es hierzu auch keine überlieferte kritische Bemerkung Jesu.

Rein auf der Basis des Evangeliums ist der Fall somit vollkommen klar. Wer das für eine „Lesart“ hält, der kann genauso gut die monogame Ehe als Lesart bezeichnen. Es gibt vielleicht hier und da ein Gegenbeispiel, aber mehr Stellen, die keinen Zweifel offen lassen.

Ganz nebenbei gibt es auch eine einfache theologische Begründung, wieso Tiere und Menschen nicht auf einer Stufe stehen: Tiere haben nun einmal keine Seele. Wer meine Ausführungen zum Mensch-Tier-Verhältnis im Christentum und in der zeitgenössischen westlichen Gesellschaft noch nicht kennt, kann dies hier nachlesen.

Natürlich kann, wer das aus moralischen oder anderen Gründen möchte, vegetarisch oder vegan leben. Das ist mir offengestanden vollkommen Wurst. Aber man kann nicht behaupten, dass es christlich sei. Denn das ist nämlich einfach nicht zu belegen.

Wieso Vegetarismus nicht funktioniert und Veganismus eine Luxuserscheinung ist

Wenn man Katholik ist, muss man sich natürlich nicht nur an das halten, was in der Bibel steht. In unserer Religion gibt es viele außerbiblische Traditionen und Regelungen. Wäre es denn vertretbar, Gläubige zum Vegetarismus anzuhalten? So lange wir davon ausgehen, dass die Kirche den Anspruch hat, die moralische Richtschnur für die gesamte Gesellschaft darstellen zu können nicht.

Warum nicht? Das Problem liegt wie so oft in der Praxis. Denn beim Ovo-Lacto-Vegetarismus müssen Tiere gehalten werden, um Milch und Eier zu produzieren. Wenn Mama Huhn aber Eier legt und Mama Kuh ein Kälbchen bekommt, dann sind darunter in der Regel auch Männchen. Und Männchen haben zwei schlechte Eigenschaften: erstens geben sie weder Eier bzw. Milch, zweitens kann man sie nicht in Gruppen zusammenhalten, sonst gehen sie sich an die Gurgel. Man schlachtet sie also oder kastriert sie und mästet sie fett, um sie dann zu schlachten. Wollte man alle männlichen Nachkommen seiner Nutztiere in Einzelhaltung bis zu ihrem Tode pflegen, wären Milch und Eier quasi unbezahlbar, ebensowenig ist es realistisch dass jedes dieser Männchen seinen Harem bekäme. Vegetarismus kann also immer nur für einen Teil der Bevölkerung funktionieren, die sich darauf verlässt, dass der Rest der Bevölkerung ihnen den Tiermüll wegisst. Folglich verantwortet man als Vegetarier stets die Schlachtung überflüssiger männlicher Tiere mit. Diese Kleinigkeit ist vielen Vegetariern nicht bewusst, weil sie in von der Lebensmittelproduktion dissoziierten Wohlstandsgesellschaften leben. Man könnte meinen, dass Personen, die öffentlich Aussagen über die soziale Verantwortung des Menschen gegenüber Tieren treffen, so etwas wissen. Aber hier geht es ja um Sozialethik und nicht um die Realität. Man kann also aus kirchlicher Sicht, mit einem gesamtgesellschaftlichen Anspruch, nicht befürworten, dass wir alle Vegetarier werden, konsequent wäre lediglich Veganismus.  Man könnte allenfalls fordern, dass der Konsum reiner Fleischtiere (Schweine z.B.) eingestellt würde.

Bleibt noch der Veganismus.

Lassen wir einmal die Behauptung dahingestellt, dass mit entsprechendem Wissen Veganer sich ohne „künstliche“ Zuführung von Eiweiß, Eisen und anderen potentiellen Mangelstoffen gesund ernähren können. Ich bin kein Ernährungswissenschaftler und kann das nicht beurteilen. Träger dieser Stoffe sind beispielsweise Hülsenfrüchte (dazu zählen auch Erdnüsse und Soja), Nüsse und einige Gemüsesorten wie Avocados. Und wieder stehen wir vor dem Problem der Globalität der Kirche: Für viele Christen ist der Zugang zu solchen Lebensmitteln so gut wie unmöglich, entweder weil ihre Gebiete an den globalen Markt noch nicht angeschlossen sind, oder weil sie sich diese nicht leisten könnten. Dazu kommt noch dass selbst bei der Möglichkeit einer veganen Ernährung mit lokalen Mitteln Veganerinnen ihre Kinder nicht stillen können und dann keinen Zugang zu Ersatzprodukten für Muttermilch hätten. Kann die Kirche wirklich etwas zu ihrem moralischen Anspruch machen, das sich nur ein geringer Bruchteil ihrer Gläubigen überhaupt leisten kann? Ganz abgesehen davon, dass es fragwürdig ist, ob ohne die Anbahnung einer ökologischen Katastrophe durch Entwaldung genügend Anbauflächen für die vegane Ernährung einer Weltbevölkerung vorhanden wären. Auf Weideland wächst nämlich häufig auch nichts, außer eben Gras.

Der letzte Ratschlag des Herrn Remele ist „Biofleisch“. Nun ist es tatsächlich so: ich würde gerne sichergehen können, dass die Tiere, deren Fleisch ich kaufe, unter vertretbaren Umständen gehalten werden. Was ich aber nicht möchte, ist dann noch die Ideologie, die hinter „Bio“ steht, gleich mit zu kaufen. Dazu gehört beispielsweise der Verzicht auf Gentechnik, künstliche Düngemittel und bestimmte medizinische Behandlungen, die keinen anderen Hintergrund haben als eine Mischung aus Antiamerikanismus, Angst vor Technologie und westlich-urbanisierter Romantisierung des Ackerbaus (Wer hierzu meine ausführlichere Meinung lesen möchte findet sie hier). Dabei sind die drei genannten Praktiken wichtige Faktoren bei dem Versuch, irgendwann den Hunger auf der Welt zu besiegen, indem Flächen effektiver und mit weniger Pestiziden und weniger wasserbelastenden Pflanzenschutzmitteln bearbeitet werden können. Biologischer Ackerbau ist quasi eine semireligiöse diffuse Ablehnung von Mitteln, die anderen Menschen das Leben retten könnten. Und somit in seinen (zugegebenermaßen: unintentionellen) Folgen christlichen Werten genau entgegengesetzt.

Der Mythos von der Naturfeindlichkeit des Christentums

Zusätzlich greift Herr Remele noch gleich auf den Mythos zurück, im Gegensatz zu beispielsweise polytheistischen Religionen sei der christlich-jüdische Kontext eher utilitaristisch gegenüber der Natur eingestellt und neige daher dazu, sie auszunutzen. Natürlich lässt er sich’s auch nicht nehmen, dazu gleich „macht Euch die Erde untertan“ zu zitieren.

Dabei handelt es sich um einen uralten religionswissenschaftlichen Mythos (aus den 60gern, um genau zu sein). Nicht nur muss man, um auf solche Ideen zu kommen offensichtlich noch nie ein Aquädukt gesehen haben und außerdem glauben, in einer Gesellschaft, in der man an einem eingetretenen Holzsplitter sterben kann, hätte man irgend ein anderes Verhältnis zur Natur als ein höchst misstrauisches, man muss auch ein sehr simplifiziertes Bild vom Christentum haben. Es gibt mindestens seit dem Mittelalter Texte, die den Menschen nicht nur zum Beherrscher der Natur machen, sondern ihn auch in die Verantwortung gegenüber derselben stellen, das galt ebenso für Tiere. Ja, es gab sogar Zeiten, da machte man Tieren Prozesse, wie man sie auch Menschen machte. Inklusive Anwalt. Es gibt sogar Hinweise dafür, dass Naturschutz – und damit auch Themen wie Vegetarismus und Veganismus – von Grund auf christlich inspirierte Erfindungen sind. Wer dafür Quellen möchte, kann das gerne auf rund 50 Seiten von mir bekommen, es ist nämlich Teilinhalt meiner Promotion. Generell ist es sehr schwierig, das frühere Verhältnis zwischen Mensch und Tier mit dem heutigen zu vergleichen und anhand dessen die Ältere zu kritisieren. Letztlich wusste man noch nicht so richtig, wie beide funktionieren, besonders im Hinblick auf die Verhaltens- und Hirnforschung.

Das Thema Fleischgenuss wird auch in diesem Fall ohne jedwede Überlegung im Bezug auf praktische Fragen geführt und läuft in den altbekannten Bahnen, statt sich auf die Entwicklung neuer Konzepte zu verlegen, die möglicherweise ja eine Bereicherung des Diskurses von christlicher Seite bedeuten könnten. Das Christentum in diese ohnehin schon überemotionalisierte und erhitzte Diskussion hineinzuziehen, in der Akteure unterschiedlichster Hintergründe und Motive versuchen Druck auf die Gesellschaft auszuüben, mag vielleicht ein imagepolitisch gesehen günstiger Kniff sein, weil es ja sonst nie auf der Seite des Guten und Schönen stehen mag, abkaufen wird ihm das von Seiten der „Guten und Schönen“ vermutlich sowieso niemand, kann ja nicht einmal Herr Remele auf das obligatorische zeitgenössisch-katholische Selbstzerfleischen verzichten.  Es ist also wieder einmal der typische Fall deutscher Kirchenkritik, die aus deutscher Sicht auf deutsche Probleme eingeht. Das sind dann logischerweise die berühmten „1.-Welt-Probleme“.

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