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Hysterische Weiber?

Der Feminismus ist in den letzten Jahren im Kreuzfeuer der Presse und Medien – vor allem des Internets. Die Vorwürfe sind vielfältig, die Satiren ätzend. Wer sich heute als Feminist bezeichnet, wird schon fast automatisch nicht mehr ernst genommen. Versuch einer Problemanalyse

1. Institutionalisierung führt zum Arbeitszwang

Stellen Sie sich vor, Sie sind Polizist in einer Kleinstadt auf einer Norwegischen Insel, auf der wortwörtlich nichts passiert. Und Sie sind nicht alleine, Sie haben auf dieser Insel noch um die 20 Kollegen, die, genau wie Sie, fertig geladene Waffen am Holster tragen und einen nagelneuen BMW-Streifenwagen, der 240 Sachen kann. Und wenn Sie nicht nachweisen können, dass Sie alle Arbeit haben, dann fliegen Sie.

So ungefähr ist es, einen Lehrstuhl für Gender-Studies zu haben und dort zu arbeiten.

Die Institutionalisierung der Genderstudies hat dazu geführt, dass sich zu viele Personen mit zu wenig Thema auseinandersetzen und dass sie nur noch das machen. Eine Studie zum Einfluss der Gastgeberinnen auf literarischen Salons? Sinnvoll. Aber 20 braucht man davon nicht und vor allem ist das ein Projekt für vier, fünf Jahre, aber was danach? Das Problem ist dabei gar nicht, dass das Feld zu klein ist, sondern zu groß: Frauen gibt es halt leider überall und hie und da beeinfluss(t)en sie Ereignisse erheblich, ohne bisher dafür beachtet worden zu sein (Das ist ja die eigentliche Daseinsberechtigung der Gender-Studies).
Viele Gender-Forscher sind aber nebenher katastrophale Kulturwissenschaftler, der Effekt ist dann eine Wissenschaft wie zu Zeiten der Psychoanalyse: ich nehme ein Phänomen aus einer Kultur, von der ich nichts verstehe und klatsche meine alles zurechterklärende, prinzipiell aufgehende Theorie drauf, die mysteriöserweise immer aufgeht. Mit einem Hammer erscheint einem halt die ganze Welt wie ein Nagel.

Ganz nebenbei lastet auf ihnen aber auch noch der ungute Druck, gesellschaftsverändernd zu agieren (sie müssen ja die Welt retten), etwas, das Geisteswissenschaftlern ganz allgemein schlecht bekommt, weil für sie als reine Theoretiker Praktikabilität und gesellschaftliche Realität schon beinahe ein rotes Tuch sind. Dass die Medien natürlich mit Begeisterung jeden Rülpser dieser leider Gottes mit universitärem Renommee ausgestatteten G’schaftelhuber aufnehmen und durchs Dorf treiben, unter allgemeiner Belustigung und Ablehnung einer Bewegung, die es Frauen überhaupt erst erkämpft hat, zu studieren, ist dann natürlich die andere Seite.

Die Kampagne der Frauenbeauftragten der LMU zum Thema sexuelle Übergriffe auf der Wiesn ist halt nicht so lustig wie der neueste *_IN-Käse. Eine sinnvollere Umsetzung der Genderstudies wäre es, sie eben zu einem Aspekt verschiedenster Kulturwissenschaften zu machen. Dann wären Gender-Forscher zunächst einfach Experten auf einem bestimmten Gebiet, auf dem sie sich auch speziell für Frauen interessieren. Dann stünde Genderstudies nicht mehr synonym für „wissenschaftlichen Verfolgungswahn“ und vor allem gäbe es keine berufs-queeren Schreckschrauben mehr, die deutsche Forschungsgelder für ihre Selbstdarstellung verschwenden

2. Opfer aus Leidenschaft

Es gibt einen ganzen Haufen Frauen und Mädchen, die sehr gut begriffen haben, wie famos bequem es in der westlichen Gesellschaft ist, sich als Opfer zu profilieren. Das bringt nicht nur jede Menge Aufmerksamkeit, sondern es hat auch den großartigen Nebeneffekt, gar nicht mehr so richtig als Täter in Frage zu kommen. Deshalb kommen sie z.B. damit davon, Männer mies zu behandeln, bis hin zum Missbrauch: „Jetzt siehst Du mal, wie das ist!“ Und: „Ich hab so viel Erniedrigung erfahren, dass ich jetzt emotional instabil bin und ein gestörtes Verhältnis zu Männern hab.“, sind ganz heiße Renner. Im Grunde lässt sich aber so gut wie jedes schlechtes Benehmen zur Rebellion gegen das Patriarchat umdeuten und jede Kränkung diesem unterschieben.

Das ist kein Feminismus, das ist das genaue Gegenteil davon. Sich in seiner Opferrolle auszuruhen und wohlzufühlen führt letztlich dazu, dass man in einer Opferrolle bleibt. Feminismus ist eigentlich dafür da, sich als Person ernst nehmen zu können, ohne immerzu auf Männer oder das eigene Frau-sein Bezug nehmen zu müssen. „Ich hab ’ne 4 in Mathe, weil die Gesellschaft meine intellektuellen Kräfte als Frau unterdrückt.“ ist nicht viel besser als „Ich hab ’ne 4 in Mathe, aber mein Papa hat mir eh gesagt, dass ich das nicht brauche.“. Wer der Meinung ist, dass Frauen nicht schlechter in Mathe sind, hat auch keine Ausrede mehr, besonders keine, die mit Männern zu tun hat. Die feministische Variante ist „Ich hab ’ne 4 in Mathe, weil ich seit Monaten keine Hausaufgaben mehr gemacht hab.“. Wir brechen die Frauen immer noch gesellschaftlich verordnete Schranke vor den Naturwissenschaften (ja, die gibt es. Mein Mathelehrer sagte zu meiner Mutter, ich sei „für ein Mädchen erstaunlich gut.“) nicht, indem wir über sie jammern, sondern in dem wir einfach unignorierbar gut in Naturwissenschaften werden und unsere eigenen Töchter und Schülerinnen dazu ermuntern.

Aus der reflexiven Nabelschau, die am Anfang eines „feministischen Erwachens“ steht, muss letztlich die Konsequenz der Selbstdisziplinierung gezogen werden. Aber allzu viele (Internet-)Feministinnen erstarren lieber in wortgewaltigem Selbstmitleid.

4. Verfolgungswahn

Als die Ärzte „Männer sind Schweine“ sangen, war das ein lustiger Witz. Für viele Feministen ist es das nicht. Ein schönes Beispiel für Femi-Paranoia ist die momentane Cat-Calling-Panik, die sich in den letzten Monaten auf feministischen Blogs und News-Seiten ausgebreitet hat. Es geht um die Bekämpfung von Männern, die Frauen auf der Straße „anmachen“, ihnen hinterher pfeifen, anzügliche Bemerkungen oder Komplimente machen oder sie auch einfach nur anstarren.

Ich las mich in das Thema und die Argumente ein und war zunächst heftig erbost: Auch mir war das schon einige Male passiert und vermutlich passiert das wirklich JEDER Frau in ihrem Leben. Aber über die Lektüre vergaß ich vollkommen, wie oft mir das eigentlich passiert war: insgesamt vielleicht 2x im Jahr, während die durchgedrehten Feministinnen angeblich jeden Tag mindestens 5x angesprochen wurden. Ich vergaß auch vollkommen, dass ich das gar nicht immer so schlimm fand, besonders dann nicht, wenn das ganze in ein Gespräch mündete. Catcalling kann eklig sein und das hängt nicht mal davon ab, ob man den „Catcaller“ nun attraktiv findet oder nicht, sondern davon, ob man es mit ehrlicher Freundlichkeit zu tun hat, oder mit einer anzüglichen Dominanzgeste, wie z.B. das eine Mal, als eine Gruppe junger Männer langsam im Auto hinter mir herfuhr, während ich nach Hause radelte und mir diverse Sprüche zu meinem „Arsch“ zubrüllte. Diese Differenzierung aber ist nicht mehr möglich. Selbst ein ehrliches Komplimen in einer unbedrohlichen Situation ist inzwischen schon verpönt. Hätte mir jemand eines gemacht, kurz nach der Lektüre dieser Artikel, wäre auch ich an die Decke gegangen, ja, ich war so weit, dass ich nervös in den Öffentlichen saß und hinter jedem Blick bereits eine potentielle sexuelle Belästigung erwartete.
Auch hier werden Frauen zu Opfern erzogen: nicht nur fühlen sie sich in der Öffentlichkeit ständig als Freiwild, sie benehmen sich auch so und das ist wiederum attraktiv für echte Angreifer. Kein Mann, oder kaum ein Mann bewegt sich derart unsicher und panisch im öffentlichen Raum, die meisten Männer bewegen sich darin vielmehr vollkommen selbstverständlich, wenn keine konkrete Bedrohung vorliegt. Statt Frauen dauernd Angst vor Männern zu machen, sollte der Feminismus sich darauf zu konzentrieren, ihnen diese Selbstverständlichkeit zu ermöglichen, indem er den öffentlichen Raum absichert und Frauen mit einem entsprechenden Selbstbewusstsein ausstattet

4. Absonderung des Weiblichen ist nicht die Wertschätzung des Weiblichen

Viele Einrichtungen, die der moderne Feminismus erwirkt hat, sind für mich von dieser Problematik gekennzeichnet, denn statt eine selbstverständliche Gleichberechtigung von Frauen zu erreichen, wird für sie eine Extrawurst nach der anderen eingefordert. Z.B.

  • Frauenbeauftragte (bzw.: „Gleichstellungsbeauftragte“, die dann aber nur durch Frauen besetzt werden
  • Das Gendering in Wort und Schrift
  • Frauenparkplätze
  • Frauenstipendien
  • Frauenquote (zumindest in der geplanten Form)
  • Girls‘ Day
  • Spezieller Aufklärungsunterricht für Mädchen, aber nicht für Buben

Der Effekt ist aber nicht, dass das Weibliche dadurch dem Männlichen gleichgestellt wird, sondern dass im Gegenteil Männer sich benachteiligt fühlen und/oder Frauen vorwerfen, dass sie es „wohl nötig haben“, sich dauernd bevorzugen zu lassen. Das Weibliche präsentiert sich in all diesen Beispielen als verletzlich, empfindlich, penibel, störend, aufdringlich, schwach, benachteiligt, kurz: genau die Vorstellung vom Weiblichen, die der Feminismus auszumerzen versucht.

Mein Recht auf Gleichberechtigung bedeutet, dass ich ein Recht darauf habe, genauso gedankenlos durch’s Leben zu gehen, wie ein Mann. Das ist aber unmöglich, wenn hinter jeder Ecke ein Feminist mit einer Torte wartet, auf der „DU BIST EINE FRAU“ steht. Egal, wie süß sie ist.

Alles, aber auch alles, was eine Frau tut wird damit plötzlich zum Politikum: welche Frisur sie trägt, welches Studium sie wählt, was sie mit wem im Schlafzimmer macht, wie sie ihren Namen schreibt, in welchen Kinofilm sie geht, mit wem sie befreundet ist, welches Spielzeug sie ihrer Tochter kauft, was sie in ihrer Freizeit macht, was sie isst. Eine Frau, die versucht, den Ansprüchen vieler moderner Feministen zu entsprechen, denkt 24 Stunden am Tag an nichts anderes als daran, dass sie eine Frau ist und wie sie das politisch korrekt umsetzen kann. Kaum ein Mann macht sich so viele Gedanken. Die Frauen, die die ultimative Freiheit für Frauen fordern, formulieren Sätze, die mit „Eine Frau muss“ „Eine Frau darf nicht“ und „Eine Frau soll“ anfangen. Formuliert man es so, wird klar, dass das so gar nicht funktionieren kann.

Feminismus abschaffen?

Wenn ich aber all diese herben Kritikpunkte am zeitgenössischen Feminismus habe, wieso identifiziere ich mich immer noch mit dem Feminismus, wenn es um bestimmte Themen geht? Wieso bin ich immer noch einer der wenigen Studenten die hie und da gendertheoretische Standpunkte einbringt?

Weil ich glaube, dass Frauen immer noch nicht fair behandelt werden, von Männern, von anderen Frauen, von Feministen. Ich weiß es, denn ich bin eine. Aber noch viel besser wissen es die Mehrheit der Frauen, außerhalb des „Westens“, die immer noch prä- und postnatal ermordet, verstümmelt, bedroht, verkauft und mundtot gemacht werden und an die offensichtlich keiner, der sich über Feminismus als solchen lustig macht, auch nur eine Sekunde denkt.
Ich kann und darf nicht aufhören, zu diesem Thema zu sprechen, weil es mehr vernünftige, besonnene Stimmen braucht, die auch in der Lage sind, männliche Standpunkte zu respektieren (denn ohne das funktioniert Feminismus einfach nicht) und weil das Feld nicht all den oben genannten degenerierten Erscheinungen überlassen werden darf.

Den Begriff des „Feminismus“ hinter sich zu lassen und zu einem anderen Begriff wie „Geschlechtergleichheit“ zu wechseln ist aber auch keine Alternative für mich: es ist eine Schande, dass eine Bewegung, die dafür gekämpft hat, dass ich heute hier studieren, lieben, arbeiten, einkaufen, schreiben, denken darf, nur noch mit hysterischen Weibern identifiziert wird.

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Eingeordnet unter Religion und Politik, Religionswissenschaft

Kirchenlatein

Latein wird innerhalb reformorientierter Bewegungen in der Kirche als eines der Zeichen des verkalkten Geistes der Kirche angesehen. Als Benedikt XVI. versuchte, die Lingua Franca wieder zu stärken, wurde ihm dies als Teil eines reaktionären Kurses ausgelegt. Dabei geht das an dem, was Laien wünschen meilenweit vorbei, das Lateinische Hochamt ist in unserer Gemeinde jedes Mal überdurchschnittlich gut besucht.

In der Religionswissenschaft ist es weit verbreitet, die religiöse Landschaft in Marktbegriffen zu betrachten, Religionen demnach als Anbieter Spiritueller Dienstleistungen. Wie auf jedem Markt gibt es hier Nischen, Corporate Designs, Kundenbindung und z.B. die Idee, dass sogenannte „Alleinstellungsmerkmale“ die Attraktivität eines Anbieters erhöhen.

Die katholische Kirche hat eine Menge äußerst charakteristischer Alleinstellungsmerkmale – nicht umsonst verwechseln Personen mit wenig Erfahrung die katholische Kirche mit dem Christentum allgemein. Das macht sie auch so attraktiv für die mediale Verwurstung: unsere Marke wird mit beeindruckenden Kirchenräumen, schweigsamen, eleganten Herren in Soutanen, freundlichen und nicht-so-freundlichen Nonnen im Pinguindesign, rauschenden Gemeinde- und Volksfesten, strengen Heiligenfiguren und skurrilen Reliquien assoziiert. Und natürlich mit Gläubigen, die Gebete in einer klang- und geheimnisvollen Sprache flüstern. Latein. Latein ist einer der ästhetischen Exportschlager der katholischen Kirche. Latein gilt immer noch als die Sprache der Intellektuellen und wenn in einem noch so billigen Abenteuerschinken ein geheimnisvolles Pergament, eine bedeutungsschwere Inschrift auftaucht, dann ist es auf Latein.

Wer aber die Kirche aufsucht, weil er gezielt jenes zu finden hofft, was nach Meinung der Öffentlichkeit die Kirche ausmacht, der wird bitter enttäuscht: der alltägliche Gläubige sitzt in einer grob verputzten Betongarage, wird dabei angestiert von bis zur Unkenntlichkeit verfremdeten Bronzeklumpen mit Hungerleichenappeal und hört kitschige Verslein auf Deutsch, die in ihrer Nüchternheit und intellektuellen Flachheit genauso gut in einem frommen Büchlein zur Kindererziehung von 1890 stehen könnten. Der Priester schleicht im golddurchwirkten Kartoffelsack auf ausgelatschten Birkenstocks mit graubraunen Wollsocken durch die Bänke und ruft danach die Gemeinde zur gemeinsamen Verkostung der fair gehandelten Haferkleiesuppe mit veganen Tofusaitlingen. Der Unterschied zur evangelischen Kirche nebenan ist nur, dass es dort nach Keller riecht – und dass der Pastor im schwarzen Talar nicht nur mehr Würde, sondern mehr Lebensfreude ausstrahlt.

Die Alleinstellungsmerkmale, genau die, sind es, die seit Jahrzehnten eins nach dem anderen abgeschwächt und abgeschafft werden. Wie das immer-evangelischer-werden die Austritte vermindern soll, obgleich unsere Freunde und Lutheraner ebenso mit Austritten zu kämpfen haben, ist mir ein absolutes Rätsel.

Von einer rein-lateinischen Kirche konnte noch nie die Rede sein

Aber kommen wir speziell zum Thema Latein: die Argumentation zur Abschaffung war ja, dass das näher am Gläubigen ist, dass damit die Liturgie für den Laien leichter zugänglich wird und damit der Elitarismus in der Kirche ein klein wenig reduziert wird. Dummerweise nur sehen das viele Laien ganz anders: sie trauerten dem Latein hinterher, wünschten sich die alte Ästhetik zurück und reiben den neueren Generationen immer noch ihr überlegenes Wissen unter die Nase, sie könnten die Gebete noch „gescheit“. Zugegebenermaßen waren vor der Liturgiereform und dem 2. Vatikanum, teils inoffiziell, bereits einige Erleichterungen eingeführt worden: Predigt, Lesungen und das Evangelium wurden auf Deutsch verlesen. Allerdings gab es bereits seit dem frühen Hochmittelalter (!) Gebete, Predigten, Andachtsbüchlein und sogar Bibeln in Volkssprachen (z.B. auf Alt- und später Mittelhochdeutsch).

Sobald größere Teile von Gemeinden des Lesens mächtig waren, war das zweisprachige Gebetbuch üblich. Im Kommunions-, Firm- und schulischen Religionsunterricht wurde der Inhalt der Liturgie und der lateinischen Gebete vermittelt und zwar nicht erst seit dem 19. Jahrhundert. Wer also wissen wollte, was die lateinischen Texte bedeuten, der hatte alle Möglichkeiten der Welt, es zu erfahren. Ohne Mehrkosten und ohne eine exklusive Ausbildung, die nur den oberen Schichten zugänglich gewesen wäre. Lesen können war von Vorteil, aber das wäre spätestens bei der Reform in den 60ern für die meisten Gläubigen zutreffend gewesen.

Die Argumentation, Latein sende die Botschaft, dass sich die Gläubigen aus der Liturgie herauszuhalten hätten, dass sie ohnehin nichts „verstehen“ könnten und ihnen demnach genauso gut Dichtung auf Mandarin hätte vorlesen können, ist demnach absolut hinfällig.

Meiner Meinung nach stellt die Umstellung auf Volkssprachen eher ein Aufgeben gegenüber einer ganz speziellen Semiotischen Ideologie (man verzeihe das schmutzige Wort, mir fällt kein besseres ein), dar, deren Darlegung ich aber auf ein Andermal verschieben möchte.

Die rituelle Funktion von Latein als liturgischer Sprache

Latein hat viele andere Vorteile: es unterstreicht die Globalität der Kirche – wäre es immer noch die dominante Kirchensprache, dann könnte ich jederzeit in jeden katholischen Gottesdienst auf der Welt gehen und wäre zuhause, das geht bis hin zu einer Translokalität: Gläubige sprechen zur gleichen Zeit die selben Texte wie ich, wir beten tatsächlich zusammen in einer weltumspannenden Kirche für die selbe Sache. Latein unterstreicht die Überzeitlichkeit der Kirche: ich spreche die gleichen Texte, wie meine Großeltern und Urgroßeltern. Ich bin Teil eines einstimmigen, überzeitlichen, weltweiten Chors.

Zeitgleich entsteht durch die nicht direkte Zugänglichkeit der Sprache ein gefühltes Mysterium: wenn es nicht meine Muttersprache ist, dann habe ich an mich gar nicht den Anspruch, die Texte im Moment des Hörens und Sprechens auch verstehen zu müssen. Der Zugang ist kein rein intellektueller sondern auch ein ästhetischer: wenn ich möchte, dann kann ich auch in einer Art religiösen Trance die Ästhetik der Sprache bewundern, ihren Klang schmecken, mich ein bisschen treiben lassen. Latein ist eine heilige Sprache: sie wirkt durch ihr Ausgesprochen-werden, ihre Phoneme (ihre Klänge) haben selbst eine Bedeutung und damit Wirkung, nicht nur ihre Signifikate (also das, was sie bezeichnet), wie es bei der Alltagssprache der Fall ist. Das signalisiert auch, dass gar kein Zwang besteht, immer alles verstehen zu müssen: dass Katholizismus auch bedeutet, Nicht-Verstehen-Können auszuhalten, eben da, wo es an die Glaubensmysterien geht.

Die Texte vor dem Verstehen erst übersetzen zu müssen bedeutet auch, dass es unerlässlich ist, sich mit ihnen näher und genau am Wort auseinanderzusetzen (z.B.: Was heißt „lumen de lumine“? Ist „Licht vom Licht“ die richtige Übersetzung? Welche anderen Lesarten gibt es?). Man wäre im Religionsunterricht gezwungen, tatsächlich nahe an der Liturgie zu arbeiten und sich ernsthaft Gedanken zu all den basalen Glaubensfragen und alternativer Lesarten zu machen, statt der Versuchung zu erliegen, Mandalas auszumalen und dabei Bibelgeschichten zu hören. Die Vielschichtigkeit der Texte wäre präsenter, die theologische Diskussion würde stärker ins Bewusstsein der Laien getragen.

Keine liturgische Sprache zu haben ist kulturgeschichtlich beinahe die Ausnahme

Der Blick in andere Religionen zeigt ähnliche Konzepte. Sei es der Islam, das Judentum, der Hinduismus oder der himmelhoch gelobte Buddhismus: nahezu überall finden wir heilige und/oder liturgische Sprachen, die keiner mehr spricht und die für sakrale Gelegenheiten vorgesehen werden. In vielen dieser Religionen werden die Übersetzungen von Schriften aus diesen Sprachen zu mittelbaren Texten – also Krücken – die gar nicht mehr dieselbe Wirkung erzielen können, wie die Originale. Im Falle der Veden führte das sogar so weit, dass die Sanskrittexte über Jahrhunderte hinweg getreu Buchstabe für Buchstabe auswendig gelernt und tradiert wurden, obwohl kaum einer oder sogar niemand mehr ausreichend Sanskrit beherrschte. Trotzdem umfassen diese Religionen jeweils Millionen von Anhängern und Europäer verzweifeln regelrecht an dem Wunsch, zu ihnen konvertieren zu können. Dass sie dafür die liturgischen Sprachen lernen müssen, nehmen sie nicht zähneknirschend hin sondern sie sind regelrecht begeistert von der Idee.

Wer eine japanische Kampfsportart betreibt schmeißt mit Vergnügen mit Begriffen wie Sensei, Dan, Obi oder Gi um sich, jede Hausfrau summt im Meditationsstudio ihr „om manipatme hum“. Und dann soll Latein Laien-feindlich sein?

Die Verwendung spezifisch religiöser Sprachen hilft, religiöse von alltäglichen Handlungen abzugrenzen, und heilige Bereiche, Texte, Gegenstände zu markieren. Der Sprachwechsel schafft Bedeutung (der Grund für all die englischen und französischen Werbeslogans da draußen), er weckt Neugierde und Identifikation mit der Sprachgruppe. Latein aufgeben oder verringern heißt, ein wichtiges rituelles, soziales und kulturelles Werkzeug für alle Zeit aus der Hand zu geben.

Nein, Latein verdient es, seinen Platz an vorderster Stelle zu behalten und es verdient auch, seinen Platz im Allerheiligsten zurückzubekommen, denn es ist die Sprache, auf der der Katholizismus das Sprechen gelernt hat, es ist die Sprache, für die wir verspottet und bewundert werden. All unsere Lehrer, all unsere Erfahrungen hinterließen ihre Spuren in dieser Sprache, in ihrem Code finden sich Hinweise auf unsere Streitigkeiten, Ungereimtheiten und großen Geheimnisse. Das aufzugeben hieße, all das zu begraben und einer Hand voll Kirchenhistorikern und Theologen zu überlassen. Ihnen den Zugang zu ihrer Geschichte und Tradition zu verwehren, weil man sie für zu dumm hält, die rechte Spalte im Gebetbuch zu lesen, das ist die wahre Ausgrenzung der Laien.

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Eingeordnet unter Gedanken zur Praxis der katholischen Kirche, Kritik zu katholischen Themen, Religionswissenschaft

Aus gegebenem Anlass: Amerikanische Wissenschaftler belegen, dass nicht alle Kinder ihrer Meinung sind

Derzeit geistert eine Studie durchs Internet, in der Forscher behaupten, herausgefunden zu haben, dass religiös erzogene Kinder „Schwierigkeiten“ hätten, Fiktion und Realität zu unterscheiden.

Dabei brüsten sie sich damit, dass die atheistischen bzw. säkularen Kinder sowohl Magie, als auch religiöse Erzählungen als Fiktion entlarven könnten, während die religiös erzogenen Kinder sogar (!) religiöse Geschichten für Realität hielten.

Die genannte Beispielgeschichte mit David und Goliath ist schon alleine deshalb eine Frechheit, weil Goliath in der Bibel definitiv als MENSCH beschrieben wird und nicht als „Monster“. Da der Begriff „Monster“ ein Fiktionsmarker ist, liefert er atheistischen Kindern den Hinweis, was man hier gerne von ihnen hören möchte. Religiös erzogene Kinder hingegen erkennen die Erzählstruktur und denken: „klar, David und Goliath! Kenn ich! Natürlich gibt es die“. Allein das befördert, neben der viel zu kleinen Datenmenge (66 Kinder. Lächerlich)  und der Herkunft der Wissenschaftler, sowie ihrem naturwissenschaftlichen Hintergrund (zu China brauch ich wohl nichts zu sagen und in den USA tobt der Krieg zwischen Naturwissenschaft und Religion wesentlich intensiver und es macht mich nicht gerade glücklich, dass wir diesen Unfug dank Internet derzeit importieren) für mich als Religionswissenschaftlerin den Verdacht, dass diese Studie vermutlich aus kulturwissenschaftlicher Sicht vollkommen unzureichend und methodisch unsauber ist. Wie so vieles, was die Kognitionswissenschaft zum Thema Religion verzapft. Die meisten Studien dieser Art, z.B. ob Religion der mentalen Gesundheit nutzt oder schadet, ob religiöse Menschen glücklicher, hilfsbereiter oder stärker von Fußpilz betroffen sind, hängen auf mysteriöse Weise von der religiösen Überzeugung der Forscher ab. Bevor jetzt einer sagt, das läge daran, dass mir das Ergebnis nicht passe: ich bin auch bei Pro-Religiösen Studien dieser Meinung.

Aber nehmen wir mal an, dass die Studie sauber ist… Nein, ich kann nicht einmal so tun. Denn die Definition von „Fiktion“ ist auch ziemlich fragwürdig. Wer bestimmt den bitteschön, was Realität ist? Hirnforscher? Darauf würde ich mich nicht so gerne verlassen. Wenn religiöse Überzeugungen als Fiktion definiert werden, dann steht per Definition von vornherein fest, dass religiöse Kinder „Realität“ und „Fiktion“ nicht unterscheiden können. Das ist kein Defekt in den Kategorien der Kinder, das ist die Arroganz von Wissenschaftlern, die denken, Fiktion sei alles, was nicht Physik ist, zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden heiße, zwischen IHRER Fiktion und IHRER Realität zu unterscheiden.

Das ist ein ähnliches Spiel wie bei unseren Studien: Wenn wir erforschen, ob Personen „religiös“ sind stehen wir oft vor dem Problem, dass unsere befragten Personen eine andere Vorstellung davon haben, was eine Religion ist, als wir. Natürlich muss man, ähnlich wie bei dem „Fiktion“ und „Realitäts“-Ding irgendwo die Grenze ziehen. Kreuzt jemand an, er sei „religiös“; weil er im Ferrari-Oldtimer-Verein ist, lehne ich als Religionswissenschaftlerin auch dessen Selbstbezeichnung ab. Behauptet jemand, alle Romanfiguren seien „Realität“, weil sie in unseren Köpfen existieren, dann ist das zwar sehr philosophisch, muss aber zugunsten brauchbarer Ergebnisse vernachlässigt werden. Nur: Kulturwissenschaftler wissen von dem Problem, sie wissen auch, dass dadurch ihre quantitativen Ergebnisse eher „Richtwerte“ sind und lassen daher ihre Definitionen so flexibel wie möglich.
Ich denke, vielen religiösen Kindern ist klar, dass David und Goliath, Schneewittchen und der Osterhase nicht auf die selbe Art und Weise real sind, wie ihre Kindergärtnerin oder ihr Hund, sondern in eine andere Kategorie von Realität fallen. Möglicherweise sind Realität und Fiktion auch nicht zwingend Gegenbegriffe.

Also, nehmen wir nochmal an, die Studie sei sauber. Wo genau ist jetzt bitte das Problem damit, wenn Kinder denken, es gäbe Rapunzel oder einen Geist auf ihrem Dachboden oder König Herodes? (Achja, richtig, den gab es ja vermutlich… wenn nur in der Bibel nicht unverschämterweise auch noch historische, reale Figuren vorkämen!) Ich jedenfalls sehe keines. Die Kinder werden genauso schreiben lernen und Klavier spielen – naja, vielleicht manche von ihnen besser nicht – und sich die Knie aufschürfen.

Die Vorstellung, die die Studie zu so einem Triumph für Atheisten macht, ist die implizite Annahme, dass die Unterscheidung von „Fiktion“ und „Realität“ ein Zeichen von Intelligenz ist. Sie sagt demnach atheistischen Eltern: ihr bringt Eure Kinder voran, weil sie sich nicht so lange mit dummem Zeug beschäftigen, wie religiöse Kinder.

Solche Vorstellungen von Intelligenz kotzen mich einfach nur an…

Seit der Freistaat Bayern für kurze Zeit meine Eltern von der Idee überzeugte, dass sie sich mehr mit meiner Intelligenz auseinanderzusetzen hätten, um mich als fehlende Fachkraft auszubilden (oder so), weiß ich, was sie anrichten.
Ich kam in Förderprogramme, ich begegnete einem Haufen Kinder, die auf Intelligenzverwertung getrimmt wurden.
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich ein funktionierendes soziales System um mich herum, Freunde mit denen ich mich zwar intellektuell langweilte, aber mich ansonsten sehr gut amüsierte – und für ersteres hatte ich ja auch meine Eltern und Jacques Cousteau.
Dennoch blickte ich der Aussicht, endlich mit Gleichgesinnten zusammen zu sein fieberhaft entgegen und wurde bitter enttäuscht. Diese Intelligenzbestien waren zu einem nicht unerheblichen Teil geigespielende, rubikwürfellösende, schachmeisterliche Förderleichen (wenn auch nicht ausschließlich). Viele hatten keinen Fernseher, diejenigen, die fernsehen durften, kannten „Sailor Moon“ nicht, damals der letzte Schrei unter 6-10jährigen und mein Lieblingsspiel (gleich nach „Meerjungfrauen“). Während ich den Großteil der Märchen der Gebrüder Grimm aus dem Kopf zitieren konnte, bibelfester war, als meine damalige Religionslehrerin (das war auch kein Kunststück) und meiner Schwester über Monate hinweg selbst erfundene Fortsetzungsgeschichten erzählte, wussten manche dieser Kinder nicht einmal, wer „Schneeweißchen“ und „Rosenrot“ waren.

Aber gleichzeitig kam ich mir vor den Anderen unglaublich dumm vor. Ich konnte nicht Schachspielen und ich lernte es auch nicht, ich war zwar sehr gut in Mathe, aber zu faul für Rubikwürfel, ich lernte keine Eisenbahnwagentypen auswendig und die Blockflöte befand ich für musikalisch derart unbefriedigend, dass ich lieber zum Zuhören überging – und in den Chor – Gesang ist ja bekanntermaßen die am wenigsten mit Intelligenz verknüpfte Art von Musik, weil man da nicht rechnen kann oder muss. Stattdessen hörte ich von einigen Kindern, wie sinnlos meine Freizeitbeschäftigungen waren, dass sie ihre Zeit besser zu nutzen wüssten, als stundenlang Operettenfilme anzusehen und auf dem Spielplatz den Film „Anastasia“ nachzustellen. Ich glaubte ihnen, ich wusste, wie man sich eigentlich als intelligentes Kind zu verhalten hatte.

Vermutlich lag ich auch im unteren Teil der Skala innerhalb der Gruppe – es gab unter ihnen erstaunliche Savanten, einige haben ihr Abitur mit 16 gemacht, aber die Tests waren nun einmal da und sie bewiesen, dass ich nicht blöde war, egal, wie sehr ich es mir einredete.

Wir haben eine viel zu festgelegte und eingeschränkte Vorstellung davon, wie Begabung sich zeigt und was Intelligenz überhaupt ist: Intelligenz zeigt sich in sehr guten oder extrem schlechten Noten, Intelligenz hat effizient zu sein und Intelligenz schlägt sich in einer naturwissenschaftlichen und musikalischen Begabung, einem messerscharfen und kalten Verstand nieder. Intelligenz träumt nicht, sie rechnet.

Ich interessierte mich für Sprache, Narrative, Fiktion und Ästhetiken. Meine Eltern versuchten nie, mein Potential auszuschöpfen oder zu erschöpfen und sie ließen mich glauben, was ich wollte, weil sie, nachdem sie nach Streitigkeiten mit anderen Eltern „auf Linie“, eingesehen hatten, dass mein intellektuelles Wohlbefinden nicht mehr erforderte als zwei Dinge: erstens Schutz und zweitens das richtige Futter. Sie nahmen mich aus dem Förderprogramm und gaben mir stattdessen Zugang zu allem, was ich mir nur wünschte, egal, wie ausgefallen oder „unpassend“ es war.

Vermutlich konnte ich mit 5-6 Jahren „Realität“ und „Fiktion“ nicht auseinanderhalten. Sie verschwammen und verschwimmen immer noch ineinander, weil wir nie sichergehen können, dass wir nicht gerade träumen, dass wir nicht vielleicht alle Figuren in einer Erzählung sind und hinter der nächsten Ecke ein sprechender Löwe, ein Kettensägenmörder oder Alexander der Große steht. An diesen Punkt gelangte ich vergleichsweise früh – die Lektüre von „Sofies Welt“ machte es nicht unbedingt besser. Hinter diesen meinen Vorstellungen standen auch all die Erfahrungen, die ich gemacht hatte, weil ich Medien und damit Fiktion konsumierte, konsumierte und konsumierte. Ich las, sah fern, spielte PC, erzählte und hörte Geschichten. Es ist in meinen Augen fragwürdig den „Realitätsverlust“ von Menschen zu pathologisieren, die weder Leidensdruck haben, noch eine eingeschränkte Funktionalität aufweisen. Es ist verrückt, Kinder für verrückt, falsch oder dumm zu erklären, wenn sie nicht den durch irgendwelche amerikanische Kognitionswissenschaftler vorgegebenen Maßstäben für Realität und Fiktion folgen.

Ich habe schon von atheistischen Eltern gehört, die stolz darauf waren, dass der kritische Geist, den sie ihrem Kind eingebläut haben, so ausgereift war, dass es aus Klugscheißerei andere Kinder traurig machte, indem es ihnen sagte, es gäbe das Christkind nicht. Obwohl ich mich mit permanenter Klugscheißerei ins soziale Aus manövrierte und bisweilen immer noch manövriere hatte ich nie das Bedürfnis, anderen ihre Träume und Phantastereien zu nehmen.
Meine kleine Schwester ist zwei Jahre jünger als ich und glaubte rund 4 Jahre länger ans Christkind. All die Zeit tat ich ihr zuliebe so, als würde ich auch daran glauben, als wüsste ich nicht, dass meine Mutter die Kerzen anzündet und meine Eltern die Geschenke einkaufen. Ja, ich hatte am Schluss sogar das Gefühl, als würden wir beide meinen Eltern zum Gefallen nur noch so tun. Außerdem war es mir eigentlich gleich. Als allmählich diese Gewissheit in mir reifte, nahm ich das als ganz gewöhnlichen Prozess hin. Dass meine Eltern Geschenke von weiter entfernt lebenden Verwandten eigentlich selbst kauften und sich von ihnen das Geld überweisen ließen, traf mich da weit mehr, als die Christkind-Enthüllung.

Also: wenn religiöse Kinder glauben, da draußen stapfen die Sieben Zwerge durch den Wald und Jesus habe Wasser in Wein verwandelt, wo genau ist das Problem? Ich persönlich war jedenfalls glücklich, in meiner übersinnlich bevölkerten Kinderwelt.

Wenn die Kinder erwachsen werden, hören sie so oder so aller Wahrscheinlichkeit nach auf, das Erstere zu glauben und das Zweitere vielleicht sogar auch (nur, wenn sie bei Beidem bleiben, sollte man sich vielleicht Gedanken machen). Religiöse Eltern, fürchtet Euch nicht vor dieser Studie, Fiktion ist nicht dumm. Fiktion wird Papst und Fiktion wird Bauingenieur und Fiktion wird Bestsellerautor. Kinder haben es verdient, keine traurigen Klischees zu sein.

8 Kommentare

Eingeordnet unter Medien - Kritik und Empfehlungen, Religionswissenschaft, Zu allgemeiner Religionskritik

9 Aussagen, die Religionswissenschaftler zu hören kriegen und die den Meisten von uns mächtig auf die Nerven gehen

 

1. Also das würde mich echt auch mal interessieren. Klingt nach einem sehr faszinierenden Studium.

Na das freut mich aber. Ich sage es nur ungern, weil der Sprecher mir auch schmeichelt, aber dieses Satz lässt vor jedem Studenten der Religionswissenschaft ein inneres Bild auferstehen: er sieht den Sprecher, pensioniert, wie er in einer Vorlesung sitzt, vier Plätze besetzt (einen für den Mantel, einen für die Gesamtausgabe der Upanishaden und einen reserviert für Luise) und uns alle mit seiner Lebensweisheit erfreut.

Denn was die meisten zukünftigen Seniorenstudenten am Wörtchen „Religionswissenschaft“ geflissentlich zu überhören pflegen ist „Wissenschaft“. Religion hat ja so viel mit persönlicher Erfahrung zu tun, da kann es ja nicht schaden, persönliche Erfahrungen und vor allem Glaubensüberzeugungen einzubringen. Vor allem, wenn der Erfahrene und Überzeugte schon seit mindestens 70 Jahren erfahren und überzeugt ist, besonders in einem sozialen oder noch besser: einem technischen Beruf.
Sätze die mit den schönen Worten „Ich als Mutter…“, „Aber Emanuel Kant…“, „Also in der Psychoanalyse…“ oder „Als ich damals in Indien war…“ anfangen sind meistens weder sachdienlich noch wissenschaftlich noch innovativ und werden nur noch getoppt von: „Hat Jesus nicht gesagt…“, „Aber die Israeliten in der Wüste lernten, dass Gott…“ und „Ist es nicht so, dass irgendwie in allen Religionen…“.

Das, was eigentlich gesagt wird ist nämlich: Ich war in Indien, ich bin der schlaueste und bibelfesteste in meiner Gemeinde und: Das Jungvolk und der weltfremde Wissenschaftler weiß gar nicht, wie es im Leben zugeht.
Also ja: mein Studium ist faszinierend, aber es nicht auf die Weise faszinierend, wie es Sprecher dieses Satzes denken. Wir lernen weder, wie eine harmonische Zukunftsreligion aussehen könnte, noch, wie wunderbunt exotisch die Welt ist.

2. Die Schwester meiner Schwiegertochter ist bei so einer Sekte, irgendwas mit neuapostolisch und Episto-irgendwas. Hast Du davon schonmal was gehört?

Die Chancen stehen gut, dass der Sprecher dieses Satzes von mir hören möchte, dass diese Religion, der die Schwester der Schwiegertochter angehört, irgendwie voll komisch ist. Die meisten kleineren christlichen Konfessionen dieser Art wirken auf die Anhänger von Großkirchen irgendwie komisch und auch ich habe etwas Zeit gebraucht, mich an sie zu gewöhnen.

Aber eigentlich wollen sie hauptsächlich hören, ob die ganze Sache nicht möglicherweise gefährlich ist, ob sie den Sohn warnen müssen, ob die Enkelkinder bald in Zungen reden?!

Problematischer Weise kann ich gar nicht helfen: die Sprecher erinnern sich weder an den genauen Namen der Gruppe, noch würde er mir wirklich etwas sagen, denn diese ganzen Gruppen benennen sich immer mit den gleichen verschieden arrangierten Begriffen „apostolisch“, „frei“, „episkopal“, „presbyterisch“, „evangelisch“, „evangelikal“, „charismatisch“ sowie irgend einer Ortsbezeichnung. Kein Mensch blickt da wirklich durch, auch nicht der Religionswissenschaftler. Nicht mal der, der sich im Gegensatz zu mir für diese speziellen religiösen Gruppierungen interessiert. Meistens erzähle ich also irgendwas von einer stärkeren Gemeindebindung, zeit- und geldaufwendiger Mitgliedschaft, freieren Gottesdienstformen, höherer religiöser Emotionalität und Begeisterung, den USA, Afrika und lächle dann nett, wenn die Person hauptsächlich eines heraushört: die sind irgendwie komisch.

3. Buddhismus ist doch keine Religion.

Na ein Glück! Der Sprecher hat endlich eine Frage gelöst, die so alt ist, wie die Religionswissenschaft selbst: erstens, was eine Religion ist und zweitens, ob Buddhismus dazu gehört. Leute, packt zusammen, wir sind hier fertig!

Ich bin auch ehrlich gesagt sehr froh, dass sich dann in Zukunft nur kompetentere Menschen, nämlich einsame Hausfrauen, Journalisten und katholische Ordensleute mit dem Buddhismus auseinander setzen und nicht mehr die Religionswissenschaftler. Fällt ja nicht mehr in unser Gebiet.

4. Der Islam ist gefährlich und körperfeindlich.

Meistens natürlich in zustimmungsheischendem Tonfall vorgebracht, meistens, nachdem ich erzählt habe, dass wir uns sehr bemühen, keine verkitschte Idealisierung nicht-europäischer Religionen zu übernehmen.

Hier eine kurze Liste von Religionen, die mehrheitlich oder teilweise gefährlich und/oder körperfeindlich waren oder sind: Christentum, Judentum, Buddhismus, Hinduismus, Islam, diverse australische, afrikanische, nord- und südamerikanische „Stammes“-religionen, Weightwatchers, Scientology, OSHO und Mathematik.

Religionswissenschaft lebt davon, da zu differenzieren, wo andere es nicht tun. Jetzt gerade gibt es Strömungen im Islam, die gefährlich und körperfeindlich sind und ich kann einiges von ihnen erzählen. Aber halt nicht so.

Dieses Prinzip lässt sich auf jeden beliebigen Vorwurf, aber auch auf jede Lobeshymne an jede beliebige Religion ausweiten, man wird uns nicht dazu bringen können, einer Religion pauschal irgendeine Eigenschaft zuzuweisen. Deshalb läd man Religionswissenschaftler auch nie in Talkshows.

5. Meine Cousine geht zwar nie in die Kirche und schimpft auf den Papst, wo sie nur kann, aber kirchlich heiraten musste sie dann eben schon.

Das ist ja unerhört! Ich werde sofort die Abteilung für religiöse Ordnungswidrigkeiten informieren. Nicht im Bezirk der LMU!

Jetzt mal im Ernst: solche und ähnliche Dekadenzklagen zielen meistens darauf ab, mich damit zu konfrontieren, dass der Gegenstand meiner Forschung in beklagenswerte Unordnung geraten ist und wünscht dann, dass ich in dieses Bedauern einstimme.
Während ich als Katholikin von solcher Praxis tatsächlich nicht besonders begeistert bin, ist es nicht mein Job als Religionswissenschaftlerin, sie zu verurteilen oder abzuwerten. Ich würde schlichtweg beschreiben, dass die kirchliche Heirat möglicherweise Teil eines westlichen Lifestyles ohne großen Kirchenbezug geworden ist und dass eventuell die Kirche immer noch als Spezialist für soziale „Rites de Passages“ gilt, ohne, dass man sich ihr dafür fest zugehörig fühlen muss.

Im Übrigen lässt sich die allgemeine Abnahme von Religion in der europäischen Gesellschaft weder leugnen noch beweisen. Man spricht in zeitgenössischen Arbeiten gerne von „Transformation“ von Religiosität, ihrer „Privatisierung“ oder „Kommodifizierung“.

6. Dieser Abschnitt aus Dan Browns „Illuminati“: »Willkürliche Verstümmelungen sind für Illuminati äußerst… ungewöhnlich«, erklärte Langdon. »Sie sind nach einschlägiger Meinung das Werk unerfahrener Randgruppen oder Sekten – terroristische Akte von Eiferern. Die Illuminati sind stets viel umsichtiger zu Werke gegangen.«

Nun muss man für die folgende Aufregung wissen, dass erstens Robert Langdon als „Symbolologe“ irgendwie sowas, wie ein Religionswissenschaftler ist. Eigentlich ist er genau das. Zweitens muss man wissen, dass die Religionswissenschaft so wenig und so miese Öffentlichkeitswirkung hat, dass die meisten Leute gar nicht wissen, dass es sie überhaupt gibt.
Nun läuft in einer der berühmtesten Thrillerserien unserer Zeit ein Religionswissenschaftler herum und wir könnten uns alle freuen, wenn das nicht einfach nur KAPITALER BOCKMIST wäre. Nicht nur inhaltlich – ist ja klar, dass man was zusammen erfinden muss, sondern einfach in Bezug darauf, wie ein Kulturwissenschaftler denkt.

Hier also eine kurze Liste der Fehler in diesem Satz: 1. benutzt das Wort „Sekten“, 2. Schließt aus einem Verstümmelungsakt sofort auf eine religiöse Konnotation, 3. Behauptet, es gäbe in der Religionswissenschaft so etwas wie eine „einschlägige Meinung“ 4. Zieht aus einer wahrscheinlich viel zu kleinen Vergleichsgruppe (wie viele durch Illuminaten/unerfahrene „Sekten“ begangene Verstümmelungen gab es schon innerhalb dieses Kulturkreises) eine allgemeine Aussage.

Robert Langdon hätte mit solchem Geschwätz nie einen Lehrstuhl für Symbolololologie in Harward bekommen (nicht mal, wenn es dieses Fach gäbe). Er hätte das Studium im 8. Semester abgebrochen und würde davon leben, verschwörungstheoretische Artikel für Zeitschriften mit dreistelligen Ausgabenzahlen zu schreiben.

Kein Kulturwissenschaftler brächte so einen Satz über die Lippen, ohne sich danach sofort in Agonie selbst zu richten. So einfach ist unsere Arbeit nicht. Es ist nicht so, als ob wir irgendwie alles über eine Gruppe wissen könnten oder verlässliche, eindeutige Datensätze für irgendwas hätten.


So funktioniert das nicht und die Verbreitung der Vorstellung, dass es so funktioniert führt uns nur zu den Freunden aus Aussage Nummer eins.

7. „Holger H. war selbst einmal Mitglied von [böse, seltsame, eigenbrödlerische Gruppe] er enthüllt Unglaubliches:“

Liebe Raucher unter meinen Lesern: würden Sie einen Nicht-mehr-raucher befragen, um eine ausgewogene Aussage zum Rauchen zu bekommen?

Genauso ist das nämlich, wenn man einen Aussteiger zu den Vorgängen in einer religiösen Gruppe befragt. Je exklusiver die Gruppe, desto schlimmer. Wieso? Dieser Mensch hat jahrelang mit dieser Gruppe gelebt, sie war eine seiner einschneidendsten Lebensentscheidungen und er ist daran gescheitert. Könnte das an ihm liegen? Nein. Nicht er war blöd genug, einer Religion beizutreten, die ihn dann nur noch unglücklich gemacht hat, sondern natürlich ist die Religion daran Schuld. Die betreibt nämlich Gehirnwäsche und zwang ihn förmlich, bei ihr zu bleiben. Nie im Leben könnte er selbst einfach nur eine Fehlentscheidung getroffen haben, die ihn von seinem gesamten ehemaligen sozialen Umfeld abschnitt und ihn finanziell ruinierte. Überhaupt: jetzt wo er einen zweiten Schnitt gemacht hat, erkennt er natürlich, dass in der Gruppe alles nur schlecht und schlimm und traurig war. Interessant wäre mal zum Vergleich eine Aufnahme davon, wie er kurz nach dem Eintritt über sein Leben ohne die Gruppe gesprochen hat. Vermutlich genauso.

8. „Religionswissenchaftler sagen, dass […]“ und dann ein Zitat von Weber, Dürkheim, Eliade oder Frazer

Liebe Journalisten, Blogger und populärwissenschaftliche Autoren, bitte hört auf, unsere alten Schinken vollkommen kommentarlos zu zitieren, nur, weil sich daran alles so logisch und einfach anhört. Seit Dürkheim hat die Religionswissenschaft mehrere Paradigmenwechsel mitgemacht und zur Zeit wechselt sie ihr Paradigma alle zwei Wochen. Weber wollte seine Aussagen nie als universalgültig und auf alle Fälle von Religion angewendet sehen, Dürkheim baute die Hälfte seiner Theorien auf gefälschte Ethnographien auf, Eliade ist mehr Priester als Wissenschaftler (auch, wenn man sich gerade wieder über ihn streitet – aber das ist viel zu komplex für Eure Zwecke) und Frazer sieht Religion als überwundene kulturelle Stufe an, die wir baldmöglichst abschütteln sollten.

Kein Mensch würde zu naturwissenschaftlichen Themen Bücher zitieren, die schon hundert Jahre alt sind. Wieso dann bitte in der Geisteswissenschaft?

9. Religion ist inzwischen klar als neurologisches Phänomen nachgewiesen, Gott wird im Gehirn erzeugt

Erstens ist das Wörtchen „klar“ an dieser Stelle etwas hochgestapelt – die Kognitionswissenschaft formuliert gerne größenwahnsinnig (oder besser: Journalisten formulieren Kognitionswissenschaftliche Funde gerne so), aber ein bisschen unsicher ist ihr Grund dennoch.
Zweitens interessiert das den Religionswissenschaftler nicht die Bohne und die implizierte Provokation ist ihm ungefähr so neu, wie die Calvinistische Prädestinationslehre.

Das Wissen um bestimmte neuronale Abläufe ist für Teile der Religionswissenschaft ungemein wichtig, z.B. in der Ritualforschung und Religionsästhetik.

Aber die Religionswissenschaft versucht nicht die Herkunft des Phänomens „Religion“ zu erklären, sondern sie versucht, dieses Phänomen zu beschreiben, in all seinen Dimensionen, politisch, sozial, kunstgeschichtlich, psychologisch, ökonomisch (usw.). Uns zu sagen, wir seien von der Kognitionswissenschaft überflüssig gemacht worden, ist, als würde man einem Sommelier zurufen: „Sie können nach Hause gehen, Wein entsteht durch Gärung!“

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