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Wer Kinder liebt, pfeift auf Kindergottesdienste

Heute werden zahlreiche regelmäßige Gottesdienstbesucher den Pfarrgemeinden fernbleiben. Es ist Weißer Sonntag, aka Kinderbibelspieltag feat. Erstkommunion. Kindergottesdienste sind schon für Erwachsene kaum zu ertragen. Wieso tun wir das unseren Kindern an?

Es ist ein Schauspiel, bei dem man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll. In den Bänken sitzen hibbelige Buben, Mädchen und Eltern herausgeputzt für ihren großen Tag, vorne hüpft eine Mittvierzigerin in langen Röcken herum und singt schief „Fürchte Dich nicht“. Dann treten die Kinder der Reihe nach vor und verlesen in schleppendem Ton Fürbitten, die sie selbst nicht geschrieben haben, die aber angeblich ihre Sorgen und Nöte aufgreifen. Für gegen den Klimawandel. Für gegen einsame Kinder. Für gegen Krieg in Syrien. Ein Kind heult, weil es sein Sprüchlein vergessen hat. Aufruhr im Altarraum. Nach dem läppischen Spektakel haben die Kinder zwar Erstkommunion gehabt, aber wie ein normaler Gottesdienst aussieht, wissen sie immer noch nicht. Ebenso wenig könnte man behaupten, sie seien nun Teil der Gemeinde. Die war nämlich nicht da, weil sie im Pfarrbrief gelesen hat, dass Kindergottesdienst ist. Die Besucher der Kindergottesdienste bilden in den Pfarrgemeinden eine sorgsam herangezüchtete Parallelkultur. Wer Veranstaltungen für Familien organisieren möchte, begibt sich entweder auf das Niveau „Malen und Klatschen“ oder stößt auf Unverständnis. Die Liturgie wird für diese Veranstaltungen bis zur Unkenntlichkeit verbogen und zerstückelt. Ein Pfarrer, der da nicht mitmachen möchte, stört im Zweifelsfall nur die Harmonie und wird dann eben zum Gottesdienstgültigmacher degradiert.

Alters-Segregation und ihre Folgen

Die Botschaft dieser degenerierten, pädagogisch vorgekauten Eucharistiefeiern ist fatal: Wenn es spezielle Gottesdienste für Kinder bzw. Familien gibt, dann muss ja mit den „normalen“ Gottesdiensten etwas nicht stimmen, sie müssen schädlich für Kinder sein oder zumindest sind Familien dort nicht erwünscht. Die meisten Familien, die man bei den Kindergottesdiensten sieht, sieht man dann folgerichtig an anderen Sonntagen nicht. Es wirkt, als wolle man der Gemeinde die Kinder nicht zumuten und den Kindern die Gemeinde nicht. Etwas, das dafür gedacht war, Kindern den Gottesdienst nahezubringen, hat schon längst dazu geführt, dass Kinder vom Gottesdienst ferngehalten werden.

Wir sollten doch eigentlich froh sein, wenn auf den Fluren unserer Gotteshäuser lärmend Kinder auf- und abziehen. Nicht nur bedeutet das, dass es in der Gemeinde überhaupt noch Kinder gibt, sondern die Kinder wachsen auch mit dem Rhythmus und der Ästhetik des „richtigen“ Gottesdiensts auf. Da wird nicht gemalt und geklatscht, es spielt die Orgel statt dem Keyboard und gelegentlich muss man auch mal stillsitzen.

Dabei erbringen die Gottesdienste nicht einmal den intendierten Nutzen. Angesichts der schwindenden Zahl der Täuflinge, Erstkommunikanten und Firmlinge in Deutschland müssten sich die Kinderbeglücker eigentlich in die Stille Ecke stellen. Religionsgemeinschaften, die weiterhin wachsen, weisen hingegen meist kein überragendes religionspädagogisches Konzept auf. Oder glauben Sie, die Moschee in Ihrer Nähe bietet Mitmachgottesdienste für coole Kids an?

Wenn Sie mal in einer Synagoge, einer Moschee, einer (wie auch immer gearteten) orthodoxen oder einer evangelikalen Kirche gewesen sind, dann werden Sie bemerkt haben, dass nicht nur genauso viele Kinder da sind wie bei uns im Kindergottesdienst, sondern dass sich auch niemand nur das Schwarze unterm Fingernagel darum schert. Warum? Weil die Eltern nicht in einer Parallelwelt leben, sondern in der Gemeinde. Weil die Gemeinde die Kinder nicht nur erträgt, sondern als Teil ihrer selbst betrachtet und deshalb niemand auch nur das Konzept Kindergottesdienst verstehen würde. Für die Kinderkatechese gibt es Veranstaltungen wie Sonntags-, Freitags- oder Sabbat-Schulen, Kinderpredigten die parallel zur Predigt im Gottesdienst stattfinden (ein Konzept, das es freilich auch in katholischen Gemeinden gibt) oder halt eben: nichts. Die grundlegende Haltung ist, dass die Kinder sich im Laufe der Jahre schon an die Gebetszeiten oder Gottesdienste gewöhnen würden. Da muss man sich schon die Frage gefallen lassen, wieso wir als einzige glauben, unsere Kinder seien zu blöd für ihre eigene Religion.

The 80s called. They want their youth culture back.

Kommen wir zurück auf die Mittvierzigerin im Altarraum. Sie würde sich selbst als junggeblieben bezeichnen und das ist sie auch. Nämlich geistig in den Achtzigern hängen geblieben. Sie romantisiert den Zeitvertreib ihrer Jugend und glaubt, dass immer noch cool ist, was sie damals cool fand. (Im Zweifelsfall das, was ihre Mitte der Sechziger sozialisierten Betreuer cool fanden). Damit es jeder merkt, nennt sie es auch „cool“. (Es gibt nämlich bekanntlich nichts Cooleres, als zu sagen, dass man cool ist.) Diese Leute lassen wir dann auf eine Generation los, die heimlich zwischen zwei Runden Zeitungsschlagen auf dem Klo ihrem Fuckboy snapchattet.

Keiner kann ernsthaft erwarten, dass Teenager beispielsweise eine Pastoralreferentin – eine Person, die so lame ist, dass sie Theologie studiert hat, aber nicht einmal das gescheit – als Gegenüber auf Augenhöhe geschweige denn als Freundin wahrnehmen. Die gesamte Klatschen-und-Malen-Fraktion mit ihrer Fairtrade-Schokolade und ihren Trekkingsandalen kann schon froh sein, wenn sie als Autorität durchgeht. Und selbst diese Rolle ist man nicht bereit auszufüllen. Nein, den Meinungen der Jugend gegenüber präsentiert man sich butterweich. Konfrontation wird gescheut, Positionen nicht bezogen. Egal wie weit sich der Teenager aus dem Fenster lehnt, man reagiert mit Verständnis. Man ist ja froh, wenn er mitmacht und genau diese unterwürfige Position vermittelt man ihm auch. Wer soll eine Kirche ohne Rückgrat ernst nehmen?

Jedem Teenager, der sich unter diesen Umständen nicht firmen lässt, kann man nur gratulieren: Denn wenigstens beweist er Rückgrat und lässt sich nicht mit Geschenken bestechen. Letztere sind nämlich der Grund, wieso sich Jugendliche diese unwürdige, nach Verzweiflung und Selbstbetrug stinkende Dilettantenshow reinziehen, die wir Firmvorbereitung und -gottesdienst nennen.

Das einzige, wonach sich heutige Generationen sehnen, Authentizität, gibt man ihnen nicht. Und sie selbst können sich diese Authentizität auch nicht zurückholen. Sie wüssten nicht wie, weil sie ja von Kindesbeinen an nie in einem normalen Gottesdienst waren und keiner ihnen beigebracht hat, wie man sich dort verhält, geschweige denn wie so etwas funktioniert.

Wo Kindergottesdienst ist, leiden die Eltern am meisten

Die Religiosität derer, die eigentlich die wichtigste Rolle bei der Sozialisation ihrer Kinder spielen sollten, die der Eltern, wird hingegen nicht im Geringsten angesprochen.

Gerade ihnen sollte man die Teilnahme am Gottesdienst doch erleichtern. Sie könnten ihn ganz bewusst als ihre Erwachsenenzeit etablieren, die Eltern doch oft so dringend brauchen. Aber nein. Sie haben die Wahl: Entweder sie sitzen als einzige mit Kind in einem normalen Gottesdienst und werden ob der unvermeidlichen Lautstärke böse angeguckt, oder sie verbringen die nächsten 17 Jahre damit, religionspädagogische Hits aus den Siebzigern zu den schiefen Klängen der debil grinsenden geriatrischen Jugendband zu singen. Auf mehrstündige Festgottesdienste müssen sie dafür komplett verzichten. Auch hier hilft der Blick in andere Religionen: Charismatische Konfessionen oder Synagogen bieten z.B. für die aufwändigeren Feiertage Kinderbetreuungen an, damit die Eltern auch diese mitfeiern können. Aber wer interessiert sich schon für die Religionsausübung von Erwachsenen?

Gerade hier liegt der Hund begraben. Unsere Religionspädagogik ist geschaffen, um imaginierte Kinder- und Jugendwünsche zu erfüllen und nicht dafür, unsere Kinder und Jugendlichen zu kompetenten, religionsmündigen Erwachsenen zu machen. Sie hält Kinder und Jugendliche gezielt uninformiert und klein, damit sich eine ganze Kaste von pädagogischen Drohnen möglichst lange an ihnen abarbeiten kann.

Wie unzureichend sie das auf ein Leben als Christ vorbereitet, zeigt die gähnende Leere in unseren Kirchenbänken.

Schafft die Kindergottesdienste ab. Und lasst die Kinder wieder in die Gottesdienste.

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Eingeordnet unter Gedanken zur Praxis der katholischen Kirche, Kritik zu katholischen Themen

Gehirnwäsche und religiöse Erziehung (Part 2: Praxis)

Wir waren also bei der Frage angelangt, ob religiöse Eltern ihre Kinder deren persönlicher Freiheit wegen von allen religiösen Themen fernhalten sollten, bis diese alt genug sind, um sich selbst zu entscheiden;

aber das Problem mit der Religion: sie lässt sich nicht aussperren. Es ist Teil ihrer grundlegenden Funktionsweise, das alltägliche Leben zu durchdringen. (Obgleich derart pauschale Aussagen über Religion natürlich immer kritisch zu sehen sind, bleibe dies vorerst dahingestellt).

Was in der Theorie vernünftig klingt, wird in der Praxis kompliziert: kann man von religiösen Eltern verlangen, dass sie am Grab einer Großmutter darauf verzichten, ihre Kinder mit Jenseitserwartungen zu trösten? Was, wenn ein Kind konkret nach transzendenten Wahrheiten fragt, mit denen es von Gleichaltrigen konfrontiert wurde? Und zuletzt: kann man von Eltern verlangen, 14-16 Jahre lang auf ihre eigene Religionsausübung zu verzichten?

Hinzu kommt, dass viele Religionen die Gründung einer Familie und damit verbunden die religiöse Erziehung der Kinder zum elementaren Teil der Religionsausübung machen, so z.B. verschiedene Hinduismen, Teile des Judentums, der Islam und nicht zuletzt ist das Kinderbekommen und deren Erziehung Grundvoraussetzung für die Gültigkeit einer katholischen Ehe. Letztlich würde die Religionsfreiheit der Eltern erheblich eingeschränkt.

Ich halte die Frage der religiösen Erziehung nicht für eine Frage, des „ob“. Ihre Beseitigung ist nicht nur via facti utopisch, sie würde auch viele Teile unserer Kindheitskultur zerstören und letztlich eine künstliche Gliederung z.B. des Jahresablaufs erfordern. Der Verzicht auf Martinsumzüge, den Nikolaus, Weihnachten, Ostereiersuchen etc. oder deren komplette Trennung vom Ideengeschichtlichen Hintergrund würde letztlich ein pädagogisches Vakuum hinterlassen, das künstlich gefüllt werden müsste. Ich möchte nicht leugnen, dass es möglich wäre, aber wäre es nicht schade?

Wenn ich sehe, wie sich meine Ministrantengruppe mit ehrfürchtiger Neugierde, bisweilen auch mit übereifriger Leidenschaft den Themen ihrer Religion nähert und Sicherheit bei der Bewegung im sakralen Raum – nicht nur ihrem eigenen sondern auch dem anderer Religionen gewinnt, wage ich den Vorstoß: möglicherweise fehlt einem Kind tatsächlich etwas, wenn es solche Erfahrungen nicht machen darf. Das Ritual, das Disziplin und Körperbeherrschung auf eine Art und Weise lehrt, die Kindern entgegen kommt, die Vermittlung eines Gefühls absoluter Geborgenheit und Sicherheit im Universum und ein Bewusstsein dafür, dass die eigene Person wichtig ist und deshalb verantwortungs- und liebevoll behandelt und auch beobachtet werden muss, all das sind Qualitäten jeder guten Erziehung, aber sie lassen sich im religiösen Raum exzellent vermitteln. Und letztlich: sollte ein Kind nicht möglicherweise diese Erfahrungsdimension kennenlernen, bevor es entscheiden darf, ob es darauf verzichten möchte?

Wie aber ermöglicht man einerseits die Geborgenheit und der Vermittlung kultureller Techniken, die eine religiöse Erziehung bietet und entgeht andererseits der Gefahr, sein Kind zu einem Gesinnungszombie zu machen, oder noch schlimmer: es für die eigene Religion zu verlieren, sobald es sich beim ersten pubertären Erwachen der bisherigen Engstirnigkeit bewusst wird?

Zunächst einmal: sich der Position als zunehmend sinkenden Bevölkerungsanteil bewusst werden und diese auch vermitteln. Irgendein interkulturelles Gedöns zu veranstalten ist hierbei meiner Meinung nach ebenso unnötig, wie dem Kind übermäßige Zurückhaltung aufzuerlegen, damit es ja niemandem auf den Schlips tritt, dabei werden nur Ängste geschürt. Dass es aber weder eine Selbstverständlichkeit, noch ein Privileg, noch eine Schande ist, katholisch zu sein, sollte meiner Meinung nach sehr wohl vermittelt werden und eben diese Haltung sollte auch gegenüber anderen Religionen eingenommen werden.

Ebenso finde ich, es läge an der katholischen Kirche, einen Schritt in Richtung Religionsfreiheit zu tun, indem sie anders mit ihren Initiationsritualen im Rahmen der Pubertät, sprich mit der Firmung umgeht. Sie markiert den Punkt, an dem einem Menschen religiöse Eigenverantwortlichkeit zugesprochen werden soll und das sollte auf jeden Fall vermittelt werden.

Man konfrontiere die Kandidaten mit ihrer religiösen Erziehung, sage ihnen: das waren Deine Eltern, aber was willst Du? Fühlst Du das wirklich, oder plapperst Du es nur nach?. Hart und streng: Willst Du das? Willst Du das WIRKLICH?

Dazu gehört auch, dass die Kandidaten im Gespräch ernsthaft auf ihre geistige Reife überprüft und notfalls abgewiesen werden (allerdings mit einem Höchstalter, selbstverständlich, diese Regelung sollte nicht dazu dienen, Personen absichtlich auszuschließen). Die Vorbereitung zur Aufnahme sollte nicht vorrangig spaßig, flippig und entspannt sein, um sich hilflos an die Coolness ihrer Zielgruppe anzubiedern (das funktioniert eh nicht), sie sollte ein wenig anstrengend und eine ernsthafte Auseinandersetzung sein. Sie sollte zeigen, dass ein katholisches Leben anspruchsvoll ist und komplexere theologische Inhalte vermitteln, als „Jesus ist gegen Krieg und Nazis sind doof.“.

Warum nicht einfach schweigende Exerzitien durchführen? Ein Stück den Jakobsweg gehen? Diskussionsrunden? Lektüre von Kirchen-/Religionskritischer Literatur? Das ist anstrengend, natürlich, auch für die Mitarbeiter, aber sollte man sich nicht vor Augen führen, um welchen wichtigen Schritt es hier geht?

Auf diese Art und Weise ließe sich erreichen, dass diejenigen die Firmung auf sich nehmen, die katholisch werden wollen und nicht diejenigen, die ihren Eltern einen Gefallen tun und selbst einen neuen PC wollen. Das wäre ein Schritt in die Richtung der Religionsfreiheit junger Menschen, indem man ihnen bewusst macht, dass sie vor einer Entscheidung stehen, denn dann, und das ist ja die grundlegende Definition von geistiger Freiheit: können sie sich auch entscheiden.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Gedanken zur Praxis der katholischen Kirche, Zu allgemeiner Religionskritik