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Der „Humanist“ in meinem Newsfeed

Lieber „Humanist“ in meinem Newsfeed,

seit ein Paar Monaten bin ich nun schon mit Dir befreundet. Ich kenne Dich nicht so gut, aber weil Du so fleißig postest, weiß ich schon viel über Dich. Z.B., dass Du denkst, dass Du schlauer bist als ich, weil Du nicht an Gott glaubst und dass Du davon überzeugt bist, dass „Nazi“ schon am konservativen Rande der SPD beginnt. Genau wie ich würdest Du sagen, Du bist „liberal“. Ich verstehe das nicht. Ich dachte immer, Liberalismus steht für Freiheit.

„Die meisten Menschen sind einfach nur noch widerlich.“

hast Du gestern geschrieben.

Solche vagen Facebookposts, die implizieren, dass es einem nicht gut geht, ohne klarzustellen, worum es geht, sind ja eigentlich ohnehin schon als social-Media-inkompetente Vorgehensweise legendär. Natürlich hast Du Leute unter Deinen Freunden, die auf diese aufmerksamkeitsheischende Masche hereinfallen. Warum? Wird gefragt.

„Nichts spezielles. Aber sieh dich einfach mal um und lies die Kommentare unter Medienberichten.“

Ist die Antwort. Oh „Humanist“ in meinem Newsfeed, Du bist so eine besondere Schneeflocke mit Deinen Gefühlen und Träumen und Wünschen. Du willst diese Welt zu einem besseren Ort machen. Du schreibst nämlich nur nette Dinge über Deine Mitmenschen. So teiltest Du alleine in der letzten Woche insgesamt sechs Nachrichten, die als „Strawman argument“ gegen religiöse Menschen dienen sollen. Es handelt sich um Extrembeispiele, größtenteils aus den USA , von Muslimen, Christen oder Juden, die religiös gegen naturwissenschaftliche Überzeugungen angehen, deren Argumente verkürzt und damit zur Lächerlichkeit verzerrt werden oder die Atheisten, Homosexuelle oder Frauen unmenschlich behandeln. Neben den naiven politischen Posts der Marke „alles Nazis außer Mutti“ verbreitest Du also auch noch grob menschenfeindliche Propaganda, beispielsweise dass die Situation chinesischer Katholiken „Säkularisierung“ und damit letztlich wünschenswert sei.

Während Du Dich also über den „wiederlichen“ Ton in der Debatte beschwerst und für mehr Toleranz und Offenheit in der Gesellschaft wirbst, teilst Du auf der anderen Seite Memes des Inhalts,

„Scooby-Doo teaches kids that everything supernatural or otherwordly is just some asshole trying to scare you so they can make some money“

also dass alle religiösen Institutionen mit z.B. alternativen Medizinern und Esoterikanbietern gleichzusetzen, sowie alle nur Arschlöcher sind, die aus der Angst der Menschen Geld machen. Das macht mich traurig, weil ich mir gerne die Freiheit nehmen würde, an einen Gott zu glauben und Du mich aber vor dieser freien Entscheidung schützen möchtest.

Du teilst Posts, in denen Du Dich über den zugegebenermaßen etwas skurrilen orthodoxen jüdischen Brauch lustig machst, zu Jom Kippur ein Huhn über dem Kopf zu schwingen, um es danach als Opfer an die Armen zu geben, den zu kritisieren wohl als antisemitischer Topos gelten kann, nennst Beschneidung ein Verbrechen und prangerst anschließend selbst rechtsradikale Äußerungen an, Juden seien keine Deutschen. Die Rechte von Juden interessieren Dich also nur dann, wenn Du den Antisemitismus Deiner Feinde anprangern kannst. Das ist, am Rande, genau dieselbe Haltung, welche die von Dir mit so viel Leidenschaft verureilte AfD zu ihnen hat.

Du teilst wisseschaftlich-skeptische Beiträge von Stephen Hawking, der aber von der päpstlichen Akademie der Wissenschaften unterstützt wird und machst Witze darüber, dass Erwachsene an Jesus glauben aber nicht an den Nikolaus. Einen Beitrag, der die Einstellung von „Religion“ an sich zur Evolution mit „Kreationismus“ beschreibt. Dann teilst Du einen Post darüber, dass die Leute lieber an einfache Lügen als an komplexe Wahrheiten glauben.

Dass Du möglicherweise selbst eine sehr simple Ansicht von der Gesellschaft hast, in der wir leben, kommt Dir logischerweise nicht in den Sinn, oder dass Du Hass sähst und einen Graben gräbst, wo bisher gar keiner war, nämlich zwischen Wissenschaft und Religion, ganz besonders in Europa. Du möchtest nämlich gar nicht, dass Religion und Wissenschaft koexistieren können. Du möchtest, dass sie sich bekriegen, bis die Religion ausgelöscht wird.

Wenn Du den Religionen vorwirfst, einen Keil zwischen die Menschen zu treiben, die anderen Glaubens sind, aber selbst False-Flag-Posts und grob verletzende Posts über andere Menschen in Deiner Umgebung teilst, weil diese an etwas anderes glauben als Du, wenn Du menschliches Leid nicht ernst nimmst, weil „die falschen“ Menschen leiden, wenn Du inhumane Handlungen von Staaten gut findest, weil sie Deine eigene Ansicht durchsetzen, woher nimmst Du dann auf der anderen Seite Deinen moralischen High-Ground? Wie kannst Du es wagen, Dich als liberal zu bezeichnen?

Lieber „Humanist“ in meinem Facebook-Feed. Ich lausche mit Erstaunen, wie Du Kinderfickerwitze übergangslos mit dem Wunsch nach einer sachlicheren Debatte abwechselst, wie Du alles Jüdische und Muslimische verbieten möchtest, wie Du von einer Gesellschaft träumst, in der es nur Deinesgleichen gibt, aber dann genau das wiederum den rechten Kräften im Land ankreidest.

Vielleicht solltest Du Dir mal von einer Katholikin, die Dir immerzu schweigend gelauscht und sich geduldig beleidigen lassen hat, Nachhilfe in Sachen Liberalität geben lassen.

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Das Innen-Außen-Problem

Viele Religionen die ein Problem mit der Vermittlung ihrer Position nach Außen haben, haben in Wirklichkeit ein anderes Problem: sie verwechseln konsequent ihre internen und externen Konflikte miteinander und liefern damit versehentlich den falschen Personen die richtigen Argumente

Der IS und der Islam

Ein gutes Beispiel dafür ist z.B. ein Phänomen, das ich seit Monaten auf den Facebook-Pinnwänden meiner muslimischen Freunde und Kommilitonen beobachten kann: Videos sowie Bilder- und Textposts, die zusammengefasst die Aussage tragen, IS oder wie auch immer die Kollegen sich gerade genau nennen, sei nicht muslimisch, ihre Taten seien nicht muslimisch und die Anhänger verstießen gegen den Islam.

In der internen Logik ist dies ganz klar eine Ausgrenzungshaltung: man signalisiert damit den Tätern, dass man sie nicht nur in den eigenen Reihen nicht möchte, sondern sie haben sich quasi durch ihre Vergehen selbst exkommunizieren und es ist eine klare Ansage an andere Muslime, die sich in der internen Diskussion nicht ausreichend vom IS distanzieren. Das funktioniert mit dem Christentum genauso: Jemandem, der seine Frau betrügt, seine Kinder schlägt und vom Verkauf von unter unmenschlichen Bedingungen in Indien gefertigten Shirts für 1,50€ das Stück lebt, dem würde so mancher auch gerne sagen, er sei kein Christ.

Aber bei der Aussage, dass der IS nicht zum Islam gehöre entwickelt sich ein ganz eigenes Dilemma: Außenstehende greifen solche Argumente auf und bringen sie in den falschen Zusammenhang. Selbsternannte Islamexperten und Integrationsromantiker sagen nämlich ebenfalls, IS habe nichts mit dem Islam zu tun, meinen damit aber, dass es unfair sei in Deutschland lebende Muslime in irgendeiner Form damit in Verbindung zu bringen und sei es nur dahingehend, von ihnen gewisse Präventionsmaßnahmen im Hinblick auf den eigenen Nachwuchs zu erwarten.

Natürlich ist der IS Kilometer weit entfernt von dem, was verantwortungsbewusste Imame in irgendeiner Moschee auf der Welt predigen. Aber das ändert nun mal überhaupt nichts daran, dass der IS eine sich aus dem Islam ideell und personell speisende Bewegung ist. Daher wird sich auf die Dauer die Radikalisierung von muslimischen Jugendlichen – und das überall – eben auch nur durch Maßnahmen in und von den muslimischen Gemeinden reduzieren lassen, wie es eben teilweise auch schon geschieht.

„ISIS gehört nicht zum Islam, daher werden wir alles versuchen zu verhindern, dass sie den Namen des Propheten und unsere Kinder für ihre Taten missbrauchen.“, ist daher eine Variante dieses Statements, die man so auch von verschiedenen in der Öffentlichkeit stehenden Muslimen hören kann.

Aber leider bildete sich über die vorab geschilderte Rezeption durch selbsternannte Freunde des Islam die Variante „ ISIS gehört nicht zum Islam“, mit dem unausgesprochenen Subtext: „Deshalb brauchen wir uns auch nicht zu rechtfertigen oder gar irgendetwas dagegen zu tun, und wer mir damit kommt, ist ein Rassist.“ Und die ist einfach nur eine lahme Entschuldigung.

Wer es ohnehin zum Ziel hat, dem Islam ans Bein zu pinkeln, findet in der Aussage ebenso seinen Ansatzpunkt, indem er es prinzipiell als ein Statement auffasst, hinter dem sich der Muslim an sich verstecke, der IS heimlich bewundere. Die Trope ist somit gleich zweifach nach hinten losgegangen.

Natürlich werden die muslimischen Gemeinden im Westen nicht alleine in der Lage sein, den Terror zu beenden und ganz gewiss sind sie auch nicht, oder zumindest nicht vollständig, schuld daran. Jedoch sind sie in der Position, an der Grundlage zu arbeiten und etwas zu ändern. Sie dabei zu ermutigen und notfalls auch zu ermahnen muss im Rahmen einer pluralistischen Gesellschaft möglich sein, jedoch brauchen sie, gerade sie, deren Verwandte und Kinder selbst am allermeisten unter dem islamischen Staat zu leiden haben, kaum jemanden, der ihnen dessen Brutalität andauernd unter die Nase reibt.

Die katholische Kirche als Spielplatz für Religionskritiker

Aber betrachten wir weitere Beispiele für die Vermischung interner Diskussionen mit externer Selbstdarstellung. Die katholische Kirche ist reich daran, es gibt wohl kaum ein internes Problem der Kirche, das nicht genüsslich von Außenstehenden ausgewalzt wurde, selbst wenn es diesen vollkommen schnurzepieps egal sein kann, da es wirklich nur Katholiken – oder gar einen Teil davon – betrifft. Da sind zum Beispiel die ganzen Humanisten die sich über die Unmenschlichkeit des Zölibats aufregen, oder die Kollegen, die sich mit dem Limburger Bischof in seine schöne neue, sündhaft teure Badewanne legen wollten, um uns unsere plötzlich wiederentdeckten christlichen Moralvorstellungen vorzuhalten.

Nur: Wenn Katholizismuskritiker Katholiken Probleme unter die Nase reiben, mit denen dieselben gerade intern ringen, dann stehen die Katholiken – im übrigen genau wie Muslime, wenn sie mit ISIS konfrontiert werden – in einer Zwickmühle: Sollen sie nun ihre Religion verteidigen, mit der sie sich identifizieren und die ihr Leben erfüllt, oder sollen sie darüber aufklären, dass man sich des Problems bewusst ist und dass sie durchaus mit dem Kritiker in Teilen übereinstimmen? Das Ergebnis ist dann meist ein ziemlich unguter Mischmasch, leicht angreifbar und nach Belieben in die eine oder andere Richtung zitierbar.

Denn weder der Islam noch der Katholizismus haben in den letzten Jahrhunderten ausreichend Übung darin gewinnen können, sich in einer Gesellschaft mit einer pluralistischen Öffentlichkeit zu bewegen, vor allem nicht in einer, die zahlreiche ihnen vom Prinzip her feindselig gesinnte Personen umfasst.

Das leidige Thema Israel

Das Judentum hingegen hat diese Übung sehr wohl und musste zusätzlich aus den mehr als nur schlechten Erfahrungen von Jahrtausenden und besonders der letzten Jahrhunderte – gerade im Antisemitismus des 19. und 20. Jahrhundert gab es einen regen Ideenaustausch mit der innerjüdischen Diskussion – lernen, dass man seine inneren Streitigkeiten besser unter sich ausmacht. Hierbei gibt es jedoch heutzutage eine unrühmliche Ausnahme, den Zionismus nämlich. Immer öfter kann man beobachten, dass einige israelische, aber auch nicht-israelische Juden sich von verschiedenen, zumeist nichtjüdischen antizionistischen Bewegungen als Kronzeugen vor ihren Karren spannen lassen – und zwar selbst dann, wenn es dort nicht beim Antizionismus bleibt (falls man Antisemitismus und Antizionismus überhaupt sauber trennen kann). Denn zwischen den weltanschaulichen, religiösen oder rein praktischen Gründen, aus denen Israelis und bzw. oder Juden den israelischen Staat grundsätzlich oder nur teilweise kritisieren, auf der einen Seite und Einstellungen vom Format „Israel ist ein Schandfleck auf der Landkarte und nur noch durch die Atombombe in Ordnung zu bringen“ auf der anderen besteht dann doch ein feiner Unterschied.

Während Mitglieder ihre eigene Religion durchaus differenzierter und mit einem Blick für die Umsetzung in der Praxis kritisieren, formen, verhandeln, werden sie von außen, bisweilen sogar absichtlich, missverstanden und für eine Sache vereinnahmt, der sie so gar nicht zustimmen können.

Die Obrigkeiten, die sich über dieses Problem oft wesentlich genauer im Klaren sind als die gelegentlich hoch schädlichen Einzelakteure im öffentlichen Diskurs (ich schaue da niemand Bestimmtes an, Frau Uta Johanna Ingrid Ranke-Heinemann), neigen dazu, auf das Problem zu reagieren, indem sie sich der Kritik von außen so gut wie möglich verschließen und immer nur dieselbe, konventionalisierte Version verbreiten. Aber auch das ist auf die Dauer nicht immer hilfreich, weil man dann als „vernagelt“ und „nicht kritikfähig“ abgestempelt wird.

Nicht zuletzt darf man sich der Kritik von Außenstehenden nicht vollkommen verschließen, da diese manchmal einen genaueren Blick für Probleme haben, die man im Betrieb selbst gar nicht so wahrgenommen hat.Wehrlose Opfer müssen möglicherweise von Außenstehenden unterstützt und zu ihrem Recht gebracht werden. Aber allzu oft sind es gar keine „wehrlosen Opfer“, derer man sich annimmt, noch viel öfter aber sind die Opfer vollkommen uninteressant im Vergleich zu der jeweiligen „Täterorganisation“, die man mit Legitimation der Opfer kritisieren kann.

Denn wer sich z.B. tatsächlich für die Sicherheit von Kindern vor sexuellen Übergriffen einsetzen möchte, der könnte auch gegen den Kontakt mit männlichen Verwandten jeglicher Art wettern und das mit einer wesentlich größeren statistischen Berechtigung. Wem die Menschenrechte der palästinensischen Bevölkerung so sehr am Herzen liegen, der könnte bei den Verbrechen der Hamas anfangen, und wer wirklich die Situation von Frauen verbessern möchte, dem böte sich die Möglichkeit zur Mitarbeit in diversen Frauenorganisationen an, die sowohl Frauen mit als auch ohne Kopftuch vor manipulativen und gewalttätigen Ehemännern, Vätern und Brüdern schützen.

Schon allein deshalb, weil sich die Kritiker oft für das eigentliche Problem einen feuchten Kehricht interessieren, sollte man es sich als „Insider“ dreimal überlegen, ob man sich mit solchen Leuten abgeben möchte, ohne dabei freilich vorhandene Probleme zu leugnen.

Das ist ein absurd schmaler Grad, der oft überhaupt nicht zu beschreiten ist, so sehr wird an beiden Seiten gezerrt.

Vielleicht sollte man als in die Kritik geratene religiöse Person, möglicherweise sogar als „Opfer“ öfter mal mit der Gegenfrage reagieren: Und was geht Sie das an? Wieso ist das Ihr Problem? Glauben Sie wirklich, auf die Hilfe von jemandem wie Ihnen haben wir gewartet?

Wir zahlen unsere Badewannen schließlich selbst!

Ein Kommentar

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Ironie und Religion (aktueller Anlass)

Ein Wort vorab: ich war (noch) nicht in dieser Ausstellung. Ich lese normalerweise nicht die AZ (ich war durch unglückliche Umstände gezwungen). Worum es mir eigentlich geht, ist die Einleitung des Artikels:

„Glaube und Religion sind grundsätzlich ironiefreie Zonen. Deshalb überrascht die neue Ausstellung im Jüdischen Museum zumindest im Titel mit Süffisanz: „Treten Sie ein! Treten Sie aus!“ heißt das Projekt, das sich mit Konversion, dem Wechsel des Glaubens, beschäftigt.“

Glaube und Religion ironiefreie Zonen? Und dann ausgerechnet, von allen Orten dieser Welt, im JÜDISCHEN Museum?! Woody Allen dreht sich vermutlich gerade im Grab um (aber mit dieser kleinen Bosheit dürfte ich ihn gleich wieder versöhnen ;)).

Doch fangen wir vorne an: Glaube und Religion. Glaube und Religion? Das sind zwei grundverschiedene Dinge, so wie Abwasch und Spüle oder Auto und Urlaub. Klar, irgendwie hängen sie zusammen und sie sind in ihrer Definition äußerst fragwürdig, aber keiner wird mir widersprechen: sie sind nicht das gleiche. Nun gebe ich Herrn Hejny recht: für mich ist Glaube eine derart unmittelbare, ja beinahe körperliche Erfahrung, dass sie im Augenblick, in dem sie sich ereignet, nicht ironisierbar ist, ebenso wenig wie ein Zehenbruch oder ein Orgasmus. (Dass sich über körperliche Verletzungen und Sexualität unendliche Scherze reißen lassen, deutet aber bereits auf das hin, worauf ich hinaus will). Aus diesem Grunde reagiere ich auch nur zögerlich auf die Frage, ob ich gläubig sei: wer 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche gläubig ist, ist meiner Meinung nach nicht ganz dicht und die Erfahrung von Glauben ist für mich zu intim, um sie jemandem Fremden auseinanderzusetzen.

Wie man nun auf die Idee kommt, dass Religion eine ironiefreie Zone sei, ist mir derart schleierhaft, es ist schlichtweg so falsch, dass nicht einmal das Gegenteil davon stimmt. Natürlich nehmen viele Leute ihre Religion auf eine Art und Weise ernst, die es ihnen nicht ermöglicht, in irgendeiner Form ironische Distanz zu erlangen. Dies ist auch die Sorte Leute, die für ihre Religion Kriege vom Zaun brechen, sich und/oder andere in die Luft sprengen, oder Andersdenkende vom Prinzip her mit Verachtung strafen, ja schlichtweg leugnen, dass es überhaupt verschiedene Standpunkte gibt, von denen aus die Welt sich betrachten lässt, wie die Wissenschaft z.B. (you get the point).

Genau diese Aggressivität aber, diese Engstirnigkeit ist oft eine der vielen Möglichkeit, wie Religiöse auf Vorwürfe und Verunsicherungen von Außen, auf Zwiespälte, Diskrepanzen und Zweifel von Innen reagieren.

Eine andere Möglichkeit ist die ironische Distanz, die spielerische, sofort wieder zurückgenommene Blasphemie, die scherzhafte Überbetonung des von Außen an einen herangetragenen Klischees.

Meister dieser Disziplin waren gewiss die Juden des 19. und frühen 20. Jahrhunderts bis heute – so sehr, dass die stereotype Vorstellung, Juden hätten jüdischen Humor wiederum Gegenstand dieses Humors geworden ist. (Bitten Sie nur einmal, einen engagierten, praktizierenden Juden darum, Ihnen einen jüdischen Witz zu erzählen, mitunter werden Sie eine sehr ironische Antwort erhalten).

Ich las einmal in einer Publikation, dies sei die Folge eines jüdischen Selbsthasses und Unbehagens über die eigene gesellschaftliche und weltanschauliche Rückständigkeit, das sich schließlich praktisch im liberalen Judentum umsetzte, welches in seinen Anfangsformen vor lauter Assimilationswilligkeit fast zu einer Art jesuslosen evangelischen Kirche wurde, eine Entwicklung die mittlerweile in vielen Gemeinden revidiert wurde (Auf Wunsch kann ich die Belegstelle heraussuchen).

Ich halte dies für ein Missverständnis. Die ironische Selbstbetrachtung ist meiner Meinung nach kein Selbsthass, sondern vielmehr genau deren Gegenteil: es ist die gegenseitige Rückversicherung innerhalb einer eingeweihten Gruppe, sie drückt Solidarität im Schmerz, Zweifel und Zorn aus. Da nur die Eingeweihten die Ironie verstehen können, bietet sie Schutz nach Außen, da sie dem Sprecher sofort ermöglicht, vom Inhalt zurückzutreten, bietet sie Schutz nach Innen: man kann sich durch den Humor emotional distanzieren.

Tauschen also meine Katholische Freundin und ich uns über die besten Plätze für Hexenverbrennungen aus oder treten in einen Wettbewerb, wer von uns prüder oder ungebildeter ist, dann drücken wir damit nicht aus, dass wir uns heimlich selbst dafür hassen, Hexen zu verbrennen, prüde und ungebildet zu sein, sondern wir teilen unsere Trauer darüber, ständig mit solchen Klischees konfrontiert zu sein.

Dies funktioniert auch interkonfessionell:

Ich führe z.B. gerne zum Schein heftige Streitgespräche mit evangelischen Freunden; zwischen uns ist klar: wir freuen uns daran, dass wir uns so kompetent zwischen unseren Konfessionen bewegen können und daran, dass wir bestimmte typische Vorwürfe überwunden haben, indem wir uns genau diese mit ironischer Übertreibung an den Kopf werfen. (Übrigens haben einmal zwei ehrlich bestürzte Muslime auf einer interreligiösen Dialogveranstaltung versucht, einen solchen „Streit“ zwischen einer Lutheranerin und mir zu schlichten).

Interreligiös:

Wenn mein jüdischer Freund und ich uns über die geschwollen-redundante Sprache des alten Testaments mit ihren unendlichen Genealogien lustig machen, indem wir sie imitieren, um Banalitäten zu formulieren, kommunizieren wir dabei nicht, dass wir innerlich eigentlich unsere Religion ablehnen, sondern verhandeln unsere Schwierigkeiten mit diesen unzugänglichen Stellen, die wir trotzdem ernst nehmen wollen oder müssen und versichern uns, dass wir diese Probleme teilen und dass sie nicht von unserer Dummheit herrühren.

Auch meine allerbeste Freundin, eine Atheistin, kann sich mit mir ironisierend über meine Religion lustig machen, ohne, dass ich mich auch nur annähernd verletzt fühle: kommuniziert wird, dass sie die Klischees der anderen durchschaut und zumindest mich davon ausnimmt, ich hingegen kann mit ihr meine intellektuelle Abgrenzung von anderen Religiösen und meine Unsicherheiten und Zweifel kommunizieren, ohne dabei einen Seelenstriptease hinzulegen oder ein übertrieben großes Fass aufzumachen – nicht immer sind diese in existentielle Krisen integriert, sondern stoßen einem eben von Zeit zu Zeit unangenehm auf.

Definitiv hat also die Ironie einen Platz in der Kommunikation des Religiösen, einen sehr wichtigen sogar.

Aber die Religion ist doch sicher dennoch ein rein ernstes Thema?

Ja und Nein. Denn es ist ein typisch deutscher Denkfehler, zu glauben, dass Humor bedeutet, dass man nicht ernst ist.

Einer meiner Lieblingsbräuche des Katholizismus ist der risus paschalis – das Osterlachen. Der Priester sorgt dafür, dass die erste Gefühlsregung der Gemeindemitglieder nach der anstrengenden Fastenzeit und der psychisch aufreibenden Karwoche ein Lachen ist: mit einem Witz oder einer Slapstickeinlage. Idee ist auch, dass die Lebensfreude der Menschen eine (vor-)witzige Reaktion des Menschen auf den ihm dräuenden Tod ist, die sie sich erlauben können, weil sie letztlich glauben, dass der Tod nur Schein und für immer besiegt ist.
Klingt das, als wäre es nicht ernsthaft?

Im Buddhismus ist der Humor eine Möglichkeit, von der Unerträglichkeit des irdischen Daseins und der Wichtigkeit der eigenen Person zurückzutreten (dafür ist die (Selbst-)Ironie als Humorform natürlich prädestiniert), Sachlichkeit, Neutralität und Ausgeglichenheit zu finden. Ich kann mir nichts Ernsteres vorstellen. Außerdem ist er eine Reaktionsmöglichkeit auf die dem Buddhismus inhärenten Paradoxa.

Auch im Christentum wird auf Paradoxa mit Humor reagiert, wie dieses Meme beweist:

Are you there, Dad? It's me, you!

Aber lassen Sie mich zum Abschluss einen Witz erzählen:

Ein Pfarrer, ein Imam und ein Rabbiner lesen die AZ…

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