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Tür 16 des Blogoezese-Adventskalenders: Tokyo Godfathers – Ein Weihnachtsfilm von unerwarteter Seite

ak16Tokyo Godfathers – wörtlich: Tokio-Taufpaten ist ein 2003 erschienener Anime-Film des vor zwei Jahren viel zu jung verstorbener Anime-Regisseurs Sashimoto Kon. Er bekommt einen Ehrenplatz in meinem Fundus weihnachtlicher oder vorweihnachtlicher Medienprodukte.

Tokyo Godfathers ist ein erwachsener Film, der mit viel Realismus die Ereignisse der Weihnachtsfeiertage im Leben dreier Obdachloser in Tokyo begleitet.

Ach Gott, schwere Kost? Mag der geneigte Leser fragen. Nein! Denn zum Glück ist es kein Deutscher Film, bei dem am Ende herauskommen muss, dass unsere Gesellschaft zutiefst verdorben ist und sie Obdachlose im Schnee sterben lässt, während sie sich dem Genuss und Glitzer der Feiertage hingibt (wer sich das bei all dem Besinnlichkeitsterror immer noch trauen mag, sei dahingestellt). Er verfällt nicht in den brutalistischen Realismus der „Kinder vom Bahnhof Zoo“ (oder „Enter the Void“, den ich mal so gar nicht empfehlen kann) oder der anderen Deutschen Hinschau-Machwerke die Authentizität erwirken wollen, indem das Wort „Ficken“ mehr Screentime erhält als die stets mit aufdringlichem Grau-Filter gefilmten BH-losen A-Körpchen der ausgemergelten Protagonistin. Er präsentiert uns nicht wie der Deutsche Elends-Tourismus-Film die Binsenweisheit, dass die ärmsten und vom Schicksal gebeutelten Menschen natürlich auch immer die besten Herzen haben, ein Genre, das ich immer als „Onkologie-Romantik“ tituliere. Der Film geht mit seinen Protagonisten, obwohl er sie komisch überzeichnet, ungemein respektvoll um. Sie sind ganze Menschen, die lügen, stehlen, sich streiten, egoistisch sind, irren und verrennen, die aber dennoch als solche immer liebenswert bleiben. Und er ist, obwohl der Macher aller Wahrscheinlichkeit nach kein Christ war, vollgestopft mit christlichen Symbolen und Ideen.

Wenn Sie also jetzt schon Lust bekommen haben, in sich anzusehen und nicht möchten, dass ich die (ich verspreche es) überraschenden und erstaunlichen Wendungen für Sie verderbe, dann sehen Sie ihn sich doch einfach gleich an (aber bitte NICHT in der Deutschen Synchro) und lesen Sie dann weiter. Oder lesen Sie gleich, wenn Sie „Spoiler“-resistent sind, wieso dieser Film in jede christliche Weihnachtsfilmkollektion gehört.

Ein schräges Krippenspiel

In der ersten Szene des Filmes sehen wir ein Krippenspiel in einer Kirche in Japan und einen Pfarrer, der darüber predigt, auch die Ausgestoßenen liebevoll anzunehmen. Das Christentum ist eine in Japan alles andere als verbreitete Religion. Im Gegenteil. Als Japan im 17. Jahrhundert in eine Phase der kulturellen Abschottung eintrat wurden die im Lande befindlichen Christen aufgespürt, Angehörige zu deren Denunziation und hingerichtet, als besonderes „Schmankerl“ oft am Kreuz. Diese religiöse Säuberung hielt bis ins 19. Jahrhundert an. In der Folge stellen Christen in Japan bis heute eine absolute Minderheit dar (ca. 6%). Es ist also kein gewöhnlicher Anblick, der uns geboten wird. Es ist ein absichtliches gesetztes, exotisches Setting. In einer sich anschließenden Armenspeisung sehen wir die drei Protagonisten des Filmes. Miyuki, eine Teenagerin, die aus ihrem als lieblos empfundenen bürgerlichen Elternhaus weggelaufen ist, Hana, eine Dragqueen, die in einem Szeneclub arbeitete und lebte, aber nach einer Auseinandersetzung mit einem Kunden von dort floh und Gin, einem Fahrradmechaniker, der sich mit Suff und Spiel hoch verschuldete und seine Familie sitzen ließ, um auf der Straße zu leben.

Diese kleine Familie, die von Hana mit Mühe und mütterlicher Fürsorge zusammengehalten wird, findet nun in einem Müllberg ein Neugeborenes. Hana, die zuvor beim Krippenspiel halb scherzend, halb von ihrem biologischen Geschlecht frustriert witzelte, ob Gott auch einem „alten Schwulen“ ein Kind schenken könne, wenn er es bei einer Jungfrau schaffe ist sofort hingerissen und nimmt es bei sich auf.

Hana tauft das kleine Mädchen spontan „Kiyoko“, was „die Reine“ bedeutet. Für sie ist Kyoko ein Engel, ein Botschafter Gottes. Und das Narrativ tut alles, um diese Annahme nach Kräften zu unterstützen. Doch davon gleich mehr.

Sicher haben Sie gemerkt, dass wir am Anfang des Filmes mit einer allegorischen Parallelisierung konfrontiert werden in der sich verschiedene christliche Bilder überlagern: Die drei Weisen aus dem Morgenland sind drei Obdachlose. Statt einer reinen Jungfrau kommt eine Frau zu einem Kind, die nicht einmal eine Frau ist und die in ihrer selbstironisch überzogenen Mütterlichkeit sich auch selbst karrikiert. Als dritte Möglichkeit erscheinen die drei aber auch als die Schäfer auf dem Felde, die von Gott zu einem Kind gerufen wurden, das ihr Leben verändern wird.

Weihnachtswunder und Wunderkinder

Kiyoko führt sie alle in einer Reihe unwahrscheinlicher Zufälle ihren ursprünglichen Verwandten und Bezugspersonen zu. Alle drei lernen, dass die Verurteilungen, die Schmach vor der sie geflohen sind, letztlich vor der Freude ihrer Verwandten über die Wiedervereinigung verfliegt. Dass die Vorstellung nicht mehr willkommen zu sein eher eine Illusion, ja eine Projektion war. Letztlich hatten sie sich für ihre eigenen Fehltritte selbst exiliert und abgestraft.

Die grundlegende Botschaft des Filmes liegt in der Erkenntnis, dass die Ankunft eines Kindes die Menschen nach deren Liebe und Hilfe es schreit eint und versöhnt. Auch jene, die sich gegeneinander versündigt haben.

„Tokyo Godfathers“ kontrastiert ein pessimistisches Bild der zeitgenössischen japanischen Gesellschaft in der zerrüttete, unglückliche Familien an der Tagesordnung sind und in dem die Menschen verzweifelt Geborgenheit in Surrogaten suchen, die letztlich nur auf Einseitigkeit oder auf Selbstbetrug basieren mit der christlichen Botschaft von einer umhüllenden, liebenden Kraft, die uns Sinn und Hoffnung schenken kann. Die uns nach Hause führt, auch dann, wenn wir glauben, dass wir dort längst nichts mehr verloren haben.

Er zeichnet die Option einer Gesellschaft, in der auch die „weggeworfenen“ Menschen ihren Platz finden werden, in der wir keineswegs gezwungen sind unsere Fehler immer und immer zu wiederholen. Für die Japanische Gesellschaft mit ihren schwindelerregend hohen Selbstmord-, besorgniserregend geringen Geburtenraten und ihrem zunehmenden Trend zur Kommodifizierung des Zwischenmenschlichen ist diese Botschaft mindestens genauso dringlich, wie für die unsrige.

Und so stolpert unser Quartett durch das kalte, kalte Tokyo, in dem, bisweilen ungesehen, ein Engel nach dem anderen ihren Weg kreuzt und Weihnachtswunder sich an Weihnachtswunder reiht. Dabei wird der Zuschauer gelegentlich auch mit der Frage konfrontiert, wieso der Mensch nicht in der Lage ist, mit dem kleinen Glück behutsamer umzugehen, wenn er es findet. So musste Miyaku von zuhause fliehen, weil sie in im Streit ihren Vater erstochen hatte. Ihr kleines Kätzchen namens „Angle“ war verschwunden und in ihrem Zorn beschuldigte sie den kalten und strengen Vater, sie ihr weggenommen zu haben – ein Irrtum, wie sich herausstellt. Als Gin seine Kyoko (seine Tochter trägt zufälligerweise denselben Namen) wieder trifft, fährt der notorische Lügner fort, ihr Märchengeschichten aufzutischen, um ihr nicht sagen zu müssen, in welchen Verhältnissen er lebt. Das Schöne und Heilige überwältigt und überfordert die Menschen. Man kann es nicht halten oder erzwingen, sondern kann sich nur bereit machen, dass es zu einem kommt und dabei das Beste aus dem machen, was man bereits hat. Der Film ruft zur Geduld und Behutsamkeit mit den Mitmenschen auf.

Von der Freiheit, zu irren und der Pflicht zu verzeihen

In dieser Hinsicht ist Tokyo Godfathers sehr japanisch: er nimmt den einzelnen für das Gelingen des Ganzen in die Pflicht. Seine Protagonisten sind nicht nur von der Gesellschaft Verstoßene – dass diese ihnen die kalte Schulter zeigt stellt der Film freilich eindrücklich und schmerzhaft klar – sondern sie selbst haben zu ihrer Situation beigetragen. Sie waren auch unbarmherzig gegen jene, die sie zurückgelassen haben und haben diese aus ihrem eigenen Stolz heraus verletzt. Diese Botschaft in ihrer Konservativität ist freilich in europäischen Medienprodukten nur selten zu finden. Dabei leistet sie etwas ganz Wichtiges, sie nimmt die drei Protagonisten in ihrer Menschlichkeit, Entscheidungsfreiheit und Fehlerhaftigkeit ernst. „I could go home anytime“, sagt Miyoko. „It’s those who say that, who never do.“, antwortet Hana. Dadurch, dass der Film in seinen Schuldzuweisungen so diffus bleibt, kann er das Thema von Sünde und Vergeltung so glaubhaft vermitteln: unsere Fehltritte sind niemals monokausal. Und deshalb teilen wir die Verantwortung für diese mit der Gesellschaft. Weder ist es die böse Gesellschaft, die sie uns aufzwingt, noch hat diese das Recht, auf gescheiterte Menschen mit dem Finger zu zeigen. Und manchmal wird einfach trotzdem alles gut.

Es ist die schroffe Aneinanderreihung von grausamem Realismus und bis zum Slapstick kitschigen Wundern, die diesen Film trotz allem so leicht und erträglich machen. Eine Ambivalenz die wiederum auf den Charakter des Weihnachtsfestes verweist, das immer ein wenig zwischen Kitsch und Ernst osziliert.

Dass Satoshi Kon auf christliche Bilder zurückgreift ist nicht nur in deren weltweit erkennbaren Kodierung begründet: Wer das Christentum, und sei es als Außenstehender, ernst nimmt muss die Weihnachtsgeschichte als Geschichte darüber auffassen, dass Gott auch der Allerkleinste nicht zu klein ist und dass wir in einer Welt voller unwahrscheinlicher Wunder leben, derer wir selbst das größte sind. Ob die Lösung denn am Ende eine wirklich Christliche sein wird – oder muss – das lässt er freilich offen. Und so wollen wir es auch halten und diesen Film einfach als Homage, als versteckte Liebeserklärung an die Träume, Werte und Ästhetiken unserer Kultur auffassen. Mit dieser hat Kon, ganz versehentlich, als Buddhist einen der christlichsten Weihnachtsfilm gemacht, den ich überhaupt kenne.

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Aus gegebnem Anlass: Vegetarismus als christlicher Wert?

Kurt Remele geistert derzeit durch meine Timeline (Hier im Interview mit katholisch.de ) : wer christlich ist, so seine Ansicht, müsste eigentlich mindestens Vegetarier sein.Eine kritische Einlassung.

Fleischkonsum als „Lesart“?

Als Erstes möchte ich darauf eingehen, dass Herr Remele die Erlaubnis zum Essen von Tieren eine „Lesart“ der Bibel nennt, neben der es auch andere „Lesarten“ gebe.

Tatsächlich gibt es Hinweise für die These, dass Adam und Eva Vegetarier waren. Einige Lehrer des Judentums gehen davon aus, dass das auch nach dem Sündenfall so blieb. Auch die Geschichte darüber, dass Noah die Tiere vor der Sintflut rettet scheint zunächst einmal ein Vorläufer des modernen Artenschutzes zu sein. Doch leider zerschlägt gerade der Bund, den Noah anschließend mit Gott schließt diese Hippie-Phantasien: Gott erklärt explizit Noah, dass er Fleisch essen darf, so lange es kein Blut enthält.

3 Alles Lebendige, das sich regt, soll euch zur Nahrung dienen. Alles übergebe ich euch wie die grünen Pflanzen.4 Nur Fleisch, in dem noch Blut ist, dürft ihr nicht essen.5 Wenn aber euer Blut vergossen wird, fordere ich Rechenschaft, und zwar für das Blut eines jeden von euch. Von jedem Tier fordere ich Rechenschaft und vom Menschen. Für das Leben des Menschen fordere ich Rechenschaft von jedem seiner Brüder.“ (1. Buch Mose 9)

Um das als „Lesart“ abzutun, diese neuralgische Stelle, an der die für alle Menschen geltenden Noachidischen Gebote eingesetzt werden, muss man schon ein besonderes Maß an Wunschdenken an den Tag legen.

Natürlich sagt die Stelle nicht, dass man Fleisch essen muss. Aber sie sagt eindeutig, dass man es darf. Im Gegensatz zu vielen „alttestamentarischen“ Geboten, Erlaubnissen und Gesetzen gibt es hierzu auch keine überlieferte kritische Bemerkung Jesu.

Rein auf der Basis des Evangeliums ist der Fall somit vollkommen klar. Wer das für eine „Lesart“ hält, der kann genauso gut die monogame Ehe als Lesart bezeichnen. Es gibt vielleicht hier und da ein Gegenbeispiel, aber mehr Stellen, die keinen Zweifel offen lassen.

Ganz nebenbei gibt es auch eine einfache theologische Begründung, wieso Tiere und Menschen nicht auf einer Stufe stehen: Tiere haben nun einmal keine Seele. Wer meine Ausführungen zum Mensch-Tier-Verhältnis im Christentum und in der zeitgenössischen westlichen Gesellschaft noch nicht kennt, kann dies hier nachlesen.

Natürlich kann, wer das aus moralischen oder anderen Gründen möchte, vegetarisch oder vegan leben. Das ist mir offengestanden vollkommen Wurst. Aber man kann nicht behaupten, dass es christlich sei. Denn das ist nämlich einfach nicht zu belegen.

Wieso Vegetarismus nicht funktioniert und Veganismus eine Luxuserscheinung ist

Wenn man Katholik ist, muss man sich natürlich nicht nur an das halten, was in der Bibel steht. In unserer Religion gibt es viele außerbiblische Traditionen und Regelungen. Wäre es denn vertretbar, Gläubige zum Vegetarismus anzuhalten? So lange wir davon ausgehen, dass die Kirche den Anspruch hat, die moralische Richtschnur für die gesamte Gesellschaft darstellen zu können nicht.

Warum nicht? Das Problem liegt wie so oft in der Praxis. Denn beim Ovo-Lacto-Vegetarismus müssen Tiere gehalten werden, um Milch und Eier zu produzieren. Wenn Mama Huhn aber Eier legt und Mama Kuh ein Kälbchen bekommt, dann sind darunter in der Regel auch Männchen. Und Männchen haben zwei schlechte Eigenschaften: erstens geben sie weder Eier bzw. Milch, zweitens kann man sie nicht in Gruppen zusammenhalten, sonst gehen sie sich an die Gurgel. Man schlachtet sie also oder kastriert sie und mästet sie fett, um sie dann zu schlachten. Wollte man alle männlichen Nachkommen seiner Nutztiere in Einzelhaltung bis zu ihrem Tode pflegen, wären Milch und Eier quasi unbezahlbar, ebensowenig ist es realistisch dass jedes dieser Männchen seinen Harem bekäme. Vegetarismus kann also immer nur für einen Teil der Bevölkerung funktionieren, die sich darauf verlässt, dass der Rest der Bevölkerung ihnen den Tiermüll wegisst. Folglich verantwortet man als Vegetarier stets die Schlachtung überflüssiger männlicher Tiere mit. Diese Kleinigkeit ist vielen Vegetariern nicht bewusst, weil sie in von der Lebensmittelproduktion dissoziierten Wohlstandsgesellschaften leben. Man könnte meinen, dass Personen, die öffentlich Aussagen über die soziale Verantwortung des Menschen gegenüber Tieren treffen, so etwas wissen. Aber hier geht es ja um Sozialethik und nicht um die Realität. Man kann also aus kirchlicher Sicht, mit einem gesamtgesellschaftlichen Anspruch, nicht befürworten, dass wir alle Vegetarier werden, konsequent wäre lediglich Veganismus.  Man könnte allenfalls fordern, dass der Konsum reiner Fleischtiere (Schweine z.B.) eingestellt würde.

Bleibt noch der Veganismus.

Lassen wir einmal die Behauptung dahingestellt, dass mit entsprechendem Wissen Veganer sich ohne „künstliche“ Zuführung von Eiweiß, Eisen und anderen potentiellen Mangelstoffen gesund ernähren können. Ich bin kein Ernährungswissenschaftler und kann das nicht beurteilen. Träger dieser Stoffe sind beispielsweise Hülsenfrüchte (dazu zählen auch Erdnüsse und Soja), Nüsse und einige Gemüsesorten wie Avocados. Und wieder stehen wir vor dem Problem der Globalität der Kirche: Für viele Christen ist der Zugang zu solchen Lebensmitteln so gut wie unmöglich, entweder weil ihre Gebiete an den globalen Markt noch nicht angeschlossen sind, oder weil sie sich diese nicht leisten könnten. Dazu kommt noch dass selbst bei der Möglichkeit einer veganen Ernährung mit lokalen Mitteln Veganerinnen ihre Kinder nicht stillen können und dann keinen Zugang zu Ersatzprodukten für Muttermilch hätten. Kann die Kirche wirklich etwas zu ihrem moralischen Anspruch machen, das sich nur ein geringer Bruchteil ihrer Gläubigen überhaupt leisten kann? Ganz abgesehen davon, dass es fragwürdig ist, ob ohne die Anbahnung einer ökologischen Katastrophe durch Entwaldung genügend Anbauflächen für die vegane Ernährung einer Weltbevölkerung vorhanden wären. Auf Weideland wächst nämlich häufig auch nichts, außer eben Gras.

Der letzte Ratschlag des Herrn Remele ist „Biofleisch“. Nun ist es tatsächlich so: ich würde gerne sichergehen können, dass die Tiere, deren Fleisch ich kaufe, unter vertretbaren Umständen gehalten werden. Was ich aber nicht möchte, ist dann noch die Ideologie, die hinter „Bio“ steht, gleich mit zu kaufen. Dazu gehört beispielsweise der Verzicht auf Gentechnik, künstliche Düngemittel und bestimmte medizinische Behandlungen, die keinen anderen Hintergrund haben als eine Mischung aus Antiamerikanismus, Angst vor Technologie und westlich-urbanisierter Romantisierung des Ackerbaus (Wer hierzu meine ausführlichere Meinung lesen möchte findet sie hier). Dabei sind die drei genannten Praktiken wichtige Faktoren bei dem Versuch, irgendwann den Hunger auf der Welt zu besiegen, indem Flächen effektiver und mit weniger Pestiziden und weniger wasserbelastenden Pflanzenschutzmitteln bearbeitet werden können. Biologischer Ackerbau ist quasi eine semireligiöse diffuse Ablehnung von Mitteln, die anderen Menschen das Leben retten könnten. Und somit in seinen (zugegebenermaßen: unintentionellen) Folgen christlichen Werten genau entgegengesetzt.

Der Mythos von der Naturfeindlichkeit des Christentums

Zusätzlich greift Herr Remele noch gleich auf den Mythos zurück, im Gegensatz zu beispielsweise polytheistischen Religionen sei der christlich-jüdische Kontext eher utilitaristisch gegenüber der Natur eingestellt und neige daher dazu, sie auszunutzen. Natürlich lässt er sich’s auch nicht nehmen, dazu gleich „macht Euch die Erde untertan“ zu zitieren.

Dabei handelt es sich um einen uralten religionswissenschaftlichen Mythos (aus den 60gern, um genau zu sein). Nicht nur muss man, um auf solche Ideen zu kommen offensichtlich noch nie ein Aquädukt gesehen haben und außerdem glauben, in einer Gesellschaft, in der man an einem eingetretenen Holzsplitter sterben kann, hätte man irgend ein anderes Verhältnis zur Natur als ein höchst misstrauisches, man muss auch ein sehr simplifiziertes Bild vom Christentum haben. Es gibt mindestens seit dem Mittelalter Texte, die den Menschen nicht nur zum Beherrscher der Natur machen, sondern ihn auch in die Verantwortung gegenüber derselben stellen, das galt ebenso für Tiere. Ja, es gab sogar Zeiten, da machte man Tieren Prozesse, wie man sie auch Menschen machte. Inklusive Anwalt. Es gibt sogar Hinweise dafür, dass Naturschutz – und damit auch Themen wie Vegetarismus und Veganismus – von Grund auf christlich inspirierte Erfindungen sind. Wer dafür Quellen möchte, kann das gerne auf rund 50 Seiten von mir bekommen, es ist nämlich Teilinhalt meiner Promotion. Generell ist es sehr schwierig, das frühere Verhältnis zwischen Mensch und Tier mit dem heutigen zu vergleichen und anhand dessen die Ältere zu kritisieren. Letztlich wusste man noch nicht so richtig, wie beide funktionieren, besonders im Hinblick auf die Verhaltens- und Hirnforschung.

Das Thema Fleischgenuss wird auch in diesem Fall ohne jedwede Überlegung im Bezug auf praktische Fragen geführt und läuft in den altbekannten Bahnen, statt sich auf die Entwicklung neuer Konzepte zu verlegen, die möglicherweise ja eine Bereicherung des Diskurses von christlicher Seite bedeuten könnten. Das Christentum in diese ohnehin schon überemotionalisierte und erhitzte Diskussion hineinzuziehen, in der Akteure unterschiedlichster Hintergründe und Motive versuchen Druck auf die Gesellschaft auszuüben, mag vielleicht ein imagepolitisch gesehen günstiger Kniff sein, weil es ja sonst nie auf der Seite des Guten und Schönen stehen mag, abkaufen wird ihm das von Seiten der „Guten und Schönen“ vermutlich sowieso niemand, kann ja nicht einmal Herr Remele auf das obligatorische zeitgenössisch-katholische Selbstzerfleischen verzichten.  Es ist also wieder einmal der typische Fall deutscher Kirchenkritik, die aus deutscher Sicht auf deutsche Probleme eingeht. Das sind dann logischerweise die berühmten „1.-Welt-Probleme“.

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Plaßmann-Challenge

©Thomas Plaßmann

©Thomas Plaßmann

Das Problem mit der Plaßmann-Challenge ist: wie soll ich darauf eine Antwort geben, die nicht normativ ist? Selbst das, was mir spontan als Antwort einfiel „In der Kirche den Hut abnehmen“ ist erstens leider Gottes bereits nur noch ein frommer Wunsch und gilt zweitens nur für Männer.

Die basale Antwort auf die Frage scheint zunächst: ein Christ macht nichts, er ist etwas. Er ist getauft oder er würde sich zumindest taufen lassen, wenn er die Gelegenheit hat.

Natürlich rutschen bei dieser Definition schon Leute heraus, die sich zwar als Christen bezeichnen, aber sich (noch) nicht taufen lassen wollen, z.B. in Religionen, bei denen es Erwachsenentaufen gibt: die Jugendlichen sehen sich ja trotzdem als Christen. Also nochmal auf Anfang: ein Christ ist jemand der an Christus glaubt.

Ist das so? Die Mitglieder der Vereinigungskirche z.B. glauben zwar an Christus, denken aber, er sei in seiner Mission gescheitert, bzw. daran gehindert worden (was dann natürlich ein erstklassiger Nährboden für antisemitisches Gedankengut ist…) und in verschiedenen Hinduistischen Religionen in Europa gilt Christus ebenfalls als Avatar – z.B. Vishnus. Diese Personen glauben, dass Christus Gott war und dass er die Welt retten konnte und wollte. Christen sind sie dann zumindest dem Gefühl nach trotzdem nicht…

Ich möchte aber auch keine Antwort geben, die letztlich den „Kulturchristen“ erfindet, quasi jemanden, der losgelöst vom eigentlichen Glauben bestimmten Bräuchen folgt – auch das ist unmöglich, weil Christen weltweit sich in ihren Bräuchen zum Teil stärker untereinander unterscheiden als zu anderen Religionen.

Ebenso wenig spezifisch sind moralische Definitionen: Christen müssen weder besondere Wohltäter sein, noch sind besondere Wohltäter automatisch Christen. Wir haben kein Monopol auf Nächstenliebe.

Also… was macht ein Christ?

Ein Christ setzt sich mit dem Christentum und damit mit Christus auseinander. Das ist der wichtigste Punkt, denke ich. Im Bertelsmann-Religions-Monitor (Ich hoffe, ich gebe jetzt keine falsche Quelle an, ich glaube jedenfalls, dass es da war) kann man nachlesen: Menschen mit starker religiöser Sozialisation stehen nur sehr sehr selten neutral zu ihrer Religion. Entweder sie lieben sie, oder sie hassen sie.

Demnach kann ein Christ letztlich nicht anders, als sich zu Christus zu stellen – vielleicht auch, um ihn in der Konsequenz abzulehnen.

Ein Christ positioniert sich zu Christus als Gott, Mensch und Erlöser. Er ist für ihn nicht irgend ein Prophet, oder eine Fußnote in einem anderen Heilsgeschehen, sondern er ist der Bezug transzendenter Wahrheit. Für ihn ist er der vorrangige Gegenstand der letzten Frage nach dem Leben, dem Universum und dem Rest (um es mal mit Douglas Adams zu sagen).

Egal auf welchem Niveau, egal zu welchem Ergebnis er kommt. Für einen Christen hängt alles an Christus und er wird nicht aufhören, um ihn zu kreisen.

Nach dieser Überzeugung gibt es dann natürlich auch atheistische Christen und unchristliche Getaufte.

Ich wünschte, ich könnte eine witzigere oder gewieftere Antwort geben oder irgendwas, das den Katholizismus in den Vordergrund stellt. Aber vorerst muss es dabei bleiben.

Und was mache ich so?

Ich streite mich mit Leuten, die glauben, ihre ausgelutschte Kirchenkritik mache sie zu Helden der Revolution. Ich gehe in die Kirche. Wenn ich es nicht tu, denke ich daran, dass ich es hätte tun sollen. Ich trage oft Hüte. Besonders in der Kirche.

Doch das Wichtigste sind in meinen Augen all die Kleinigkeiten im Alltag. Vieles, was mit Katholizismus zu tun hat, erschien mir als Kind selbstverständlich: die Kreideschrift am Türstock, das Kreuz/Weihwasserbecken neben dem Esstisch, das Schutzengelchen um den Hals, Adventskranz, Tischgebete, der Rosenkranz an der Schreibtischlampe, Fisch am Freitag, Festessen am Sonntag. All diese Dinge, die das Leben mit religiösen Rhythmen, Erzählungen und Gefühlen ausschmücken, strukturieren und damit letztlich Heimat, Geborgenheit und Sicherheit signalisieren. Das ist das, was was man als Katholik MACHT, im eigentlichen Sinne des Wortes.

Viele stellen sich Religion vor, wie einen Becher mit einer Flüssigkeit, den man irgendwo aufstellt. Die Flüssigkeit gießt man hinein, trinkt, gießt wieder ein. Die Metapher habe ich übrigens aus der Religionsparodie „Dogma“. Religion ist wie ein Glas Wasser, so heißt es im Film, das im Laufe des Lebens wächst und immer wieder gefüllt werden muss. Christ-sein steht aber in meinem Leben eher, wie ein Sieb: Was auch immer man hinein füllt, es fließt in mein Leben aus. Es durchdringt mich. Das, was im Sieb zurückbleibt ist dann zu groß für Alltag, die „schweren Brocken“ quasi, an denen wir lange herumkauen.

Das macht man als Christ. Das macht man als Mitglied der allermeisten Religionen: Gießen und kauen…

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