Archiv der Kategorie: Religion und Politik

Über Biotechnologie und Barmherzigkeit

Vor einigen Wochen veröffentlichte Bavarikon – eine Online-Datenbank für Schrift- und Bildzeugnisse der Bayerischen Geschichte – Bilder, die Experimente bezüglich der Düngung mit Kalisalz dokumentieren.

Für viele mögen diese Bilder in den Bereich „special interest“ fallen. Dabei sind sie ein deutliches Signal an die heutige Gesellschaft.

Ein Landwirt aus Unterfranken demonstriert die verdreifachte Kartoffelernte.

Was die bayerischen Landwirte da auf ihren bescheidenen Höfen, in ihren Scheunen demonstrieren, ist eine Chance für fünfeinhalb Millionen. So viele Einwohner hatte Bayern Anfang des 20. Jahrhunderts, als diese Bilder aufgenommen wurden.

Der Hass der Satten auf den Hunger

Seit Ende des 18. Jahrhunderts wächst die Bevölkerung Bayerns. Sie wächst rasant. Alle dreißig Jahre um eine Million.

Die Menschen sind in vielen Gegenden Bayerns arm, für ihre Versorgung reichen die Felderträge des Landes kaum aus. Die Menschen in den strukturschwachen Regionen fliehen aus der ländlichen Armut in die Städte. Die Zahl der Bettler, Berufskriminellen und Armenhäusler schwillt an.

Viele der bessergestellten Bürger begegnen den Massen mit Ekel. Abhandlungen werden geschrieben, darüber, dass die Vermehrung dieses sozialen Abfalls dringend gestoppt werden müsse. Es fehle diesen Schichten an Anstand, Bildung, Vernunft, Disziplin. Deshalb setzten sie weiter sinnlos Kinder in die Welt, die dem Staat und den Wohltätigkeitsvereinen die Haare vom Kopf fressen. Diese Autoren legen den Grundstein für die Legitimation der Vernichtungslust des NS-Regimes.

Sie beschreiben Hungersnöte gar als natürliches Ereignis, welches dem ungebührlichen Wachstum der niederen Schichten in regelmäßigen Abständen die so dringend benötigte Grenze setze, nachdem der Mensch in seiner Dreistigkeit für dasselbe durch bessere Lebensumstände gesorgt habe. Die Regierung erhöht Anfang des 19. Jahrhunderts die Gebühren für Eheschließungen, in der Hoffnung die Geburtenzahlen zu senken.

Praktisch durch alle gesellschaftlichen Gruppierungen der gebildeten Schichten Deutschlands hinweg, bei Aufklärern, Katholiken, Protestanten und Atheisten brachen sich Misanthropie, materialistisch-unempathische Gesellschafts- und Menschenbilder und bürgerlicher Standesdünkel ungebremst Bahn. Bürgerliche Wohlfahrtseinrichtungen wurden belächelt oder gar als Teil des Problems betrachtet.

Nicht weniger feindselig trat man auch denjenigen entgegen, die versuchten, technische Lösungen für das deutsche Ernährungsproblem zu finden. Eindrucksvoll zeigt sich diese Haltung bei der Ursachensuche für die Hungerkrise, die 1816/17 durch einen Vulkanausbruch hervorgerufen wurde.

Ausgerechnet die neu entwickelte moderne Fruchtfolge, welche Erträge in ganz Deutschland hatte verbessern können, wurde jetzt als „unnatürlich“ und „den Boden auslaugend“ verdammt. Man erfand eine krude Theorie über ein energetisches Missverhältnis von Himmel und Ackerboden, das zu den heftigen Regengüssen geführt habe. Andere hingegen glaubten gar nicht an eine Missernte und spuckten Hass und Galle auf Juden, Franzosen, Österreicher, Aufklärer, Jesuiten und/oder Montgelas‘ Wirtschaftspolitik.

Was wir auf den Bildern sehen können, ist der Triumph über den Dünkel, über jene Satten, die den Hungernden das Leben nicht gönnten. Mit der durch Justus von Liebig erfundenen Kalidüngung stiegen die Erträge bis ins Jahr 1913 um bis zu 90%.

Der Hunger war besiegt. Für alle. Die neue Technologie würde mehr Leben retten als zwei Weltkriege zu rauben im Begriff waren.

wp_20140127_001

Mein Urgroßvater Sebstian Räuschl auf seinem Hof in in Milbertshofen (zwischen den Weltkriegen).

Nichts gelernt

Doch die Technophobiker, die Forschrittsverweigerer und Menschenhasser sind nicht verschwunden, und ihre Rhetorik ist es auch nicht.

Im Angesicht des Klimawandels und der Globalisierung sind unsere Herausforderungen heute gewachsen.

Wieder ekeln sich Menschen vor der Armut und dem Lebenshunger der anderen, besonders gerne auf globaler Ebene.

„Chinas Hunger nach Fleisch“, wird getitelt, oder „Indiens neue Lust am Fahren“. Unerhört ist es dem Deutschen, dass andere es auch so bequem und schön haben wollen, wie er. Da bräuchten wir ja zwei Erden! Besser wäre es, sie lernten seine (eingebildete) Zurückhaltung – mit dem Babymachen, dem Energieverbrauch, dem Autofahren und dem Fleischkonsum.

Wieder wird der Begriff des „Natürlichen“ in den Raum gestellt. Der Chinese solle doch bitte bei seiner angestammten tierproduktarmen Ernährungsweise bleiben und aufhören, sich so viele Autos zu kaufen, statt den Fehler der Deutschen zu wiederholen. Die globale Plebs möge doch bitte im ihr zugedachten Authentizitätsrahmen verbleiben.

Wer versucht, das Problem anders als durch zwangsweise Disziplinierung der gesamten Menschheit zu lösen, wird mit Feindseligkeit und Argwohn beobachtet.

Sollen sie doch Kuchen essen

Dass die Kulturbanane als Klon nur durch Gentechnik zu retten ist, ist egal, denn der Deutsche ist nicht darauf angewiesen. Sollen die Inder doch Äpfel vom Bodensee essen. Bio-Qualität.

Gleiches gilt für die Auster, die ihm als Luxusgut ohnehin suspekt ist – dass ihr Sterben für ganze europäische Küstenlinien ein Desaster ist, interessiert ihn nicht, weil die landwirtschaftliche Nutzung der Meere sowieso ein widernatürliches Verbrechen gegen Mutter Erde ist.

Die Bekämpfung von Vitamin-A-Mangel durch Goldenen Reis setzt am falschen Ende an, weil Gentechnik unnatürlich ist. Das wird der Asiate schon noch einsehen müssen.

Und dass die Inder eine insektenresistente Auberginensorte – ein Grundnahrungsmittel für viele Regionen – vollkommen idiotischerweise aus dem Land gejagt haben, weil westliche Greenpeace-Aktivisten die Bevölkerung aufstachelten, nimmt er als Sieg für die gute Sache.

Mit einer dekadenten Lust am Untergang beobachtet er den Klimawandel, spuckt Drohungen und Mahnungen gegen alle, die er – wir erinnern uns – sowieso hasst. Gegen die Großkonzerne natürlich, gegen den Freihandel, gegen die Amerikaner, gegen den Pöbel im eigenen und fernen Land. Denjenigen, die sich nicht wie er im Untergangsgrusel aalen wollen und stattdessen irgendwie versuchen, technische Wege zu finden, um die wie ein Damokles-Schwert über den armen Regionen hängenden Folgen des Klimawandels abzufangen, legt er Steine in den Weg.

Das kann er, denn im satten Deutschland wird er ohnehin nie hungern. Lieber kauft er sich Biolebensmittel, schließlich kann er es sich leisten, aus ideologischen Gründen Anbauflächen zu verschwenden. Noch schlimmer: Die strengen Auflagen der EU gegenüber gentechnisch veränderten Lebensmitteln werden in Entwicklungsländer, die doch auf den landwirtschaftlichen Fortschritt doppelt angewiesen sind, übertragen und stolz ist man auch noch ‚drauf. Während dort einfach oft das Geld für die eigene Forschung fehlt und man hofft, die Europäer wüssten schon, was sie tun.

Biotechnologie ist eine Frage der Menschenwürde und der Barmherzigkeit

Doch nur mit der Gentechnik können schnell und sicher Pflanzensorten gezüchtet werden, die den neuen klimatischen Bedingungen und Schädlingen widerstehen.

„Natürlichkeit“ als Wert gegenüber Menschenleben aufzuwiegen ist zynisch und kaltherzig. Es ist Teil unserer Verantwortung als Christen, auf dieses Missverhältnis hinzuweisen und diejenigen zu unterstützen, die helfen wollen, statt mit dem Finger auf diejenigen zu zeigen, die hungern und nach Gerechtigkeit suchen. Und so hat die katholische Kirche dies, fast heimlich, und von Vielen unbeachtet schon seit längerem verfolgt. 2009 verurteilte beispielsweise die Päpstliche Akademie der Wissenschaften die restriktive Ablehnung der Gentechnik durch die EU sowie den Import ihrer Richtlinien in Entwicklungsländer. 2013 segnete Papst Franziskus den „Goldenen Reis“ und dürfte somit auf den katholischen Philippinen dessen Toleranz erheblich verbessert haben. In der Enzyklika Laudato Si weist er explizit darauf hin, dass Gentechnik und Agrar-Innovationen nicht „unnatürlich“ sind und nicht per se schlecht – er kritisiert zwar ihre sozio-ökonomische Umsetzung (er kann eben nicht aus seiner wirtschaftspolitisch linken Haut) – warnt aber davor, das Wohl des Menschen einem ideologisch-verbohrten Naturschutz unterzuordnen. (§131-136)

Blicken wir nochmals auf die Bilder aus der Sammlung des Hauses der Bayerischen Geschichte. Sie zeigen unsere Ahnen, die das Nötige vollbracht haben, die mutig vorangegangen sind, um mit Cleverness und Flexibilität den Wohlstand schufen, in dem wir heute leben und den wir mit anderen teilen sollten.

Wer also durch den Kauf von Biolebensmitteln oder die Mitgliedschaft in bestimmten Lobbyvereinigungen gezielt den landwirtschaftlichen Fortschritt torpediert, der verrät damit jene Teile der Weltbevölkerung, die auf innovative Lösungen angewiesen sind, um sich ernähren zu können.

Barmherzigkeit ist nie kostenlos. In diesem Fall kostet sie uns vor allem liebgewonnene Überzeugungen.

Advertisements

2 Kommentare

Eingeordnet unter Religion und Politik

Ein moralisches Feuerwerk

Das Einzige, was dem Deutschen lieber ist als seine Traditionen im Jahreskreis, ist ritualisierte Konsumkritik. Und natürlich Viecher.

Bevor ich meinen Freundeskreis um ein christlich geprägteres Milieu erweiterte, kannte ich das nur von den Brot-für-die-Welt-Plakaten: Brot statt Böller. Dass sich manche Leute über Silvesterböllerei mehr aufregen als über Steuerverschwendungen in Milliardenhöhe, irritiert mich außerordentlich. Wer sich erdreistet, zu Jahresende mal für zehn Lappen ein bisschen Krachbumm zu machen, ist ein „Dummschwätzer“, „schwanzlos“, ein „Heuchler“ und, natürlich, ein „Tierquäler“. Es „mangelt ihm an Empathie“, er „unterstützt Ausbeutung“ und „verschwendet sein Geld, während andere nichts zu essen haben“, kurz, er ist in der Skala der Abscheulichkeiten ganz ganz weit oben dabei.

133 Millionen Euro verpuffen in der Luft

Das ist die magische Summe, die heuer die Tagesschau verkündete. Gerechnet auf 82 Millionen Deutsche ist das pro Kopf gerade mal die abenteuerliche Summe von 1,62 Euro. Natürlich gibt nicht jeder Geld für Böller aus. Bei mir sind es im Jahr ca. 5 bis 8 Euro. Wenn man bei der Kollekte jede Woche ca. 1 bis 2 Euro ins Körbchen legt, dann sind das im Schnitt 87 Euro pro Jahr, also schonmal das Zehnfache.  In meinem Fall gibt es dann meine nicht ganz uneigennützige monatliche Spende für das Kakapo Recovery Center, die Kirchensteuer und die Zeit, die ich in meiner Gemeinde und Studienstiftung investiere. Es ist eine bescheidene Summe. Aber mir zu erklären, ich wäre angesichts dessen, was ich trotz reichlich mittelmäßiger Einnahmenlage der Allgemeinheit zurückgebe ein mieses Dreckschwein, weil ich es wage, 8 Euro in eine Viertelstunde Vergnügen am Jahresende zu investieren, ist schon reichlich dreist.

Gegen Jahresende kann ich nämlich bei all den Ausgaben nichts auf die hohe Kante legen. Und da bin ich sicher nicht die Einzige. Viele, sehr viele Menschen in Deutschland können sich nämlich den Spaß zu Silvester für 15 oder 20 Euro leisten, aber den Jahresurlaub höchstens in Form einer Pauschalreise. Da zeigt die konsumkritische Vorbildfraktion lieber mal schön mit dem Finger auf den böllernden Pöbel und fährt über Epiphanie in den ersten Urlaub des Jahres, in den Skiurlaub, der im Übrigen wesentlich mehr Geld kostet und ganze Landstriche verwüstet.

Brot statt Biathlon

Apropos: Für Wintersport geben die Deutschen im Jahr 16,4 Milliarden – jawohl: MILLIARDEN Euro aus. Davon könnte man 123 Tage Silvester feiern, also bis Anfang Mai.

Der Skisport schädigt die alpine Flora und Fauna dauerhaft, produziert durch Transport, Kühlungs- und Kunstschneeanlagen CO2 ohne Ende und belastet die Staatskasse durch Sportunfälle, Rettungseinsätze und die genannten Umweltprobleme.

Dagegen sind die immer wieder angeführten Umweltschäden durch die Böllerei ein schlechter Witz. Und Wintersport ist nicht mal der einzige schädliche Unfug, für den Geld in Milliardenhöhe verpulvert wird. Ich persönlich würde z.B. weder Diskotheken noch Openair-Festivals oder Flugverbindungen in die DomRep vermissen – könnte man also eigentlich gleich abschaffen. Andere Leute argumentieren nach ähnlichen Mustern für das Verbot von Tabak und Alkohol, die Aufgabe staatlicher Orchester, die Einführung einer Höchstgeschwindigkeit auf der Autobahn oder einer Extrasteuer auf Zucker, Fett und Fleisch. Was „überflüssig“ ist, ist eben persönliche Einschätzung.

Das ganze Jahr könnte man sich letztlich dieses oder jenes verkneifen. Aber mit Vorliebe stürzt man sich auf diese eine Kleinigkeit. In manchen Fällen, wie bei Brot für die Welt, hat das ja durchaus seinen Sinn: Es ist leichter, die Leute dazu zu überreden, das Geld, das sie für Böller ausgeben würden, zu spenden als ihr Budget für den Skiurlaub. Weil die Beträge sich meistens um die 20 Euro bewegen, spenden sogar viele UND kaufen sich ein paar Raketen. Das Ganze ist also letztlich wenig mehr als eine PR-Nummer, ähnlich wie die Plakate, die derzeit darüber aufklären, was das Geld für einen einzelnen Becher Kaffee in der Welt bewegen könnte. Das ist daher eine sinnvolle und durchdachte Kampagne. Aber das ist ja nun gar nicht das tragende Motiv derjenigen Moralapostel, die derzeit online ihren Hass auskippen.

Der Deutsche und das liebe Vieh

Vollkommen egal wäre das alles nämlich einem Großteil der Menschen, wenn nicht jedes Jahr ihre Haustiere verängstigt unter der Küchenbank verschwinden würden. Wer böllert, quält Tiere! Und Tierquäler gehören zusammen mit Kinderschändern zu den einzigen menschlichen Monstrümmern, für die viele Deutsche bis heute Erschießungskommandos gerechtfertigt sähen.

Für vergreiste KZ-Aufseher hat man hierzulande ein Herz. Für jemanden, der sein Meerschweinchen einzeln hält, wird lebenslängliche Isolationshaft verlangt. Ich habe diesen Mechanismus bereits ausführlicher beschrieben. Dass möglicherweise der Besitzer, oder, wenn es um die angeblich verängstigten Kinder geht, die Eltern mit ihrer eigenen Panik der tierischen bzw. kindlichen Vorschub leisten, steht natürlich auf einem anderen Blatt. Aber ähnlich wie Eltern befinden Tierbesitzer sich in eine Art Symbiose mit ihren Tieren, die ihnen Selbstkritik komplett versagt und sie jede auch noch so geringe Unbill ihres vierbeinigen Freundes oder Sprösslings als Dolchstich ins eigene Herz fühlen lässt. Mein Freund und ich hatten jedenfalls bisher heiß geliebte Katzen, Meerschweinchen, Hunde und Wellensittiche und keines dieser Tiere hat jemals zu Silvester Panik geschoben – mehrheitlich hat die Bagage die Böllerei kollektiv verpennt. Wenn dann doch mal ein Tier erschrecken sollte, ergreifen wir die uns möglichen Maßnahmen und bleiben cool. Wir stellen das Wohl unserer (übrigens ebenfalls vollkommen überflüssigen und eine Milliardenindustrie bedienenden) Tiere nämlich nicht über die Freiheit unserer Mitmenschen, ganz besonders nicht, wenn es nur um einen einzigen Tag im Jahr geht.

Letzte Chance zur Konsumkritik

Es ist aber auch vollkommen egal, was der konkrete Anlass ist. Der christliche bürgerliche Deutsche braucht Feiertags einfach seine Konsumkritik. Da hat er Zeit zu lesen und sich mal auf das wichtige zu besinnen. Nur echt mit der Heraufbeschwörung armer chinesischer Arbeiterinnen, die in den Feuerwerksfabriken zu einem Hungerlohn arbeiten, die aber offensichtlich zur veganen Stillyoga-Trainerin umgeschult würden, würden wir von hier aus ihren Industriezweig austrocknen. Oder so.

An Silvester geht es eben auch für die Feuerwerksabstinenzler ohne Krachbumm nicht ab. Sie müssen halt stattdessen ihr moralisches Leuchtfeuer in den Himmel entsenden.

Wem’s gefällt.

PS: Ich wünsche allen Böllerern und Nicht-Böllerern, allen Festivalbesuchern und -nichtbesuchern, Wintersportlern und Sportmuffeln, Tieren und Menschen ein gutes neues Jahr.

PPS: Wer helfen möchte, dass der drolligste Papagei der Welt weiterhin durch die neuseeländischen Wälder wackelt, spendet statt oder neben der Böller an http://kakaporecovery.org.nz/

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Kritik zu katholischen Themen, Religion und Politik

Der „Humanist“ in meinem Newsfeed

Lieber „Humanist“ in meinem Newsfeed,

seit ein Paar Monaten bin ich nun schon mit Dir befreundet. Ich kenne Dich nicht so gut, aber weil Du so fleißig postest, weiß ich schon viel über Dich. Z.B., dass Du denkst, dass Du schlauer bist als ich, weil Du nicht an Gott glaubst und dass Du davon überzeugt bist, dass „Nazi“ schon am konservativen Rande der SPD beginnt. Genau wie ich würdest Du sagen, Du bist „liberal“. Ich verstehe das nicht. Ich dachte immer, Liberalismus steht für Freiheit.

„Die meisten Menschen sind einfach nur noch widerlich.“

hast Du gestern geschrieben.

Solche vagen Facebookposts, die implizieren, dass es einem nicht gut geht, ohne klarzustellen, worum es geht, sind ja eigentlich ohnehin schon als social-Media-inkompetente Vorgehensweise legendär. Natürlich hast Du Leute unter Deinen Freunden, die auf diese aufmerksamkeitsheischende Masche hereinfallen. Warum? Wird gefragt.

„Nichts spezielles. Aber sieh dich einfach mal um und lies die Kommentare unter Medienberichten.“

Ist die Antwort. Oh „Humanist“ in meinem Newsfeed, Du bist so eine besondere Schneeflocke mit Deinen Gefühlen und Träumen und Wünschen. Du willst diese Welt zu einem besseren Ort machen. Du schreibst nämlich nur nette Dinge über Deine Mitmenschen. So teiltest Du alleine in der letzten Woche insgesamt sechs Nachrichten, die als „Strawman argument“ gegen religiöse Menschen dienen sollen. Es handelt sich um Extrembeispiele, größtenteils aus den USA , von Muslimen, Christen oder Juden, die religiös gegen naturwissenschaftliche Überzeugungen angehen, deren Argumente verkürzt und damit zur Lächerlichkeit verzerrt werden oder die Atheisten, Homosexuelle oder Frauen unmenschlich behandeln. Neben den naiven politischen Posts der Marke „alles Nazis außer Mutti“ verbreitest Du also auch noch grob menschenfeindliche Propaganda, beispielsweise dass die Situation chinesischer Katholiken „Säkularisierung“ und damit letztlich wünschenswert sei.

Während Du Dich also über den „wiederlichen“ Ton in der Debatte beschwerst und für mehr Toleranz und Offenheit in der Gesellschaft wirbst, teilst Du auf der anderen Seite Memes des Inhalts,

„Scooby-Doo teaches kids that everything supernatural or otherwordly is just some asshole trying to scare you so they can make some money“

also dass alle religiösen Institutionen mit z.B. alternativen Medizinern und Esoterikanbietern gleichzusetzen, sowie alle nur Arschlöcher sind, die aus der Angst der Menschen Geld machen. Das macht mich traurig, weil ich mir gerne die Freiheit nehmen würde, an einen Gott zu glauben und Du mich aber vor dieser freien Entscheidung schützen möchtest.

Du teilst Posts, in denen Du Dich über den zugegebenermaßen etwas skurrilen orthodoxen jüdischen Brauch lustig machst, zu Jom Kippur ein Huhn über dem Kopf zu schwingen, um es danach als Opfer an die Armen zu geben, den zu kritisieren wohl als antisemitischer Topos gelten kann, nennst Beschneidung ein Verbrechen und prangerst anschließend selbst rechtsradikale Äußerungen an, Juden seien keine Deutschen. Die Rechte von Juden interessieren Dich also nur dann, wenn Du den Antisemitismus Deiner Feinde anprangern kannst. Das ist, am Rande, genau dieselbe Haltung, welche die von Dir mit so viel Leidenschaft verureilte AfD zu ihnen hat.

Du teilst wisseschaftlich-skeptische Beiträge von Stephen Hawking, der aber von der päpstlichen Akademie der Wissenschaften unterstützt wird und machst Witze darüber, dass Erwachsene an Jesus glauben aber nicht an den Nikolaus. Einen Beitrag, der die Einstellung von „Religion“ an sich zur Evolution mit „Kreationismus“ beschreibt. Dann teilst Du einen Post darüber, dass die Leute lieber an einfache Lügen als an komplexe Wahrheiten glauben.

Dass Du möglicherweise selbst eine sehr simple Ansicht von der Gesellschaft hast, in der wir leben, kommt Dir logischerweise nicht in den Sinn, oder dass Du Hass sähst und einen Graben gräbst, wo bisher gar keiner war, nämlich zwischen Wissenschaft und Religion, ganz besonders in Europa. Du möchtest nämlich gar nicht, dass Religion und Wissenschaft koexistieren können. Du möchtest, dass sie sich bekriegen, bis die Religion ausgelöscht wird.

Wenn Du den Religionen vorwirfst, einen Keil zwischen die Menschen zu treiben, die anderen Glaubens sind, aber selbst False-Flag-Posts und grob verletzende Posts über andere Menschen in Deiner Umgebung teilst, weil diese an etwas anderes glauben als Du, wenn Du menschliches Leid nicht ernst nimmst, weil „die falschen“ Menschen leiden, wenn Du inhumane Handlungen von Staaten gut findest, weil sie Deine eigene Ansicht durchsetzen, woher nimmst Du dann auf der anderen Seite Deinen moralischen High-Ground? Wie kannst Du es wagen, Dich als liberal zu bezeichnen?

Lieber „Humanist“ in meinem Facebook-Feed. Ich lausche mit Erstaunen, wie Du Kinderfickerwitze übergangslos mit dem Wunsch nach einer sachlicheren Debatte abwechselst, wie Du alles Jüdische und Muslimische verbieten möchtest, wie Du von einer Gesellschaft träumst, in der es nur Deinesgleichen gibt, aber dann genau das wiederum den rechten Kräften im Land ankreidest.

Vielleicht solltest Du Dir mal von einer Katholikin, die Dir immerzu schweigend gelauscht und sich geduldig beleidigen lassen hat, Nachhilfe in Sachen Liberalität geben lassen.

6 Kommentare

Eingeordnet unter Religion und Politik, Zu allgemeiner Religionskritik

Meinst Du das ernst, BDKJ?

Der BDKJ macht mit DiTiB gemeinsame Sache. Nein, das ist keine Verschwörungstheorie aus der Gattung „Muslime erobern das Abendland“, der BDKJ hat eine gemeinsame Kampagne zum Thema Toleranz mit DiTiB.

Die Aktion ist in mehr als einer Hinsicht doof, angefangen mit der unglücklichen Auswahl von DiTiB als Bündnispartner

DiTiB richtet sich an türkischstämmige Muslime, eine durch den Zuzug aus (nord-)afrikanischen Bürgerkriegsgebieten anteilig immer kleiner werdende Gruppe deutscher Muslime. Dadurch ist der Verein einerseits zwar einer der am besten etablierten muslimischen Verbände in Deutschland, auf der anderen Seite eben nicht besonders Repräsentativ.

DiTiB richtet sich allerdings auch unter den türkischstämmigen Deutschen eher an solche, die als Erdogansche sogenannte „Graue Wölfe“ mehr so an den Grenzen des noch-nicht-verfassungsfeindlichen wandeln.

Die Imame, die in DiTiB-Moscheen arbeiten werden nach wie vor in der Türkei ausgebildet. Bei einem Besuch in einer solchen Moschee vor wenigen Jahren teilte uns der dort für Öffentlichkeitsarbeit zuständige, vollkommen integrierte junge Mann mit, die DiTiB-Imame selbst verlangten von den Gemeinden eine Leistung in Sachen Integration – nicht etwa umgekehrt. Neu angekommene Muslime, die in Deutschland Hilfe benötigen, wenden sich oft eher an Moscheen, weil sie hoffen dort auf Personen zu treffen, die mit ihrer Situation vertraut sind und sie verstehen. Sie stoßen im Zweifelsfall dort auf einen Imam, der selbst genauso wenig Deutsch kann wie sie und noch weniger darüber weiß, wie man sich z.B. auf einen Arbeitsplatz bewirbt. Nach drei Jahren Zeit, in der sich der Imam eingewöhnen konnte, wird er dann auch gleich wieder zurück in die Türkei gerufen.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die türkische Regierung versucht, über die Monopolisierung deutscher muslimischer Identität durch ein von der türkischen Regierung betriebenes Organ diese an die Loyalität gegenüber der eigenen Politik zu koppeln. Egal, in welche Richtung die Reise nun gehen mag.

Aber was hat das nun mit den Katholiken zu tun?

Nun, die Handlungen der türkischen Regierung gegenüber katholischen Einrichtungen wie Kirchen kann man wohl am besten mit dem Wort „Gängeln“ umschreiben, weit über den schon längst nur noch als potemkinsche Fassade existierenden Laizismus der Türkei hinaus. Baugrund für neue Kirchen wird über Jahrzehnte hinweg aufgrund diverser vorgeschobener bürokratischer Schwierigkeiten blockiert, die Betreuung oder gar der Schutz von Christen in den ausgedehnten Flüchtlinslagern spielt eine noch untergeordnetere Rolle als in Deutschland und bis heute ist es für Christen in der Türkei nicht möglich, Religionslehrer oder Priester auszubilden. Jede Form einer öffentlichen Darstellung des Christentums, Informationsstände, Prozessionen oder eigene Medienanstalten (z.B. Radiosender) ist untersagt.

DiTiB wird sich den Vorwurf gefallen lassen müssen, mit dieser politischen Linie identifiziert zu werden. Es ist also kein Verein, mit dem der Bund der katholischen Jugend posieren sollte, besonders dann nicht, wenn es um gegenseitige Akzeptanz und religiöse Toleranz geht.

Wenn nun das in die Türkei ausgelagerte christliche deutsche Religions-Ministerium muslimische Türken auffordern würde, gemeinsam mit Christen Selfies als Zeichen der Toleranz zu schießen, ab welchem Punkt wird diese Hypothese zu absurd, um weiterzulesen? Genau.

Der Zweck heiligt die Allianz?

Dem BDKJ ist das wumpe. Vielleicht, das als freundlichste Interpretation, vielleicht glauben sie ja, dass DiTiB sich auf die Dauer losmachen wird, wenn man ihnen von deutscher Seite oft genug sagt, dass man sie lieb hat und dass von Jugendlichen auf der Suche nach 2 Sekunden Ruhm geknipste Toleranzselfies die Welt mehr verbessern können, als eine weitere Stärkung von DiTiB in der deutsch-türkischen Öffentlichkeit Schaden anrichten kann.

Vielleicht aber ist es hier wie mit jeder anderen Aktion aus dieser Kategorie auch: dem BDKJ wäre vermutlich jeder Verband recht. DiTiB ist vergleichsweise gut organisiert und geht leicht her. Durch die Aktion bietet sich sozusagen die Möglichkeit, mal ein bisschen mit dem Exotischen zu posieren. Mit der Aktion holt man sich den Bildbeweis für „einige meiner besten Freunde sind Muslime“, grinst und knickst ein bisschen, tut keinem weh und hat sich selbst den Anstrich des weltmännischen und interkulturellen verschafft.

„Alle sind gleich“ ist das Gegenteil von Toleranz

Dass das aber nichts mit wechselseitigem Verständnis zu tun hat beweist allein der Text auf der Werbepostkarte: „Alle Christen glauben an Allah“, steht da, „Allah ist arabisch und bedeutet einfach nur Gott“. Ja, das tut es und Christen, die arabisch sprechen, nennen Gott ebenfalls Allah. Der gleiche Gott ist es deshalb aber noch lange nicht, höchstens derselbe.

Nein, auch dieser Einwand wird jetzt nicht den AfD-Einschlag nehmen. Sondern den theologischen. Wer schon klug genug ist, darauf hinzuweisen, dass Allah und Gott eine gemeinsame Geschichte haben und eben beide der einzige Gott sind, der sollte dann mit diesen Geschichten entsprechen respektvoll umgehen. Wer dem Islam unterstellt, dass sein Gott und der Chrisliche Gott ja im Grunde genau das gleiche seien, der beweist dass er von mindestens zwei Kulturen keine Ahnung hat.

Die Attraktivität des muslimischen Gottes liegt in dessen Schlichtheit. Er ist den gläubigen ein strenger, ferner Schöpfer, der sich stets in Geheimnis hüllt. Der katholische Gott ist dafür dreifaltig, prinzipiell paradox, nah und fordernd.

Muslime müssen sich selbst bereit machen, geduldig warten und sich sehnen, in der Hoffnung dass er sich erbarmt und zu ihnen kommt.

Christen müssen sich aufmachen, ihn zu suchen, mit ihm und sich selbst ringen. Sie haben eine viel persönlichere Beziehung, denn ihr Gott war selbst einmal Mensch.

Im Islam hingegen stellt Gottesfurcht ein viel zentraleres Element dar.

Ich könnte den ganze Tag so weitermachen. Der Islam ist orthopraktischer als der Katholizismus (der seinerseits orthopraktischer ist, als das reformierte Christentum), der Islam hat eine andere semiotische Ideologie (Achtung! Fachwort, hat nichts mit Politik zu tun) als der Katholizismus.

Und das ist auch nur das, was sich allgemein über Tendenzen im Islam sagen lässt – die gigantische geographische Ausbreitung beider Religionen macht es noch viel, viel schwerer, Aussagen darüber zu treffen, ob Allah und Gott jetzt gleich sind. Denn Allah und Allah sind schon nicht immer so richtig gleich.

Der Blick in Länder, in denen Christen und Muslime schon länger koexistieren, beispielsweise Tansania, zeigt, dass es überhaupt nicht nötig ist sich gegenseitig zu versichern, dass ja letztlich „alles eins“ ist. Toleranz bedeutet nicht, dass ich mir einbilde, der Andere ist genau wie ich, deshalb mag ich ihn. Toleranz bedeutet, zu versuchen zu verstehen, wie anders der andere ist und ihn in dieser Andersartigkeit schätzen zu lernen. Voneinander lernen und miteinander zu diskutieren sollte das Ziel sein, nicht zusammen in eine Smartphone-Kamera zu grinsen, um ein paar Bilder mehr zu produzieren, vor denen Sozialpädagoginnen mit schwimmenden Augen sitzen.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Kritik zu katholischen Themen, Religion und Politik

Der Katholik als nützlicher Idiot

Je näher die US-Wahlen rücken, desto erstaunlichere Entwicklungen zeigen sich innerhalb der katholischen Stimmen zu eben diesem Thema. Plötzlich ist Hillary Clinton in der katholischen Berichterstattung ein Monstrum, das sich nicht entscheiden kann, ob es lieber erst Kinder oder Kirchen fressen will. Gerade als nicht-amerikanische Katholiken sollten wir darauf achten, wessen Karren wir hier eigentlich ziehen.

Donald Trumps Felle schwimmen davon. Auch, wenn deutsche Linke sich gerne weiterhin einreden wollen, dass die USA tatsächlich den Leibhaftigen auf den Thron eines Landes setzen würden, der für sie das säkulare Äquivalent zur Hölle ist, sieht es momentan nach krachendem Scheitern aus.

Die Katholiken sind Trumps letzte Hoffnung

Wer, fragt er sich, soll ihn jetzt noch wählen? Frauen jedenfalls fallen aus – nur noch ein sehr geringer Teil der Amerikanerinnen ist blöde genug, jemanden zu wählen, der sie für eine Mischung aus Schoßhund und Gummipuppe hält. Auch bei anderen Gruppen mit „spezifischen“ Interessen, also beispielsweise Schwarzen, Immigranten, chronisch Kranken, etc., kann Trump keinen Blumentopf mehr gewinnen. Wäre da noch die eine Gruppe in den USA, um die sich sonst nie einer auch nur das Schwarze unterm Fingernagel schert: die Katholiken.

Katholiken haben einen Ruf als SwingVoters. Auf der einen Seite neigen sie zu konservativeren Ansichten in Themen wie der Außenpolitik, Frauenrechten, Religions- und Familienpolitik, auf der anderen Seite gibt es in den Familien von Polen, Italienern, Iren und Latinos noch so etwas wie ein „Milieu“-Gedächtnis. Dass sie als arme Arbeiter in die USA kamen, ist in der Regel nicht viel mehr als hundert Jahre her. Daher sympathisieren sie ähnlich wie die jüdische Milieus der USA, die aber keine derart große statistische Signifikanz aufweisen, zugleich mit Politikern, die sich eben dieses Arbeitermilieus annehmen und für die Armenvorsorge eintreten und haben ein generelles Misstrauen gegenüber sogenannten WASPs (White Anglosaxon Protestants), denen sie im besten Falle vollkommen Wurst sind. Mit Ausnahme von Kerry und Kennedy haben die Katholiken seit dem Krieg auch keine Gelegenheit mehr bekommen, bei einer Präsidentschaftswahl für etwas anderes als das in Bezug auf ihre Belange kleinere Übel zu stimmen.

Kurz: Katholiken sind der einzige größere Bevölkerungsanteil, bei dem Trump eventuell noch was reißen könnte. Und das versuchen er und seine in- wie ausländischen Unterstützer nun mit aller Macht zu reißen

Catholic Nightmare before Election

Da kommen also – whoopsie – ausgerechnet eine Woche, nachdem Trump auf der 18th Annual Catholic Leadership Conference in Colorado der katholischen Sache, was auch immer er dafür halten mag, seine uneingeschränkte Unterstützung ausgesprochen hat, diese Clinton-Emails auf Wikileaks heraus.

Die katholische Welt dreht voll auf – ganz besonders die deutsche, die sich von diesen Emails deshalb so sehr getroffen fühlt, weil sie ein Ziel formulieren, das für sie in Deutschland schon der gefühlte Ist-Zustand ist. Laienverbände sollen gezielt eingesetzt werden, um die als veraltet dargestellte Moral der Kirche auszuhöhlen. Alte und liebgewonnene Begriffe der katholischen Intellektualität werden verhöhnt. Diese Emails sind geradezu dafür designt, sich tief ins Herz konservativerer Katholiken zu bohren

Vladimir, ick hör dir trapsen

Designt? Schon vor dem Auftauchen jener Emails, die sich auf Katholiken kaprizieren, erklärten die Demokraten, die Emails auf WikiLeaks seien möglicherweise russische Erfindungen. Die russische Regierung, daran lässt sie selbst keinen Zweifel, will Trump als Präsidenten sehen.

Dafür die katholische Kirche zu benutzen bietet für sie gleich mehrere Vorteile: Selbst, wenn die amerikanischen Katholiken sich nicht davon überzeugen lassen, einen protestantischen Frauenversteher von Schrott und Korn wie Trump ins Amt zu wählen, kann man über die Skandale und Skandälchen, die man Hillary Clinton anlastet, das Vertrauen der Katholiken in die amerikanische Regierung weltweit nachhaltig erschüttern.

Die Katholiken verbreiten solche Nachrichten auch noch komplett von selbst, da sie praktischerweise über ein weltumspannendes Mediennetzwerk verfügen. Auf diese Weise greift Russland also nicht nur in den amerikanischen Wahlkampf ein, sondern überzeugt gleichzeitig Millionen von Katholiken, dass die Amerikaner ihre angestammten Feinde seien, obwohl die Russen selbst im eigenen Lande alles tun, um religiösen Minderheiten auf die Füße zu treten.

Dieser Effekt tritt selbst dann ein, wenn diese Emails echt sein sollten. Deutsche Katholiken tendieren auch dazu zu glauben, dass sie in den USA politisch und im generellen Ansehen eine ähnliche Rolle einnähmen wie in Deutschland. Tatsächlich gehen sie aber WASPs, die wie Hillary Clinton auf ein links angehauchtes, mit Frauenrechten und Multikulturalismus beschäftigtes College-Milieu abzielen,  komplett am Arsch vorbei. Wenn Hillary Clinton für Abtreibung ist, dann ist sie nicht gegen die katholische Kirche, sondern für Frauenrechte. Deshalb ist ihre Aussage, sie habe 2003 gegen das Verbot von Teilgeburtsabtreibungen gestimmt, weil die Situation der Frau nicht berücksichtigt worden sei, nicht ausweichend, sondern schlichtweg glaubwürdig. (Und nein: ich gebe ihr nicht Recht. Es geht mir nur darum, dass sie damit nicht gegen die Pro-Life-Bewegung argumentiert, sondern an ihr vorbei). Um gegen die katholische Kirche zu sein, müsste Hillary sich erstmal überhaupt für die katholische Kirche interessieren. Das ist es, was in Verbindung mit ihrer perfekten Abstimmung auf meist ausschließlich intern diskutierte katholische Angstthemen diese Emails so unglaubwürdig macht.

Es stimmt, es gibt keinen Grund für einen Katholiken, Hillary Clinton zu wählen.

Aber Trump? Meint ihr das Ernst? TRUMP?

Aber stellen Sie sich mal vor, der große Retter und Beschützer der ungeborenen Kinder, Donald Trump, würde mit einer Nicht-Ivana-Frau schlafen und ihr ein Kind machen. Denken Sie ernsthaft, er würde ihr dann sagen, dieses Kind sei ein Geschenk Gottes, das sie aufziehen müsse und das er lieben werde?

Kaum. Aber er sähe kein Problem damit, sie nach erfolgter Abtreibung dafür auch noch ins Gefängnis zu stecken.

Trump ist nicht Pro-Life oder für die Katholiken, er ist kein starker Beschützer vor dem Islamismus oder ein Verbündeter Deutschlands. Trump ist Pro-Trump, er ist ein Beschützer Trumps und ein Verbündeter Trumps. Moral ist keine Kategorie für ihn.

Ein solches Individuum unterstützt jeder Katholik, der Hillarys „Vergehen“ aufbläst.

Nicht nur das: er unterstützt auch Vladimir Putin und seinen Staat, in welchem es Katholiken hundertmal dreckiger geht als in den USA. Als nicht-amerikanische Katholiken sollten wir über den Tellerrand amerikanischer Innenpolitik hinwegsehen und verstehen, dass wir in den USA einen Verbündeten haben, der uns weltweit schützen kann.

Wer sich so sehr austricksen lässt, dass er vor Abtreibungskliniken in den USA mehr Angst hat als vor Tyrannen wie Putin, Assad und Erdogan, wer eine politische Destabilisierung eines der für Katholiken bei allen Problemen immer noch bequemsten Länder dieser Erde in Kauf nimmt, weil er sich persönlich von einer Präsidentschaftskandidatin beleidigt fühlt, der ist kurzsichtig.

Und ein nützlicher Idiot.

2 Kommentare

Eingeordnet unter Kritik zu katholischen Themen, Religion und Politik

Reinhard Marx und TTIP

Mein letzter Blogpost bedarf eines Nachtrags:

Reinhard Marx warnt vor den Folgen eines Abbruchs der Verhandlungen zu TTIP. Ich finde es  schön, dass nicht alle immer nur das Schlechte an den Verhandlungen sehen. Schließlich bedeutet mehr Handel, mehr Gemeinsamkeiten, mehr Verständnis, mehr Frieden. Eine zusammengewachsene Welt, in der allen dieselben, fairen Spielregeln gegeben werden ist eine Welt, in der Chancen weniger davon abhängig sind, auf welchem Flecken Erde man geboren wird.

Auch das it TTIP. Obwohl Reinhard Marx, wie so viele der Wirtschaft eher skeptisch gegenüberstehende Kirchenleute bestimmt Teile des Freihandelsabkommens kritisch sieht, verteufelt er es nicht, sondern sieht es eben auch als eine Chance für Alle.

Und Personen, die so tun, als würden sie mit ihren an Verschwörungstheorien grenzenden eingebildeten Politskandalen auch noch die Interessen der Kirche reflektieren, hat Marx damit klar in ihre Schranken gewiesen. Gelegentlich kommen vom Amt doch die so dringend benötigten Zurechtweisungen.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Religion und Politik

Über die seltsamen Prioritäten von Laien

Die Pfarrgemeinde bei mir um die Ecke bewirbt in ihren Schaukästen die Anti-TTIP- und -CETA-Demo im September in München und ich sehe das nicht ein.

Was hat die Vereinbarung von Investorenschutzmaßnahmen, die Abschaffung von Zöllen und die Etablierung gemeinsamer Gesundheits- und Verbraucherschutzstandards im Handel zwischen Kanada, Europa und den USA mit der Kirche zu tun?

Richtig, genau gar nichts, außer, dass die Kirche ein Tummelplatz genau jener antiamerikanischen besorgten Bürger von braun über grün bis dunkelrot, ist, die gegen dieses Abkommen sind. Fragt man sie, wieso sie das sind, dann kommen Geschichten über Chlorhendl, den erhöhten Wettbewerbsdruck auf KMUs, dass die Reichen noch reicher würden (denn, Gott behüte, einem Land kann wirklich nichts Schlimmeres passieren, als dass Leute zu Geld kommen), dass das Abkommen undemokratisch sei (weil repräsentative Demokratie anscheinend ein zu kompliziertes Konzept ist), dass die Schiedsgerichte vollkommen willkürlich Staaten verklagen würden (was sie nicht tun, obwohl es bereits massenhaft Schiedsgerichte gibt) und natürlich dass wir uns damit von den USA noch abhängiger machen würden.

Vereint im Hass auf die USA

Bei letzterem Problem liegt nun der Hund eigentlich begraben. Anti-TTIP und Anti-CETA ist nicht so erfolgreich, weil sich ein Großteil der Bevölkerung plötzlich wahnsinnig für internationalen Handel interessiert, sondern weil es gleich zwei diffus politisch aufgeladene Lager in Deutschland gibt, die einfach einen generellen Rochus auf die USA haben: die Rechten und einige Konservative sind sauer, weil die USA den Ersten und den Zweiten Weltkrieg gewonnen und danach Deutschland auch noch wieder auf die Füße gestellt haben, statt es zu vernichten, so daß man ihnen nicht mal böse sein *darf*. Außerdem mögen sie den internationalen Gestus und Erfolg der Siegermacht nicht – aus genannten Gründen und weil Multikulti, das die Amerikaner schließlich erfunden haben, für diese Kreise ohnehin ein Rotes Tuch ist.

Auf der anderen Seite gibt es das eher linke bzw. grüne Milieu, das den Amerikanern übel nimmt, den Kalten Krieg gewonnen und den Real-Sozialismus so ziemlich von der Platte geputzt zu haben. Außerdem halten sie sich nicht an die Emissionsgrenzen und betreiben weiter Gentechnik im Agrarbereich.

Das alles hat nun, wenn Sie genau aufgepasst haben, nichts mit der Kirche und ihren Werten zu tun, außer ich habe etwas verpasst und das elfte Gebot lautet: Du sollst ein Land Dir erwählen und es irrational mit ganzer Seele hassen und verachten.

Also schrieb ich eine freundliche Email an das Pfarrbüro und erhielt eine Antwort. Vom Diakon, der mir bezeichnenderweise nicht in seiner Funktion als Diakon, sondern als Mitglied von Pax Christi antwortete. Deren Inhalt: der Diözesanrat hätte diesen Aushang empfohlen. Nun schienen aber sämtliche andere Gemeinden Münchens, an denen ich im letzten Monat vorbeigekommen war, diese Empfehlung ignoriert zu haben, unter anderem die meisten Innenstadtkirchen. Vielleicht liegt es daran, dass es in diesen Gemeinden keine so eifrigen Pax-Christi-Mitglieder Diakone und somit am Drücker sind, so dass sie ihre Aktionen über die Pfarrgemeinde abwickeln können. Pax Christi steht nämlich seinerseits auch auf den Plakaten, gemeinsam mit so kirchennahen Vereinigungen wie der Linken, den Piraten und der Humanistischen Union. Aber meines Feindes Feind ist ja mein Freund. Und der Feind ist in dem Fall ein Land, in dem Katholiken unbehelligt leben und glauben können. Ich möchte fast behaupten, in Amerika macht es zur Zeit mehr Spaß, katholisch zu sein, als in Deutschland.

Ist ja nicht so als gäb’s was besseres zu tun

Zeitgleich sieht sich an einer komplett anderen Front die Kirche mit Personen in Verbindung gebracht, welche sich politisch entgegen sämtlicher Werte der Kirche äußern. Die empfehlen, Menschen an der Grenze zu erschießen, auf Inseln auszusetzen und chemisch zu kastrieren. Die aktiv alles daran setzen, unsere demokratische Regierung von innen zu zersetzen. Pegida und Konsorten laufen herum und tragen Kreuze, erklären sich zum „christlichen Abendland“, wissen nicht mal, was eine Parusie ist. Und die christlichen Laien? Die geben zwar gelegentlich anderslautende Meinungen von sich, aber im großen Stil Maßnahmen gegen die rechte Suppe zu ergreifen, das fällt ihnen nicht ein. Pegida lässt an Aschermittwoch Muezzin-Rufe durch die Innenstadt erschallen und die geballte Kraft christlicher Empörung zündet als maximale Reaktion am Gehsteig ein paar Kerzen an. Aber die Aggressivität, Masse und Lautstärke der Anti-TTIP und Anti-CETA-Demos erreichen die Wortmeldungen gegen Pegida nicht.

Die Laienvereinigungen in Deutschland haben schon interessante Prioritäten. Vielleicht liegt es ja daran, dass Anti-TTIP und Anti-CETA alle unter einem Schirm vereinigt. Denn da finden sich AfD, Pax Christi und die Grünen inhaltlich plötzlich in trauter Eintracht.

„Ja, was soll man denn da gegen Pegida auch tun?“, werden jetzt Viele fragen. Möglicherweise das, was bei den Anti-TTIP und Anti-CETA-Demos so einfach fällt: plakatieren, denn die Montags-Demos haben ja bekannte Strecken. Und weil ich mich ja nicht dem Vorwurf aussetzen möchte, ich würde stets nur unkonstruktiv herumkritteln, hätte ich auch ein paar Vorschläge für öffentlichkeitswirksame Plakate:

„Christ werden statt Islam hassen“, „Fronleichnam war hier mehr los“, „Putin rettet niemanden. Jesus rette uns vor Putin.“ und „‚Wer ist bitte diese Pegida?‘ – Jesus von Nazareth“.

Aber das wäre ja wieder provokant und cool und hat tatsächlich etwas mit der Kirche zu tun. Das geht nicht, denn es sind ja deutsche christliche Laienvereine. Da ist man mit wichtigeren Dingen beschäftigt, bei denen man sich wenigstens nur von unseren wirklich problematischen, gefährlichen und gewalttätigen Mitbürgern Kritik einfängt: von Unternehmern und Wirtschaftsliberalen.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Kritik zu katholischen Themen, Religion und Politik, Uncategorized