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Schluss mit dem Kinderficker-Mythos

Nach langer Zeit hat mich ein Erlebnis wieder so bewegt, dass ich darüber schreiben möchte.

Ich saß in gemütlicher Runde zum Abendessen, als plötzlich die Frage aufkam, was ein Ministrant sei. Noch bevor ich antworten konnte, kam die lakonische Antwort, das seien die Buben die am Altar stehen und die der Priester sich, wenn er Lust habe, nehmen könne.

Leider konnte ich nicht rechtzeitig reagieren, denn diese Aussage kam so plötzlich daher, wie sie wieder verschwand. Die Diskussion brandete einfach darüber hinweg, niemand war betroffen (und es wussten auch nur zwei Leute am Tisch, dass eine Katholikin anwesend war).

In den Jahren nach dem Missbrauchsskandal waren die Faschingssendungen voll mit Katholische-Priester-sind-Kinderficker-Witzen. Inzwischen ist der Witz nicht nur den Faschingssendungen entwachsen, er ist auch dem Witz entwachsen. Er ist zu einer Trope, einer Redensart geworden, die wiederspruchlos akzeptiert wird. Auch von Leuten, die sonst Aussagen mit gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit nicht akzeptieren.

Leider akzeptieren auch wir Katholiken diese Witzeleien viel zu oft. Dabei gibt es mehrere gute Gründe, wieso wir uns entschieden gegen sie wenden sollten, wieso wir uns gegenüber diesem Problem sensibilisieren sollten. Eine grundsätzliche Einlassung zum Thema Kinderfickerwitze.

  1. Der Witz verschiebt die Schuldfrage weg von den Tätern hin zum System – Eltern und manchmal sogar Opfer erhalten somit die Mitschuld

Vielen dieser Aussagen ist die diffuse Vorstellung gemein, dass das System Kirche Pädophilie fördere. Entweder, weil Zölibat und angebliche Prüderie dazu führen, dass Männer sich aus sexueller Frustration heraus an Kindern vergehen und Eltern bzw. Kinder zu verschämt sind, um über dieses Thema zu sprechen, oder, weil das System (ob unfreiwillig oder freiwillig) Pädophilen ein sicheres Versteck und im Zweifelsfall Schutz biete, weil es deren Taten unter den Tisch kehre.

Gemein ist diesen Ansätzen die Vorstellung, die Kirche bedinge, fördere und schütze die Misshandlung von Kindern strukturell. Die eigentlichen Täter, die Männer, die sich an den Kindern vergehen, haben somit keine andere Wahl, sie sind selbst Teil oder Opfer dieses Systems. Die Eltern hingegen sind diejenigen, die ihre Kinder diesem grausamen System aussetzen und sie aufgrund ihrer Indoktrination quasi den Priestern zur Befriedigung zur Verfügung stellen und dann auch noch die Taten vertuschen wollen. Betroffene Kinder sind zwar freilich Opfer, aber der Theorie nach wachsen sie ja, werden sie nicht rechtzeitig „da rausgeholt“, in der Kirche auf und setzen dann selbst ihre Kinder dem Missbrauch aus.

Diese Vorstellungsblase ist letztlich auch unmenschlich gegenüber den Eltern: Katholische Eltern sind Ungeheuer, die den Missbrauch ihrer Kinder gutheißen. Sie sind so indoktriniert, dass sie ihre Kinder nicht richtig lieben können. Die allermeisten Eltern werden aber in Wirklichkeit entsetzt und betroffen darüber gewesen sein, was ihren Kindern angetan wurde. Oft wird ins Feld geführt, sie hätten den Kindern nicht geglaubt, oder die Vorfälle verschweigen wollen, um den Priester zu schützen. Diese Mechanismen sind aber nicht exklusiv den Missbrauchsfällen in der Kirche vorbehalten. Gerade im allerhäufigsten Szenario für sexuellen Missbrauch, nämlich innerhalb der eigenen Familie, ist es nicht minder üblich, dass Eltern versuchen, die Täter zu schützen, welche sie lieben, schätzen und von denen sie sich nicht vorstellen können, dass sie solcher Monstrositäten fähig sind.

Dem System Kirche und somit auch den Eltern die Schuld an den Missbrauchsfällen zuzuschieben aber verlegt den Fokus ungut von den Tätern selbst fort. Es gibt keine Entschuldigung für einen Menschen, sich so an einem Kind zu vergehen, das ihm anvertraut wurde. Weder sexuelle Frustration, noch angebliche kirchliche Prüderie oder die Behauptung, die Täter wüssten, dass die Kirche sie damit schon davon kommen ließe, heben die Fähigkeit eines Menschen auf, sich willentlich zu entscheiden, Böses zu tun. Dass der sexuelle Missbrauch von Kindern böse ist, das hat die Kirche bereits vor den Missbrauchsfällen offen gelehrt und vertreten.

Es ist wichtig, solche Priester als echte Täter zu betrachten, weil bei ihnen die echte Schuld ist. Niemand hat sie zu ihren Taten gezwungen, die Kirche nicht, die Eltern nicht und ganz bestimmt nicht die Opfer.

  1. Es handelt sich um die systematische Diskriminierung sexuell inaktiver Menschen

Kehren wir zu einem der Argumente aus Punkt eins zurück, nämlich, dass der Missbrauch von Kindern eine Folge des Zölibats sei.

Themen, bei denen man über die Penisse religiöser Menschen reden kann, sind ja unglaublich beliebt. Von der Beschneidungsdebatte über die Vielehe bei den Mormonen bis hin eben zum Zölibat ist das nach wie vor ein echter Hit. Gekreuzt wird das mit dem aktuellen Zustand, dass die sexuelle Befreiung dem Sex zwar auf der einen Seite das Schmuddel-Image entzogen hat (zumindest behauptet sie das gerne von sich selbst), auf der anderen Seite aber somit Nicht-Sex als ungesund und prinzipiell verdächtig wahrgenommen wird. Man braucht nur den ein oder anderen Tatort mit katholischem Priester anzusehen, um zu begreifen dass einer, der sich freiwillig entscheidet, auf sein Sexualleben zu verzichten, nicht ganz dicht sein kann.

Vorurteile, die früher nur Homosexuellen entgegenschlugen, tauchen jetzt plötzlich wieder gegen Personen auf, die keinen Geschlechtsverkehr haben. Sie sind effeminiert, bzw. bei Frauen: maskulinisiert, in ihrer Kindheit sexuell traumatisiert worden, sie haben schlechte Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht gemacht/sind für dieses zu unattraktiv, oder/und sie sind in Wirklichkeit heimlich pädophil. Weniger progressiven Menschen ist es ja auch nicht zufällig ein besonderes Fußbad, Gerüchte darüber zu streuen, dass die meisten Priester schwul seien. Ich wage jetzt aber mal die Aussage, dass die „progressivere“ Variante, diese alte, hässliche Fratze der Homophobie jetzt einfach Asexuellen und freiwillig enthaltsam lebenden Menschen zuzuwenden, kein Deut besser ist.

Es ist gut, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der sexuelle „Devianz“ mehr und mehr akzeptiert wird. Homosexualität wird allmählich als natürlich gegebener Teil der menschlichen Verhaltenspallette anerkannt und nicht mehr gesellschaftlich sanktioniert. Es müsste doch auch möglich sein, dieselbe Akzeptanz Menschen entgegen zu bringen, deren Lebensentwurf oder sexuelle Neigung eben im Verzicht auf Sex liegt.

  1. Es verzerrt die Realität des sexuellen Missbrauchs und es zerstört Kindheitskulturen

Kindesmissbrauch ist definitiv kein primär kirchliches Problemthema. Am allerhäufigsten findet er im direkten Umfeld der Familie statt. Wäre das Fernhalten der Kinder von Risikosituationen ein sinnvoller Weg zur Prävention von sexuellem Missbrauch, dann müssten Eltern sie weniger von der Kirche fernhalten, als viel mehr von sich selbst, ihren Verwandten und engen Familienfreunden. Sexueller Missbrauch findet in Sportvereinen und Schulen statt, bei den Pfadfindern und in den Häusern von Spielkameraden, durch Männer und durch Frauen. Es ist falsch, Eltern das Gefühl zu geben, dass das Fernhalten ihrer Kinder von der Kirche, vom Sportverein, von fremden (männlichen) Erwachsenen diese vor Missbrauch schütze. Es ist falsch, Eltern das Gefühl zu geben, dass es überhaupt ihre Schuld sei, wenn sie ihr Kind unwissentlich irgendwo sexuellem Missbrauch ausgesetzt haben. Im Gegenteil: die Vorstellung, dass man sich nur genug einschränken muss, damit man Missbrauch vermeidet, verunsichert Kinder und Eltern. Unsichere Kinder hingegen sind leichtere Beute für Kinderschänder. Sie sind leicht zu beeinflussen und neigen dazu, sich selbst die Schuld zu geben, zu schweigen, sich nicht zu wehren.

Wer seine Kinder vor Kindesmissbrauch schützen will, sollte ihnen keine Angst vor Priestern, Sportlehrern oder dunklen Gebüschen einreden, sondern sie stärken, selbstbewusst machen und ihnen das Gefühl geben, auf ihrer Seite zu sein.

Der Schaden, den die omnipräsente Angst vor Kindesmissbrauch angerichtet hat – nicht nur in der Kirche – ist hingegen beachtlich. Viele Männer trauen sich nicht mehr, mit ihren eigenen oder fremden Kindern natürlich umzugehen. Sie fühlen sich unter Generalverdacht oder Beobachtung. Bei einem Vater, der seinem Sohn auf dem Spielplatz Klimmzüge beibringt, sieht die Gesellschaft ganz genau hin.

Einer unserer Pfarrer schlief bei einer Firm-Fahrt im Liegewagen nicht mit uns im Sechserabteil, sondern auf dem Flur – ein anderer musste beim Ministrantenwochenende bei 35 Grad im Schatten voll bekleidet am Ufer des Badesees auf uns warten, um sich vor Anschuldigungen zu schützen.

Auf der einen Seite ist es gut, dass unsere Gesellschaft ein Auge auf ihre Kinder hat. Die Art, wie sie es tut, ist aber wenig effektiv und sie entzieht dabei den Kindern die so wichtigen männlichen Bezugspersonen. Sportlehrer, Väter, Pfarrer, Lehrer, Onkel, Kindergärtner. Hinter den ach so harmlosen Kinderschänderwitzen steht ein komplexes Geflecht tiefster Verachtung von Menschen mit einem bestimmten Geschlecht, einer bestimmten Religion und einem bestimmten sexuellen Lebensstil. Das Männerbild, das Kinder bekommen, wenn sie in so einem giftigen Milieu aufwachsen, kann nur verheerend sein. Darunter leiden ganz gewisse alle. Nicht nur Priester

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Manchmal muss man laut werden (Aktueller Anlass)

Atwort auf Jobos Aufruf zum mäßigenden Umgang mit Henriette Rekers Armlängen-Debakel.

Wer Jobos Artikel lesen möchte, kann das hier tun.

Ich bin die letzte, die auf unbedacht gemachten, spontanen Statements herumhackt, die von Dritten (insbesondere Journalisten) mit Gusto falsch verstanden werden. Dazu gehört aber Henriette Rekers Armlängen-Statement nicht.

Zum ersten war es kein spontan, in der Überforderung getätigter Ausspruch, als man ihr ungeplant das Mikro unter die Nase drückte.
Das Statement ist einer Pressekonferenz entnommen worden. Als Bürgermeisterin einer der größten Städte Deutschlands erzählt Frau Reker auch nicht einfach etwas frisch von der Leber weg, weil es ihr gerade einfällt: das Statement hat vermutlich einen Coach, oder Berater oder Öffentlichkeitsteam durchlaufen.

Nicht nur das, es ist die Vorwegname eines geplanten, ausgiebigeren Verhaltenskatalogs für Frauen, der somit, ungeachtet seiner Nützlichkeit bereits einiges an Ernsthaftigkeit eingebüßt hat und zudem nichts mit der von Jobo formulierten allgemeinen Vernunft zu tun hat: Denn Reker richtet sich ausdrücklich nur und spefizisch an Frauen.

Das war kein Blooper, es war ein Ausfall eines ganzen politischen Teams auf ganzer Ebene.

Ebenso wenig ist die Äußerung nicht nur ungeschickt, weil sie gegen mögliche, für Außenstehende oft kaum zu durchschauende Richtig-Sprech-Codes der Feministenszene verstößt. Man braucht nicht mal „Rape-Culure“ oder „Victim-Blaming“ zu röhren.

Die Aussage ist auf der Basis der gewöhnlichen weiblichen Alltagserfahrung geradezu katastrophal. Das Leben vieler Frauen ist von panischen Vermeidungsstrategien in Bezug auf sexuelle Gewalt gezeichnet:

Frauen wechseln nachts die Straßenseite und trauen sich nicht alleine in Parkhäuser. Sie meiden es, den Fahrstuhl alleine mit einem fremden Mann zu nutzen, sie verabreden mit ihren Freundinnen, sich gegenseitig anzurufen, wenn sie spät Abends sicher zuhause angekommen sind. Sie bestellen nur kleine Biere, damit sie sie in einem Zug austrinken können, sie tragen Anti-Vergewaltigungshöschen. In München gibt es mehrere Clubs, in die viele Münchnerinnen nach eigenen Aussagen überhaupt gar nicht gehen. Es sind verlorene Orte, an denen Frauen bei Betreten das Recht an ihrem Körper verlieren, werden sie angegrapscht, dann ist das für die Security höchstens zum Lachen.

Viele Frauen leben ein Leben in Angst. Ob diese realistisch ist, oder nicht (die meisten sexuellen Übergriffe finden nicht durch Fremde sondern durch Verwandte und Freunde statt), sei dahin gestellt.

Henriette Reker muss das wissen. Es muss Teil ihrer Realität sein. Das Thema ist für Frauen allgegenwärtig und sei es nur über den Kontakt zu ängstlichen Freundinnen oder Bekannten. Es ist Teil von Kriminalromanen und Kaffeekränzchen. Ich wurde sogar einmal von einer älteren Dame in der Ubahn angesprochen, ob ich keine Angst hätte, spät Nachts alleine nach Hause zu fahren.

Henriette Reker hat einen absoluten Mangel an Empathie gegenüber ihren Geschlechtsgenossinen bewiesen, indem sie einen weiteren dummen Ratschlag in das Arsenal der paranoiden Selbstschutzstrategien panischer Frauen eingefügt hat. Angesichts einer allgemein angespannten Sicherheitslage wäre ihr Ratschlag zwar banal und dümmlich gewesen, aber nicht verheerend. Angesichts der geschliderten Problematik aber trägt sie zu einem spezifischen Frauenproblem bei, sie hat damit nicht Sicherheit vermittelt, sondern Angst geschürt.

Gerade, wenn sie als eine starke Frau eine ganze Stadt führt, ein Attentat überlebt hat, gibt sie sich eine unglaubliche Blöße, wenn sie sich jetzt an die Frauen einer ganzen Stadt wendet, wie ein besorgtes Muttchen an ihre Tupperfreundinnen.

Im Übrigen hat sie auch keiner um eine Lösung gebeten: sich mit den Opfern zu solidarisieren und die Täter zu verurteilen hätte zu diesem Zeitpunkt vollauf gereicht.

Deshalb sind all die lauten, wütenden, selbstbewussten Antworten wichtig und vollkommen korrekt, Zurückhaltung hingegen unangebracht: Die Stadt gehört ebenso den Frauen, sie brauchen kein Regelwerk, um sich darin korrekt zu verhalten. Ihre Sicherheit sollte aus ihrem Inneren kommen und durch alle Anderen Anwesenden garantiert werden.
Die Äußerung stützt, trägt und verbreitet eine ohnhin schon gefährliche Tendenz in der Selbstwahrnehmung vieler Frauen. Sie macht Angst, normalisiert diesen Angstzustand und bietet zusätzlich absolut unzureichende Verteigigungsstrategien (denn ich befürchte, ein kleines Heftchen wird nicht erklären, wie man im Alleingang einen 1000-Leute-Mob ausschaltet). Es ist nötig, sie zu übertönen, um zu zeigen, dass es genügend Frauen und Männer in der Republik gibt, die keine Angst haben und den öffentlichen Raum für sich beanspruchen, als einen sicheren, gemeinschaftlichen und angstfreien Aufenthaltsort.

 

PS: zur Nützlichkeit des zu erwartenden Ratgebers: Natürlich ist es hilfreich, gezielt in solchen Massenveranstaltungen Handreichungen zu geben, wie man sich im Ernstfall am Besten verhält, z.B. wo und wie man Hilfe erhält, ob es eventuell Schutzräume gibt, etc.

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Vaplödunk

Ser geeehrte Eminents,

Danke füa iren ser wichtign und Waren beitrak auf da deutschn bischhoffskonfarens. (z.B hia)
Üba die gefahrn des blokns wiard fil zu wenik aufgeklährt.
sehn si mich ann!!!!1!1! Seid jaren hap ich disn blok und jets bring ich kaum ein gradensatz raus.
Früa wolte ich dogtor werdn und jetz weis ich kaum wie fil uur es is!!!1€1!11! (weid ich doch!1!1 8:25!!!1!! Haha!!!!)
das alles nua weil dem doofn blok!
Und wen man so schaut wi der durschschnittlige telologistudend von da uni is, dan lesn di auch filzufilzufile bloken!!!21!1!
Di reinsde säuche dise schaissbloks! Am bestn vabittn!!!!!1!

Ihre, zutiefst enttäuschte, beleidigte und verwunderte
Bloggerin aus München-Freising

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Wer hat Angst vor der Bärtigen Lady?

Eine Verteidigungsrede für Conchita Wurst und wieso ich sie kein bisschen widerlich finde.

Okay, der Name ist vielleicht doch ein bisschen widerlich, aber das ändert nichts an einem Faktum: seit ich Conchita Wurst das erste Mal sah, war ich in sie verliebt und zwar auf die Weise, auf die man in einen Popsong verliebt ist oder in eine Comicfigur, also auf die Weise, die ihr in meinen Augen eigentlich gerecht wird.

Ich habe mich dagegen sogar ein bisschen gewehrt, denn ab der Sekunde, in der sie erfolgreich war wurde sie für die Zwecke verschiedenster Gruppen benutzt: Die Vertreter der Rechte für Homosexuelle feierten ihren Sieg als Zeichen dessen, dass sie mit ihrem Anliegen in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind, Begriffe wie Inter- und Transsexualität sorgten dafür, dass wiedermal Deutschlands nicht allzu zahlreiche Trans-Promis durch die Talkshows gezerrt wurden, Andere amüsierten sich darüber, dass Conchita ausgerechnet aus dem erzkatholischen und natürlich, da süddeutsch, komplett zurückgebliebenen Österreich stammte (das ja „nur“ seit Jahr und Tag den Life-Ball beheimatet), wieder Andere freuten sich einen Ast, dass Russland nicht nur schon wieder keinen ESC-Sieg kaufen konnte, sondern nun mit dem Leibhaftigen als Sieger konfrontiert wurde.

Unabhängig davon, wie legitim nun der einzelne Anlass zum öffentlichen Händereiben war, er ging an dem Grund vorbei, aus dem ich Conchita Wurst für eine Bombenidee halte.

Die Bärtige Lady ist Teil des westlichen Kulturguts

Die Bärtige Lady ist bereits älter als das Dogma der jungfräulichen Empfängnis Jesu. Schon Anfang des 19. Jahrhunderts zogen Frauen mit Bart in bunten Wägen der sogenannten „Sideshows“ durch die USA. Sie waren mit einer Krankheit geschlagen, durch welche ihre Behaarung, ähnlich wie die eines Mannes – oder sogar eines Wolfes – überall sprießte, sogar im Gesicht, und sich zu einem ordentlichen Vollbart trimmen ließ. Ihre Beliebtheit stand in keinem Verhältnis zur Angebotslage und deshalb ist es wohl vernünftig davon auszugehen, dass einige der Bärtigen Ladys in Wirklichkeit bärtige Gentlemen in Frauenkleidern waren.

Sie zogen in diesen Wagen herum, zusammen mit zweiköpfigen Kälbern, Jongleuren, starken Männern und zwergenwüchsigen Apachen. Aber im Gegensatz zu Schlangenbeschwörern und dem Schwarzen Mann mit dem Fußballgroßen Geschwür auf dem Rücken waren sie nicht nur oder sogar in geringerem Maße Gegenstand des Ekels, sondern die Leute bewunderten sie und dann graute ihnen ein bisschen vor der verruchten erotischen Note, die ihr anhing, auch, weil sie sich oft freizügiger kleideten als gewöhnliche bürgerliche Frauen und ihre weiblichen Reize gegenüber der maskulinen Haarpracht in Szene setzten.

Conchita und die Geschlechterrollen

Die puritanisch und viktorianisch beeinflusste Gesellschaft der USA des späten 19. Jahrhunderts ist eine der Quellen für unsere Vorstellungen von Geschlechterrollen. In dieser schwülen, fast hysterischen Atmosphäre war die Androgynie der bärtigen Lady eines der sexuellen Flucht- und Vexierbilder, das den Betrachter zugleich quälte und lockte. Sie vereinte in sich die beiden übersexualisierten Bilder des starken, entschlossenen, bis hin zur Homoerotik kameradschaftlichen Mannes und der mädchenhaften, liebevollen, mütterlichen Kindsfrau. Die bärtige Lady ist über-weiblich und über-maskulin, im Gegensatz zu anderen androgynen Figuren (z.B. Außerirdische in der Science-Fiction der 80ger Jahre), die keinerlei Geschlechtsmerkmale aufweisen.

Deshalb gehört sie auch nicht in eine Gesellschaft, in der die Geschlechterrollen allmählich verwischen, das ist meiner Meinung nach der grundlegende Irrtum der sie feiernden Gender-Mainstreaming-Verfechter.

Sie gehört in eine Gesellschaft, für die es immer noch verwirrend und deshalb unterhaltsam ist, mit einer Vermischung des Über-Männlichen und des Über-Weiblichen konfrontiert zu werden – auch, weil nur eine solche Gesellschaft logischerweise diese Technik überhaupt identifizieren kann.

Beispiele für die erneute Bestärkung traditioneller Geschlechterrollen können sein, dass der Vollbart wieder so in Mode ist und auch der Dutt der Ballerina, dass Frauen wieder taillierte Kleider und luftige Röckchen tragen und der Mann das schroff-maskuline Holzfällerhemd präferiert, ebenso die Hose, die so eng ist, dass man sie beinahe wieder in der Renaissance tragen könnte, oder auch, dass unsere Spielwaren immer stärker in rosa und blau aufgeteilt werden.

Denk doch mal einer an die Kinder!

Die Conchita-Gegner, die Derartiges wohl eher gutheißen würden, argumentieren ja gerne, dass die Konfrontation mit einer uneindeutigen Figur wie Conchita ganz schlimm und extrem verwirrend ist für Kinder. Ich weiß nicht, was für Verreckerl von Kindern diese Leute haben. Ich habe zum Beispiel als kleines Kind bei der Primiz meines Onkels konstatiert, dass dieser ein Kleidchen trage. Ich bin übrigens trotzdem heterosexuell, ich habe auch nicht geweint oder gefragt, ob ich nicht lieber zwei Mamis haben kann (vielleicht war ich ja auch das tougheste Kind der Welt, wer weiß).

Meine Mutter ging auf den Gemeindefasching als bärtiges Sandmännchen und wurde trotzdem hereingelassen.

Dann gab es auch noch diese Geschichte von der Heiligen Johanna, die von Gott inspiriert einen Harnisch anzog und gegen die Briten in die Schlacht zog, die ich einfach für die coolste Heilige auf Gottes Erde hielt.

Immer noch Hetero. Keine Sorge, ich bin nicht naiv, ich bin auch der Meinung, dass Unterricht zur sexuellen Diversität während der Pubertät noch früh genug einsetzt, mitunter, weil dieses Thema Kindern bis dahin ziemlich egal sein sollte. Wer Kinder aus Regenbogenfamilien oder Jungs in Strumpfhosen auf dem Schulhof hänselt sollte im Rahmen der Schulvorschriften eine auf die Mütze kriegen und damit hat es sich.

Denk doch  lieber mal einer an die Erwachsenen.

Aber meine These ist ja, das dass alles vorgeschoben und reine Projektion ist: Conchita macht Erwachsenen weit mehr aus, als Kindern. Kinder finden das genauso lustig, wie eine Kindergärtnerin, die sich einen Bart angeklebt hat oder ihren Onkel in Sutane oder ihre Mutter als Sandmann. Sie merken zwar, dass hier aus zwei Kategorien vermischt wird, nämlich männlich und weiblich, aber sie finden es deshalb einfach nur lustig, weil sie sich davon nicht angegriffen fühlen.

Angegriffen fühlen sich davon Erwachsene, die ihr einerseits zu viel Bedeutung beimessen und andererseits nicht mit den Gefühlen umgehen können, die Conchita bei ihnen auslöst.

Ich habe aus mehreren Interviews mit Conchita den Eindruck gewonnen, dass sie zwar weiß, dass sich an ihrer Person ein moderner Krieg kondensiert, aber dass ihr das eigentlich auch ziemlich egal ist, mal abgesehen von der zusätzlichen, selbstverständlich lukrativen Aufmerksamkeit. Des weiteren habe ich den Eindruck gewonnen, dass sie eine reizende, höfliche, freundliche Person ist. Sie blieb zum Beispiel höflich, als sie betonen musste, dass ihre Eltern ihr Kind lieben, obwohl sie, wie Maischberger sich mehrfach nachzubohren entschied, österreichische Dorfbewohner sind. Ebenso wenig, wie Conchita selbst daran glaubt, dass sie die Welt umkrempeln wird, glaube ich daran, dass sie es tun wird. Die Figur wird mit allem, was in sie hineininterpretiert wird überfordert und überstrapaziert. Wie Nicole ist auch sie „nur ein Mädchen, das sagt was es fühlt“. Nur nicht so läppisch. Und mit Bart. Und besser angezogen.

Die andere Seite ist der persönliche Ekel, die Abscheu, die viele Personen Conchita gegenüber empfinden. Dies klingt nun nach einer alten linken Weisheit, aber ich denke, das Problem dieser Leute ist eher ein Persönliches. Es fällt ihnen schwer, zu akzeptieren, dass Conchita eine ziemlich hübsche Frau ist, schlank, gut angezogen, mit traumhaftem Haar, großen, dunklen Augen, einer samtweichen Stimme und sie sie attraktiv finden obwohl, oder noch schlimmer, sogar weil, in ihrem Gesicht dick und fett der Bart prangt. (Umgekehrtes gilt freilich für angeekelte Frauen) Für diese Personen scheint es mir elementar, sich selbst zu vergewissern, dass sie hundertprozentig hetero sind, denn das ist für sie identitäts- und wertebildend.

Mein Gott, lacht doch einfach mal.

Aber diesen inneren Konflikt abzubauen, indem sie, wie ihre Viktorianischen Vorgänger, einfach lachen, eine Reaktion, mit der zwar Conchitas politische Fürsprecher nicht zufrieden wären, Conchita selbst aber mit Sicherheit absolut glücklich (zur Erinnerung: sie ist Entertainerin), das können sie nicht mehr, eben weil diese Figur politisch derart aufgeladen wurde. Nein, hier geht es plötzlich um’s Ganze, um das Leben unserer Kinder, um die Verschwulung der Entertainmentindustrie oder den Fall Europas. Deshalb können diese Leute sich ansehen, wie ein männlicher Balletttänzer die böse Fee in Dornröschen tanzt oder ein männlicher Sänger die Hexe in Hänsel und Gretel singt, oder ihre Spezl’n am Fasching Männerballett machen, weil sie sichergehen können, dass sich hier keiner auf eine politische Botschaft stürzen wird und dass sie bei diesem unschuldigen, akzeptablen Kunstgenuss nicht in den Verdacht kommen werden, schwul zu sein. Obwohl es gewiss kein Zufall ist, dass Humperdinck und Tchaikovski Zeitgenossen der bärtigen Lady waren…

Aber zurück zum Thema: wenn die Bärtige Lady bereits zeigte, wie verkrampft der Umgang in den USA mit Geschlechterrollen war, was zeigt dann erst Conchita?

Darin liegt ihre Genialität, ein uraltes Prinzip anzuwenden auf eine Gesellschaft, die glaubt, sie hätte sich modernisiert und entspannt und dabei in Wirklichkeit zu zeigen, dass eigentlich alles nur noch schlimmer geworden ist. Conchita ist nicht nur selbst Entertainerin, sie öffnet eine Arena, in der sich unser hysterischer Diskurs perfekt selbst lächerlich macht. Und das trifft sowohl auf diejenigen zu, die sie für ihre übertrieben Gender-Gemainstreamte Agenda instrumentalisieren, als auch auf jene, die vor ihr erzittern und versuchen, sie wieder von den Bildschirmen zu vertreiben.

Conchita Wurst ist das Beste, was der deutschen Medienlandschaft passiert ist, seit Hallervorden das erste Mal den Witz von der Flasche Pommes erzählt hat.

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Die Kirche verreckt an Leuten, die glauben, ihre Sprache wäre ihr Problem

Eigentlich wollte ich meinen heutigen Blogbeitrag über eine Veranstaltung der Janusz-Korczak-Akademie München schreiben, in der es um das Israelbild in Deutschland geht. Aber jetzt stolperte ich zum wiederholten Male über diesen Beitrag hier:

http://erikfluegge.de/die-kirche-verreckt-an-ihrer-sprache/

Kirchenleute teilen ihn wie bekloppt und viele davon finden ihn auch noch gut. Erik Flügge macht etwas, das ich auch mache, er bentutz „krasse“ Wörter wie „verrecken“. Das fände ich vom Prinzip her gut, aber den Inhalt dieses seines Posts halte ich für ziemlich banal und altbacken.

Das ist ja auch der Grund, wieso ihn all jene, an die er sich eigentlich kritisch richtet, so begeistert teilen. Die Idee, dass die Kirche volksnäher werden und an jeden eine verständliche Botschaft richten müsse ist ca. 150 Jahre alt. Das ist schon in der Romantik eine Phantasie des Priesterstandes gewesen. Alter Käse ist es also und müßig ist es noch dazu, denn in dem Moment, in dem sich die Kirche eine bestimmte Sprache zu eigen macht ist sie, gerade deshalb, uncool und er Mühe, sich mit ihr zu beschäftigen nicht mehr wert. Das haben wir ja bereits nach der Liturgiereform in den 60ger Jahren  beobachten können.

Menschen sind nämlich meiner Erfahrung nach durchaus bereit, sich in die Sprache anderer Systeme einzudenken, sofern sie sich für sie interessieren. Da draußen laufen Leute herum, die zum Spaß klingonisch und elbisch gelernt haben und dann soll das bisschen Theologensprech, mit dem man nota bene von der Kanzel herab eh seltenst in Kontakt kommt, das Problem sein?

Nein, das Problem sind die Inhalte. Denn unsere an der warmen Brust der Universität genährten Priester und Pastoralreferenten denken wie vor 150 Jahren noch pausenlos nur über sich selbst nach.

Während die Gemeinde weder aus noch ein weiß, wegen der Aktivitäten Russlands, wegen der ISIS, wegen der Terrordrohungen gegen christliche Gemeinden, wegen der Frage nach der Unterbringung und dem Umgang mit den Flüchtlingen, freuen sich die Herren in den Sakristeien (und nicht nur die) halb tot, dass ein Theologiestudent ihnen bei ihrer rituellen Selbstgeißelung assistiert.

Die Kirche verreckt an der Irrelevanz ihrer Selbstkritik.

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Das Kreuz mit dem Fasten

Die Kirche wehrt sich gegen den Weihnachtsmann und Coca Cola, die steigenden Preise für Ostergeschenke und allen möglichen „Kommerz“, der um ihre Feste getrieben wird – was ist mit der Kommerzialisierung des Fastens?

Als Freundin des Kapitalismus (solche gibt es noch unter Katholiken – sorry Franzl) fällt es mir schwer, mich über die Kommerzialisierung von irgendwas aufzuregen.

Klar, es kotzt mich an, dass es schon vor Aschermittwoch Ostereier zu kaufen gab und auch, dass diverseste amerikanische Jodelschnepfen nichts besseres zu tun haben, als jedes Jahr Schicht um Schicht Zuckerguss auf das aufzutragen, was in den USA noch von Weihnachten übriggeblieben ist, auch das nervt. Allein: Keiner zwingt mich, das alles zu konsumieren.

Das, worüber ich spreche, ist ein anderes Problem.Während Ostern und Weihnachten irgendwie als Jubelfeste immer auch mit wohligem Konsum verknüpft waren – Weihrauch, Goldgewänder, Gänsebraten – war es die Fastenzeit nicht.

Die Vermarktung des Fastens

Die Fastenzeit ist genau das Gegenteil von Es-mir-gutgehen-lassen. Aber trotzdem scheint das niemanden davon abzuhalten, mir ständig Dinge verkaufen zu wollen, die mich fitter, schöner, schlanker, mehr Ich-selbst, entspannter, aufmerksamer, also: zu einem halbgöttlichen Wesen machen sollen.

Da ist zum Beispiel der Green-Smoothie- und Power-Food-Hersteller „Charlie Green“, bei dem eine Bekannte von mir entweder tätig war oder aber sie hat so viele grüne Smoothies konsumiert, dass sie inzwischen nicht nur Nieren-, sondern auch Hirnsteine hat, denn sie postete dauernd irgendwelche Werbung für dieses semireligiöse (in den Smoothies ist „kondensiertes Sonnenlicht“…) Menschen-Kraftfutter, unter anderem die Behauptung, ein Cleanse, bei dem man sich über Tage hinweg nur noch von püriertem Obst und Gemüse ernährt, sei quasi eine modernere Form des Fastens. Danach fühle man sich befreit, entschlackt, voller Energie, nebenbei nehme man noch ab und bekäme einen Blick für das Große und Ganze und all das garantiert ohne Hungern. (Fliegen kann man leider nicht, das schafft nur der rote Bulle).
Das muss man ja nicht kaufen, könnte jetzt der aufmerksame Kritiker sagen, der den ersten Absatz gelesen hat. Muss man auch nicht, denn das Problem ist: es ist ansteckend.

Die Idee des „wirtschaftlichen“ Fastens wird unreflektiert übernommen

Von der Kanzel und im Pfarrgemeinderat kann man genau die gleichen Versprechen hören: „Im Fasten gewinnen wir Stärke, weil wir den Blick für das Wesentliche schärfen.“, „Ich mach ja Heilfasten. Fünf Kilo sind schon runter.“ „Auf unserer Exerzitienwoche wollen wir unsere Achtsamkeit und den Blick für uns selbst üben.“ „Fasten heißt nicht hungern, Fasten heißt, sich vom Überflüssigen befreien.“

Analysieren wir aber solche Aussagen, dann geht es bei all diesen Fastenübungen um mich, mich und nochmal: mich. Genau wie von Charlie Green soll ICH schlanker werden, soll ICH aufmerksamer werden, soll ICH rein werden, also ein… halbgöttliches Wesen. Nun leugne ich nicht, dass Fasten eben einen positiven Effekt auf Körper und Geist haben kann und dass Fasten auch noch aus mehr besteht, als dem bloßen Verzicht. Aber diese Überbetonung der Ausrichtung auf die Selbstverbesserung schmeckt mir noch weniger, als Radieschenkraut mit rohem Wirsing und Arganöl.

Ein Professor für Religionswissenschaft an der LMU hat eine interessante Theorie, nämlich, dass es zwei Formen von Religiosität gibt: solche, die wirtschaftlich denken, solche, die bewusst gegen wirtschaftliches Denken verstoßen und drittens deren Mischform: solche, die vom Prinzip her wirtschaftlich denken, aber den ökonomischen Exzess, die Verschwendung, das Opfer, in bestimmten eng umrissenen Rahmen zulassen, quasi die regulierte Unwirtschaftlichkeit. Die Fastenzeit war mal so eine regulierte Unwirtschaftlichkeit. Man selbst opferte, man brachte Zeit, Mühen und Energie auf und es brachte: NICHTS. Es war komplett sinnlos, es MUSSTE einfach so sein, deshalb tat man es auch. Es war letztlich eine Entäußerung des Menschen, im wahrsten Sinne des Wortes.

Aber aus irgendeinem Grund können wir das nicht mehr. Wir verkaufen unser Fasten, wir verkaufen es anderen und uns selbst, wenn wir es tun, um uns zu dienen, wenn wir es tun, um eine bessere Version von uns selbst zu werden. Dann fasten wir so, wie ein Unternehmen, das sich „verschlankt“ um effizienter zu werden.

Aber die menschliche Seele lässt sich, egal, was die Tausenden von Psychoratgebern da draußen verzapfen, nicht entschlacken.

Weil sie genauso wenig Schlacken hat, wie der Körper.

Als Kritik an älteren Fastenregeln wird oft hervorgebracht, dass sie dem Menschen vermittelten, dass man sich das Heil durch regelgerechtes Verhalten erkaufen konnte, dass sich die Sünden wegfasten ließen, dass das Fasten als Strafe betrachtet wurde. Aber was genau ist denn nun der Unterschied zwischen dem „Überflüssigen“ und „Sünden“, „Achtsamkeit und innerem Frieden“ und dem „Heil“? Sind das nicht einfach nur hippere Vokabeln? Der moderne Mensch bestraft sich in seinem Fasten immer noch für den Exzess, für den unnötig vollen Kleiderschrank, für den Besuch bei Burgerking und die Grummeligkeit gegenüber dem Nachbarn. Er ist nicht klüger, nur weil er es geschickt psychologisiert.

Fasten stellt uns aber eigentlich an einen Abgrund, wir bekommen einen kurzen Geschmack auf die Leere, auf das Nicht-sein, das gekürzt und ausgelöscht-werden, weil Fasten heißt: einfach weg-lassen, weg-geben, fort-werfen, ohne etwas dafür zurückzubekommen. Das Opfern und Auf-opfern ist letztlich so etwas, wie die Miniaturvariante des Todes. Und die müssen wir erleben, bevor wir Ostern erleben dürfen, dass es letztlich eine Gnade ist, dass wir vielleicht doch nichts vergebens tun, wenn wir uns geben.

Wer aber immer nur auf seinen Nabel guckt, der sieht nicht den Abgrund. Und er sieht auch nicht die aufgehende Sonne.

Anmerkung: natürlich behaupte ich nicht, dass man von Charlie Green Smoothies Nierensteine bekommt, ich habe auch nicht die ausreichende medizinische Expertise, um dies zu belegen. Lediglich wollte ich anmerken, dass der Gesundheitseffekt grüner Smoothies umstritten ist.

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Schamhaftigkeit und andere Laster

Ist ja klar, dass ein katholischer Blog sich über einen Vorstoß im Sexualkundeunterricht aufregen muss. Denken sich jetzt vielleicht viele.

Dieser katholische Blog hingegen regt sich zwar über diesen Vorstoß auf, aber er nimmt dabei eine andere Stoßrichtung, wie ich hoffe.

Dass die Pläne Sielerts Lehrer zum sexuellen Missbrauch von Schülern ermutigen können (Missbrauch geht übrigens auch ganz ohne Soutane), dass das Recht von Eltern über die Erziehung ihrer Kinder zu entscheiden hier mit Füßen getreten wird, weit über das normale und selbstverständlich notwendige Maß schulischer Wissensvermittlung hinaus, das ist ja alles bekannt und wird in der FAZ korrekt kritisiert. Ich möchte aber noch auf etwas anderes hinaus.

Sexualkundeunterricht ist nicht NICHT das Werk des Teufels

Wie bereits an anderer Stelle erwähnt, sollte es aber auch klar sein, dass Sexualkundeunterricht per se sinnvoll ist, auch, um Verhütungsmethoden zu vermitteln. Die Argumentation, dass es falsch ist, Jugendlichen beizubringen, wie man Kondome benutzt, weil es der Sexualmoral der Kirche widerspricht, halte ich für fragwürdig. Nur, weil man lernt, wie etwas funktioniert, muss man es ja nicht benutzen: Jugendliche lernen ja auch, dass es gefährlich ist, sich Fixernadeln zu teilen, doch deshalb beschwert sich auch keiner darüber, dass die Kinder zum Heroinkonsum ermuntert würden. Das halte ich schlichtweg für eine Erziehungsfrage, die in der Verantwortung der Eltern liegt.
Wer was wann wo wie mit wem machen kann, darf, oder soll, hat hingegen nichts im Biologieunterricht zu suchen. Besonders haben Sätze wie „das ist ganz normal, dafür brauchst Du Dich nicht zu schämen“ meiner Meinung nach weniger die Wirkung, dass Jugendliche, die „normal“ sind, sich weniger schämen, sondern, dass Jugendliche, die derartiges – aus welchen Gründen auch immer – nicht fühlen oder tun sich noch viel mehr schämen.

Die soziale Dimension von Sexualität gehört dann natürlich in den Sozialkunde- und Geschichtsunterricht. Sexuelle Befreiung, die Rechtsbewegungen für Homosexuelle, Transgender, etc. (man verzeihe mir, dass ich zu faul bin, um den Sermon abzutippen), der Pillenknick, Gender-Mainstreaming, Schwierigkeiten bei der Verbreitung des Kondoms in Afrika usw. usf. All das kann, darf und soll man im Unterricht diskutieren und zwar mit Jugendlichen, die ein entsprechendes Alter erreicht haben, um zu wissen, worüber sie reden, zumindest theoretisch. Die Sexualmoral selbst hingegen gehört dann in den Ethik, Philosophie und/oder Religionsunterricht. Es ist nicht die Aufgabe des Staates, Kindern beizubringen, mit wem sie ins Bett gehen dürfen oder nicht.

Das Wörtchen „normal“

Das, worum es hier aber in der FAZ geht, ist der Versuch, nicht nur das Thema Gleichstellung in alle Bereiche der Schule zu tragen – als ob Jugendliche nicht schon oft genug an Sex denken würden – sondern der Versuch, Kindern in möglichst jungen Jahren Scham abzutrainieren und ihnen das Gefühl anzutrainieren, dass es richtig, ja normal und wünschenswert ist, sexuell zu empfinden.

Letzteres klingt doch eigentlich voll okay, aber das Problem wird deutlich, wenn man es negativ formuliert: nicht sexuell zu empfinden wirkt plötzlich anormal. Für Spätzünder (wobei allerdings die Pläne sich ja schon auf 9-11jährige beziehen) oder Asexuelle ist das ein ernstes Problem. Wenn man mit 11 schon eingetrichtert bekommt, dass ein normaler Mensch eben Sex zu haben hat, dann geht einem spätestens mit 14 die Muffe, wenn keiner mit einem schlafen möchte, oder, noch schlimmer, man selbst keinerlei Lust dazu verspürt.

Lustlosigkeit immer mehr zu pathologisieren („Erfindung“ der erektilen Dysfunktion zur Vermarktung von Viagra, beispielsweise) und sozial zu ächten ist für mich genau das Gegenteil von sexueller Befreiung oder einem „natürlichen“ Umgang.

Schamhaftigkeit und andere Laster

Doch kommen wir zum Abtrainieren von Scham, denn das ist für mich der erhebliche Knackpunkt: wieso genau ist Scham etwas Schlechtes? Die meisten unangenehmen menschlichen Empfindungen haben, in der richtigen Dosis, durchaus ihren Sinn. Angst schützt vor Gefahren, Trauer schafft Bindungen und begleitet Ablöseprozesse. Dass die Scham als das Nicht-preis-geben-wollen bestimmter Persönlichkeitsaspekte einen negativen Beiklang bekommen hat, erklärt sich mir nur äußerst mangelhaft. Aus irgendeinem Grund wird so getan, als wäre Scham identisch mit dem Wunsch, eben diese verborgenen Persönlichkeitsaspekte loszuwerden. Das stimmt aber eben nicht immer. Gerade im Bereich des Körperlichen schämen wir uns für Dinge, obwohl wir wissen, dass alle sie tun oder haben – wir wissen alle ganz genau, dass jeder auf den Topf muss. Wir wollen es nur nicht in einer Gruppe von Gleichaltrigen und unter Anleitung durch den Lehrer tun. Wir wissen alle genau, dass die anderen unter ihren Klamotten nackt sind. Das ist kein Grund, sich auszuziehen.

Ich gehe noch einen Schritt weiter: ich vermute, dass Scham, obwohl ich nicht leugnen möchte, dass ihr Gegenstand kulturell verschieden ist, eigentlich eine ganz natürliche, normale Empfindung ist (es ist ganz natürlich, dass Du Dich schämst, dafür brauchst Du Dich nicht zu schämen ;) ). Denn trotz sexueller Befreiung, sexualpädagogischer Kinderbücher, FKK-Stränden und der Generation Porno grölen immer noch die Jungs wie ein Rudel Brüllaffen und die Mädels werden rot und gucken weg, sobald zum ersten Mal die Seite mit den anatomischen Bildern im Biobuch aufgeschlagen wird.

Doch man braucht nicht einmal ein Kind zu sein, um ein gesundes Schamgefühl zu haben: Ich glaube kaum, dass, einmal abgesehen von den Enthemmten aus der Sexualpädagogik, irgendein Erwachsener vor einer Gruppe ihm flüchtig bekannter Mitarbeiter seine Lieblingsstellung vortanzen möchte. Wieso sollte das also einem 11jährigen Kind leichter fallen?
Vielleicht – und ich gebe zu, dass das eine gemeine Unterstellung ist – vielleicht sind die Herren Sexualpädagogen ja selbst so ausgehungert, dass sie die Schuld dafür bei der Gesellschaft suchen. Nicht etwa sie sind möglicherweise abstoßende Charaktere, vergraben in ihren abstrusen Ideen und zerknautschen, nach Räucherkerzen und Studentenparties muffelnden Anzügen, sondern die Bevölkerung ist einfach zu prüde, um sie mit genug Sexualpartnern zu versorgen: Weg mit der Schamhaftigkeit und mehr anspruchslose Bumsobjekte für abgeflippte Sexualpädagogen! Das ist eher albern, als bedenklich. Gruselig wird es dann, wenn einige dieser Herren ihr Bemühen darauf legen, dass Kinder möglichst früh Teil der „freiwillig“ sexuell aktiven Bevölkerung werden.

Doch zurück zur Scham: Scham ist die Hemmung des Menschen davor, vor Fremden sein Innerstes nach Außen zu kehren, es ist die Angst vor Angreifbarkeit und deshalb ist es ein Gefühl, das man respektieren muss, statt es auszutreiben.

Um Scham abzubauen braucht es Vertrauen und Liebe. So herum wird auch ein Schuh daraus: man liebt nicht, weil man sich nicht schämt, sondern man schämt sich nicht, weil man liebt.

Aber dass Sex etwas mit Liebe zu tun haben könnte, liegt ja weit jenseits der Vorstellung solcher Sexualpädagogen. Deshalb ist Scham für sie auch ein schlechtes Gefühl, sie hindert den Menschen nämlich daran, zu tun, wonach solchen Sexualpädagogen gerade ist und das darf nicht sein.
Das Wörtchen „natürlich“

Dieser Zustand wird mit dem zeitgenössischen, wenn auch nicht gerade neuen Kampfbegriff „unnatürlich“ belegt. Unnatürlich gehört im Grunde mit Begriffen wie „faschistisch“, „populistisch“ oder „mittelalterlich“ in eine Kategorie. Eigentlich bedeuten sie gar nichts, außer „schlecht“. Wenn der Mensch Teil der Natur ist, wie es ja eigentlich inzwischen die weit verbreitete Auffassung ist, wie kann er dann unter Bearbeitung anderer der Natur zugehöriger Dinge etwas Unnatürliches hervorbringen? Ohne die Annahme von etwas Übernatürlichem kann es auch nichts Unnatürliches geben. Doch selbst, wenn man diesen zugegeben etwas metaphysischen Gedanken bei Seite lässt, lassen sich die Pole Natur-Kultur nicht aufrecht erhalten (z.B.: ab wie viel Bearbeitung wird etwas Natürliches unnatürlich? Z.B.: sind gekochte Biokartoffeln unnatürlich? Wenn nein, wieso sind es dann gefrorene?), geschweige denn die Zuteilung von gut und böse. „Natürlich“ wird blindlings da gebraucht, wo „sanft“, „schonend“, „angenehm“ und „gesund“ gemeint ist, als ein Werbewort eben, nicht nur für Fußcreme, Erkältungspillen und Urlaub in Baden, sondern auch für Pädagogik.

Wie bereits erwähnt, ist es, wenn man frei festlegen kann, was natürlich ist oder unnatürlich, auch ein Kinderspiel zu behaupten, der Naturzustand müsse gegen den Willen der Betroffenen, unter größten Anstrengungen hergestellt (nein: wiederhergestellt) werden, was ja eigentlich widersinnig ist: wieso sollte man Natürlichkeit unter Mühen einüben müssen? Sollte sie sich nicht… naja, von Natur aus einstellen? Eine Argumentation, dass vielleicht Kultur nicht immer die schlechteste Angelegenheit ist, wird damit natürlich auch zur Ungeheuerlichkeit.

Der Einzige, der den Rittern der „Natur“ dabei noch einen Strich durch diese Milchmädchen-Rechnung macht, ist die Natur selbst. Und die lässt Kinder regelmäßig ihren Pädagogen den Stinkefinger des Desinteresses zeigen.

— Disclaimer: dieser Beitrag bezieht sich auf den Artikel in der FAZ. Keineswegs würde ich behaupten, dass Sexualpädagogen vom Prinzip her müffeln und seltsame Neigungen haben —

— Disclaimer II: Da dieser Beitrag vermutlich noch nicht genug Googler auf der Suche nach Pornographie anzieht: Sex, Sex, Sex. Danke für Ihre Aufmerksamkeit —

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