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Der „Humanist“ in meinem Newsfeed

Lieber „Humanist“ in meinem Newsfeed,

seit ein Paar Monaten bin ich nun schon mit Dir befreundet. Ich kenne Dich nicht so gut, aber weil Du so fleißig postest, weiß ich schon viel über Dich. Z.B., dass Du denkst, dass Du schlauer bist als ich, weil Du nicht an Gott glaubst und dass Du davon überzeugt bist, dass „Nazi“ schon am konservativen Rande der SPD beginnt. Genau wie ich würdest Du sagen, Du bist „liberal“. Ich verstehe das nicht. Ich dachte immer, Liberalismus steht für Freiheit.

„Die meisten Menschen sind einfach nur noch widerlich.“

hast Du gestern geschrieben.

Solche vagen Facebookposts, die implizieren, dass es einem nicht gut geht, ohne klarzustellen, worum es geht, sind ja eigentlich ohnehin schon als social-Media-inkompetente Vorgehensweise legendär. Natürlich hast Du Leute unter Deinen Freunden, die auf diese aufmerksamkeitsheischende Masche hereinfallen. Warum? Wird gefragt.

„Nichts spezielles. Aber sieh dich einfach mal um und lies die Kommentare unter Medienberichten.“

Ist die Antwort. Oh „Humanist“ in meinem Newsfeed, Du bist so eine besondere Schneeflocke mit Deinen Gefühlen und Träumen und Wünschen. Du willst diese Welt zu einem besseren Ort machen. Du schreibst nämlich nur nette Dinge über Deine Mitmenschen. So teiltest Du alleine in der letzten Woche insgesamt sechs Nachrichten, die als „Strawman argument“ gegen religiöse Menschen dienen sollen. Es handelt sich um Extrembeispiele, größtenteils aus den USA , von Muslimen, Christen oder Juden, die religiös gegen naturwissenschaftliche Überzeugungen angehen, deren Argumente verkürzt und damit zur Lächerlichkeit verzerrt werden oder die Atheisten, Homosexuelle oder Frauen unmenschlich behandeln. Neben den naiven politischen Posts der Marke „alles Nazis außer Mutti“ verbreitest Du also auch noch grob menschenfeindliche Propaganda, beispielsweise dass die Situation chinesischer Katholiken „Säkularisierung“ und damit letztlich wünschenswert sei.

Während Du Dich also über den „wiederlichen“ Ton in der Debatte beschwerst und für mehr Toleranz und Offenheit in der Gesellschaft wirbst, teilst Du auf der anderen Seite Memes des Inhalts,

„Scooby-Doo teaches kids that everything supernatural or otherwordly is just some asshole trying to scare you so they can make some money“

also dass alle religiösen Institutionen mit z.B. alternativen Medizinern und Esoterikanbietern gleichzusetzen, sowie alle nur Arschlöcher sind, die aus der Angst der Menschen Geld machen. Das macht mich traurig, weil ich mir gerne die Freiheit nehmen würde, an einen Gott zu glauben und Du mich aber vor dieser freien Entscheidung schützen möchtest.

Du teilst Posts, in denen Du Dich über den zugegebenermaßen etwas skurrilen orthodoxen jüdischen Brauch lustig machst, zu Jom Kippur ein Huhn über dem Kopf zu schwingen, um es danach als Opfer an die Armen zu geben, den zu kritisieren wohl als antisemitischer Topos gelten kann, nennst Beschneidung ein Verbrechen und prangerst anschließend selbst rechtsradikale Äußerungen an, Juden seien keine Deutschen. Die Rechte von Juden interessieren Dich also nur dann, wenn Du den Antisemitismus Deiner Feinde anprangern kannst. Das ist, am Rande, genau dieselbe Haltung, welche die von Dir mit so viel Leidenschaft verureilte AfD zu ihnen hat.

Du teilst wisseschaftlich-skeptische Beiträge von Stephen Hawking, der aber von der päpstlichen Akademie der Wissenschaften unterstützt wird und machst Witze darüber, dass Erwachsene an Jesus glauben aber nicht an den Nikolaus. Einen Beitrag, der die Einstellung von „Religion“ an sich zur Evolution mit „Kreationismus“ beschreibt. Dann teilst Du einen Post darüber, dass die Leute lieber an einfache Lügen als an komplexe Wahrheiten glauben.

Dass Du möglicherweise selbst eine sehr simple Ansicht von der Gesellschaft hast, in der wir leben, kommt Dir logischerweise nicht in den Sinn, oder dass Du Hass sähst und einen Graben gräbst, wo bisher gar keiner war, nämlich zwischen Wissenschaft und Religion, ganz besonders in Europa. Du möchtest nämlich gar nicht, dass Religion und Wissenschaft koexistieren können. Du möchtest, dass sie sich bekriegen, bis die Religion ausgelöscht wird.

Wenn Du den Religionen vorwirfst, einen Keil zwischen die Menschen zu treiben, die anderen Glaubens sind, aber selbst False-Flag-Posts und grob verletzende Posts über andere Menschen in Deiner Umgebung teilst, weil diese an etwas anderes glauben als Du, wenn Du menschliches Leid nicht ernst nimmst, weil „die falschen“ Menschen leiden, wenn Du inhumane Handlungen von Staaten gut findest, weil sie Deine eigene Ansicht durchsetzen, woher nimmst Du dann auf der anderen Seite Deinen moralischen High-Ground? Wie kannst Du es wagen, Dich als liberal zu bezeichnen?

Lieber „Humanist“ in meinem Facebook-Feed. Ich lausche mit Erstaunen, wie Du Kinderfickerwitze übergangslos mit dem Wunsch nach einer sachlicheren Debatte abwechselst, wie Du alles Jüdische und Muslimische verbieten möchtest, wie Du von einer Gesellschaft träumst, in der es nur Deinesgleichen gibt, aber dann genau das wiederum den rechten Kräften im Land ankreidest.

Vielleicht solltest Du Dir mal von einer Katholikin, die Dir immerzu schweigend gelauscht und sich geduldig beleidigen lassen hat, Nachhilfe in Sachen Liberalität geben lassen.

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Über die Angst

Jedes Mal, wenn irgendwo in der Westlichen Welt eine Grausamkeit aus islamistischen Motiven begangen wird, dann kriechen sie aus ihren Löchern: die Täterversteher. Mit einem teilweise absurden Eifer versuchen sie uns zu erklären, dass die Täter keine Täter sind, weil sie zu einer Opfergruppe gehören, nämlich den Muslimen.
Währenddessen steigt bei den konkreten Opfern die Panik und Hilflosigkeit.
Darüber, wie es ist, eine aufgeklärte, postkolonialistisch-dekonstruktivistisch erzogene junge Frau zu sein.

Ich sitze gemütlich in der Ubahn in Milbertshofen, einem Viertel das in der Skala zwischen Neuperlach und Grünwald eher Richtung Neuperlach tendiert. Ich bin in diesem Viertel aufgewachsen. Im Gegensatz zu meinen späteren Klassenkameraden auf dem Gymnasium, die in Schwabing auf bilinguale Waldorfgrundschulen gegangen sind, wo es die Aische und den Mehmet nur in Deutschtexten über Toleranz gab, habe ich mit Aische und Mehmet auf dem Pausenhof „Sailor Moon“ gespielt. Ich fühle mich also in diesem Viertel daheim, ich fahre in dieser Ubahn nicht bereits mit vor Panik weißen Fingerknöcheln in meine Handtasche gekrallt.

Ein junger Mann setzt sich neben mich, er ist schwarz, ganz gut angezogen. „Gehst Du Gymnasium?“, fragt er. „Nein, ich geh auf die Uni.“, antworte ich. Ich lächle. „You beautiful“, sagt er plötzlich. „Danke“, antworte ich. „Can I have your phone number?“ „Sorry, I don’t hand out my number to strangers“, sage ich. Das geht mir zu schnell. „Facebook then?“ „I don’t have facebook“, lüge ich nervös. Ich habe keine Lust auf diese ganze Geschichte, ich möchte nicht in der Ubahn so plump angegraben werden und er sitzt viel zu nah auf mir drauf.
Ich frage mich, ob ich auf ihn nur so reagiere, weil ich seine Erscheinung als fremd wahrnehme. Ich bekomme ein schlechtes Gewissen.
Er schweigt und bleibt sitzen. Ich versuche mich zu beruhigen. Seit in der Nähe unseres Hauses eine Beratungsstelle für Einwanderer aus Schwarzafrika eingerichtet wurde, habe ich öfter mit Afrikanern in der Ubahn geplaudert. In anderen Kulturen wird in den Öffentlichen mit Fremden einfach drauflos geschwatzt. Es muss für sie frustrierend sein, dass viele Deutsche darauf so ablehnend reagieren, weil sie in den Öffentlichen ihre Ruhe haben wollen.

Er meint es vermutlich nicht so.

Trotzdem rast mein Herz. Ich steige aus, er steigt auch aus, wir gehen schweigend nebeneinander her zur Bushaltestelle. Ich werde immer panischer, weil er mir hinterherläuft und mich die ganze Zeit anstarrt. Jedes mal, wenn ich gucke, ob er noch guckt, fängt er meinen Blick auf und blickt mich irgendwie verletzt und trotzdem penetrant an. Hab ich ihm weh getan? Denkt er, ich bin eine arrogante weiße Tussi, die Angst vor Schwarzen hat?
Der Bus braucht zu lange, ich gehe einfach los. Er geht auch los. Immer 3-5 Meter hinter mir. Ich traue mich nicht mehr zu gucken. Ich überlege, ob ich Passanten ansprechen soll, beschleunige meinen Schritt, er ebenso. Am Ende renne ich über die rote Ampel und springe ich in einen anderen Bus, der in die falsche Richtung fährt. Die Türen schließen sich, ich werfe ihm einen letzten Blick zu, während er einfach nur verdattert guckt. Ich sehe, wie er sich umdreht und geht.

Override

Seit diesem Tag habe ich Angst vor fremden schwarzen Männern. Es ist albern. Es ist rassistisch. Ich weiß genau, dass es nicht richtig ist. Aber jedes Mal, wenn sich einer neben mich setzt, breche ich in Angstschweiß aus, in meinen Ohren rauscht das Blut, der Fluchtinstinkt setzt ein. Meine Vernunft sagt mir: hätte ich dasselbe mit einem weißen Mann erlebt, dann hätte ich jetzt keine Angst vor weißen Männern. Aber meine Vernunft hat leider keine Angst, die Angst hat vielmehr mein ganzes System im Griff.
Dazu kommt noch die Sprachbarriere und die Kulturbarriere. Mit Deutschen, Türken, Kurden, Griechen, Bulgaren bin ich aufgewachsen. Ich weiß, wie ich ihre Annäherungsversuche einzuschätzen habe und wie ich darauf antworten kann, ohne gleich beleidigend zu sein. Außerdem kann ich sicher gehen, dass das, was ich zu ihnen sage auch richtig ankommt, weil sie meine Sprache verstehen. Hier bin ich hilflos.

Wieso glaube ich eigentlich, meine Reaktion an die Kultur meines Gegenüber anpassen zu müssen? Habe ich weniger Anspruch auf sein Verständnis, als er auf meines? Ich bin hin – und hergerissen zwischen meinen eigenen Grenzen und dem Anspruch an mich selbst, tolerant und offen zu sein.
Wenn er glaubt, es sei normal, mich so anzuquatschen und ich glaube, es sei normal, ihn dafür auf die Kirchweih zu laden, wer von uns versteht dann den anderen miss?
Verständnis für andere Kulturen war Teil meines Studiums. Trotzdem könnte ich vor Ekel einfach nur um mich schlagen, wenn mir im Untergeschoss des ZOB ein Araber ganz nahe kommt, „Hey Beautiful“ ins Ohr flüstert und, noch ehe ich darauf reagieren kann den fremden, feuchten Atem in meinem Nacken zu spüren, schon über alle Berge ist.

„Woher weißt Du, dass es ein Araber war?“, fragt die postkoloniale Stimme in meinem Kopf. Es ist mir eigentlich egal, woher er kommt. Es ist das fremdartige Verhalten, das durch die Augen meiner eigenen kulturellen Prägung aggressiv, ja sexuell übergriffig ist. Das Verhalten bekommt ein Label in Bezug auf das, was mir noch in Erinnerung ist: sein Aussehen und das war „irgendwie“ arabisch.

Die Unmöglichkeit, Werte gegeinander abzuwägen

Ich weiß nicht mehr, was richtig oder falsch ist. Männern in die Augen zu sehen war für mich immer ganz normal. In letzter Zeit werde ich immer öfter aggressiv angegraben oder sogar beleidigt, wenn ich es tue. Dabei habe ich den Eindruck, dass es mehrheitlich arabisch oder nordafrikanisch aussehende Männer sind. Ich habe den Verdacht, dass der Zuzug aus muslimischen Ländern der Grund ist. Vielleicht ist es dort üblich, dass Frauen ihren Blick senken.
Oder denke ich das nur und es liegt in Wirklichkeit daran, dass ich kein Kind mehr und dadurch für Männer interessant geworden bin? Fallen mir die negativen Reaktionen dieser Männer nur mehr auf, weil ich sie aufgrund meiner unbewussten Angst vor Fremden selektiv als bedrohlicher wahrnehme?
Eigentlich möchte ich aber niemanden anders behandeln, weil ich glaube, dass er aus einer anderen Kultur kommt. Eigentlich möchte ich niemandes Verhalten nur vor dem Hintergrund seiner Kultur sehen.

Also gucke ich weiter in die Augen und habe eben Angst. Schließlich bin ich Feministin, ich habe das Recht, Männern in die Augen zu gucken, ohne, dass sie gleich auf mich losgehen, egal ob Muslim oder nicht.

Es ist auch dieser Feminismus, der mir sagt, dass ich nicht Schuld bin daran, dass sie es tun. Ich war nicht zu auffordernd, zu aufreizend, zu selbstbewusst. Wo kämen wir denn dahin, wenn ich dem nachgäbe?!

Ich habe Angst, dass ich mich irgendwann mal selbst verteidigen müssen werde. Ich möchte gerne ohne Angst leben.

Wenn die eigene Würde an zweite Stelle tritt

Die Vorfälle in Köln haben meine Ängste nur noch verschlimmert und meine Gewissensbisse auch.

Es gibt genügend „Biodeutsche“, die Frauen angrapschen und aggressiv anmachen. Das ist auch mir schon passiert. Meistens reagiere ich darauf deutlich ablehnend und komme dann, nervös aber auch nicht panisch, irgendwie aus der Situation heraus.

An der Ubahnstation in Laim sitzen den ganzen Tag Männer mittleren Alters mit olivbrauner Haut und schwarzen Haaren herum. Wenn ich an ihnen vorbeigehe, höre ich, wie sie unter dem Atem „sexy“ und „beautiful“ raunen. Nach dem dritten oder vierten Mal innerhalb von zwei Wochen sehe ich sie an, hänge die Zunge heraus und mache Würgegeräusche. „Schlampe“, sagt einer und spuckt aus.

Wieso habe ich Angst, jemanden zu beleidigen, der mich „Schlampe“ nennt? Weil ich denke, ich hätte falsch auf sie reagiert und es sei nur ein unschuldiges Kompliment gewesen und kein sexistischer Übergriff. Meine kulturelle Sensibilität bringt mich dazu, als Schlampe bezeichnet zu werden als adäquate Reaktion dieser Männer zu akzeptieren.

Die Situation ist ein Schachmatt. Würde ich offensichtliche Neu-Migranten behandeln, wie alle anderen, dann müsste ich ihnen jetzt den Marsch blasen. In diesem Fall wäre die nicht-diskriminierende Variante eigentlich, mit Angriff zu reagieren. Aber das kann und will ich nicht, einerseits, weil ich zu viel Angst habe, dass sie auf mich losgehen, andererseits, weil ich auch nicht als rassistisch oder diskriminierend erscheinen möchte. Für Außenstehende ist ja nicht ersichtlich, wieso ich auf die Typen losgehe.

Wie kann ich Menschen, die mich wie Dreck behandeln mitteilen, dass ich sie zwar als Menschen gleichwertig behandeln möchte, aber ihnen zugleich die Grenzen aufzeigen, wenn es darum geht, wie sie mich als Frau behandeln?

Noch dazu, wenn sie in vielen Fällen viel zu schlecht Deutsch sprechen, um zu verstehen, was ich ihnen sagen möchte. Am Ende kommt womöglich nur an, dass die deutschen Frauen Furien sind, die alle muslimischen Männer hassen.

Ich tue, als hätte ich es nicht gesehen. Sie wissen aber, dass ich es gesehen habe und nehmen es vermutlich als Sieg auf: sie dürfen das.

Haben wir kein Recht auf Solidarität und Schutz?

Wenn die Vernunft aber solche Zirkel zieht, der moralische Kompass schlingert, dann reagiert die Angst in der konkreten Situation in Zehntelsekunden und macht einfach, was ihr richtig erscheint.

Angst sortiert die Umgebung in ein intellektuell so gut wie unzugängliches Raster, Angst ist somit im Zweifelsfall auch fremdenfeindlich, weil sie schnell oberflächliche Reize aufnimmt und besonders auf das Unvertraute mit Alarmbereitschaft reagiert.

Frauen, die eine Hand in ihrem Schritt, eine auf ihrem Busen und eine an ihrem Hintern haben, während man ihnen den Geldbeutel und das Handy klaut, zu sagen, ihre in der Angst getroffene Einschätzung sei diskriminierend, ist daher einfach nur unmenschlich.

Nicht nur Frauen, auch Homosexuelle und Juden müssen Angst haben und haben diese auf der Basis ihrer bisher gemachten Erfahrungen. Darunter viele Menschen wie ich, die eine Ausbildung in postkolonialen Studien genossen haben, die in einer kulturell diversen Atmosphäre aufgewachsen sind und sich in ständiger Selbstreflexivität überwachen, die eigentlich nur das Richtige tun wollen, haben diese Angst.

Wenn über die Hälfte der Bevölkerung eigentlich Angst haben muss, aber sich oft aus politischen Gründen nicht trauen mag, diese Angst zu formulieren, wenn es jedes Mal einen Shitstorm gibt, wenn jemand sagt, er habe Angst vor einer Personengruppe, deren Mitglieder sich ihm gegenüber mehrfach bedrohlich oder gewalttätig verhalten haben, dann ist es an der Zeit, zumindest diese Angst als politische Realität wahrzunehmen, wenn auch nicht als Argument. Als Realität, die sich nicht nur in den intellektuell düsteren Schädelhöhlen Rechtsradikaler aufhält, sondern die auch gebildete, offene, bemühte Menschen befällt, dieselben Menschen, die vor ein paar Monaten mit Wasser und Plüschtieren an Bahnsteigen gewartet haben.

Diese Angst benötigt einen Kanal, der sie in eine konstruktive Energie umwandelt, bevor sie sich mehrheitlich in das Wählen der AfD ergießen kann. Doch dafür müsste sie erst Mal ernst genommen, statt mit noch mehr schlechtem Gewissen beladen zu werden.

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Das Innen-Außen-Problem

Viele Religionen die ein Problem mit der Vermittlung ihrer Position nach Außen haben, haben in Wirklichkeit ein anderes Problem: sie verwechseln konsequent ihre internen und externen Konflikte miteinander und liefern damit versehentlich den falschen Personen die richtigen Argumente

Der IS und der Islam

Ein gutes Beispiel dafür ist z.B. ein Phänomen, das ich seit Monaten auf den Facebook-Pinnwänden meiner muslimischen Freunde und Kommilitonen beobachten kann: Videos sowie Bilder- und Textposts, die zusammengefasst die Aussage tragen, IS oder wie auch immer die Kollegen sich gerade genau nennen, sei nicht muslimisch, ihre Taten seien nicht muslimisch und die Anhänger verstießen gegen den Islam.

In der internen Logik ist dies ganz klar eine Ausgrenzungshaltung: man signalisiert damit den Tätern, dass man sie nicht nur in den eigenen Reihen nicht möchte, sondern sie haben sich quasi durch ihre Vergehen selbst exkommunizieren und es ist eine klare Ansage an andere Muslime, die sich in der internen Diskussion nicht ausreichend vom IS distanzieren. Das funktioniert mit dem Christentum genauso: Jemandem, der seine Frau betrügt, seine Kinder schlägt und vom Verkauf von unter unmenschlichen Bedingungen in Indien gefertigten Shirts für 1,50€ das Stück lebt, dem würde so mancher auch gerne sagen, er sei kein Christ.

Aber bei der Aussage, dass der IS nicht zum Islam gehöre entwickelt sich ein ganz eigenes Dilemma: Außenstehende greifen solche Argumente auf und bringen sie in den falschen Zusammenhang. Selbsternannte Islamexperten und Integrationsromantiker sagen nämlich ebenfalls, IS habe nichts mit dem Islam zu tun, meinen damit aber, dass es unfair sei in Deutschland lebende Muslime in irgendeiner Form damit in Verbindung zu bringen und sei es nur dahingehend, von ihnen gewisse Präventionsmaßnahmen im Hinblick auf den eigenen Nachwuchs zu erwarten.

Natürlich ist der IS Kilometer weit entfernt von dem, was verantwortungsbewusste Imame in irgendeiner Moschee auf der Welt predigen. Aber das ändert nun mal überhaupt nichts daran, dass der IS eine sich aus dem Islam ideell und personell speisende Bewegung ist. Daher wird sich auf die Dauer die Radikalisierung von muslimischen Jugendlichen – und das überall – eben auch nur durch Maßnahmen in und von den muslimischen Gemeinden reduzieren lassen, wie es eben teilweise auch schon geschieht.

„ISIS gehört nicht zum Islam, daher werden wir alles versuchen zu verhindern, dass sie den Namen des Propheten und unsere Kinder für ihre Taten missbrauchen.“, ist daher eine Variante dieses Statements, die man so auch von verschiedenen in der Öffentlichkeit stehenden Muslimen hören kann.

Aber leider bildete sich über die vorab geschilderte Rezeption durch selbsternannte Freunde des Islam die Variante „ ISIS gehört nicht zum Islam“, mit dem unausgesprochenen Subtext: „Deshalb brauchen wir uns auch nicht zu rechtfertigen oder gar irgendetwas dagegen zu tun, und wer mir damit kommt, ist ein Rassist.“ Und die ist einfach nur eine lahme Entschuldigung.

Wer es ohnehin zum Ziel hat, dem Islam ans Bein zu pinkeln, findet in der Aussage ebenso seinen Ansatzpunkt, indem er es prinzipiell als ein Statement auffasst, hinter dem sich der Muslim an sich verstecke, der IS heimlich bewundere. Die Trope ist somit gleich zweifach nach hinten losgegangen.

Natürlich werden die muslimischen Gemeinden im Westen nicht alleine in der Lage sein, den Terror zu beenden und ganz gewiss sind sie auch nicht, oder zumindest nicht vollständig, schuld daran. Jedoch sind sie in der Position, an der Grundlage zu arbeiten und etwas zu ändern. Sie dabei zu ermutigen und notfalls auch zu ermahnen muss im Rahmen einer pluralistischen Gesellschaft möglich sein, jedoch brauchen sie, gerade sie, deren Verwandte und Kinder selbst am allermeisten unter dem islamischen Staat zu leiden haben, kaum jemanden, der ihnen dessen Brutalität andauernd unter die Nase reibt.

Die katholische Kirche als Spielplatz für Religionskritiker

Aber betrachten wir weitere Beispiele für die Vermischung interner Diskussionen mit externer Selbstdarstellung. Die katholische Kirche ist reich daran, es gibt wohl kaum ein internes Problem der Kirche, das nicht genüsslich von Außenstehenden ausgewalzt wurde, selbst wenn es diesen vollkommen schnurzepieps egal sein kann, da es wirklich nur Katholiken – oder gar einen Teil davon – betrifft. Da sind zum Beispiel die ganzen Humanisten die sich über die Unmenschlichkeit des Zölibats aufregen, oder die Kollegen, die sich mit dem Limburger Bischof in seine schöne neue, sündhaft teure Badewanne legen wollten, um uns unsere plötzlich wiederentdeckten christlichen Moralvorstellungen vorzuhalten.

Nur: Wenn Katholizismuskritiker Katholiken Probleme unter die Nase reiben, mit denen dieselben gerade intern ringen, dann stehen die Katholiken – im übrigen genau wie Muslime, wenn sie mit ISIS konfrontiert werden – in einer Zwickmühle: Sollen sie nun ihre Religion verteidigen, mit der sie sich identifizieren und die ihr Leben erfüllt, oder sollen sie darüber aufklären, dass man sich des Problems bewusst ist und dass sie durchaus mit dem Kritiker in Teilen übereinstimmen? Das Ergebnis ist dann meist ein ziemlich unguter Mischmasch, leicht angreifbar und nach Belieben in die eine oder andere Richtung zitierbar.

Denn weder der Islam noch der Katholizismus haben in den letzten Jahrhunderten ausreichend Übung darin gewinnen können, sich in einer Gesellschaft mit einer pluralistischen Öffentlichkeit zu bewegen, vor allem nicht in einer, die zahlreiche ihnen vom Prinzip her feindselig gesinnte Personen umfasst.

Das leidige Thema Israel

Das Judentum hingegen hat diese Übung sehr wohl und musste zusätzlich aus den mehr als nur schlechten Erfahrungen von Jahrtausenden und besonders der letzten Jahrhunderte – gerade im Antisemitismus des 19. und 20. Jahrhundert gab es einen regen Ideenaustausch mit der innerjüdischen Diskussion – lernen, dass man seine inneren Streitigkeiten besser unter sich ausmacht. Hierbei gibt es jedoch heutzutage eine unrühmliche Ausnahme, den Zionismus nämlich. Immer öfter kann man beobachten, dass einige israelische, aber auch nicht-israelische Juden sich von verschiedenen, zumeist nichtjüdischen antizionistischen Bewegungen als Kronzeugen vor ihren Karren spannen lassen – und zwar selbst dann, wenn es dort nicht beim Antizionismus bleibt (falls man Antisemitismus und Antizionismus überhaupt sauber trennen kann). Denn zwischen den weltanschaulichen, religiösen oder rein praktischen Gründen, aus denen Israelis und bzw. oder Juden den israelischen Staat grundsätzlich oder nur teilweise kritisieren, auf der einen Seite und Einstellungen vom Format „Israel ist ein Schandfleck auf der Landkarte und nur noch durch die Atombombe in Ordnung zu bringen“ auf der anderen besteht dann doch ein feiner Unterschied.

Während Mitglieder ihre eigene Religion durchaus differenzierter und mit einem Blick für die Umsetzung in der Praxis kritisieren, formen, verhandeln, werden sie von außen, bisweilen sogar absichtlich, missverstanden und für eine Sache vereinnahmt, der sie so gar nicht zustimmen können.

Die Obrigkeiten, die sich über dieses Problem oft wesentlich genauer im Klaren sind als die gelegentlich hoch schädlichen Einzelakteure im öffentlichen Diskurs (ich schaue da niemand Bestimmtes an, Frau Uta Johanna Ingrid Ranke-Heinemann), neigen dazu, auf das Problem zu reagieren, indem sie sich der Kritik von außen so gut wie möglich verschließen und immer nur dieselbe, konventionalisierte Version verbreiten. Aber auch das ist auf die Dauer nicht immer hilfreich, weil man dann als „vernagelt“ und „nicht kritikfähig“ abgestempelt wird.

Nicht zuletzt darf man sich der Kritik von Außenstehenden nicht vollkommen verschließen, da diese manchmal einen genaueren Blick für Probleme haben, die man im Betrieb selbst gar nicht so wahrgenommen hat.Wehrlose Opfer müssen möglicherweise von Außenstehenden unterstützt und zu ihrem Recht gebracht werden. Aber allzu oft sind es gar keine „wehrlosen Opfer“, derer man sich annimmt, noch viel öfter aber sind die Opfer vollkommen uninteressant im Vergleich zu der jeweiligen „Täterorganisation“, die man mit Legitimation der Opfer kritisieren kann.

Denn wer sich z.B. tatsächlich für die Sicherheit von Kindern vor sexuellen Übergriffen einsetzen möchte, der könnte auch gegen den Kontakt mit männlichen Verwandten jeglicher Art wettern und das mit einer wesentlich größeren statistischen Berechtigung. Wem die Menschenrechte der palästinensischen Bevölkerung so sehr am Herzen liegen, der könnte bei den Verbrechen der Hamas anfangen, und wer wirklich die Situation von Frauen verbessern möchte, dem böte sich die Möglichkeit zur Mitarbeit in diversen Frauenorganisationen an, die sowohl Frauen mit als auch ohne Kopftuch vor manipulativen und gewalttätigen Ehemännern, Vätern und Brüdern schützen.

Schon allein deshalb, weil sich die Kritiker oft für das eigentliche Problem einen feuchten Kehricht interessieren, sollte man es sich als „Insider“ dreimal überlegen, ob man sich mit solchen Leuten abgeben möchte, ohne dabei freilich vorhandene Probleme zu leugnen.

Das ist ein absurd schmaler Grad, der oft überhaupt nicht zu beschreiten ist, so sehr wird an beiden Seiten gezerrt.

Vielleicht sollte man als in die Kritik geratene religiöse Person, möglicherweise sogar als „Opfer“ öfter mal mit der Gegenfrage reagieren: Und was geht Sie das an? Wieso ist das Ihr Problem? Glauben Sie wirklich, auf die Hilfe von jemandem wie Ihnen haben wir gewartet?

Wir zahlen unsere Badewannen schließlich selbst!

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(aktueller Anlass:) Interview mit Prälat Imkamp

Hereinspaziert, hereinspaziert! Sehen Sie, staunen Sie: Ein Mann mit Knopflochentzündung lässt meinen Respekt verschwinden – in unter 10 Minuten.

Um mich dazu zu bringen, einem katholischen Würdenträger zu attestieren, dass ich ihn für eine Pfeife halte ist schon viel vonnöten. Prälat Wilhelm Imkamp schafft das spielend.

Er hat ein neues Buch geschrieben, darüber, dass Katholik sein bedeutet, nicht spießig zu sein und diesen Satz würde ich sofort unterschreiben (allerdings meine ich das ganz anders als Herr Imkamp).

Alles ist fein und nett, bis er sich entscheidet, über ein Thema zu sprechen, von dem er keine Ahnung hat (ich zitiere):

Imkamp: Den Islam kann man nicht mit dem Katholizismus vergleichen, da er kein nonkonformistisches Potenzial hat, sondern auf gewaltsame Konformität setzt. Der Islam ist in der Regel oder im Idealfall identisch mit dem Staat.

PUR: Wenn Sie sagen, dass sich der Islam gewaltsam ausgebreitet hat, wie sehen Sie die heutigen Tendenzen des Islam?

Imkamp: Das ist eine ganz schwierige Situation, ich glaube man kann nicht von einem Islam sprechen, denn er ist in sehr verschiedene Konfessionen geteilt. Zudem gibt es im Islam keine zentrale Autorität, deswegen sind Dialogbemühungen mit dem Islam extrem schwierig.

PUR: Dann ist der Islam ein Phantom.

Imkamp: Exakt, das ist auch eine gute Begründung für die hierarchische Struktur der katholischen Kirche.
Bei uns gibt´s einen Boss, da weiß man, wo es langgeht.

PUR: Ist der Islam Partner, Konkurrent oder Gegner?

Imkamp: Der Islam und das Christentum haben sicher einen gemeinsamen Gegner, das ist die hedonistische, weltliche, säkular und im wahrsten Sinne des Wortes gottlose Gesellschaft.“

Oopsie. Irgendwo in dieser faszinierenden Kompilation an Binsenweisheiten Expertenmeinungen zum Islam befindet sich doch ein Widerspruch?

„[…] auf gewaltsame Konformität setzt. Der Islam ist in der Regel oder im Idealfall identisch mit dem Staat. […] Das ist eine ganz schwierige Situation, ich glaube man kann nicht von einem Islam sprechen, denn er ist in sehr verschiedene Konfessionen geteilt. Zudem gibt es im Islam keine zentrale Autorität.“

Was denn nun? Ist der Islam nun ein einheitlich stehender, menschenfressender, konformistischer, machthungriger Moloch oder ein unberechenbarer Krautverhau? Irgendwie passt das nicht zusammen.

Und wenn man nicht von „einem“ Islam sprechen kann, wieso tun Sie’s dann, Herr Imkamp? Aber wenn wir schon bei unzulässigen Verallgemeinerungen sind, wie wär’s damit?:

„Wir sollten nie vergessen, dass gottlose Gesellschaften immer auch mit Massenmord zu tun haben“

Vielleicht zeigt der Herr Imkamp mir erst mal eine „gottlose Gesellschaft“. Denn nur, weil die Regierung Religion unterdrückt, heißt das nicht, dass die Gesellschaft an sich gottlos ist. So eine Kultur ist mir bisher nicht bekannt. (Übrigens: die Buddhisten wären zumindest im Wortsinne „gottlos“…) Ebenfalls gab und gibt es massenmordende Regimes mit Gott auf den Lippen, Fahnen oder auch nur im Gewissen.

 „Der Kapitalismus ist eine Perversion des Denkens“

Zugegebenermaßen: von einem derartigen Islamexperten wie Herrn Imkamp kann man nicht erwarten, dass er sich auch noch mit Wirtschaftswissenschaften auskennt. Die absolute Basisdefinition von Kapitalismus (denn die Definitionen um den Kapitalismus blühen zahlreich) – und zwar in Abgrenzung zum Kommunismus – wäre ein wirtschaftliches System, in dem die Produktionsgüter sich im Privateigentum befinden und der Markt nur über Angebot und Nachfrage reguliert wird.

Übrigens: Wir sollten nie vergessen, dass die Abwesenheit von Kapitalismus immer mit gottlosen Gesellschaften zu tun hat…

Wo waren wir? Achja. Es gibt nichts humaneres als Planwirtschaft. Denn da geht es allen erfahrungsgemäß so richtig gut.

Nein, da waren wir nicht. Mal überlegen.

Richtig: es steht jedem Christen frei, nach seinem besten Gewissen zu handeln und deshalb kann er auch innerhalb eines kapitalistischen Systems nach seinem Gewissen handeln, weil das kapitalistische System qua definitone jedem freistellt, mit seinen Gütern zu wirtschaften, wie es ihm gerade passt?

Ach quatsch. Wir wollten ja gerade erläutern, wieso es gut wäre, wenn wir nicht frei wären, sondern die Wirtschaft von irgendwem – am besten vom Staat, noch besser von der Kirche – reguliert. Und weil die Kirche ja bekanntermaßen deshalb so genial ist, weil sie nie die Union mit dem Staat anstrebte, fällt sie als Regulativ aus, bleibt nur noch der Staat.

Das wäre deshalb gut, weil dann die Produktionsgüter nicht in den Händen gottloser Menschen wären, sondern in denen des auf eine Übernahme eben dieses Staats drängenden, gottverbundenen Islams.

Erscheint mir immer noch nicht das, was Herr Imkamp sagen wollte, aber vermutlich weiß er es selbst nicht. Dann: ein lichter Moment:

 „Deutschland hat keine Debattenkultur, es hat eine Empörungskultur.“

yeay! Da haben Sie aber mal wirklich Recht.

„Das erinnert mich manchmal in Wortwahl und Inhalt an die Fatwas islamischer Großmuftis.“

Ach, vergessen Sie’s einfach!!!

 „Natürlich, wer richtig katholisch ist, ist intellektuell nie abgeschlafft, weil man immer bereit sein muss, über seinen Glauben Rechenschaft abzulegen.“

Absolut. Und deshalb empfehle ich Ihnen zur Erweiterung Ihres Horizonts die ein- oder andere islamwissenschaftliche Vorlesung. Aber dazu überlasse ich Herrn Imkamp das Schlusswort mit Vergnügen selbst:

PUR: Sind Sie gern Wilhelm Imkamp?

Imkamp:(überlegt) Ja, in dem Bewusstsein: Mehr ist nicht drin.“

 

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