Meinst Du das ernst, BDKJ?

Der BDKJ macht mit DiTiB gemeinsame Sache. Nein, das ist keine Verschwörungstheorie aus der Gattung „Muslime erobern das Abendland“, der BDKJ hat eine gemeinsame Kampagne zum Thema Toleranz mit DiTiB.

Die Aktion ist in mehr als einer Hinsicht doof, angefangen mit der unglücklichen Auswahl von DiTiB als Bündnispartner

DiTiB richtet sich an türkischstämmige Muslime, eine durch den Zuzug aus (nord-)afrikanischen Bürgerkriegsgebieten anteilig immer kleiner werdende Gruppe deutscher Muslime. Dadurch ist der Verein einerseits zwar einer der am besten etablierten muslimischen Verbände in Deutschland, auf der anderen Seite eben nicht besonders Repräsentativ.

DiTiB richtet sich allerdings auch unter den türkischstämmigen Deutschen eher an solche, die als Erdogansche sogenannte „Graue Wölfe“ mehr so an den Grenzen des noch-nicht-verfassungsfeindlichen wandeln.

Die Imame, die in DiTiB-Moscheen arbeiten werden nach wie vor in der Türkei ausgebildet. Bei einem Besuch in einer solchen Moschee vor wenigen Jahren teilte uns der dort für Öffentlichkeitsarbeit zuständige, vollkommen integrierte junge Mann mit, die DiTiB-Imame selbst verlangten von den Gemeinden eine Leistung in Sachen Integration – nicht etwa umgekehrt. Neu angekommene Muslime, die in Deutschland Hilfe benötigen, wenden sich oft eher an Moscheen, weil sie hoffen dort auf Personen zu treffen, die mit ihrer Situation vertraut sind und sie verstehen. Sie stoßen im Zweifelsfall dort auf einen Imam, der selbst genauso wenig Deutsch kann wie sie und noch weniger darüber weiß, wie man sich z.B. auf einen Arbeitsplatz bewirbt. Nach drei Jahren Zeit, in der sich der Imam eingewöhnen konnte, wird er dann auch gleich wieder zurück in die Türkei gerufen.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die türkische Regierung versucht, über die Monopolisierung deutscher muslimischer Identität durch ein von der türkischen Regierung betriebenes Organ diese an die Loyalität gegenüber der eigenen Politik zu koppeln. Egal, in welche Richtung die Reise nun gehen mag.

Aber was hat das nun mit den Katholiken zu tun?

Nun, die Handlungen der türkischen Regierung gegenüber katholischen Einrichtungen wie Kirchen kann man wohl am besten mit dem Wort „Gängeln“ umschreiben, weit über den schon längst nur noch als potemkinsche Fassade existierenden Laizismus der Türkei hinaus. Baugrund für neue Kirchen wird über Jahrzehnte hinweg aufgrund diverser vorgeschobener bürokratischer Schwierigkeiten blockiert, die Betreuung oder gar der Schutz von Christen in den ausgedehnten Flüchtlinslagern spielt eine noch untergeordnetere Rolle als in Deutschland und bis heute ist es für Christen in der Türkei nicht möglich, Religionslehrer oder Priester auszubilden. Jede Form einer öffentlichen Darstellung des Christentums, Informationsstände, Prozessionen oder eigene Medienanstalten (z.B. Radiosender) ist untersagt.

DiTiB wird sich den Vorwurf gefallen lassen müssen, mit dieser politischen Linie identifiziert zu werden. Es ist also kein Verein, mit dem der Bund der katholischen Jugend posieren sollte, besonders dann nicht, wenn es um gegenseitige Akzeptanz und religiöse Toleranz geht.

Wenn nun das in die Türkei ausgelagerte christliche deutsche Religions-Ministerium muslimische Türken auffordern würde, gemeinsam mit Christen Selfies als Zeichen der Toleranz zu schießen, ab welchem Punkt wird diese Hypothese zu absurd, um weiterzulesen? Genau.

Der Zweck heiligt die Allianz?

Dem BDKJ ist das wumpe. Vielleicht, das als freundlichste Interpretation, vielleicht glauben sie ja, dass DiTiB sich auf die Dauer losmachen wird, wenn man ihnen von deutscher Seite oft genug sagt, dass man sie lieb hat und dass von Jugendlichen auf der Suche nach 2 Sekunden Ruhm geknipste Toleranzselfies die Welt mehr verbessern können, als eine weitere Stärkung von DiTiB in der deutsch-türkischen Öffentlichkeit Schaden anrichten kann.

Vielleicht aber ist es hier wie mit jeder anderen Aktion aus dieser Kategorie auch: dem BDKJ wäre vermutlich jeder Verband recht. DiTiB ist vergleichsweise gut organisiert und geht leicht her. Durch die Aktion bietet sich sozusagen die Möglichkeit, mal ein bisschen mit dem Exotischen zu posieren. Mit der Aktion holt man sich den Bildbeweis für „einige meiner besten Freunde sind Muslime“, grinst und knickst ein bisschen, tut keinem weh und hat sich selbst den Anstrich des weltmännischen und interkulturellen verschafft.

„Alle sind gleich“ ist das Gegenteil von Toleranz

Dass das aber nichts mit wechselseitigem Verständnis zu tun hat beweist allein der Text auf der Werbepostkarte: „Alle Christen glauben an Allah“, steht da, „Allah ist arabisch und bedeutet einfach nur Gott“. Ja, das tut es und Christen, die arabisch sprechen, nennen Gott ebenfalls Allah. Der gleiche Gott ist es deshalb aber noch lange nicht, höchstens derselbe.

Nein, auch dieser Einwand wird jetzt nicht den AfD-Einschlag nehmen. Sondern den theologischen. Wer schon klug genug ist, darauf hinzuweisen, dass Allah und Gott eine gemeinsame Geschichte haben und eben beide der einzige Gott sind, der sollte dann mit diesen Geschichten entsprechen respektvoll umgehen. Wer dem Islam unterstellt, dass sein Gott und der Chrisliche Gott ja im Grunde genau das gleiche seien, der beweist dass er von mindestens zwei Kulturen keine Ahnung hat.

Die Attraktivität des muslimischen Gottes liegt in dessen Schlichtheit. Er ist den gläubigen ein strenger, ferner Schöpfer, der sich stets in Geheimnis hüllt. Der katholische Gott ist dafür dreifaltig, prinzipiell paradox, nah und fordernd.

Muslime müssen sich selbst bereit machen, geduldig warten und sich sehnen, in der Hoffnung dass er sich erbarmt und zu ihnen kommt.

Christen müssen sich aufmachen, ihn zu suchen, mit ihm und sich selbst ringen. Sie haben eine viel persönlichere Beziehung, denn ihr Gott war selbst einmal Mensch.

Im Islam hingegen stellt Gottesfurcht ein viel zentraleres Element dar.

Ich könnte den ganze Tag so weitermachen. Der Islam ist orthopraktischer als der Katholizismus (der seinerseits orthopraktischer ist, als das reformierte Christentum), der Islam hat eine andere semiotische Ideologie (Achtung! Fachwort, hat nichts mit Politik zu tun) als der Katholizismus.

Und das ist auch nur das, was sich allgemein über Tendenzen im Islam sagen lässt – die gigantische geographische Ausbreitung beider Religionen macht es noch viel, viel schwerer, Aussagen darüber zu treffen, ob Allah und Gott jetzt gleich sind. Denn Allah und Allah sind schon nicht immer so richtig gleich.

Der Blick in Länder, in denen Christen und Muslime schon länger koexistieren, beispielsweise Tansania, zeigt, dass es überhaupt nicht nötig ist sich gegenseitig zu versichern, dass ja letztlich „alles eins“ ist. Toleranz bedeutet nicht, dass ich mir einbilde, der Andere ist genau wie ich, deshalb mag ich ihn. Toleranz bedeutet, zu versuchen zu verstehen, wie anders der andere ist und ihn in dieser Andersartigkeit schätzen zu lernen. Voneinander lernen und miteinander zu diskutieren sollte das Ziel sein, nicht zusammen in eine Smartphone-Kamera zu grinsen, um ein paar Bilder mehr zu produzieren, vor denen Sozialpädagoginnen mit schwimmenden Augen sitzen.

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Über Tellerränder von Feminismuskritikern

In der SZ  war vor einigen Tagen ein Artikel darüber, dass Mädchen in einigen Gegenden Indiens mit dem Namen „Nakusa“ belegt werden. Der Name bedeutet so viel wie „Die ungewollte“ und soll den betreffenden Gottheiten signalisieren, dass jetzt erstmal genug sei, mit Mädchen.
Die so benannten Mädchen  sind quasi für den Rest ihres Lebens ein dickes Plakat, auf dem „SO BITTE NICHT“ steht. Entsprechend freundlich werden sie dann auch von ihren Peers behandelt.

Die Vorstellung, dass Mädchen minderwertige Nachkommen sind, ist nicht nur in den „gruseligen“ und „exotischen“ Gegenden dieser Welt verbreitet.
Lange ist es nicht her, da wurden Väter von Mädchen in Süddeutschland als „Büchsenmacher“ vespottet. Mancher fand es vielleicht einfach nur witzig (ahahaa, Büchse. Verstehen Sie?) doch in den 90gern noch wurde mein Vater in meiner Anwesenheit gefragt, ob er nicht traurig sei, dass er keinen Sohn habe.
Eine Frage, die ich mir bis dahin niemals gestellt hatte, die mich aber getroffen hat. Mein Vater bemühte sich, der betreffenden Person zu versichern, dass es ihm vollkommen gleich sei, welches Geschlecht seine Kinder hätten.
Aber dass überhaupt jemand glaubte dass ich als Teil einer reinen Mädchen-Generation die Existenz meiner Familie besiegele blieb trotzdem bei mir hängen. Eine Schuld, mit der man sich nicht helfen kann, weil sie bei dem ansetzt, was man selbst ist, woran man nichts oder nur wenig ändern kann.
Kein Kind sollte das Gefühl haben, seine Eltern mit seinem eigenen Dasein zu verletzen.
Es gibt viele Gründe, wieso Kinder sich so fühlen müssen. Krankheit, Armut, oder vielleicht auch „nur“ dass sie die ungeplante Frucht eines lieblosen Geschlechtsverkehrs waren. Einer davon ist eben auch, das falsche Geschlecht zu haben. Keiner würde anzweifeln, dass wir arme, kranke, ungeliebte Kinder stützen und ihnen das Gefühl von Geborgenheit geben müssen.
Keiner würde den Bemühungen in diese Richtung vorwerfen, dass sie überflüssig seien oder ungerecht gegenüber gesunden, reichen oder geliebten Kindern.
Wieso ist es so schwer zuzugeben, dass Mädchen, die durch ihr Mädchen-Sein benachteiligt werden ebenso eine Unterstützung verdienen und dass das, ja, verdammt noch mal, Anliegen des Feminismus ist, aus dem er unter Anderem seine Berechtigung verdient?
Wieso muss ich mit irgendwelchen Typen im Internet darüber diskutieren, dass sie sich davon emaskuliert fühlen, dass ich meinen Namen nach der Hochzeit behalten darf, wenn in Indien Mädchen „Nakusa“ genannt werden und damit leben müssen?
Wieso werde ich mit Statistiken darüber traktiert, dass Männer sich öfter selbst umbringen, öfter im Krieg sterben und öfter ins Gefängnis kommen, wenn Millionen und Abermillionen von Mädchen nicht einmal auf die Welt kommen dürfen?
Die Antwort ist so einfach wie lächerlich: Es geht hier immernoch um Männer, deren Selbstbewusstsein sich daraus speist, sich besser fühlen zu können, als Frauen. Haarscharf haben sie erkannt, dass es heutzutage ganz gut funktioniert, sich als Opfer von irgendwas zu positionieren, wenn man Aufmerksamkeit bekommen möchte.
Also sind sie die Opfer… der Frauen… und des Feminismus.
Dabei versucht der Feminismus gelegentlich ihre Probleme mitzulösen. Oft wird beklagt, in diesen Fällen springe dann „keine Feministin“ in die Bresche. Hier einige beliebte Beispiele… und Gegenbeispiele:
„Feministinnen beschweren sich nicht, dass Frauen öfter das Sorgerecht erteilt bekommen, als Männer.“
Doch. Ich. Und Alice Schwarzer.
„Feministinnnen beschweren sich nur, dass ihnen die oberen Führungsebenen verwehrt bleiben. Die Blue-Collar-Jobs, in denen man hart körperlich arbeiten muss, wollen sie dann aber nicht für Frauen zugänglich haben.“
Doch. Ich. Und es gibt zahlreiche Förderprogramme, z.B. von Betrieben, Handwerkskammern oder der Bundesregierung. Genau. Dafür.
„Feministinnen machen immer Krach, dass sie alle Rechte eines Mannes haben wollen, aber die Wehrpflicht wollen sie nicht. Während Männer sich abschlachten lassen, können sie schön zuhause hocken.“
Ich wäre damals sofort zum Bund gegangen. Es gibt zahlreiche Projekte, die Frauen an der Waffe fördern, es gibt sogar einen Artikel auf dem ziemlich Mainstreamig-Feelgood-Portal Bento dazu. Frauen vorzuwerfen, dass sie nicht im selben Umfang in Kampfhandlungen sterben wie Männer ist besonders zynisch, wenn sie dann, wenn sie zum Militär gehen z.T. mit sexueller Gewalt und systematischen Rausekel-Versuchen konfrontiert werden.
Letztenendes aber liegt dem ganzen ein allgemeiner Denkfehler zugrunde: Wenn im Sinne des Feminismus verabschiedete Regelungen Männern schaden, dann muss das diskutiert werden. Diese Regelungen. Aber nicht der Feminismus an sich.
So lange nämlich Frauen nur leiden, weil sie als Frauen gelten, ist der Feminismus legitimiert. Alles andere ist nicht sein Thema.

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Der Katholik als nützlicher Idiot

Je näher die US-Wahlen rücken, desto erstaunlichere Entwicklungen zeigen sich innerhalb der katholischen Stimmen zu eben diesem Thema. Plötzlich ist Hillary Clinton in der katholischen Berichterstattung ein Monstrum, das sich nicht entscheiden kann, ob es lieber erst Kinder oder Kirchen fressen will. Gerade als nicht-amerikanische Katholiken sollten wir darauf achten, wessen Karren wir hier eigentlich ziehen.

Donald Trumps Felle schwimmen davon. Auch, wenn deutsche Linke sich gerne weiterhin einreden wollen, dass die USA tatsächlich den Leibhaftigen auf den Thron eines Landes setzen würden, der für sie das säkulare Äquivalent zur Hölle ist, sieht es momentan nach krachendem Scheitern aus.

Die Katholiken sind Trumps letzte Hoffnung

Wer, fragt er sich, soll ihn jetzt noch wählen? Frauen jedenfalls fallen aus – nur noch ein sehr geringer Teil der Amerikanerinnen ist blöde genug, jemanden zu wählen, der sie für eine Mischung aus Schoßhund und Gummipuppe hält. Auch bei anderen Gruppen mit „spezifischen“ Interessen, also beispielsweise Schwarzen, Immigranten, chronisch Kranken, etc., kann Trump keinen Blumentopf mehr gewinnen. Wäre da noch die eine Gruppe in den USA, um die sich sonst nie einer auch nur das Schwarze unterm Fingernagel schert: die Katholiken.

Katholiken haben einen Ruf als SwingVoters. Auf der einen Seite neigen sie zu konservativeren Ansichten in Themen wie der Außenpolitik, Frauenrechten, Religions- und Familienpolitik, auf der anderen Seite gibt es in den Familien von Polen, Italienern, Iren und Latinos noch so etwas wie ein „Milieu“-Gedächtnis. Dass sie als arme Arbeiter in die USA kamen, ist in der Regel nicht viel mehr als hundert Jahre her. Daher sympathisieren sie ähnlich wie die jüdische Milieus der USA, die aber keine derart große statistische Signifikanz aufweisen, zugleich mit Politikern, die sich eben dieses Arbeitermilieus annehmen und für die Armenvorsorge eintreten und haben ein generelles Misstrauen gegenüber sogenannten WASPs (White Anglosaxon Protestants), denen sie im besten Falle vollkommen Wurst sind. Mit Ausnahme von Kerry und Kennedy haben die Katholiken seit dem Krieg auch keine Gelegenheit mehr bekommen, bei einer Präsidentschaftswahl für etwas anderes als das in Bezug auf ihre Belange kleinere Übel zu stimmen.

Kurz: Katholiken sind der einzige größere Bevölkerungsanteil, bei dem Trump eventuell noch was reißen könnte. Und das versuchen er und seine in- wie ausländischen Unterstützer nun mit aller Macht zu reißen

Catholic Nightmare before Election

Da kommen also – whoopsie – ausgerechnet eine Woche, nachdem Trump auf der 18th Annual Catholic Leadership Conference in Colorado der katholischen Sache, was auch immer er dafür halten mag, seine uneingeschränkte Unterstützung ausgesprochen hat, diese Clinton-Emails auf Wikileaks heraus.

Die katholische Welt dreht voll auf – ganz besonders die deutsche, die sich von diesen Emails deshalb so sehr getroffen fühlt, weil sie ein Ziel formulieren, das für sie in Deutschland schon der gefühlte Ist-Zustand ist. Laienverbände sollen gezielt eingesetzt werden, um die als veraltet dargestellte Moral der Kirche auszuhöhlen. Alte und liebgewonnene Begriffe der katholischen Intellektualität werden verhöhnt. Diese Emails sind geradezu dafür designt, sich tief ins Herz konservativerer Katholiken zu bohren

Vladimir, ick hör dir trapsen

Designt? Schon vor dem Auftauchen jener Emails, die sich auf Katholiken kaprizieren, erklärten die Demokraten, die Emails auf WikiLeaks seien möglicherweise russische Erfindungen. Die russische Regierung, daran lässt sie selbst keinen Zweifel, will Trump als Präsidenten sehen.

Dafür die katholische Kirche zu benutzen bietet für sie gleich mehrere Vorteile: Selbst, wenn die amerikanischen Katholiken sich nicht davon überzeugen lassen, einen protestantischen Frauenversteher von Schrott und Korn wie Trump ins Amt zu wählen, kann man über die Skandale und Skandälchen, die man Hillary Clinton anlastet, das Vertrauen der Katholiken in die amerikanische Regierung weltweit nachhaltig erschüttern.

Die Katholiken verbreiten solche Nachrichten auch noch komplett von selbst, da sie praktischerweise über ein weltumspannendes Mediennetzwerk verfügen. Auf diese Weise greift Russland also nicht nur in den amerikanischen Wahlkampf ein, sondern überzeugt gleichzeitig Millionen von Katholiken, dass die Amerikaner ihre angestammten Feinde seien, obwohl die Russen selbst im eigenen Lande alles tun, um religiösen Minderheiten auf die Füße zu treten.

Dieser Effekt tritt selbst dann ein, wenn diese Emails echt sein sollten. Deutsche Katholiken tendieren auch dazu zu glauben, dass sie in den USA politisch und im generellen Ansehen eine ähnliche Rolle einnähmen wie in Deutschland. Tatsächlich gehen sie aber WASPs, die wie Hillary Clinton auf ein links angehauchtes, mit Frauenrechten und Multikulturalismus beschäftigtes College-Milieu abzielen,  komplett am Arsch vorbei. Wenn Hillary Clinton für Abtreibung ist, dann ist sie nicht gegen die katholische Kirche, sondern für Frauenrechte. Deshalb ist ihre Aussage, sie habe 2003 gegen das Verbot von Teilgeburtsabtreibungen gestimmt, weil die Situation der Frau nicht berücksichtigt worden sei, nicht ausweichend, sondern schlichtweg glaubwürdig. (Und nein: ich gebe ihr nicht Recht. Es geht mir nur darum, dass sie damit nicht gegen die Pro-Life-Bewegung argumentiert, sondern an ihr vorbei). Um gegen die katholische Kirche zu sein, müsste Hillary sich erstmal überhaupt für die katholische Kirche interessieren. Das ist es, was in Verbindung mit ihrer perfekten Abstimmung auf meist ausschließlich intern diskutierte katholische Angstthemen diese Emails so unglaubwürdig macht.

Es stimmt, es gibt keinen Grund für einen Katholiken, Hillary Clinton zu wählen.

Aber Trump? Meint ihr das Ernst? TRUMP?

Aber stellen Sie sich mal vor, der große Retter und Beschützer der ungeborenen Kinder, Donald Trump, würde mit einer Nicht-Ivana-Frau schlafen und ihr ein Kind machen. Denken Sie ernsthaft, er würde ihr dann sagen, dieses Kind sei ein Geschenk Gottes, das sie aufziehen müsse und das er lieben werde?

Kaum. Aber er sähe kein Problem damit, sie nach erfolgter Abtreibung dafür auch noch ins Gefängnis zu stecken.

Trump ist nicht Pro-Life oder für die Katholiken, er ist kein starker Beschützer vor dem Islamismus oder ein Verbündeter Deutschlands. Trump ist Pro-Trump, er ist ein Beschützer Trumps und ein Verbündeter Trumps. Moral ist keine Kategorie für ihn.

Ein solches Individuum unterstützt jeder Katholik, der Hillarys „Vergehen“ aufbläst.

Nicht nur das: er unterstützt auch Vladimir Putin und seinen Staat, in welchem es Katholiken hundertmal dreckiger geht als in den USA. Als nicht-amerikanische Katholiken sollten wir über den Tellerrand amerikanischer Innenpolitik hinwegsehen und verstehen, dass wir in den USA einen Verbündeten haben, der uns weltweit schützen kann.

Wer sich so sehr austricksen lässt, dass er vor Abtreibungskliniken in den USA mehr Angst hat als vor Tyrannen wie Putin, Assad und Erdogan, wer eine politische Destabilisierung eines der für Katholiken bei allen Problemen immer noch bequemsten Länder dieser Erde in Kauf nimmt, weil er sich persönlich von einer Präsidentschaftskandidatin beleidigt fühlt, der ist kurzsichtig.

Und ein nützlicher Idiot.

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Reinhard Marx und TTIP

Mein letzter Blogpost bedarf eines Nachtrags:

Reinhard Marx warnt vor den Folgen eines Abbruchs der Verhandlungen zu TTIP. Ich finde es  schön, dass nicht alle immer nur das Schlechte an den Verhandlungen sehen. Schließlich bedeutet mehr Handel, mehr Gemeinsamkeiten, mehr Verständnis, mehr Frieden. Eine zusammengewachsene Welt, in der allen dieselben, fairen Spielregeln gegeben werden ist eine Welt, in der Chancen weniger davon abhängig sind, auf welchem Flecken Erde man geboren wird.

Auch das it TTIP. Obwohl Reinhard Marx, wie so viele der Wirtschaft eher skeptisch gegenüberstehende Kirchenleute bestimmt Teile des Freihandelsabkommens kritisch sieht, verteufelt er es nicht, sondern sieht es eben auch als eine Chance für Alle.

Und Personen, die so tun, als würden sie mit ihren an Verschwörungstheorien grenzenden eingebildeten Politskandalen auch noch die Interessen der Kirche reflektieren, hat Marx damit klar in ihre Schranken gewiesen. Gelegentlich kommen vom Amt doch die so dringend benötigten Zurechtweisungen.

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Über die seltsamen Prioritäten von Laien

Die Pfarrgemeinde bei mir um die Ecke bewirbt in ihren Schaukästen die Anti-TTIP- und -CETA-Demo im September in München und ich sehe das nicht ein.

Was hat die Vereinbarung von Investorenschutzmaßnahmen, die Abschaffung von Zöllen und die Etablierung gemeinsamer Gesundheits- und Verbraucherschutzstandards im Handel zwischen Kanada, Europa und den USA mit der Kirche zu tun?

Richtig, genau gar nichts, außer, dass die Kirche ein Tummelplatz genau jener antiamerikanischen besorgten Bürger von braun über grün bis dunkelrot, ist, die gegen dieses Abkommen sind. Fragt man sie, wieso sie das sind, dann kommen Geschichten über Chlorhendl, den erhöhten Wettbewerbsdruck auf KMUs, dass die Reichen noch reicher würden (denn, Gott behüte, einem Land kann wirklich nichts Schlimmeres passieren, als dass Leute zu Geld kommen), dass das Abkommen undemokratisch sei (weil repräsentative Demokratie anscheinend ein zu kompliziertes Konzept ist), dass die Schiedsgerichte vollkommen willkürlich Staaten verklagen würden (was sie nicht tun, obwohl es bereits massenhaft Schiedsgerichte gibt) und natürlich dass wir uns damit von den USA noch abhängiger machen würden.

Vereint im Hass auf die USA

Bei letzterem Problem liegt nun der Hund eigentlich begraben. Anti-TTIP und Anti-CETA ist nicht so erfolgreich, weil sich ein Großteil der Bevölkerung plötzlich wahnsinnig für internationalen Handel interessiert, sondern weil es gleich zwei diffus politisch aufgeladene Lager in Deutschland gibt, die einfach einen generellen Rochus auf die USA haben: die Rechten und einige Konservative sind sauer, weil die USA den Ersten und den Zweiten Weltkrieg gewonnen und danach Deutschland auch noch wieder auf die Füße gestellt haben, statt es zu vernichten, so daß man ihnen nicht mal böse sein *darf*. Außerdem mögen sie den internationalen Gestus und Erfolg der Siegermacht nicht – aus genannten Gründen und weil Multikulti, das die Amerikaner schließlich erfunden haben, für diese Kreise ohnehin ein Rotes Tuch ist.

Auf der anderen Seite gibt es das eher linke bzw. grüne Milieu, das den Amerikanern übel nimmt, den Kalten Krieg gewonnen und den Real-Sozialismus so ziemlich von der Platte geputzt zu haben. Außerdem halten sie sich nicht an die Emissionsgrenzen und betreiben weiter Gentechnik im Agrarbereich.

Das alles hat nun, wenn Sie genau aufgepasst haben, nichts mit der Kirche und ihren Werten zu tun, außer ich habe etwas verpasst und das elfte Gebot lautet: Du sollst ein Land Dir erwählen und es irrational mit ganzer Seele hassen und verachten.

Also schrieb ich eine freundliche Email an das Pfarrbüro und erhielt eine Antwort. Vom Diakon, der mir bezeichnenderweise nicht in seiner Funktion als Diakon, sondern als Mitglied von Pax Christi antwortete. Deren Inhalt: der Diözesanrat hätte diesen Aushang empfohlen. Nun schienen aber sämtliche andere Gemeinden Münchens, an denen ich im letzten Monat vorbeigekommen war, diese Empfehlung ignoriert zu haben, unter anderem die meisten Innenstadtkirchen. Vielleicht liegt es daran, dass es in diesen Gemeinden keine so eifrigen Pax-Christi-Mitglieder Diakone und somit am Drücker sind, so dass sie ihre Aktionen über die Pfarrgemeinde abwickeln können. Pax Christi steht nämlich seinerseits auch auf den Plakaten, gemeinsam mit so kirchennahen Vereinigungen wie der Linken, den Piraten und der Humanistischen Union. Aber meines Feindes Feind ist ja mein Freund. Und der Feind ist in dem Fall ein Land, in dem Katholiken unbehelligt leben und glauben können. Ich möchte fast behaupten, in Amerika macht es zur Zeit mehr Spaß, katholisch zu sein, als in Deutschland.

Ist ja nicht so als gäb’s was besseres zu tun

Zeitgleich sieht sich an einer komplett anderen Front die Kirche mit Personen in Verbindung gebracht, welche sich politisch entgegen sämtlicher Werte der Kirche äußern. Die empfehlen, Menschen an der Grenze zu erschießen, auf Inseln auszusetzen und chemisch zu kastrieren. Die aktiv alles daran setzen, unsere demokratische Regierung von innen zu zersetzen. Pegida und Konsorten laufen herum und tragen Kreuze, erklären sich zum „christlichen Abendland“, wissen nicht mal, was eine Parusie ist. Und die christlichen Laien? Die geben zwar gelegentlich anderslautende Meinungen von sich, aber im großen Stil Maßnahmen gegen die rechte Suppe zu ergreifen, das fällt ihnen nicht ein. Pegida lässt an Aschermittwoch Muezzin-Rufe durch die Innenstadt erschallen und die geballte Kraft christlicher Empörung zündet als maximale Reaktion am Gehsteig ein paar Kerzen an. Aber die Aggressivität, Masse und Lautstärke der Anti-TTIP und Anti-CETA-Demos erreichen die Wortmeldungen gegen Pegida nicht.

Die Laienvereinigungen in Deutschland haben schon interessante Prioritäten. Vielleicht liegt es ja daran, dass Anti-TTIP und Anti-CETA alle unter einem Schirm vereinigt. Denn da finden sich AfD, Pax Christi und die Grünen inhaltlich plötzlich in trauter Eintracht.

„Ja, was soll man denn da gegen Pegida auch tun?“, werden jetzt Viele fragen. Möglicherweise das, was bei den Anti-TTIP und Anti-CETA-Demos so einfach fällt: plakatieren, denn die Montags-Demos haben ja bekannte Strecken. Und weil ich mich ja nicht dem Vorwurf aussetzen möchte, ich würde stets nur unkonstruktiv herumkritteln, hätte ich auch ein paar Vorschläge für öffentlichkeitswirksame Plakate:

„Christ werden statt Islam hassen“, „Fronleichnam war hier mehr los“, „Putin rettet niemanden. Jesus rette uns vor Putin.“ und „‚Wer ist bitte diese Pegida?‘ – Jesus von Nazareth“.

Aber das wäre ja wieder provokant und cool und hat tatsächlich etwas mit der Kirche zu tun. Das geht nicht, denn es sind ja deutsche christliche Laienvereine. Da ist man mit wichtigeren Dingen beschäftigt, bei denen man sich wenigstens nur von unseren wirklich problematischen, gefährlichen und gewalttätigen Mitbürgern Kritik einfängt: von Unternehmern und Wirtschaftsliberalen.

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Ich mache keinen Frieden mit dem Papst

Den Frieden mit dem Papst zu machen ist insofern Unfug, als der Papst ja nicht weiß, dass man ihm unversöhnlich gegenüber steht. Eine Wahl hat man eh nicht. Allmählich hält sein Pontifikat aber so lange an, dass die Leute beginnen, sich mit ihm abzufinden. Und so, wie man ihn aus den falschen Gründen nicht-mögen kann, kann man ihn auch aus den falschen Gründen rehabilitieren.

Klaus Kelle hat seinen Frieden mit dem Papst gemacht.

Dabei ist es wichtig zu sehen, was ihn bisher am Papst gestört hat. Nämlich:

“ Katholiken müssten sich auch nicht vermehren „wie Karnickel“ sagte er einmal. Und ich muss sagen, das war auch mir deutlich zu viel für den Nachfolger des Heiligen Petrus. So redet ein Papst nicht, dachte ich damals und so denken bis heute viele Gläubige.“

Mich hat das noch nie gestört. Ich bin eben auch erst 25 und außerdem genervt von jenem katholischen Milleu, das meint, es gehöre zu den „Charismen“ einer Frau, so lange Kinder aus sich rauszudrücken, bis sie nur noch ein Schatten ihrer selbst ist. Christi Zahnpastatube sozusagen. Nein, ich finde es gut, dass der Papst gelegentlich verbal austeilt. Nicht umsonst war ich vor seiner Wahl unter denjenigen, die auf Timothy Dolan hofften. Aber gerade, weil der Papst bestimmt nicht zimperlich ist, fällt es umso mehr dann auf, wenn er es wird.

„Welch‘ starke Worte, welche ansteckende Begeisterung, die in diesem Moment von dem fast Achtzigjährigen ausging. Und der Jubel der jungen Menschen, zusammengeströmt aus 180 Ländern auf dieser Welt, um zusammen den Glauben, das Vermächtnis von Jesus Christus zu feiern und zu leben.[…] , da, genau in dem Moment, habe ich meinen persönlichen Frieden mit Papst Franziskus und seiner Art gemacht.“

Papst Franziskus begeistert die Jugend. Aber leider nicht nur für den Katholizismus sondern auch für seine Ansichten zu Themen, zu denen er nicht nur keine Expertise besitzt, sondern regelrecht gefährliche Ansichten hat.
Seine platte und einseitige Kapitalismuskritik ist meiner Meinung nach eine Katastrophe.

Papst Franziskus erzählt jungen Menschen, der Kapitalismus töte, sie seien in einem unmenschlichen System gefangen, das sie knechtet und die Welt in ihrem Würgegriff hält, entgegen aller Statistiken, die nun einmal zeigen, dass es immer mehr Menschen immer besser geht, nicht schlechter. Das ist wohlfeil und kommt auch gerade bei den jungen Menschen gut an, die aus Ländern mir wirtschaftlichen Schwierigkeiten (aus Südeuropa, Südamerika, Osteuropa) kommen; Menschen zu sagen, dass das System falsch ist und dass sie nicht vielleicht nur Pech hatten, sondern Opfer böser Mächte sind, das ist für diese auf den ersten Blick erleichternd. Sie fühlen sich verstanden, deshalb jubeln sie. Aber es ist die falsche Botschaft. Seine Kapitalismusschelte ohne Gegenvorschlag schürt lediglich Angst, Ungewissheit, Unsicherheit und zerstört das Selbstvertrauen. Er ermuntert sie nicht dazu, ihre Länder wirtschaftlich zu sanieren und mit ihrem Einfallsreichtum und Gottes Hilfe neue Wege zu finden, um innerhalb dieses Systems, vielleicht unter dessen Transformation, ihre Zukunft zu sichern, sondern er sagt: „alles Scheiße. Da hilft nur noch beten.“ Er entmutigt sie.

Seine Begegnung mit Fidel Castro vor zwei Jahren trieb mir die Zornesröte ins Gesicht.  Er küsste diesem mörderischen Despoten das Bauchi. Einem Mann, der für alles steht, gegen das Papst Johannes Paul II gekämpft hat. Es ist noch nicht  einmal 5 Jahre her, da hat das Regime in Kuba christliche Widerständler verschwinden lassen. Wo ist da plötzlich der scherzend ermahnende Papst? Nirgends, denn mit seinen wirtschaftspolitischen Äußerungen gibt er Regimes wie dem Kubanischen, die mit Katholiken nie anderes anzufangen wussten, als sie zu morden, verfolgen und schikanieren, auch noch ziemlich eindeutig Recht.

Der Realsozialismus als Feind scheint uns verstaubt; Aber diese jungen Leute, die Papst Franziskus heute mit Stiefeln an den Füßen und Unzufriedenheit in den Herzen in die Wallfahrtsorte schickt, die werden irgendwann verarmte, perspektivlose Familienväter und -Mütter sein. Immer noch mit Unzufriedenheit im Herzen. Damit ist nichts erreicht.

Und bei dem Gedanken, dass ein alter Mann junge Leute aufhetzt war mir noch nie besonders wohl. Papst Franziskus würde mich nicht mögen. Und ich muss ihn dann auch nicht gut finden.

 

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Männer, die beim Fußball nerven

Es ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Kaum steigt ein größeres Fußballereignis, schon kräht er von allen Dächern: der Salon-Sexismus. Sei es das rituelle „HAHAH FRAUEN BEIM FUßBALL JETZT HABT DOCH MAL HUMOR MÄDELS“ oder die Kritiker von Claudia Neumann die „ganz neutral betrachten“ und „jetzt unabhängig davon, dass sie eine Frau ist“ an allem was sie tut etwas auszusetzen haben. Da sind mir die „FRAUEN RAUS VON FUSSBAL IS MÄNNERSACKE“-Typen schon fast lieber. Die geben wenigstens offen zu, dass sie Würstchen sind.

Aber liebe Männer, im Gegensatz zu uns Frauen habt ihr schließlich Humor und müsst Euch nicht über die harmlosen, klischeehaften Witze aufregen, die wir über Euch machen. Und Anlass gibt es da genug. Wisst Ihr eigentlich, wie unerträglich es ist, mit Euch Fußball zu gucken? Eine Typologie der fünf Männer, mit denen keiner Fußball gucken will. Nicht mal Männer.

  1. Der ehrenamtliche Co-Trainer

Dieses Exemplar, das vor maskuliner Fußballerfahrung nur so strotzt, hat den größten… äh, die größte Ahnung von allen.

Bundestrainer copy

 

„Özil raus“. Die Schlachtrufe des Co-Traines sind selten als solche zu erkennen.

 

Er kennt die Spieler besser als Jogi persönlich und ereifert sich das gesamte Spiel über die diversen Fehlbesetzungen – inklusive des Bundestrainers selbst. Das Ganze hat nicht so dringend etwas mit einer angeregten Diskussion zu tun, denn dafür müsste ihm ja jemand antworten. Tut aber keiner, weil die anderen eigentlich nur das Spiel gucken wollen. Das Schweigen nimmt er konsequent als Zustimmung beziehungsweise als Zugeständnis derer, die selber keine Ahnung haben, wahr.

Wenn er zusieht, dann gewinnt sowieso keiner – er selbst nicht, denn nach einem gewonnenen Spiel muss er heraus-analysieren, wieso seine Mannschaft falsch gesiegt hat, und auch die Anderen nicht, die sich nur mit viel Mühe zurückhalten konnten, ihn nicht zu lynchen.

 Quizzmaster

2. Der Quizmaster

Dieser Typ hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Fankultur des Fußballs rein zu halten und zwar von allen Personen, die keine so harten Fans sind, wie er. Sein Profiling ist klar: Vor allem Frauen stehen unter dem Verdacht, „Erfolgs-“, „Saison-“ oder „Mitläuferfans“ zu sein. Um dies zu überprüfen gibt es nur einen Weg: Quiz. Also stellt er an anwesende weibliche Wesen, die sich seiner Meinung nach zu gewagt (also überhaupt) über den Spielverlauf geäußert haben, diverse Fragen, mit denen sie ihr Fußballwissen unter Beweis stellen können. Sollen. Müssen. Als wäre das nicht schon entwürdigend genug, kann er damit natürlich selbst dann nicht aufhören, wenn die ins Auge gefasste Frau einfachere Fragen beantworten kann, z.B., was die 3-Punkte-Regel, Abseits oder Handspiel ist und wann ein Elfmeter gegeben wird. Das würde ja eigentlich schon ausreichen, um ein Fußballspiel zu verfolgen, aber jetzt kann auch nicht mehr aufgegeben werden. Er stellt lieber immer absurdere Fragen („Wenn Du so schlau bist, dann weißt Du sicher auch, wer zweiter Torhüter war, als 1980 die DDR olympisches Silber gewonnen hat.“), um dann bei Nichtbeantwortung mit einem lauten „HA!“, erleichtert in sein bestätigtes Weltbild zurückzusinken. Anwesende männliche Saisonfans halten natürlich betreten die Klappe und sind froh, dass sie nicht ausgefragt werden.

Mit diesen Mitteln schafft es der Quizmaster, das Spiel für alle Anwesenden zu einer unangenehmen Situation zu machen. Und das ist bei Fußball schließlich das allerwichtigste.

3. Der Scheiß-egal-ich-bin-dabei-Typ

Proll

 

„Helene sieh dein Hösschen ausss, Schaalal ala!“ Seine Freunde schätzen ihn für seinen Charme und Witz.

 

Dieser Typ steht mit 1,4 Promille daneben, während der Quizmaster seine Fragen stellt und versucht mit Sabber am Kinn die Situation zu entspannen: „Lassdochmalseeeeein, Mädschen. Du paggstes einfach nisch!“

Er selbst hat natürlich ebenfalls höchst marginales Fußballwissen, weil für ihn Fußball eine soziale Situation ist und keine Sportart, die er ernsthaft verfolgt. Seit er zwölf ist, zieht er bei der Fußballliebe seiner Buddies mit, weil es da Freibier und Kollegialität gibt. Er ist meistens ein reichlich simpler Geist, den Frauen bei Fußballveranstaltungen eher deshalb stören, weil er denkt, dass sie ihn für sein rüpelhaftes Gehabe heimlich verurteilen. Die Essenz eines Fußballspiels ist es für ihn, sich zuzulöten, bis er nicht mehr stehen kann und kein schlechtes Gewissen mehr hat, Fangesänge widerwärtigsten Inhalts von sich zu geben („FC Bayern Judenclub“ oder ähnliches) oder mit der Begeisterung eines Vierjährigen gegen alles zu bieseln, das sich nicht schnell genug wegbewegt. Wenn er damit fertig ist, kriecht er um 3 Uhr morgens mit einer Ordnungsstrafe, Erbrochenem und Urin bedeckt zu seiner Freundin unter die Bettdecke, über die er sich beim Frühstück lustig macht, weil sie gestern Abend bei einem Dirty Martini mit ihren Kolleginnen einen Grey’s-Anatomy-Marathon gemacht hat. Das ist nämlich echt lächerlich im Vergleich zu seiner würdevollen Tagesgestaltung.

4. Der rassistische Generalisierer

Eine Fußball-EM oder -WM bietet reichlich Gelegenheit, seine gesammelten Klischees am

Nationalist

 

„Schigt die Neeeega surügg in den Busch“. Dass man die eigene Mannschaft anfeuern kann, ohne die andere rassistisch zu beleidigen ist eine meiner vielen Falschannahmen zum Thema Fußball.

 

lebenden Objekt auszuprobieren. Dabei gibt es die ein oder andere Idee, derer wir uns alle irgendwie schuldig machen, die aber auch tatsächlich etwas mit den Spielkulturen in den jeweiligen Ländern zu tun hat (z.B. dass südeuropäische Mannschaften Schwalben für ein vollkommen legitimes technisches Element halten). Das gehört ja auch irgendwie dazu und ist, so lange es auf der Ebene des Fußballs bleibt, eher unterhaltsam. Man schenkt sich in der Regel dabei auch nichts. Problematisch wird es dann, wenn jemand der Meinung ist, er müsse aus der Spielweise der gegnerischen Mannschaft deren Volksseele extrapolieren und alle anderen mit einem Vortrag hierüber erfreuen.

Ist der Schiedsrichter ein Grieche, kriegen wir erzählt, dass sie ihm an der Akropolis seinen Selfie-Stick geklaut haben und die Griechen alle hinterhältige Betrüger sind. Besteht die französische Mannschaft hauptsächlich aus dunkelhäutigen Spieler, erfolgt ein Vortrag darüber, dass das unfair sei, dass die Mannschaft bei der EM antritt, weil der Neger an sich ja schneller laufe als der Weiße und dass angesichts dieser Ausländerquote die Anschläge von Paris keine Überraschung seien. Natürlich gibt es auch Frauen mit solchen Meinungen, nur trauen sich die meisten Frauen aus gutem Grund eher selten, ganze 90 Minuten Spiel durchzulabern. Würde ich gerne mit wildfremden Primitivlingen über Politik reden, dann ginge ich zu Public Viewing von Anne Will. Aber die gibt es komischerweise nicht.

5. Der Sozialanalyst

Der Sozialanalyst lässt zu jedem Moment durchblicken, dass

Sozialkritiker

 

„Es ist schon echt schade, dass eine Sportart mit derart homoerotischen Anklängen immernoch so homophob ist.“ Der Sozialanalyst weiß, wie man sich amüsiert.

 

er diese ganze Fußballgeschichte mit einer gewissen ironischen Distanz mitmacht. Er vertritt einen post-maskulinen, post-nationalistischen und dem Wettbewerbsgedanken gegenüber kritischen Standpunkt. Für ihn ist Fußball ein faszinierendes soziales Phänomen, dem er nur beiwohnt, weil er die Gesellschaft beobachten möchte, von dem er aber weiß, dass es Rassismus, Sexismus und Ableismus fördert und dessen Kollektivitätsgedanke ihn total abstößt.

Er sitzt mit einer nicht-alkoholischen aktuellen Trendbrause an der Wand und versucht verzweifelt, die Begeisterung des nicht-postkolonialistischen Achtjährigen, der sich irgendwo tief in ihm drin über den Einzug ins Halbfinale freut, zu unterdrücken. In der Halbzeit möchte er Leute in ein Gespräch darüber verwickeln, wie schade es ist, dass im Fußball alles mit Kriegsmetaphern ausgedrückt werden muss und wie sehr in die ganze Kommerzialisierung des Fußballbetriebs ankotzt. Anwesenden Frauen wirft er gerne mitleidig-verständnisvolle Blicke zu. Seine Solidaritätsbekundungen lassen dabei mehr als nur durchblicken, dass auch er sie immer noch als Fremdkörper wahrnimmt. Seiner Meinung nach sollten sie diesen sexistischen Betrieb eigentlich boykottieren und lieber den Frauenfußball unterstützen. Da stören sie ihn nämlich auch nicht damit, dass ihnen seine sozialkritische Perspektive scheißegal ist.

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