Archiv der Kategorie: Zu allgemeiner Religionskritik

Der „Humanist“ in meinem Newsfeed

Lieber „Humanist“ in meinem Newsfeed,

seit ein Paar Monaten bin ich nun schon mit Dir befreundet. Ich kenne Dich nicht so gut, aber weil Du so fleißig postest, weiß ich schon viel über Dich. Z.B., dass Du denkst, dass Du schlauer bist als ich, weil Du nicht an Gott glaubst und dass Du davon überzeugt bist, dass „Nazi“ schon am konservativen Rande der SPD beginnt. Genau wie ich würdest Du sagen, Du bist „liberal“. Ich verstehe das nicht. Ich dachte immer, Liberalismus steht für Freiheit.

„Die meisten Menschen sind einfach nur noch widerlich.“

hast Du gestern geschrieben.

Solche vagen Facebookposts, die implizieren, dass es einem nicht gut geht, ohne klarzustellen, worum es geht, sind ja eigentlich ohnehin schon als social-Media-inkompetente Vorgehensweise legendär. Natürlich hast Du Leute unter Deinen Freunden, die auf diese aufmerksamkeitsheischende Masche hereinfallen. Warum? Wird gefragt.

„Nichts spezielles. Aber sieh dich einfach mal um und lies die Kommentare unter Medienberichten.“

Ist die Antwort. Oh „Humanist“ in meinem Newsfeed, Du bist so eine besondere Schneeflocke mit Deinen Gefühlen und Träumen und Wünschen. Du willst diese Welt zu einem besseren Ort machen. Du schreibst nämlich nur nette Dinge über Deine Mitmenschen. So teiltest Du alleine in der letzten Woche insgesamt sechs Nachrichten, die als „Strawman argument“ gegen religiöse Menschen dienen sollen. Es handelt sich um Extrembeispiele, größtenteils aus den USA , von Muslimen, Christen oder Juden, die religiös gegen naturwissenschaftliche Überzeugungen angehen, deren Argumente verkürzt und damit zur Lächerlichkeit verzerrt werden oder die Atheisten, Homosexuelle oder Frauen unmenschlich behandeln. Neben den naiven politischen Posts der Marke „alles Nazis außer Mutti“ verbreitest Du also auch noch grob menschenfeindliche Propaganda, beispielsweise dass die Situation chinesischer Katholiken „Säkularisierung“ und damit letztlich wünschenswert sei.

Während Du Dich also über den „wiederlichen“ Ton in der Debatte beschwerst und für mehr Toleranz und Offenheit in der Gesellschaft wirbst, teilst Du auf der anderen Seite Memes des Inhalts,

„Scooby-Doo teaches kids that everything supernatural or otherwordly is just some asshole trying to scare you so they can make some money“

also dass alle religiösen Institutionen mit z.B. alternativen Medizinern und Esoterikanbietern gleichzusetzen, sowie alle nur Arschlöcher sind, die aus der Angst der Menschen Geld machen. Das macht mich traurig, weil ich mir gerne die Freiheit nehmen würde, an einen Gott zu glauben und Du mich aber vor dieser freien Entscheidung schützen möchtest.

Du teilst Posts, in denen Du Dich über den zugegebenermaßen etwas skurrilen orthodoxen jüdischen Brauch lustig machst, zu Jom Kippur ein Huhn über dem Kopf zu schwingen, um es danach als Opfer an die Armen zu geben, den zu kritisieren wohl als antisemitischer Topos gelten kann, nennst Beschneidung ein Verbrechen und prangerst anschließend selbst rechtsradikale Äußerungen an, Juden seien keine Deutschen. Die Rechte von Juden interessieren Dich also nur dann, wenn Du den Antisemitismus Deiner Feinde anprangern kannst. Das ist, am Rande, genau dieselbe Haltung, welche die von Dir mit so viel Leidenschaft verureilte AfD zu ihnen hat.

Du teilst wisseschaftlich-skeptische Beiträge von Stephen Hawking, der aber von der päpstlichen Akademie der Wissenschaften unterstützt wird und machst Witze darüber, dass Erwachsene an Jesus glauben aber nicht an den Nikolaus. Einen Beitrag, der die Einstellung von „Religion“ an sich zur Evolution mit „Kreationismus“ beschreibt. Dann teilst Du einen Post darüber, dass die Leute lieber an einfache Lügen als an komplexe Wahrheiten glauben.

Dass Du möglicherweise selbst eine sehr simple Ansicht von der Gesellschaft hast, in der wir leben, kommt Dir logischerweise nicht in den Sinn, oder dass Du Hass sähst und einen Graben gräbst, wo bisher gar keiner war, nämlich zwischen Wissenschaft und Religion, ganz besonders in Europa. Du möchtest nämlich gar nicht, dass Religion und Wissenschaft koexistieren können. Du möchtest, dass sie sich bekriegen, bis die Religion ausgelöscht wird.

Wenn Du den Religionen vorwirfst, einen Keil zwischen die Menschen zu treiben, die anderen Glaubens sind, aber selbst False-Flag-Posts und grob verletzende Posts über andere Menschen in Deiner Umgebung teilst, weil diese an etwas anderes glauben als Du, wenn Du menschliches Leid nicht ernst nimmst, weil „die falschen“ Menschen leiden, wenn Du inhumane Handlungen von Staaten gut findest, weil sie Deine eigene Ansicht durchsetzen, woher nimmst Du dann auf der anderen Seite Deinen moralischen High-Ground? Wie kannst Du es wagen, Dich als liberal zu bezeichnen?

Lieber „Humanist“ in meinem Facebook-Feed. Ich lausche mit Erstaunen, wie Du Kinderfickerwitze übergangslos mit dem Wunsch nach einer sachlicheren Debatte abwechselst, wie Du alles Jüdische und Muslimische verbieten möchtest, wie Du von einer Gesellschaft träumst, in der es nur Deinesgleichen gibt, aber dann genau das wiederum den rechten Kräften im Land ankreidest.

Vielleicht solltest Du Dir mal von einer Katholikin, die Dir immerzu schweigend gelauscht und sich geduldig beleidigen lassen hat, Nachhilfe in Sachen Liberalität geben lassen.

6 Kommentare

Eingeordnet unter Religion und Politik, Zu allgemeiner Religionskritik

Schluss mit dem Kinderficker-Mythos

Nach langer Zeit hat mich ein Erlebnis wieder so bewegt, dass ich darüber schreiben möchte.

Ich saß in gemütlicher Runde zum Abendessen, als plötzlich die Frage aufkam, was ein Ministrant sei. Noch bevor ich antworten konnte, kam die lakonische Antwort, das seien die Buben die am Altar stehen und die der Priester sich, wenn er Lust habe, nehmen könne.

Leider konnte ich nicht rechtzeitig reagieren, denn diese Aussage kam so plötzlich daher, wie sie wieder verschwand. Die Diskussion brandete einfach darüber hinweg, niemand war betroffen (und es wussten auch nur zwei Leute am Tisch, dass eine Katholikin anwesend war).

In den Jahren nach dem Missbrauchsskandal waren die Faschingssendungen voll mit Katholische-Priester-sind-Kinderficker-Witzen. Inzwischen ist der Witz nicht nur den Faschingssendungen entwachsen, er ist auch dem Witz entwachsen. Er ist zu einer Trope, einer Redensart geworden, die wiederspruchlos akzeptiert wird. Auch von Leuten, die sonst Aussagen mit gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit nicht akzeptieren.

Leider akzeptieren auch wir Katholiken diese Witzeleien viel zu oft. Dabei gibt es mehrere gute Gründe, wieso wir uns entschieden gegen sie wenden sollten, wieso wir uns gegenüber diesem Problem sensibilisieren sollten. Eine grundsätzliche Einlassung zum Thema Kinderfickerwitze.

  1. Der Witz verschiebt die Schuldfrage weg von den Tätern hin zum System – Eltern und manchmal sogar Opfer erhalten somit die Mitschuld

Vielen dieser Aussagen ist die diffuse Vorstellung gemein, dass das System Kirche Pädophilie fördere. Entweder, weil Zölibat und angebliche Prüderie dazu führen, dass Männer sich aus sexueller Frustration heraus an Kindern vergehen und Eltern bzw. Kinder zu verschämt sind, um über dieses Thema zu sprechen, oder, weil das System (ob unfreiwillig oder freiwillig) Pädophilen ein sicheres Versteck und im Zweifelsfall Schutz biete, weil es deren Taten unter den Tisch kehre.

Gemein ist diesen Ansätzen die Vorstellung, die Kirche bedinge, fördere und schütze die Misshandlung von Kindern strukturell. Die eigentlichen Täter, die Männer, die sich an den Kindern vergehen, haben somit keine andere Wahl, sie sind selbst Teil oder Opfer dieses Systems. Die Eltern hingegen sind diejenigen, die ihre Kinder diesem grausamen System aussetzen und sie aufgrund ihrer Indoktrination quasi den Priestern zur Befriedigung zur Verfügung stellen und dann auch noch die Taten vertuschen wollen. Betroffene Kinder sind zwar freilich Opfer, aber der Theorie nach wachsen sie ja, werden sie nicht rechtzeitig „da rausgeholt“, in der Kirche auf und setzen dann selbst ihre Kinder dem Missbrauch aus.

Diese Vorstellungsblase ist letztlich auch unmenschlich gegenüber den Eltern: Katholische Eltern sind Ungeheuer, die den Missbrauch ihrer Kinder gutheißen. Sie sind so indoktriniert, dass sie ihre Kinder nicht richtig lieben können. Die allermeisten Eltern werden aber in Wirklichkeit entsetzt und betroffen darüber gewesen sein, was ihren Kindern angetan wurde. Oft wird ins Feld geführt, sie hätten den Kindern nicht geglaubt, oder die Vorfälle verschweigen wollen, um den Priester zu schützen. Diese Mechanismen sind aber nicht exklusiv den Missbrauchsfällen in der Kirche vorbehalten. Gerade im allerhäufigsten Szenario für sexuellen Missbrauch, nämlich innerhalb der eigenen Familie, ist es nicht minder üblich, dass Eltern versuchen, die Täter zu schützen, welche sie lieben, schätzen und von denen sie sich nicht vorstellen können, dass sie solcher Monstrositäten fähig sind.

Dem System Kirche und somit auch den Eltern die Schuld an den Missbrauchsfällen zuzuschieben aber verlegt den Fokus ungut von den Tätern selbst fort. Es gibt keine Entschuldigung für einen Menschen, sich so an einem Kind zu vergehen, das ihm anvertraut wurde. Weder sexuelle Frustration, noch angebliche kirchliche Prüderie oder die Behauptung, die Täter wüssten, dass die Kirche sie damit schon davon kommen ließe, heben die Fähigkeit eines Menschen auf, sich willentlich zu entscheiden, Böses zu tun. Dass der sexuelle Missbrauch von Kindern böse ist, das hat die Kirche bereits vor den Missbrauchsfällen offen gelehrt und vertreten.

Es ist wichtig, solche Priester als echte Täter zu betrachten, weil bei ihnen die echte Schuld ist. Niemand hat sie zu ihren Taten gezwungen, die Kirche nicht, die Eltern nicht und ganz bestimmt nicht die Opfer.

  1. Es handelt sich um die systematische Diskriminierung sexuell inaktiver Menschen

Kehren wir zu einem der Argumente aus Punkt eins zurück, nämlich, dass der Missbrauch von Kindern eine Folge des Zölibats sei.

Themen, bei denen man über die Penisse religiöser Menschen reden kann, sind ja unglaublich beliebt. Von der Beschneidungsdebatte über die Vielehe bei den Mormonen bis hin eben zum Zölibat ist das nach wie vor ein echter Hit. Gekreuzt wird das mit dem aktuellen Zustand, dass die sexuelle Befreiung dem Sex zwar auf der einen Seite das Schmuddel-Image entzogen hat (zumindest behauptet sie das gerne von sich selbst), auf der anderen Seite aber somit Nicht-Sex als ungesund und prinzipiell verdächtig wahrgenommen wird. Man braucht nur den ein oder anderen Tatort mit katholischem Priester anzusehen, um zu begreifen dass einer, der sich freiwillig entscheidet, auf sein Sexualleben zu verzichten, nicht ganz dicht sein kann.

Vorurteile, die früher nur Homosexuellen entgegenschlugen, tauchen jetzt plötzlich wieder gegen Personen auf, die keinen Geschlechtsverkehr haben. Sie sind effeminiert, bzw. bei Frauen: maskulinisiert, in ihrer Kindheit sexuell traumatisiert worden, sie haben schlechte Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht gemacht/sind für dieses zu unattraktiv, oder/und sie sind in Wirklichkeit heimlich pädophil. Weniger progressiven Menschen ist es ja auch nicht zufällig ein besonderes Fußbad, Gerüchte darüber zu streuen, dass die meisten Priester schwul seien. Ich wage jetzt aber mal die Aussage, dass die „progressivere“ Variante, diese alte, hässliche Fratze der Homophobie jetzt einfach Asexuellen und freiwillig enthaltsam lebenden Menschen zuzuwenden, kein Deut besser ist.

Es ist gut, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der sexuelle „Devianz“ mehr und mehr akzeptiert wird. Homosexualität wird allmählich als natürlich gegebener Teil der menschlichen Verhaltenspallette anerkannt und nicht mehr gesellschaftlich sanktioniert. Es müsste doch auch möglich sein, dieselbe Akzeptanz Menschen entgegen zu bringen, deren Lebensentwurf oder sexuelle Neigung eben im Verzicht auf Sex liegt.

  1. Es verzerrt die Realität des sexuellen Missbrauchs und es zerstört Kindheitskulturen

Kindesmissbrauch ist definitiv kein primär kirchliches Problemthema. Am allerhäufigsten findet er im direkten Umfeld der Familie statt. Wäre das Fernhalten der Kinder von Risikosituationen ein sinnvoller Weg zur Prävention von sexuellem Missbrauch, dann müssten Eltern sie weniger von der Kirche fernhalten, als viel mehr von sich selbst, ihren Verwandten und engen Familienfreunden. Sexueller Missbrauch findet in Sportvereinen und Schulen statt, bei den Pfadfindern und in den Häusern von Spielkameraden, durch Männer und durch Frauen. Es ist falsch, Eltern das Gefühl zu geben, dass das Fernhalten ihrer Kinder von der Kirche, vom Sportverein, von fremden (männlichen) Erwachsenen diese vor Missbrauch schütze. Es ist falsch, Eltern das Gefühl zu geben, dass es überhaupt ihre Schuld sei, wenn sie ihr Kind unwissentlich irgendwo sexuellem Missbrauch ausgesetzt haben. Im Gegenteil: die Vorstellung, dass man sich nur genug einschränken muss, damit man Missbrauch vermeidet, verunsichert Kinder und Eltern. Unsichere Kinder hingegen sind leichtere Beute für Kinderschänder. Sie sind leicht zu beeinflussen und neigen dazu, sich selbst die Schuld zu geben, zu schweigen, sich nicht zu wehren.

Wer seine Kinder vor Kindesmissbrauch schützen will, sollte ihnen keine Angst vor Priestern, Sportlehrern oder dunklen Gebüschen einreden, sondern sie stärken, selbstbewusst machen und ihnen das Gefühl geben, auf ihrer Seite zu sein.

Der Schaden, den die omnipräsente Angst vor Kindesmissbrauch angerichtet hat – nicht nur in der Kirche – ist hingegen beachtlich. Viele Männer trauen sich nicht mehr, mit ihren eigenen oder fremden Kindern natürlich umzugehen. Sie fühlen sich unter Generalverdacht oder Beobachtung. Bei einem Vater, der seinem Sohn auf dem Spielplatz Klimmzüge beibringt, sieht die Gesellschaft ganz genau hin.

Einer unserer Pfarrer schlief bei einer Firm-Fahrt im Liegewagen nicht mit uns im Sechserabteil, sondern auf dem Flur – ein anderer musste beim Ministrantenwochenende bei 35 Grad im Schatten voll bekleidet am Ufer des Badesees auf uns warten, um sich vor Anschuldigungen zu schützen.

Auf der einen Seite ist es gut, dass unsere Gesellschaft ein Auge auf ihre Kinder hat. Die Art, wie sie es tut, ist aber wenig effektiv und sie entzieht dabei den Kindern die so wichtigen männlichen Bezugspersonen. Sportlehrer, Väter, Pfarrer, Lehrer, Onkel, Kindergärtner. Hinter den ach so harmlosen Kinderschänderwitzen steht ein komplexes Geflecht tiefster Verachtung von Menschen mit einem bestimmten Geschlecht, einer bestimmten Religion und einem bestimmten sexuellen Lebensstil. Das Männerbild, das Kinder bekommen, wenn sie in so einem giftigen Milieu aufwachsen, kann nur verheerend sein. Darunter leiden ganz gewisse alle. Nicht nur Priester

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Gedanken zur Praxis der katholischen Kirche, Medien - Kritik und Empfehlungen, Zu allgemeiner Religionskritik

Das Innen-Außen-Problem

Viele Religionen die ein Problem mit der Vermittlung ihrer Position nach Außen haben, haben in Wirklichkeit ein anderes Problem: sie verwechseln konsequent ihre internen und externen Konflikte miteinander und liefern damit versehentlich den falschen Personen die richtigen Argumente

Der IS und der Islam

Ein gutes Beispiel dafür ist z.B. ein Phänomen, das ich seit Monaten auf den Facebook-Pinnwänden meiner muslimischen Freunde und Kommilitonen beobachten kann: Videos sowie Bilder- und Textposts, die zusammengefasst die Aussage tragen, IS oder wie auch immer die Kollegen sich gerade genau nennen, sei nicht muslimisch, ihre Taten seien nicht muslimisch und die Anhänger verstießen gegen den Islam.

In der internen Logik ist dies ganz klar eine Ausgrenzungshaltung: man signalisiert damit den Tätern, dass man sie nicht nur in den eigenen Reihen nicht möchte, sondern sie haben sich quasi durch ihre Vergehen selbst exkommunizieren und es ist eine klare Ansage an andere Muslime, die sich in der internen Diskussion nicht ausreichend vom IS distanzieren. Das funktioniert mit dem Christentum genauso: Jemandem, der seine Frau betrügt, seine Kinder schlägt und vom Verkauf von unter unmenschlichen Bedingungen in Indien gefertigten Shirts für 1,50€ das Stück lebt, dem würde so mancher auch gerne sagen, er sei kein Christ.

Aber bei der Aussage, dass der IS nicht zum Islam gehöre entwickelt sich ein ganz eigenes Dilemma: Außenstehende greifen solche Argumente auf und bringen sie in den falschen Zusammenhang. Selbsternannte Islamexperten und Integrationsromantiker sagen nämlich ebenfalls, IS habe nichts mit dem Islam zu tun, meinen damit aber, dass es unfair sei in Deutschland lebende Muslime in irgendeiner Form damit in Verbindung zu bringen und sei es nur dahingehend, von ihnen gewisse Präventionsmaßnahmen im Hinblick auf den eigenen Nachwuchs zu erwarten.

Natürlich ist der IS Kilometer weit entfernt von dem, was verantwortungsbewusste Imame in irgendeiner Moschee auf der Welt predigen. Aber das ändert nun mal überhaupt nichts daran, dass der IS eine sich aus dem Islam ideell und personell speisende Bewegung ist. Daher wird sich auf die Dauer die Radikalisierung von muslimischen Jugendlichen – und das überall – eben auch nur durch Maßnahmen in und von den muslimischen Gemeinden reduzieren lassen, wie es eben teilweise auch schon geschieht.

„ISIS gehört nicht zum Islam, daher werden wir alles versuchen zu verhindern, dass sie den Namen des Propheten und unsere Kinder für ihre Taten missbrauchen.“, ist daher eine Variante dieses Statements, die man so auch von verschiedenen in der Öffentlichkeit stehenden Muslimen hören kann.

Aber leider bildete sich über die vorab geschilderte Rezeption durch selbsternannte Freunde des Islam die Variante „ ISIS gehört nicht zum Islam“, mit dem unausgesprochenen Subtext: „Deshalb brauchen wir uns auch nicht zu rechtfertigen oder gar irgendetwas dagegen zu tun, und wer mir damit kommt, ist ein Rassist.“ Und die ist einfach nur eine lahme Entschuldigung.

Wer es ohnehin zum Ziel hat, dem Islam ans Bein zu pinkeln, findet in der Aussage ebenso seinen Ansatzpunkt, indem er es prinzipiell als ein Statement auffasst, hinter dem sich der Muslim an sich verstecke, der IS heimlich bewundere. Die Trope ist somit gleich zweifach nach hinten losgegangen.

Natürlich werden die muslimischen Gemeinden im Westen nicht alleine in der Lage sein, den Terror zu beenden und ganz gewiss sind sie auch nicht, oder zumindest nicht vollständig, schuld daran. Jedoch sind sie in der Position, an der Grundlage zu arbeiten und etwas zu ändern. Sie dabei zu ermutigen und notfalls auch zu ermahnen muss im Rahmen einer pluralistischen Gesellschaft möglich sein, jedoch brauchen sie, gerade sie, deren Verwandte und Kinder selbst am allermeisten unter dem islamischen Staat zu leiden haben, kaum jemanden, der ihnen dessen Brutalität andauernd unter die Nase reibt.

Die katholische Kirche als Spielplatz für Religionskritiker

Aber betrachten wir weitere Beispiele für die Vermischung interner Diskussionen mit externer Selbstdarstellung. Die katholische Kirche ist reich daran, es gibt wohl kaum ein internes Problem der Kirche, das nicht genüsslich von Außenstehenden ausgewalzt wurde, selbst wenn es diesen vollkommen schnurzepieps egal sein kann, da es wirklich nur Katholiken – oder gar einen Teil davon – betrifft. Da sind zum Beispiel die ganzen Humanisten die sich über die Unmenschlichkeit des Zölibats aufregen, oder die Kollegen, die sich mit dem Limburger Bischof in seine schöne neue, sündhaft teure Badewanne legen wollten, um uns unsere plötzlich wiederentdeckten christlichen Moralvorstellungen vorzuhalten.

Nur: Wenn Katholizismuskritiker Katholiken Probleme unter die Nase reiben, mit denen dieselben gerade intern ringen, dann stehen die Katholiken – im übrigen genau wie Muslime, wenn sie mit ISIS konfrontiert werden – in einer Zwickmühle: Sollen sie nun ihre Religion verteidigen, mit der sie sich identifizieren und die ihr Leben erfüllt, oder sollen sie darüber aufklären, dass man sich des Problems bewusst ist und dass sie durchaus mit dem Kritiker in Teilen übereinstimmen? Das Ergebnis ist dann meist ein ziemlich unguter Mischmasch, leicht angreifbar und nach Belieben in die eine oder andere Richtung zitierbar.

Denn weder der Islam noch der Katholizismus haben in den letzten Jahrhunderten ausreichend Übung darin gewinnen können, sich in einer Gesellschaft mit einer pluralistischen Öffentlichkeit zu bewegen, vor allem nicht in einer, die zahlreiche ihnen vom Prinzip her feindselig gesinnte Personen umfasst.

Das leidige Thema Israel

Das Judentum hingegen hat diese Übung sehr wohl und musste zusätzlich aus den mehr als nur schlechten Erfahrungen von Jahrtausenden und besonders der letzten Jahrhunderte – gerade im Antisemitismus des 19. und 20. Jahrhundert gab es einen regen Ideenaustausch mit der innerjüdischen Diskussion – lernen, dass man seine inneren Streitigkeiten besser unter sich ausmacht. Hierbei gibt es jedoch heutzutage eine unrühmliche Ausnahme, den Zionismus nämlich. Immer öfter kann man beobachten, dass einige israelische, aber auch nicht-israelische Juden sich von verschiedenen, zumeist nichtjüdischen antizionistischen Bewegungen als Kronzeugen vor ihren Karren spannen lassen – und zwar selbst dann, wenn es dort nicht beim Antizionismus bleibt (falls man Antisemitismus und Antizionismus überhaupt sauber trennen kann). Denn zwischen den weltanschaulichen, religiösen oder rein praktischen Gründen, aus denen Israelis und bzw. oder Juden den israelischen Staat grundsätzlich oder nur teilweise kritisieren, auf der einen Seite und Einstellungen vom Format „Israel ist ein Schandfleck auf der Landkarte und nur noch durch die Atombombe in Ordnung zu bringen“ auf der anderen besteht dann doch ein feiner Unterschied.

Während Mitglieder ihre eigene Religion durchaus differenzierter und mit einem Blick für die Umsetzung in der Praxis kritisieren, formen, verhandeln, werden sie von außen, bisweilen sogar absichtlich, missverstanden und für eine Sache vereinnahmt, der sie so gar nicht zustimmen können.

Die Obrigkeiten, die sich über dieses Problem oft wesentlich genauer im Klaren sind als die gelegentlich hoch schädlichen Einzelakteure im öffentlichen Diskurs (ich schaue da niemand Bestimmtes an, Frau Uta Johanna Ingrid Ranke-Heinemann), neigen dazu, auf das Problem zu reagieren, indem sie sich der Kritik von außen so gut wie möglich verschließen und immer nur dieselbe, konventionalisierte Version verbreiten. Aber auch das ist auf die Dauer nicht immer hilfreich, weil man dann als „vernagelt“ und „nicht kritikfähig“ abgestempelt wird.

Nicht zuletzt darf man sich der Kritik von Außenstehenden nicht vollkommen verschließen, da diese manchmal einen genaueren Blick für Probleme haben, die man im Betrieb selbst gar nicht so wahrgenommen hat.Wehrlose Opfer müssen möglicherweise von Außenstehenden unterstützt und zu ihrem Recht gebracht werden. Aber allzu oft sind es gar keine „wehrlosen Opfer“, derer man sich annimmt, noch viel öfter aber sind die Opfer vollkommen uninteressant im Vergleich zu der jeweiligen „Täterorganisation“, die man mit Legitimation der Opfer kritisieren kann.

Denn wer sich z.B. tatsächlich für die Sicherheit von Kindern vor sexuellen Übergriffen einsetzen möchte, der könnte auch gegen den Kontakt mit männlichen Verwandten jeglicher Art wettern und das mit einer wesentlich größeren statistischen Berechtigung. Wem die Menschenrechte der palästinensischen Bevölkerung so sehr am Herzen liegen, der könnte bei den Verbrechen der Hamas anfangen, und wer wirklich die Situation von Frauen verbessern möchte, dem böte sich die Möglichkeit zur Mitarbeit in diversen Frauenorganisationen an, die sowohl Frauen mit als auch ohne Kopftuch vor manipulativen und gewalttätigen Ehemännern, Vätern und Brüdern schützen.

Schon allein deshalb, weil sich die Kritiker oft für das eigentliche Problem einen feuchten Kehricht interessieren, sollte man es sich als „Insider“ dreimal überlegen, ob man sich mit solchen Leuten abgeben möchte, ohne dabei freilich vorhandene Probleme zu leugnen.

Das ist ein absurd schmaler Grad, der oft überhaupt nicht zu beschreiten ist, so sehr wird an beiden Seiten gezerrt.

Vielleicht sollte man als in die Kritik geratene religiöse Person, möglicherweise sogar als „Opfer“ öfter mal mit der Gegenfrage reagieren: Und was geht Sie das an? Wieso ist das Ihr Problem? Glauben Sie wirklich, auf die Hilfe von jemandem wie Ihnen haben wir gewartet?

Wir zahlen unsere Badewannen schließlich selbst!

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Zu allgemeiner Religionskritik

Aus gegebenem Anlass: Amerikanische Wissenschaftler belegen, dass nicht alle Kinder ihrer Meinung sind

Derzeit geistert eine Studie durchs Internet, in der Forscher behaupten, herausgefunden zu haben, dass religiös erzogene Kinder „Schwierigkeiten“ hätten, Fiktion und Realität zu unterscheiden.

Dabei brüsten sie sich damit, dass die atheistischen bzw. säkularen Kinder sowohl Magie, als auch religiöse Erzählungen als Fiktion entlarven könnten, während die religiös erzogenen Kinder sogar (!) religiöse Geschichten für Realität hielten.

Die genannte Beispielgeschichte mit David und Goliath ist schon alleine deshalb eine Frechheit, weil Goliath in der Bibel definitiv als MENSCH beschrieben wird und nicht als „Monster“. Da der Begriff „Monster“ ein Fiktionsmarker ist, liefert er atheistischen Kindern den Hinweis, was man hier gerne von ihnen hören möchte. Religiös erzogene Kinder hingegen erkennen die Erzählstruktur und denken: „klar, David und Goliath! Kenn ich! Natürlich gibt es die“. Allein das befördert, neben der viel zu kleinen Datenmenge (66 Kinder. Lächerlich)  und der Herkunft der Wissenschaftler, sowie ihrem naturwissenschaftlichen Hintergrund (zu China brauch ich wohl nichts zu sagen und in den USA tobt der Krieg zwischen Naturwissenschaft und Religion wesentlich intensiver und es macht mich nicht gerade glücklich, dass wir diesen Unfug dank Internet derzeit importieren) für mich als Religionswissenschaftlerin den Verdacht, dass diese Studie vermutlich aus kulturwissenschaftlicher Sicht vollkommen unzureichend und methodisch unsauber ist. Wie so vieles, was die Kognitionswissenschaft zum Thema Religion verzapft. Die meisten Studien dieser Art, z.B. ob Religion der mentalen Gesundheit nutzt oder schadet, ob religiöse Menschen glücklicher, hilfsbereiter oder stärker von Fußpilz betroffen sind, hängen auf mysteriöse Weise von der religiösen Überzeugung der Forscher ab. Bevor jetzt einer sagt, das läge daran, dass mir das Ergebnis nicht passe: ich bin auch bei Pro-Religiösen Studien dieser Meinung.

Aber nehmen wir mal an, dass die Studie sauber ist… Nein, ich kann nicht einmal so tun. Denn die Definition von „Fiktion“ ist auch ziemlich fragwürdig. Wer bestimmt den bitteschön, was Realität ist? Hirnforscher? Darauf würde ich mich nicht so gerne verlassen. Wenn religiöse Überzeugungen als Fiktion definiert werden, dann steht per Definition von vornherein fest, dass religiöse Kinder „Realität“ und „Fiktion“ nicht unterscheiden können. Das ist kein Defekt in den Kategorien der Kinder, das ist die Arroganz von Wissenschaftlern, die denken, Fiktion sei alles, was nicht Physik ist, zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden heiße, zwischen IHRER Fiktion und IHRER Realität zu unterscheiden.

Das ist ein ähnliches Spiel wie bei unseren Studien: Wenn wir erforschen, ob Personen „religiös“ sind stehen wir oft vor dem Problem, dass unsere befragten Personen eine andere Vorstellung davon haben, was eine Religion ist, als wir. Natürlich muss man, ähnlich wie bei dem „Fiktion“ und „Realitäts“-Ding irgendwo die Grenze ziehen. Kreuzt jemand an, er sei „religiös“; weil er im Ferrari-Oldtimer-Verein ist, lehne ich als Religionswissenschaftlerin auch dessen Selbstbezeichnung ab. Behauptet jemand, alle Romanfiguren seien „Realität“, weil sie in unseren Köpfen existieren, dann ist das zwar sehr philosophisch, muss aber zugunsten brauchbarer Ergebnisse vernachlässigt werden. Nur: Kulturwissenschaftler wissen von dem Problem, sie wissen auch, dass dadurch ihre quantitativen Ergebnisse eher „Richtwerte“ sind und lassen daher ihre Definitionen so flexibel wie möglich.
Ich denke, vielen religiösen Kindern ist klar, dass David und Goliath, Schneewittchen und der Osterhase nicht auf die selbe Art und Weise real sind, wie ihre Kindergärtnerin oder ihr Hund, sondern in eine andere Kategorie von Realität fallen. Möglicherweise sind Realität und Fiktion auch nicht zwingend Gegenbegriffe.

Also, nehmen wir nochmal an, die Studie sei sauber. Wo genau ist jetzt bitte das Problem damit, wenn Kinder denken, es gäbe Rapunzel oder einen Geist auf ihrem Dachboden oder König Herodes? (Achja, richtig, den gab es ja vermutlich… wenn nur in der Bibel nicht unverschämterweise auch noch historische, reale Figuren vorkämen!) Ich jedenfalls sehe keines. Die Kinder werden genauso schreiben lernen und Klavier spielen – naja, vielleicht manche von ihnen besser nicht – und sich die Knie aufschürfen.

Die Vorstellung, die die Studie zu so einem Triumph für Atheisten macht, ist die implizite Annahme, dass die Unterscheidung von „Fiktion“ und „Realität“ ein Zeichen von Intelligenz ist. Sie sagt demnach atheistischen Eltern: ihr bringt Eure Kinder voran, weil sie sich nicht so lange mit dummem Zeug beschäftigen, wie religiöse Kinder.

Solche Vorstellungen von Intelligenz kotzen mich einfach nur an…

Seit der Freistaat Bayern für kurze Zeit meine Eltern von der Idee überzeugte, dass sie sich mehr mit meiner Intelligenz auseinanderzusetzen hätten, um mich als fehlende Fachkraft auszubilden (oder so), weiß ich, was sie anrichten.
Ich kam in Förderprogramme, ich begegnete einem Haufen Kinder, die auf Intelligenzverwertung getrimmt wurden.
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich ein funktionierendes soziales System um mich herum, Freunde mit denen ich mich zwar intellektuell langweilte, aber mich ansonsten sehr gut amüsierte – und für ersteres hatte ich ja auch meine Eltern und Jacques Cousteau.
Dennoch blickte ich der Aussicht, endlich mit Gleichgesinnten zusammen zu sein fieberhaft entgegen und wurde bitter enttäuscht. Diese Intelligenzbestien waren zu einem nicht unerheblichen Teil geigespielende, rubikwürfellösende, schachmeisterliche Förderleichen (wenn auch nicht ausschließlich). Viele hatten keinen Fernseher, diejenigen, die fernsehen durften, kannten „Sailor Moon“ nicht, damals der letzte Schrei unter 6-10jährigen und mein Lieblingsspiel (gleich nach „Meerjungfrauen“). Während ich den Großteil der Märchen der Gebrüder Grimm aus dem Kopf zitieren konnte, bibelfester war, als meine damalige Religionslehrerin (das war auch kein Kunststück) und meiner Schwester über Monate hinweg selbst erfundene Fortsetzungsgeschichten erzählte, wussten manche dieser Kinder nicht einmal, wer „Schneeweißchen“ und „Rosenrot“ waren.

Aber gleichzeitig kam ich mir vor den Anderen unglaublich dumm vor. Ich konnte nicht Schachspielen und ich lernte es auch nicht, ich war zwar sehr gut in Mathe, aber zu faul für Rubikwürfel, ich lernte keine Eisenbahnwagentypen auswendig und die Blockflöte befand ich für musikalisch derart unbefriedigend, dass ich lieber zum Zuhören überging – und in den Chor – Gesang ist ja bekanntermaßen die am wenigsten mit Intelligenz verknüpfte Art von Musik, weil man da nicht rechnen kann oder muss. Stattdessen hörte ich von einigen Kindern, wie sinnlos meine Freizeitbeschäftigungen waren, dass sie ihre Zeit besser zu nutzen wüssten, als stundenlang Operettenfilme anzusehen und auf dem Spielplatz den Film „Anastasia“ nachzustellen. Ich glaubte ihnen, ich wusste, wie man sich eigentlich als intelligentes Kind zu verhalten hatte.

Vermutlich lag ich auch im unteren Teil der Skala innerhalb der Gruppe – es gab unter ihnen erstaunliche Savanten, einige haben ihr Abitur mit 16 gemacht, aber die Tests waren nun einmal da und sie bewiesen, dass ich nicht blöde war, egal, wie sehr ich es mir einredete.

Wir haben eine viel zu festgelegte und eingeschränkte Vorstellung davon, wie Begabung sich zeigt und was Intelligenz überhaupt ist: Intelligenz zeigt sich in sehr guten oder extrem schlechten Noten, Intelligenz hat effizient zu sein und Intelligenz schlägt sich in einer naturwissenschaftlichen und musikalischen Begabung, einem messerscharfen und kalten Verstand nieder. Intelligenz träumt nicht, sie rechnet.

Ich interessierte mich für Sprache, Narrative, Fiktion und Ästhetiken. Meine Eltern versuchten nie, mein Potential auszuschöpfen oder zu erschöpfen und sie ließen mich glauben, was ich wollte, weil sie, nachdem sie nach Streitigkeiten mit anderen Eltern „auf Linie“, eingesehen hatten, dass mein intellektuelles Wohlbefinden nicht mehr erforderte als zwei Dinge: erstens Schutz und zweitens das richtige Futter. Sie nahmen mich aus dem Förderprogramm und gaben mir stattdessen Zugang zu allem, was ich mir nur wünschte, egal, wie ausgefallen oder „unpassend“ es war.

Vermutlich konnte ich mit 5-6 Jahren „Realität“ und „Fiktion“ nicht auseinanderhalten. Sie verschwammen und verschwimmen immer noch ineinander, weil wir nie sichergehen können, dass wir nicht gerade träumen, dass wir nicht vielleicht alle Figuren in einer Erzählung sind und hinter der nächsten Ecke ein sprechender Löwe, ein Kettensägenmörder oder Alexander der Große steht. An diesen Punkt gelangte ich vergleichsweise früh – die Lektüre von „Sofies Welt“ machte es nicht unbedingt besser. Hinter diesen meinen Vorstellungen standen auch all die Erfahrungen, die ich gemacht hatte, weil ich Medien und damit Fiktion konsumierte, konsumierte und konsumierte. Ich las, sah fern, spielte PC, erzählte und hörte Geschichten. Es ist in meinen Augen fragwürdig den „Realitätsverlust“ von Menschen zu pathologisieren, die weder Leidensdruck haben, noch eine eingeschränkte Funktionalität aufweisen. Es ist verrückt, Kinder für verrückt, falsch oder dumm zu erklären, wenn sie nicht den durch irgendwelche amerikanische Kognitionswissenschaftler vorgegebenen Maßstäben für Realität und Fiktion folgen.

Ich habe schon von atheistischen Eltern gehört, die stolz darauf waren, dass der kritische Geist, den sie ihrem Kind eingebläut haben, so ausgereift war, dass es aus Klugscheißerei andere Kinder traurig machte, indem es ihnen sagte, es gäbe das Christkind nicht. Obwohl ich mich mit permanenter Klugscheißerei ins soziale Aus manövrierte und bisweilen immer noch manövriere hatte ich nie das Bedürfnis, anderen ihre Träume und Phantastereien zu nehmen.
Meine kleine Schwester ist zwei Jahre jünger als ich und glaubte rund 4 Jahre länger ans Christkind. All die Zeit tat ich ihr zuliebe so, als würde ich auch daran glauben, als wüsste ich nicht, dass meine Mutter die Kerzen anzündet und meine Eltern die Geschenke einkaufen. Ja, ich hatte am Schluss sogar das Gefühl, als würden wir beide meinen Eltern zum Gefallen nur noch so tun. Außerdem war es mir eigentlich gleich. Als allmählich diese Gewissheit in mir reifte, nahm ich das als ganz gewöhnlichen Prozess hin. Dass meine Eltern Geschenke von weiter entfernt lebenden Verwandten eigentlich selbst kauften und sich von ihnen das Geld überweisen ließen, traf mich da weit mehr, als die Christkind-Enthüllung.

Also: wenn religiöse Kinder glauben, da draußen stapfen die Sieben Zwerge durch den Wald und Jesus habe Wasser in Wein verwandelt, wo genau ist das Problem? Ich persönlich war jedenfalls glücklich, in meiner übersinnlich bevölkerten Kinderwelt.

Wenn die Kinder erwachsen werden, hören sie so oder so aller Wahrscheinlichkeit nach auf, das Erstere zu glauben und das Zweitere vielleicht sogar auch (nur, wenn sie bei Beidem bleiben, sollte man sich vielleicht Gedanken machen). Religiöse Eltern, fürchtet Euch nicht vor dieser Studie, Fiktion ist nicht dumm. Fiktion wird Papst und Fiktion wird Bauingenieur und Fiktion wird Bestsellerautor. Kinder haben es verdient, keine traurigen Klischees zu sein.

8 Kommentare

Eingeordnet unter Medien - Kritik und Empfehlungen, Religionswissenschaft, Zu allgemeiner Religionskritik

Religion kann, darf und will nicht aus der Öffentlichkeit verschwinden

Von Michael Schmidt-Salomon bis hin zu den Femen, über die ich eine Hausarbeit schreibe, jetzt gerade (man könnte sich fragen, wieso ich mir das antue… es ist wie ein Fluch! Ich weiß es einfach nicht), kann man landauf, landab die Forderung hören, Religion solle sich doch bitte in das ihr angemessene Gebiet zurückziehen und zwar in die vier Wände ihrer Anhänger and that’s that.

Eine solche Forderung spiegelt ein Religionsverständnis wider, gegen das wir uns eigentlich wehren sollten: es gibt nur sehr wenige Religionen, in denen das überhaupt möglich ist.

Religionen brauchen Öffentlichkeit, viele von ihnen, der Protestantismus, der an obiger Schnapsidee maßgeblich mitschuld ist, inklusive, zielen auf eine Veränderung der Gesellschaft zum Besseren ab. Selbst, wenn diese Veränderung nicht über Mission stattfinden soll, wie es z.B. bei den meisten christlichen Religionen oder dem Islam ist. Deshalb ist die Äußerung in der Öffentlichkeit Teil der Religion, mit einer Verantwortung für sich selbst, die Menschen, die Schöpfung ausgestattet ist es Anliegen vieler Religiöser, dieser Verantwortung nachzukommen. Zudem haben viele Religionen Traditionen, die ein Handeln in öffentlichen Räumen erfordern, Umzüge wie die katholische Fronleichnamsprozession, Segnungen von Gewässern, Gebäuden, Objekten oder Feste, die unter freiem Himmel stattfinden.

Wenn man die Stadt für eine „Blade-Night“ mit 6000 Teilnehmern absperren darf und die Bevölkerung wochenlang mit einer für gut zweidrittel komplett schwachsinnigen Sportart belästigt, dann kann man das auch für die Fronleichnamsprozession, zu der außerdem keineswegs nur 30 Leute auftauchen, die sich wichtig machen wollen (in München sind es bei gutem Wetter eher 12.000 Leute…).

So lange durch diese Meinungsäußerungen und religiösen Praktiken in der Öffentlichkeit niemand über das bloße „Genervtsein“ hinaus geschädigt ist, wäre das Verbieten von religiösen Äußerungen und Repräsentationen in der Öffentlichkeit schlichtweg eine Beschneidung der Freiheit von Religionsausübung, zumal damit auch verhindert würde, dass sich Religionen z.B. gegen Diskriminierung äußern oder konkrete Probleme durch Gesetzgebungen formulieren (z.B. muslimische Beerdigungspraktiken). In wieder anderen Fällen besteht das Problem, dass religiöse und politische Forderungen kaum getrennt werden können – wie z.B. aktuell im Fall der Demonstrationen rund um den Nah-Ostkonflikt, aber auch der Free-Tibet-Demos (an denen, das nur am Rande, mit Sicherheit der ein oder andere „Humanist“ beteiligt ist).

Hinter dieser Vorstellung, dass Religion nur in den privaten Bereich gehört, steht eine Auffassung von Religion als etwas, das „innerlich“ geschieht – etwas, das der Mensch mit sich selbst und Gott ausmacht und für das es genau genommen nicht einmal eine Kirche braucht. Diesen alten Hut trug bereits Schleiermacher und er passt eigentlich fast nur auf eine ganz bestimmte Sorte christlicher Köpfe – eine solche Auffassung von Religion schließt gut 90% aller Religionen aus oder zumindest einen großen Anteil dessen was sie ausmacht, nämlich alles, was ästhetisch, moralisch und organisatorisch rund um ihre Inhalte passiert. Wir neigen heute noch ein wenig dazu, diese Dimensionen von Religion als überflüssig und unaufgeklärt zu sehen und wir lassen uns deshalb sagen, dass Religion nicht in die Öffentlichkeit gehört, dass sie eine private und „gefühlige“ Sache ist.

Diese Haltung ist eine zutiefst diskriminierende. Sie stammt aus einer kulturimperialistischen, aufklärerischen Hybris, ihr Ziel war es einst, alles abzuwerten, was nicht einem intellektuellen Protestantismus des 18., 19. und frühen 20. Jahrhunderts entsprach. Das betraf den Katholizismus genauso, wie den Islam, das Judentum oder zahlreiche lokale Religionen in Asien, Australien, Amerika und Afrika. Es ist eine Vorstellung, die in die Mentalität hinter den Ausschreitungen des Ku-Klux-Clans einfloss, in den Antisemitismus in Europa und die auch hinter den Verbrechen in den Kolonien stand: Religionen, die nicht unserem Bild von Religion entsprechen, Religionen, die symbolisch, öffentlich und ästhetisch agieren gehören abgeschafft oder versteckt. (Dass natürlich auch Katholiken an den letzteren beiden Phänomenen beteiligt waren ist definitiv nicht zu leugnen und das habe ich auch nich vor.)

Manche sind auch nur der Meinung, Religion darf öffentlich agieren, sollte aber ihre Nase aus der Politik heraushalten. Dem gebe ich bedingt sogar Recht: ein Gottesstaat, eine Staatsreligion, das geht nur selten gut. Im konfessionell gemischten Deutschland war es ein erheblicher Schritt zum Schutz verschiedener Religionen im Lande, säkulare Herrscher einzusetzen.

Das Problem ist nur, dass diese Menschen nicht fordern, dass die Religion keine direkte Macht im Staat haben sollte, da wären sie auch weitestgehend überflüssig mit ihrer Forderung, Nein, sie wollen, dass Religion (genauer gesagt „Die Kirche“ – was auch immer das sein mag…) auch keinen indirekten Einfluss mehr nimmt, soll heißen: sich zu politischen Themen nicht mehr äußert, keine politische Meinung bei ihren Anhängern bildet, nicht mehr versucht, andere von ihren Wertvorstellungen zu überzeugen.

Das ist im Grunde eine Ungeheuerlichkeit: Demonstrationen in denen es darum geht, dass die Meinung des Papstes oder des Zentralrats der Juden oder der evangelischen Landeskirche oder des Zentralrats der Muslime oder von wem auch immer, falsch sei: ok. Demonstrationen, in denen es darum geht, dass diese Organe ihre Meinung gar nicht veröffentlichen dürfen, dass sie „die Klappe halten sollen“: nicht ok. Es sind Demonstrationen gegen die Meinungsfreiheit religiöser Menschen.

Diese, beziehungsweise ihre Vertreter haben genauso ein Recht auf Meinungsfreiheit, wie jeder andere Mensch in Deutschland auch und Journalisten haben im Falle religiöser Meinungsäußerungen genauso die Freiheit, sie abzudrucken oder zu ignorieren wie bei jeder anderen Meinungsäußerung. Unsere Medien unterliegen nun einmal einem Marktgesetz: so lange sich die Menschen dafür interessieren, was die Vertreter der Religionen zu sagen haben, wird es auch abgedruckt. Punkt.

Einige Humanisten oder Säkulare beschweren sich, dass bestimmte Religionen oder Religionen generell in Deutschland bevorzugt würden, weil es zu viele religiöse Politiker gäbe. So würde niemand etwas für die Rechte von Säkularen, „Humanisten“ und Atheisten unternehmen und die Sonderstellung religiöser Vereine in Deutschland beenden!

Vor dem Hintergrund, dass sie sich zugleich beschweren, religiöse Äußerungen würden mit mehr Respekt behandelt und hätten diese Extrawurst nicht verdient, ist das eine lustiges Paradoxon: Wenn die Politiker eine mehrheitliche Einstellung zu einem nicht-religiösen Thema haben – sagen wir mal, dass sie z.B. alle gegen Atomkraftwerke sind (nun gut, ein bisschen religiös ist das ja doch) – ist das nämlich Demokratie, wenn sie aber mehrheitlich eine religiöse Einstellung teilen ist das ein Skandal. Wer behandelt nun religiöse Meinungen anders als säkulare?

Ja gut, sagen dann viele Humanisten, es ist ja auch so, dass viele Politiker heimlich Atheisten sind (wer flippt nochmal aus, wenn man ihm unterstellt, er sei heimlich religiös?), aber es sich nicht trauen, das zu formulieren. Wegen der Wähler, die sie zu verlieren fürchten.

Jetzt ist also die Demokratie das Problem ja? Wenn die Wähler religiöse Staatsvertreter wählen, dann wählen sie religiöse Staatsvertreter, weil sie solche haben wollen. Sie könnten genauso gut gezielt Atheisten wählen. Machen sie aber halt nicht, Möglicherweise ja sogar, weil sie dem gar keine so große Bedeutung beimessen. Solche Leute soll es ja auch noch geben.

Auch beim Zugang zu politischen Parteien gibt schon lange keine Schranke mehr, die es Atheisten verbietet, aktiv zu werden und es gibt auch genügend Parteien, in denen es für einen Aufstieg schon beinahe schädlich ist, sich mit der Kirche gut zu stellen. Zudem gibt es nun wirklich genügend Atheisten in Deutschland, so dass diese nicht befürchten müssen, in einer Mehrheit zermalmt zu werden, vor der sie geschützt werden müssen, wie andere kleinere religiöse Gruppierungen, z.B. Juden oder in ihrer Heimat verfolgte Christen, wie Kopten oder Syrische Christen, die eine im Verhältnis zu ihrer Größe höhere Beachtung, auch wegen ihrer kulturhistorischen Bedeutung für ein Land, erhalten und auch brauchen. (Wie diese Beachtung aussehen sollte steht freilich auf einem anderen Blatt)

Zudem wäre es eine Unerhörtheit, Politikern zu verbieten, eine Religion auszuüben (Herr Gauck z.B. ist vielen ein Dorn im Auge, wegen dieser Sache), die sind schließlich auch nur Menschen und können, ja dürfen nicht gezwungen werden, ihr Recht auf freie Religionsausübung für die Politik aufzugeben. Wenn er eine Religion hat, hat er eine und wie bereits besprochen geht Religionsausübung nur ganz ganz selten ohne religiöse Wertevorstellungen, Meinungsäußerungen und Praktiken.

So, wie ich damit leben muss, dass die Politiker mehrheitlich glauben, wir könnten den Klimawandel aufhalten und damit, dass aus Angst vor den Wählern auch diejenigen, die es „besser wissen“ die Füße stillhalten, so werden die „Humanisten“ damit leben müssen, dass viele Politiker glauben, dass es einen Gott gibt und damit, dass diejenigen, die es nicht glauben wegen der Wähler zurückhaltend sind.

So wie ich es Herrn Schmidt-Salomon nicht verbieten kann, seine ungekämmte Rübe in jede Talkshow zu halten, kann es auch niemand einem Bischof verbieten, den Domgottesdienst im Fernsehen zu übertragen und da z.B. etwas über Abtreibung zu sagen (und das will ja eigentlich nicht mal der Salomon selbst), zumindest solange keiner von beiden zur Gewalttätigkeit aufruft – zum Glück scheint weder der eine, noch der andere solches in nächster Zeit zu planen.

3 Kommentare

Eingeordnet unter Religion und Politik, Zu allgemeiner Religionskritik

Gegen Quacksalber hilft der Heilige Bimbam

Ab und an, wenn ich mein Missbehagen gegenüber „alternativer Medizin“ äußere, besonders der Hochpotenzhomöopathie, werde ich gefragt, wie ich eigentlich so mit zweierlei Maß messen könne. Nicht nur glaube ich an die vollkommen unbeweisbare reale Existenz meines allmächtigen imaginären Freundes, sondern auch an Wunder, schließlich sei ich auch katholisch.

Nun ist bereits das mit den Wundern so eine Sache: ich möchte sie, ebenso wenig wie die Existenz von Geistern oder Dämonen oder sonst irgendwas vom Prinzip her ausschließen. Und es gibt Wunder der Kategorie, welche zu glauben mir unerlässlich erscheinen, zu denen ich mich bekenne (beispielsweise die Auferstehung) und Wunder jener Kategorie, die an die Gespenstersache eher heranrücken – wie z.B. die Heilungen in Lourdes. Überzeugt zu sein, dass Gott mit seinen Wundern mehr als sparsam ist, ist mir als Katholik absolut erlaubt, dass er sie aber wirken kann ist eine logische Konsequenz daraus, dass er personal und allmächtig ist.

Ja, ich gehe sogar, wenn es sich einrichten lässt und hole mir den Blasiussegen und es gibt mir ein gutes Gefühl, obgleich ich bisher nicht die geringste Wirkung feststellen konnte.

Wenn ich also diese grauseligen Überzeugungen aus dem finstersten Mittelalter teile, wie möchte ich dann ausschließen, dass z.B. Zuckerkügelchen oder Reiki-Therapie gegen die Masern helfen? Gar nicht. Damit kommen wir nämlich zum zweiten Punkt:

So lange der Reiki-Meister und der Feng Shui-Berater zugeben, dass ihre Therapien über Entspannung, Zuwendung, Ästhetik und Placebo funktionieren, habe ich damit nicht das geringste Problem. Im Gegenteil, ich finde es tragisch, dass „Placebo“ immer noch als Schimpfwort für „uneigentliche“ und „betrügerische“ Medizin benutzt wird. Ich denke, wenn Placebos wirken, dann sollten sie auch als medizinische Methode verwendet werden und das werden sie auch, z.B. legen Studien nahe, dass Patienten schneller gesunden, wenn ihr Arzt einen weißen Kittel trägt oder Spritzen mit dem gleichen physischen Effekt wie Pillen dennoch eine stärkere Wirkung zeigen. Ich finde nichts dabei, wenn Epileptikern zur Reduzierung ihrer Medikamentierung „Einschlafrituale“ nahegelegt werden oder Personen mit chronischen Schmerzen zur Klangschalentherapie geschickt werden. Alternative Heilangebote dürfen nicht aufgrund ihrer rein psychosomatischen Wirkungsweise abqualifiziert werden. Abqualifiziert werden dürfen sie aber, wenn sie eine nicht nachweisbare physikalische oder chemische Wirkungsweise für sich beanspruchen.

Nun stellen sich aber die Matrix-Transformierer und Chakrenheiler hin und tun genau das – etwas, was die Kirche mit ihrem Blasiussegen oder ihren Bitten für gedeihliches Wetter niemals tun würde (zumindest nicht im Mainstream): sie argumentieren in wissenschaftlichem Habitus.

Da wird auf Teufel komm ‚raus in den düsteren Schubladen der Naturwissenschaft gewühlt, am liebsten da, wo die Wissenschaftler selbst nur Hypothesen aufstellen können und immer noch im Dunkeln tappen: Quantenphysik, Biogenetik, Strahlenforschung beispielsweise.
Dabei erscheint die „Wissenschaft“ der alternativen Heiler so wahnsinnig plausibel, weil sie eben nur das ist, was sie sich selbst aus ihrem sporadisch angelesen naturwissenschaftlichen Wissen zusammenreimen: was sich jemand ausgedacht hat, wirkt eben schlüssiger, als die verwirrende, dunkle Realität.
Hochpotenzhomöopathie wird beispielsweise gerne mit Quantenmechanik begründet, wie genau, erspare ich nun dem geneigten Leser. Für mich war der Schluss aus diesen Ausführungen das Folgende: würde sie wirklich so funktionieren, dann müssten wir sie aus dem Verkehr ziehen, weil wir gar nicht richtig nachvollziehen können, was wir da anrichten, schließlich verstehen wir viel zu wenig von Quantenphysik, selbst die Quantenphysiker.

An dieser Stelle möchte ich allerdings Phytotherapie und Teile verschiedener Naturheilkunden ausschließen: dass ich ohne Blasentee keinen Winter überleben würde steht auf einem ganz anderem Blatt – hier sind aber auch chemisch wirksame Stoffe nachweisbar und es stellt sich keiner hin, der mir erklärt, dass der Tee auf meine Astralblase wirkt.

Was aber macht nun die Kirche mit ihrer Anna Maria Gallo anders? Sie lässt bewusst offen, wie und wieso die Schwester möglicherweise Unfruchtbarkeit heilen konnte. War es möglicherweise einfach Placebo, kann ihr das auch Recht sein: vielleicht ist sie letztlich eine der führenden Hüterinnen de Placebo, weil sie eben am besten weiß oder wusste, wie man es macht. Möglicherweise hat ja auch doch Gott seine Finger mit im Spiel, vielleicht wirkt er ja auch über Placebo, aber sie versucht nicht, erstens den Nimbus wissenschaftlicher Argumente für sich auszunutzen, zweitens wissenschaftlich falsche oder ungenaue Thesen zu verbreiten, oder gar für sich zu beanspruchen, die wahre Wissenschaft zu hüten, die von der Naturwissenschaft und der „Schulmedizin“ unterdrückt werde.

Im Gegenteil: konfrontiert mit einem Wunder neigt die Kirche eher dazu, so lange nachzuprüfen, ob es nicht vielleicht eine den Naturgesetzen folgende Erklärung gibt, bis sie eine solche findet – oder eben nicht. Ebenso wenig käme sie auf die Idee, Fahrten zu Wallfahrtsorten von der Krankenkasse bezahlt haben zu wollen – eine Forderung die gerade in der gesellschaftlich aus mir völlig schleierhaften Gründen so anerkannten Homöopathie nicht unüblich ist.

Letztlich gibt die Kirche zu, dass sie auf den Körper nur über die Seele wirken kann und dass die beiden auseinanderzuhalten bei einem lebenden Menschen schlechterdings unmöglich ist. Dass wir uns in bestimmten Situationen krankdenken oder gesundbeten können, erkennen beide, sie und die Naturwissenschaft an.

Dafür braucht sie keine Gottdrüse zu erfinden.

4 Kommentare

Eingeordnet unter Gedanken zur Praxis der katholischen Kirche, Zu allgemeiner Religionskritik

Keine Angst vor Mathematik

Ein unter Katholizismus- und Christentumskritikern beliebtes Spielchen ist die mathematische Gleichung bezüglich der Dreifaltigkeit:

XJesus=XGott Vater=Xheiliger Geist

Aber:

Xjesus+XGott Vater+Xheiliger Geist= X

Demnach wäre X mathematisch nur mit dem Zahlenwert „0“ zu belegen.

Vermutlich ist es ein alter Hut und es gibt auch andere, die auf die selbe Idee gekommen sind wie ich (aber ich möchte trotzdem die Kenntnis dessen verbreiten, weil man damit immer wieder konfrontiert ist): geht X gegen unendlich, wie es ja für einen gläubigen Christen der Fall ist, so lässt sich die Gleichung ebenso erfüllen, der kritische Anspruch verkehrt sich in sein Gegenteil: Mathematik dient einer einfachen Verständlichmachung einerseits der Unverständlichkeit der Trinität (denn X ist ja nicht unendlich, es geht gegen unendlich) aber auch der Tatsache, dass sie nicht vollkommen unzugänglich ist.

Das ist besonders lustig, weil ich, bevor ich überhaupt wusste, dass die Formel so verwendet wird, mich ihrer bediente, um z.B. mich selbst und eventuelle Kritiker, die einen solchen unterstellen, zu erinnern, wie wir selbst unser Denken vor einem Kryptopolytheismus schützen können.

7 Kommentare

Eingeordnet unter Apologetik, Zu allgemeiner Religionskritik