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Ein moralisches Feuerwerk

Das Einzige, was dem Deutschen lieber ist als seine Traditionen im Jahreskreis, ist ritualisierte Konsumkritik. Und natürlich Viecher.

Bevor ich meinen Freundeskreis um ein christlich geprägteres Milieu erweiterte, kannte ich das nur von den Brot-für-die-Welt-Plakaten: Brot statt Böller. Dass sich manche Leute über Silvesterböllerei mehr aufregen als über Steuerverschwendungen in Milliardenhöhe, irritiert mich außerordentlich. Wer sich erdreistet, zu Jahresende mal für zehn Lappen ein bisschen Krachbumm zu machen, ist ein „Dummschwätzer“, „schwanzlos“, ein „Heuchler“ und, natürlich, ein „Tierquäler“. Es „mangelt ihm an Empathie“, er „unterstützt Ausbeutung“ und „verschwendet sein Geld, während andere nichts zu essen haben“, kurz, er ist in der Skala der Abscheulichkeiten ganz ganz weit oben dabei.

133 Millionen Euro verpuffen in der Luft

Das ist die magische Summe, die heuer die Tagesschau verkündete. Gerechnet auf 82 Millionen Deutsche ist das pro Kopf gerade mal die abenteuerliche Summe von 1,62 Euro. Natürlich gibt nicht jeder Geld für Böller aus. Bei mir sind es im Jahr ca. 5 bis 8 Euro. Wenn man bei der Kollekte jede Woche ca. 1 bis 2 Euro ins Körbchen legt, dann sind das im Schnitt 87 Euro pro Jahr, also schonmal das Zehnfache.  In meinem Fall gibt es dann meine nicht ganz uneigennützige monatliche Spende für das Kakapo Recovery Center, die Kirchensteuer und die Zeit, die ich in meiner Gemeinde und Studienstiftung investiere. Es ist eine bescheidene Summe. Aber mir zu erklären, ich wäre angesichts dessen, was ich trotz reichlich mittelmäßiger Einnahmenlage der Allgemeinheit zurückgebe ein mieses Dreckschwein, weil ich es wage, 8 Euro in eine Viertelstunde Vergnügen am Jahresende zu investieren, ist schon reichlich dreist.

Gegen Jahresende kann ich nämlich bei all den Ausgaben nichts auf die hohe Kante legen. Und da bin ich sicher nicht die Einzige. Viele, sehr viele Menschen in Deutschland können sich nämlich den Spaß zu Silvester für 15 oder 20 Euro leisten, aber den Jahresurlaub höchstens in Form einer Pauschalreise. Da zeigt die konsumkritische Vorbildfraktion lieber mal schön mit dem Finger auf den böllernden Pöbel und fährt über Epiphanie in den ersten Urlaub des Jahres, in den Skiurlaub, der im Übrigen wesentlich mehr Geld kostet und ganze Landstriche verwüstet.

Brot statt Biathlon

Apropos: Für Wintersport geben die Deutschen im Jahr 16,4 Milliarden – jawohl: MILLIARDEN Euro aus. Davon könnte man 123 Tage Silvester feiern, also bis Anfang Mai.

Der Skisport schädigt die alpine Flora und Fauna dauerhaft, produziert durch Transport, Kühlungs- und Kunstschneeanlagen CO2 ohne Ende und belastet die Staatskasse durch Sportunfälle, Rettungseinsätze und die genannten Umweltprobleme.

Dagegen sind die immer wieder angeführten Umweltschäden durch die Böllerei ein schlechter Witz. Und Wintersport ist nicht mal der einzige schädliche Unfug, für den Geld in Milliardenhöhe verpulvert wird. Ich persönlich würde z.B. weder Diskotheken noch Openair-Festivals oder Flugverbindungen in die DomRep vermissen – könnte man also eigentlich gleich abschaffen. Andere Leute argumentieren nach ähnlichen Mustern für das Verbot von Tabak und Alkohol, die Aufgabe staatlicher Orchester, die Einführung einer Höchstgeschwindigkeit auf der Autobahn oder einer Extrasteuer auf Zucker, Fett und Fleisch. Was „überflüssig“ ist, ist eben persönliche Einschätzung.

Das ganze Jahr könnte man sich letztlich dieses oder jenes verkneifen. Aber mit Vorliebe stürzt man sich auf diese eine Kleinigkeit. In manchen Fällen, wie bei Brot für die Welt, hat das ja durchaus seinen Sinn: Es ist leichter, die Leute dazu zu überreden, das Geld, das sie für Böller ausgeben würden, zu spenden als ihr Budget für den Skiurlaub. Weil die Beträge sich meistens um die 20 Euro bewegen, spenden sogar viele UND kaufen sich ein paar Raketen. Das Ganze ist also letztlich wenig mehr als eine PR-Nummer, ähnlich wie die Plakate, die derzeit darüber aufklären, was das Geld für einen einzelnen Becher Kaffee in der Welt bewegen könnte. Das ist daher eine sinnvolle und durchdachte Kampagne. Aber das ist ja nun gar nicht das tragende Motiv derjenigen Moralapostel, die derzeit online ihren Hass auskippen.

Der Deutsche und das liebe Vieh

Vollkommen egal wäre das alles nämlich einem Großteil der Menschen, wenn nicht jedes Jahr ihre Haustiere verängstigt unter der Küchenbank verschwinden würden. Wer böllert, quält Tiere! Und Tierquäler gehören zusammen mit Kinderschändern zu den einzigen menschlichen Monstrümmern, für die viele Deutsche bis heute Erschießungskommandos gerechtfertigt sähen.

Für vergreiste KZ-Aufseher hat man hierzulande ein Herz. Für jemanden, der sein Meerschweinchen einzeln hält, wird lebenslängliche Isolationshaft verlangt. Ich habe diesen Mechanismus bereits ausführlicher beschrieben. Dass möglicherweise der Besitzer, oder, wenn es um die angeblich verängstigten Kinder geht, die Eltern mit ihrer eigenen Panik der tierischen bzw. kindlichen Vorschub leisten, steht natürlich auf einem anderen Blatt. Aber ähnlich wie Eltern befinden Tierbesitzer sich in eine Art Symbiose mit ihren Tieren, die ihnen Selbstkritik komplett versagt und sie jede auch noch so geringe Unbill ihres vierbeinigen Freundes oder Sprösslings als Dolchstich ins eigene Herz fühlen lässt. Mein Freund und ich hatten jedenfalls bisher heiß geliebte Katzen, Meerschweinchen, Hunde und Wellensittiche und keines dieser Tiere hat jemals zu Silvester Panik geschoben – mehrheitlich hat die Bagage die Böllerei kollektiv verpennt. Wenn dann doch mal ein Tier erschrecken sollte, ergreifen wir die uns möglichen Maßnahmen und bleiben cool. Wir stellen das Wohl unserer (übrigens ebenfalls vollkommen überflüssigen und eine Milliardenindustrie bedienenden) Tiere nämlich nicht über die Freiheit unserer Mitmenschen, ganz besonders nicht, wenn es nur um einen einzigen Tag im Jahr geht.

Letzte Chance zur Konsumkritik

Es ist aber auch vollkommen egal, was der konkrete Anlass ist. Der christliche bürgerliche Deutsche braucht Feiertags einfach seine Konsumkritik. Da hat er Zeit zu lesen und sich mal auf das wichtige zu besinnen. Nur echt mit der Heraufbeschwörung armer chinesischer Arbeiterinnen, die in den Feuerwerksfabriken zu einem Hungerlohn arbeiten, die aber offensichtlich zur veganen Stillyoga-Trainerin umgeschult würden, würden wir von hier aus ihren Industriezweig austrocknen. Oder so.

An Silvester geht es eben auch für die Feuerwerksabstinenzler ohne Krachbumm nicht ab. Sie müssen halt stattdessen ihr moralisches Leuchtfeuer in den Himmel entsenden.

Wem’s gefällt.

PS: Ich wünsche allen Böllerern und Nicht-Böllerern, allen Festivalbesuchern und -nichtbesuchern, Wintersportlern und Sportmuffeln, Tieren und Menschen ein gutes neues Jahr.

PPS: Wer helfen möchte, dass der drolligste Papagei der Welt weiterhin durch die neuseeländischen Wälder wackelt, spendet statt oder neben der Böller an http://kakaporecovery.org.nz/

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Über die Angst

Jedes Mal, wenn irgendwo in der Westlichen Welt eine Grausamkeit aus islamistischen Motiven begangen wird, dann kriechen sie aus ihren Löchern: die Täterversteher. Mit einem teilweise absurden Eifer versuchen sie uns zu erklären, dass die Täter keine Täter sind, weil sie zu einer Opfergruppe gehören, nämlich den Muslimen.
Währenddessen steigt bei den konkreten Opfern die Panik und Hilflosigkeit.
Darüber, wie es ist, eine aufgeklärte, postkolonialistisch-dekonstruktivistisch erzogene junge Frau zu sein.

Ich sitze gemütlich in der Ubahn in Milbertshofen, einem Viertel das in der Skala zwischen Neuperlach und Grünwald eher Richtung Neuperlach tendiert. Ich bin in diesem Viertel aufgewachsen. Im Gegensatz zu meinen späteren Klassenkameraden auf dem Gymnasium, die in Schwabing auf bilinguale Waldorfgrundschulen gegangen sind, wo es die Aische und den Mehmet nur in Deutschtexten über Toleranz gab, habe ich mit Aische und Mehmet auf dem Pausenhof „Sailor Moon“ gespielt. Ich fühle mich also in diesem Viertel daheim, ich fahre in dieser Ubahn nicht bereits mit vor Panik weißen Fingerknöcheln in meine Handtasche gekrallt.

Ein junger Mann setzt sich neben mich, er ist schwarz, ganz gut angezogen. „Gehst Du Gymnasium?“, fragt er. „Nein, ich geh auf die Uni.“, antworte ich. Ich lächle. „You beautiful“, sagt er plötzlich. „Danke“, antworte ich. „Can I have your phone number?“ „Sorry, I don’t hand out my number to strangers“, sage ich. Das geht mir zu schnell. „Facebook then?“ „I don’t have facebook“, lüge ich nervös. Ich habe keine Lust auf diese ganze Geschichte, ich möchte nicht in der Ubahn so plump angegraben werden und er sitzt viel zu nah auf mir drauf.
Ich frage mich, ob ich auf ihn nur so reagiere, weil ich seine Erscheinung als fremd wahrnehme. Ich bekomme ein schlechtes Gewissen.
Er schweigt und bleibt sitzen. Ich versuche mich zu beruhigen. Seit in der Nähe unseres Hauses eine Beratungsstelle für Einwanderer aus Schwarzafrika eingerichtet wurde, habe ich öfter mit Afrikanern in der Ubahn geplaudert. In anderen Kulturen wird in den Öffentlichen mit Fremden einfach drauflos geschwatzt. Es muss für sie frustrierend sein, dass viele Deutsche darauf so ablehnend reagieren, weil sie in den Öffentlichen ihre Ruhe haben wollen.

Er meint es vermutlich nicht so.

Trotzdem rast mein Herz. Ich steige aus, er steigt auch aus, wir gehen schweigend nebeneinander her zur Bushaltestelle. Ich werde immer panischer, weil er mir hinterherläuft und mich die ganze Zeit anstarrt. Jedes mal, wenn ich gucke, ob er noch guckt, fängt er meinen Blick auf und blickt mich irgendwie verletzt und trotzdem penetrant an. Hab ich ihm weh getan? Denkt er, ich bin eine arrogante weiße Tussi, die Angst vor Schwarzen hat?
Der Bus braucht zu lange, ich gehe einfach los. Er geht auch los. Immer 3-5 Meter hinter mir. Ich traue mich nicht mehr zu gucken. Ich überlege, ob ich Passanten ansprechen soll, beschleunige meinen Schritt, er ebenso. Am Ende renne ich über die rote Ampel und springe ich in einen anderen Bus, der in die falsche Richtung fährt. Die Türen schließen sich, ich werfe ihm einen letzten Blick zu, während er einfach nur verdattert guckt. Ich sehe, wie er sich umdreht und geht.

Override

Seit diesem Tag habe ich Angst vor fremden schwarzen Männern. Es ist albern. Es ist rassistisch. Ich weiß genau, dass es nicht richtig ist. Aber jedes Mal, wenn sich einer neben mich setzt, breche ich in Angstschweiß aus, in meinen Ohren rauscht das Blut, der Fluchtinstinkt setzt ein. Meine Vernunft sagt mir: hätte ich dasselbe mit einem weißen Mann erlebt, dann hätte ich jetzt keine Angst vor weißen Männern. Aber meine Vernunft hat leider keine Angst, die Angst hat vielmehr mein ganzes System im Griff.
Dazu kommt noch die Sprachbarriere und die Kulturbarriere. Mit Deutschen, Türken, Kurden, Griechen, Bulgaren bin ich aufgewachsen. Ich weiß, wie ich ihre Annäherungsversuche einzuschätzen habe und wie ich darauf antworten kann, ohne gleich beleidigend zu sein. Außerdem kann ich sicher gehen, dass das, was ich zu ihnen sage auch richtig ankommt, weil sie meine Sprache verstehen. Hier bin ich hilflos.

Wieso glaube ich eigentlich, meine Reaktion an die Kultur meines Gegenüber anpassen zu müssen? Habe ich weniger Anspruch auf sein Verständnis, als er auf meines? Ich bin hin – und hergerissen zwischen meinen eigenen Grenzen und dem Anspruch an mich selbst, tolerant und offen zu sein.
Wenn er glaubt, es sei normal, mich so anzuquatschen und ich glaube, es sei normal, ihn dafür auf die Kirchweih zu laden, wer von uns versteht dann den anderen miss?
Verständnis für andere Kulturen war Teil meines Studiums. Trotzdem könnte ich vor Ekel einfach nur um mich schlagen, wenn mir im Untergeschoss des ZOB ein Araber ganz nahe kommt, „Hey Beautiful“ ins Ohr flüstert und, noch ehe ich darauf reagieren kann den fremden, feuchten Atem in meinem Nacken zu spüren, schon über alle Berge ist.

„Woher weißt Du, dass es ein Araber war?“, fragt die postkoloniale Stimme in meinem Kopf. Es ist mir eigentlich egal, woher er kommt. Es ist das fremdartige Verhalten, das durch die Augen meiner eigenen kulturellen Prägung aggressiv, ja sexuell übergriffig ist. Das Verhalten bekommt ein Label in Bezug auf das, was mir noch in Erinnerung ist: sein Aussehen und das war „irgendwie“ arabisch.

Die Unmöglichkeit, Werte gegeinander abzuwägen

Ich weiß nicht mehr, was richtig oder falsch ist. Männern in die Augen zu sehen war für mich immer ganz normal. In letzter Zeit werde ich immer öfter aggressiv angegraben oder sogar beleidigt, wenn ich es tue. Dabei habe ich den Eindruck, dass es mehrheitlich arabisch oder nordafrikanisch aussehende Männer sind. Ich habe den Verdacht, dass der Zuzug aus muslimischen Ländern der Grund ist. Vielleicht ist es dort üblich, dass Frauen ihren Blick senken.
Oder denke ich das nur und es liegt in Wirklichkeit daran, dass ich kein Kind mehr und dadurch für Männer interessant geworden bin? Fallen mir die negativen Reaktionen dieser Männer nur mehr auf, weil ich sie aufgrund meiner unbewussten Angst vor Fremden selektiv als bedrohlicher wahrnehme?
Eigentlich möchte ich aber niemanden anders behandeln, weil ich glaube, dass er aus einer anderen Kultur kommt. Eigentlich möchte ich niemandes Verhalten nur vor dem Hintergrund seiner Kultur sehen.

Also gucke ich weiter in die Augen und habe eben Angst. Schließlich bin ich Feministin, ich habe das Recht, Männern in die Augen zu gucken, ohne, dass sie gleich auf mich losgehen, egal ob Muslim oder nicht.

Es ist auch dieser Feminismus, der mir sagt, dass ich nicht Schuld bin daran, dass sie es tun. Ich war nicht zu auffordernd, zu aufreizend, zu selbstbewusst. Wo kämen wir denn dahin, wenn ich dem nachgäbe?!

Ich habe Angst, dass ich mich irgendwann mal selbst verteidigen müssen werde. Ich möchte gerne ohne Angst leben.

Wenn die eigene Würde an zweite Stelle tritt

Die Vorfälle in Köln haben meine Ängste nur noch verschlimmert und meine Gewissensbisse auch.

Es gibt genügend „Biodeutsche“, die Frauen angrapschen und aggressiv anmachen. Das ist auch mir schon passiert. Meistens reagiere ich darauf deutlich ablehnend und komme dann, nervös aber auch nicht panisch, irgendwie aus der Situation heraus.

An der Ubahnstation in Laim sitzen den ganzen Tag Männer mittleren Alters mit olivbrauner Haut und schwarzen Haaren herum. Wenn ich an ihnen vorbeigehe, höre ich, wie sie unter dem Atem „sexy“ und „beautiful“ raunen. Nach dem dritten oder vierten Mal innerhalb von zwei Wochen sehe ich sie an, hänge die Zunge heraus und mache Würgegeräusche. „Schlampe“, sagt einer und spuckt aus.

Wieso habe ich Angst, jemanden zu beleidigen, der mich „Schlampe“ nennt? Weil ich denke, ich hätte falsch auf sie reagiert und es sei nur ein unschuldiges Kompliment gewesen und kein sexistischer Übergriff. Meine kulturelle Sensibilität bringt mich dazu, als Schlampe bezeichnet zu werden als adäquate Reaktion dieser Männer zu akzeptieren.

Die Situation ist ein Schachmatt. Würde ich offensichtliche Neu-Migranten behandeln, wie alle anderen, dann müsste ich ihnen jetzt den Marsch blasen. In diesem Fall wäre die nicht-diskriminierende Variante eigentlich, mit Angriff zu reagieren. Aber das kann und will ich nicht, einerseits, weil ich zu viel Angst habe, dass sie auf mich losgehen, andererseits, weil ich auch nicht als rassistisch oder diskriminierend erscheinen möchte. Für Außenstehende ist ja nicht ersichtlich, wieso ich auf die Typen losgehe.

Wie kann ich Menschen, die mich wie Dreck behandeln mitteilen, dass ich sie zwar als Menschen gleichwertig behandeln möchte, aber ihnen zugleich die Grenzen aufzeigen, wenn es darum geht, wie sie mich als Frau behandeln?

Noch dazu, wenn sie in vielen Fällen viel zu schlecht Deutsch sprechen, um zu verstehen, was ich ihnen sagen möchte. Am Ende kommt womöglich nur an, dass die deutschen Frauen Furien sind, die alle muslimischen Männer hassen.

Ich tue, als hätte ich es nicht gesehen. Sie wissen aber, dass ich es gesehen habe und nehmen es vermutlich als Sieg auf: sie dürfen das.

Haben wir kein Recht auf Solidarität und Schutz?

Wenn die Vernunft aber solche Zirkel zieht, der moralische Kompass schlingert, dann reagiert die Angst in der konkreten Situation in Zehntelsekunden und macht einfach, was ihr richtig erscheint.

Angst sortiert die Umgebung in ein intellektuell so gut wie unzugängliches Raster, Angst ist somit im Zweifelsfall auch fremdenfeindlich, weil sie schnell oberflächliche Reize aufnimmt und besonders auf das Unvertraute mit Alarmbereitschaft reagiert.

Frauen, die eine Hand in ihrem Schritt, eine auf ihrem Busen und eine an ihrem Hintern haben, während man ihnen den Geldbeutel und das Handy klaut, zu sagen, ihre in der Angst getroffene Einschätzung sei diskriminierend, ist daher einfach nur unmenschlich.

Nicht nur Frauen, auch Homosexuelle und Juden müssen Angst haben und haben diese auf der Basis ihrer bisher gemachten Erfahrungen. Darunter viele Menschen wie ich, die eine Ausbildung in postkolonialen Studien genossen haben, die in einer kulturell diversen Atmosphäre aufgewachsen sind und sich in ständiger Selbstreflexivität überwachen, die eigentlich nur das Richtige tun wollen, haben diese Angst.

Wenn über die Hälfte der Bevölkerung eigentlich Angst haben muss, aber sich oft aus politischen Gründen nicht trauen mag, diese Angst zu formulieren, wenn es jedes Mal einen Shitstorm gibt, wenn jemand sagt, er habe Angst vor einer Personengruppe, deren Mitglieder sich ihm gegenüber mehrfach bedrohlich oder gewalttätig verhalten haben, dann ist es an der Zeit, zumindest diese Angst als politische Realität wahrzunehmen, wenn auch nicht als Argument. Als Realität, die sich nicht nur in den intellektuell düsteren Schädelhöhlen Rechtsradikaler aufhält, sondern die auch gebildete, offene, bemühte Menschen befällt, dieselben Menschen, die vor ein paar Monaten mit Wasser und Plüschtieren an Bahnsteigen gewartet haben.

Diese Angst benötigt einen Kanal, der sie in eine konstruktive Energie umwandelt, bevor sie sich mehrheitlich in das Wählen der AfD ergießen kann. Doch dafür müsste sie erst Mal ernst genommen, statt mit noch mehr schlechtem Gewissen beladen zu werden.

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Manchmal muss man laut werden (Aktueller Anlass)

Atwort auf Jobos Aufruf zum mäßigenden Umgang mit Henriette Rekers Armlängen-Debakel.

Wer Jobos Artikel lesen möchte, kann das hier tun.

Ich bin die letzte, die auf unbedacht gemachten, spontanen Statements herumhackt, die von Dritten (insbesondere Journalisten) mit Gusto falsch verstanden werden. Dazu gehört aber Henriette Rekers Armlängen-Statement nicht.

Zum ersten war es kein spontan, in der Überforderung getätigter Ausspruch, als man ihr ungeplant das Mikro unter die Nase drückte.
Das Statement ist einer Pressekonferenz entnommen worden. Als Bürgermeisterin einer der größten Städte Deutschlands erzählt Frau Reker auch nicht einfach etwas frisch von der Leber weg, weil es ihr gerade einfällt: das Statement hat vermutlich einen Coach, oder Berater oder Öffentlichkeitsteam durchlaufen.

Nicht nur das, es ist die Vorwegname eines geplanten, ausgiebigeren Verhaltenskatalogs für Frauen, der somit, ungeachtet seiner Nützlichkeit bereits einiges an Ernsthaftigkeit eingebüßt hat und zudem nichts mit der von Jobo formulierten allgemeinen Vernunft zu tun hat: Denn Reker richtet sich ausdrücklich nur und spefizisch an Frauen.

Das war kein Blooper, es war ein Ausfall eines ganzen politischen Teams auf ganzer Ebene.

Ebenso wenig ist die Äußerung nicht nur ungeschickt, weil sie gegen mögliche, für Außenstehende oft kaum zu durchschauende Richtig-Sprech-Codes der Feministenszene verstößt. Man braucht nicht mal „Rape-Culure“ oder „Victim-Blaming“ zu röhren.

Die Aussage ist auf der Basis der gewöhnlichen weiblichen Alltagserfahrung geradezu katastrophal. Das Leben vieler Frauen ist von panischen Vermeidungsstrategien in Bezug auf sexuelle Gewalt gezeichnet:

Frauen wechseln nachts die Straßenseite und trauen sich nicht alleine in Parkhäuser. Sie meiden es, den Fahrstuhl alleine mit einem fremden Mann zu nutzen, sie verabreden mit ihren Freundinnen, sich gegenseitig anzurufen, wenn sie spät Abends sicher zuhause angekommen sind. Sie bestellen nur kleine Biere, damit sie sie in einem Zug austrinken können, sie tragen Anti-Vergewaltigungshöschen. In München gibt es mehrere Clubs, in die viele Münchnerinnen nach eigenen Aussagen überhaupt gar nicht gehen. Es sind verlorene Orte, an denen Frauen bei Betreten das Recht an ihrem Körper verlieren, werden sie angegrapscht, dann ist das für die Security höchstens zum Lachen.

Viele Frauen leben ein Leben in Angst. Ob diese realistisch ist, oder nicht (die meisten sexuellen Übergriffe finden nicht durch Fremde sondern durch Verwandte und Freunde statt), sei dahin gestellt.

Henriette Reker muss das wissen. Es muss Teil ihrer Realität sein. Das Thema ist für Frauen allgegenwärtig und sei es nur über den Kontakt zu ängstlichen Freundinnen oder Bekannten. Es ist Teil von Kriminalromanen und Kaffeekränzchen. Ich wurde sogar einmal von einer älteren Dame in der Ubahn angesprochen, ob ich keine Angst hätte, spät Nachts alleine nach Hause zu fahren.

Henriette Reker hat einen absoluten Mangel an Empathie gegenüber ihren Geschlechtsgenossinen bewiesen, indem sie einen weiteren dummen Ratschlag in das Arsenal der paranoiden Selbstschutzstrategien panischer Frauen eingefügt hat. Angesichts einer allgemein angespannten Sicherheitslage wäre ihr Ratschlag zwar banal und dümmlich gewesen, aber nicht verheerend. Angesichts der geschliderten Problematik aber trägt sie zu einem spezifischen Frauenproblem bei, sie hat damit nicht Sicherheit vermittelt, sondern Angst geschürt.

Gerade, wenn sie als eine starke Frau eine ganze Stadt führt, ein Attentat überlebt hat, gibt sie sich eine unglaubliche Blöße, wenn sie sich jetzt an die Frauen einer ganzen Stadt wendet, wie ein besorgtes Muttchen an ihre Tupperfreundinnen.

Im Übrigen hat sie auch keiner um eine Lösung gebeten: sich mit den Opfern zu solidarisieren und die Täter zu verurteilen hätte zu diesem Zeitpunkt vollauf gereicht.

Deshalb sind all die lauten, wütenden, selbstbewussten Antworten wichtig und vollkommen korrekt, Zurückhaltung hingegen unangebracht: Die Stadt gehört ebenso den Frauen, sie brauchen kein Regelwerk, um sich darin korrekt zu verhalten. Ihre Sicherheit sollte aus ihrem Inneren kommen und durch alle Anderen Anwesenden garantiert werden.
Die Äußerung stützt, trägt und verbreitet eine ohnhin schon gefährliche Tendenz in der Selbstwahrnehmung vieler Frauen. Sie macht Angst, normalisiert diesen Angstzustand und bietet zusätzlich absolut unzureichende Verteigigungsstrategien (denn ich befürchte, ein kleines Heftchen wird nicht erklären, wie man im Alleingang einen 1000-Leute-Mob ausschaltet). Es ist nötig, sie zu übertönen, um zu zeigen, dass es genügend Frauen und Männer in der Republik gibt, die keine Angst haben und den öffentlichen Raum für sich beanspruchen, als einen sicheren, gemeinschaftlichen und angstfreien Aufenthaltsort.

 

PS: zur Nützlichkeit des zu erwartenden Ratgebers: Natürlich ist es hilfreich, gezielt in solchen Massenveranstaltungen Handreichungen zu geben, wie man sich im Ernstfall am Besten verhält, z.B. wo und wie man Hilfe erhält, ob es eventuell Schutzräume gibt, etc.

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