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Wer Kinder liebt, pfeift auf Kindergottesdienste

Heute werden zahlreiche regelmäßige Gottesdienstbesucher den Pfarrgemeinden fernbleiben. Es ist Weißer Sonntag, aka Kinderbibelspieltag feat. Erstkommunion. Kindergottesdienste sind schon für Erwachsene kaum zu ertragen. Wieso tun wir das unseren Kindern an?

Es ist ein Schauspiel, bei dem man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll. In den Bänken sitzen hibbelige Buben, Mädchen und Eltern herausgeputzt für ihren großen Tag, vorne hüpft eine Mittvierzigerin in langen Röcken herum und singt schief „Fürchte Dich nicht“. Dann treten die Kinder der Reihe nach vor und verlesen in schleppendem Ton Fürbitten, die sie selbst nicht geschrieben haben, die aber angeblich ihre Sorgen und Nöte aufgreifen. Für gegen den Klimawandel. Für gegen einsame Kinder. Für gegen Krieg in Syrien. Ein Kind heult, weil es sein Sprüchlein vergessen hat. Aufruhr im Altarraum. Nach dem läppischen Spektakel haben die Kinder zwar Erstkommunion gehabt, aber wie ein normaler Gottesdienst aussieht, wissen sie immer noch nicht. Ebenso wenig könnte man behaupten, sie seien nun Teil der Gemeinde. Die war nämlich nicht da, weil sie im Pfarrbrief gelesen hat, dass Kindergottesdienst ist. Die Besucher der Kindergottesdienste bilden in den Pfarrgemeinden eine sorgsam herangezüchtete Parallelkultur. Wer Veranstaltungen für Familien organisieren möchte, begibt sich entweder auf das Niveau „Malen und Klatschen“ oder stößt auf Unverständnis. Die Liturgie wird für diese Veranstaltungen bis zur Unkenntlichkeit verbogen und zerstückelt. Ein Pfarrer, der da nicht mitmachen möchte, stört im Zweifelsfall nur die Harmonie und wird dann eben zum Gottesdienstgültigmacher degradiert.

Alters-Segregation und ihre Folgen

Die Botschaft dieser degenerierten, pädagogisch vorgekauten Eucharistiefeiern ist fatal: Wenn es spezielle Gottesdienste für Kinder bzw. Familien gibt, dann muss ja mit den „normalen“ Gottesdiensten etwas nicht stimmen, sie müssen schädlich für Kinder sein oder zumindest sind Familien dort nicht erwünscht. Die meisten Familien, die man bei den Kindergottesdiensten sieht, sieht man dann folgerichtig an anderen Sonntagen nicht. Es wirkt, als wolle man der Gemeinde die Kinder nicht zumuten und den Kindern die Gemeinde nicht. Etwas, das dafür gedacht war, Kindern den Gottesdienst nahezubringen, hat schon längst dazu geführt, dass Kinder vom Gottesdienst ferngehalten werden.

Wir sollten doch eigentlich froh sein, wenn auf den Fluren unserer Gotteshäuser lärmend Kinder auf- und abziehen. Nicht nur bedeutet das, dass es in der Gemeinde überhaupt noch Kinder gibt, sondern die Kinder wachsen auch mit dem Rhythmus und der Ästhetik des „richtigen“ Gottesdiensts auf. Da wird nicht gemalt und geklatscht, es spielt die Orgel statt dem Keyboard und gelegentlich muss man auch mal stillsitzen.

Dabei erbringen die Gottesdienste nicht einmal den intendierten Nutzen. Angesichts der schwindenden Zahl der Täuflinge, Erstkommunikanten und Firmlinge in Deutschland müssten sich die Kinderbeglücker eigentlich in die Stille Ecke stellen. Religionsgemeinschaften, die weiterhin wachsen, weisen hingegen meist kein überragendes religionspädagogisches Konzept auf. Oder glauben Sie, die Moschee in Ihrer Nähe bietet Mitmachgottesdienste für coole Kids an?

Wenn Sie mal in einer Synagoge, einer Moschee, einer (wie auch immer gearteten) orthodoxen oder einer evangelikalen Kirche gewesen sind, dann werden Sie bemerkt haben, dass nicht nur genauso viele Kinder da sind wie bei uns im Kindergottesdienst, sondern dass sich auch niemand nur das Schwarze unterm Fingernagel darum schert. Warum? Weil die Eltern nicht in einer Parallelwelt leben, sondern in der Gemeinde. Weil die Gemeinde die Kinder nicht nur erträgt, sondern als Teil ihrer selbst betrachtet und deshalb niemand auch nur das Konzept Kindergottesdienst verstehen würde. Für die Kinderkatechese gibt es Veranstaltungen wie Sonntags-, Freitags- oder Sabbat-Schulen, Kinderpredigten die parallel zur Predigt im Gottesdienst stattfinden (ein Konzept, das es freilich auch in katholischen Gemeinden gibt) oder halt eben: nichts. Die grundlegende Haltung ist, dass die Kinder sich im Laufe der Jahre schon an die Gebetszeiten oder Gottesdienste gewöhnen würden. Da muss man sich schon die Frage gefallen lassen, wieso wir als einzige glauben, unsere Kinder seien zu blöd für ihre eigene Religion.

The 80s called. They want their youth culture back.

Kommen wir zurück auf die Mittvierzigerin im Altarraum. Sie würde sich selbst als junggeblieben bezeichnen und das ist sie auch. Nämlich geistig in den Achtzigern hängen geblieben. Sie romantisiert den Zeitvertreib ihrer Jugend und glaubt, dass immer noch cool ist, was sie damals cool fand. (Im Zweifelsfall das, was ihre Mitte der Sechziger sozialisierten Betreuer cool fanden). Damit es jeder merkt, nennt sie es auch „cool“. (Es gibt nämlich bekanntlich nichts Cooleres, als zu sagen, dass man cool ist.) Diese Leute lassen wir dann auf eine Generation los, die heimlich zwischen zwei Runden Zeitungsschlagen auf dem Klo ihrem Fuckboy snapchattet.

Keiner kann ernsthaft erwarten, dass Teenager beispielsweise eine Pastoralreferentin – eine Person, die so lame ist, dass sie Theologie studiert hat, aber nicht einmal das gescheit – als Gegenüber auf Augenhöhe geschweige denn als Freundin wahrnehmen. Die gesamte Klatschen-und-Malen-Fraktion mit ihrer Fairtrade-Schokolade und ihren Trekkingsandalen kann schon froh sein, wenn sie als Autorität durchgeht. Und selbst diese Rolle ist man nicht bereit auszufüllen. Nein, den Meinungen der Jugend gegenüber präsentiert man sich butterweich. Konfrontation wird gescheut, Positionen nicht bezogen. Egal wie weit sich der Teenager aus dem Fenster lehnt, man reagiert mit Verständnis. Man ist ja froh, wenn er mitmacht und genau diese unterwürfige Position vermittelt man ihm auch. Wer soll eine Kirche ohne Rückgrat ernst nehmen?

Jedem Teenager, der sich unter diesen Umständen nicht firmen lässt, kann man nur gratulieren: Denn wenigstens beweist er Rückgrat und lässt sich nicht mit Geschenken bestechen. Letztere sind nämlich der Grund, wieso sich Jugendliche diese unwürdige, nach Verzweiflung und Selbstbetrug stinkende Dilettantenshow reinziehen, die wir Firmvorbereitung und -gottesdienst nennen.

Das einzige, wonach sich heutige Generationen sehnen, Authentizität, gibt man ihnen nicht. Und sie selbst können sich diese Authentizität auch nicht zurückholen. Sie wüssten nicht wie, weil sie ja von Kindesbeinen an nie in einem normalen Gottesdienst waren und keiner ihnen beigebracht hat, wie man sich dort verhält, geschweige denn wie so etwas funktioniert.

Wo Kindergottesdienst ist, leiden die Eltern am meisten

Die Religiosität derer, die eigentlich die wichtigste Rolle bei der Sozialisation ihrer Kinder spielen sollten, die der Eltern, wird hingegen nicht im Geringsten angesprochen.

Gerade ihnen sollte man die Teilnahme am Gottesdienst doch erleichtern. Sie könnten ihn ganz bewusst als ihre Erwachsenenzeit etablieren, die Eltern doch oft so dringend brauchen. Aber nein. Sie haben die Wahl: Entweder sie sitzen als einzige mit Kind in einem normalen Gottesdienst und werden ob der unvermeidlichen Lautstärke böse angeguckt, oder sie verbringen die nächsten 17 Jahre damit, religionspädagogische Hits aus den Siebzigern zu den schiefen Klängen der debil grinsenden geriatrischen Jugendband zu singen. Auf mehrstündige Festgottesdienste müssen sie dafür komplett verzichten. Auch hier hilft der Blick in andere Religionen: Charismatische Konfessionen oder Synagogen bieten z.B. für die aufwändigeren Feiertage Kinderbetreuungen an, damit die Eltern auch diese mitfeiern können. Aber wer interessiert sich schon für die Religionsausübung von Erwachsenen?

Gerade hier liegt der Hund begraben. Unsere Religionspädagogik ist geschaffen, um imaginierte Kinder- und Jugendwünsche zu erfüllen und nicht dafür, unsere Kinder und Jugendlichen zu kompetenten, religionsmündigen Erwachsenen zu machen. Sie hält Kinder und Jugendliche gezielt uninformiert und klein, damit sich eine ganze Kaste von pädagogischen Drohnen möglichst lange an ihnen abarbeiten kann.

Wie unzureichend sie das auf ein Leben als Christ vorbereitet, zeigt die gähnende Leere in unseren Kirchenbänken.

Schafft die Kindergottesdienste ab. Und lasst die Kinder wieder in die Gottesdienste.

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Der Katholik als nützlicher Idiot

Je näher die US-Wahlen rücken, desto erstaunlichere Entwicklungen zeigen sich innerhalb der katholischen Stimmen zu eben diesem Thema. Plötzlich ist Hillary Clinton in der katholischen Berichterstattung ein Monstrum, das sich nicht entscheiden kann, ob es lieber erst Kinder oder Kirchen fressen will. Gerade als nicht-amerikanische Katholiken sollten wir darauf achten, wessen Karren wir hier eigentlich ziehen.

Donald Trumps Felle schwimmen davon. Auch, wenn deutsche Linke sich gerne weiterhin einreden wollen, dass die USA tatsächlich den Leibhaftigen auf den Thron eines Landes setzen würden, der für sie das säkulare Äquivalent zur Hölle ist, sieht es momentan nach krachendem Scheitern aus.

Die Katholiken sind Trumps letzte Hoffnung

Wer, fragt er sich, soll ihn jetzt noch wählen? Frauen jedenfalls fallen aus – nur noch ein sehr geringer Teil der Amerikanerinnen ist blöde genug, jemanden zu wählen, der sie für eine Mischung aus Schoßhund und Gummipuppe hält. Auch bei anderen Gruppen mit „spezifischen“ Interessen, also beispielsweise Schwarzen, Immigranten, chronisch Kranken, etc., kann Trump keinen Blumentopf mehr gewinnen. Wäre da noch die eine Gruppe in den USA, um die sich sonst nie einer auch nur das Schwarze unterm Fingernagel schert: die Katholiken.

Katholiken haben einen Ruf als SwingVoters. Auf der einen Seite neigen sie zu konservativeren Ansichten in Themen wie der Außenpolitik, Frauenrechten, Religions- und Familienpolitik, auf der anderen Seite gibt es in den Familien von Polen, Italienern, Iren und Latinos noch so etwas wie ein „Milieu“-Gedächtnis. Dass sie als arme Arbeiter in die USA kamen, ist in der Regel nicht viel mehr als hundert Jahre her. Daher sympathisieren sie ähnlich wie die jüdische Milieus der USA, die aber keine derart große statistische Signifikanz aufweisen, zugleich mit Politikern, die sich eben dieses Arbeitermilieus annehmen und für die Armenvorsorge eintreten und haben ein generelles Misstrauen gegenüber sogenannten WASPs (White Anglosaxon Protestants), denen sie im besten Falle vollkommen Wurst sind. Mit Ausnahme von Kerry und Kennedy haben die Katholiken seit dem Krieg auch keine Gelegenheit mehr bekommen, bei einer Präsidentschaftswahl für etwas anderes als das in Bezug auf ihre Belange kleinere Übel zu stimmen.

Kurz: Katholiken sind der einzige größere Bevölkerungsanteil, bei dem Trump eventuell noch was reißen könnte. Und das versuchen er und seine in- wie ausländischen Unterstützer nun mit aller Macht zu reißen

Catholic Nightmare before Election

Da kommen also – whoopsie – ausgerechnet eine Woche, nachdem Trump auf der 18th Annual Catholic Leadership Conference in Colorado der katholischen Sache, was auch immer er dafür halten mag, seine uneingeschränkte Unterstützung ausgesprochen hat, diese Clinton-Emails auf Wikileaks heraus.

Die katholische Welt dreht voll auf – ganz besonders die deutsche, die sich von diesen Emails deshalb so sehr getroffen fühlt, weil sie ein Ziel formulieren, das für sie in Deutschland schon der gefühlte Ist-Zustand ist. Laienverbände sollen gezielt eingesetzt werden, um die als veraltet dargestellte Moral der Kirche auszuhöhlen. Alte und liebgewonnene Begriffe der katholischen Intellektualität werden verhöhnt. Diese Emails sind geradezu dafür designt, sich tief ins Herz konservativerer Katholiken zu bohren

Vladimir, ick hör dir trapsen

Designt? Schon vor dem Auftauchen jener Emails, die sich auf Katholiken kaprizieren, erklärten die Demokraten, die Emails auf WikiLeaks seien möglicherweise russische Erfindungen. Die russische Regierung, daran lässt sie selbst keinen Zweifel, will Trump als Präsidenten sehen.

Dafür die katholische Kirche zu benutzen bietet für sie gleich mehrere Vorteile: Selbst, wenn die amerikanischen Katholiken sich nicht davon überzeugen lassen, einen protestantischen Frauenversteher von Schrott und Korn wie Trump ins Amt zu wählen, kann man über die Skandale und Skandälchen, die man Hillary Clinton anlastet, das Vertrauen der Katholiken in die amerikanische Regierung weltweit nachhaltig erschüttern.

Die Katholiken verbreiten solche Nachrichten auch noch komplett von selbst, da sie praktischerweise über ein weltumspannendes Mediennetzwerk verfügen. Auf diese Weise greift Russland also nicht nur in den amerikanischen Wahlkampf ein, sondern überzeugt gleichzeitig Millionen von Katholiken, dass die Amerikaner ihre angestammten Feinde seien, obwohl die Russen selbst im eigenen Lande alles tun, um religiösen Minderheiten auf die Füße zu treten.

Dieser Effekt tritt selbst dann ein, wenn diese Emails echt sein sollten. Deutsche Katholiken tendieren auch dazu zu glauben, dass sie in den USA politisch und im generellen Ansehen eine ähnliche Rolle einnähmen wie in Deutschland. Tatsächlich gehen sie aber WASPs, die wie Hillary Clinton auf ein links angehauchtes, mit Frauenrechten und Multikulturalismus beschäftigtes College-Milieu abzielen,  komplett am Arsch vorbei. Wenn Hillary Clinton für Abtreibung ist, dann ist sie nicht gegen die katholische Kirche, sondern für Frauenrechte. Deshalb ist ihre Aussage, sie habe 2003 gegen das Verbot von Teilgeburtsabtreibungen gestimmt, weil die Situation der Frau nicht berücksichtigt worden sei, nicht ausweichend, sondern schlichtweg glaubwürdig. (Und nein: ich gebe ihr nicht Recht. Es geht mir nur darum, dass sie damit nicht gegen die Pro-Life-Bewegung argumentiert, sondern an ihr vorbei). Um gegen die katholische Kirche zu sein, müsste Hillary sich erstmal überhaupt für die katholische Kirche interessieren. Das ist es, was in Verbindung mit ihrer perfekten Abstimmung auf meist ausschließlich intern diskutierte katholische Angstthemen diese Emails so unglaubwürdig macht.

Es stimmt, es gibt keinen Grund für einen Katholiken, Hillary Clinton zu wählen.

Aber Trump? Meint ihr das Ernst? TRUMP?

Aber stellen Sie sich mal vor, der große Retter und Beschützer der ungeborenen Kinder, Donald Trump, würde mit einer Nicht-Ivana-Frau schlafen und ihr ein Kind machen. Denken Sie ernsthaft, er würde ihr dann sagen, dieses Kind sei ein Geschenk Gottes, das sie aufziehen müsse und das er lieben werde?

Kaum. Aber er sähe kein Problem damit, sie nach erfolgter Abtreibung dafür auch noch ins Gefängnis zu stecken.

Trump ist nicht Pro-Life oder für die Katholiken, er ist kein starker Beschützer vor dem Islamismus oder ein Verbündeter Deutschlands. Trump ist Pro-Trump, er ist ein Beschützer Trumps und ein Verbündeter Trumps. Moral ist keine Kategorie für ihn.

Ein solches Individuum unterstützt jeder Katholik, der Hillarys „Vergehen“ aufbläst.

Nicht nur das: er unterstützt auch Vladimir Putin und seinen Staat, in welchem es Katholiken hundertmal dreckiger geht als in den USA. Als nicht-amerikanische Katholiken sollten wir über den Tellerrand amerikanischer Innenpolitik hinwegsehen und verstehen, dass wir in den USA einen Verbündeten haben, der uns weltweit schützen kann.

Wer sich so sehr austricksen lässt, dass er vor Abtreibungskliniken in den USA mehr Angst hat als vor Tyrannen wie Putin, Assad und Erdogan, wer eine politische Destabilisierung eines der für Katholiken bei allen Problemen immer noch bequemsten Länder dieser Erde in Kauf nimmt, weil er sich persönlich von einer Präsidentschaftskandidatin beleidigt fühlt, der ist kurzsichtig.

Und ein nützlicher Idiot.

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Aus gegebnem Anlass: Vegetarismus als christlicher Wert?

Kurt Remele geistert derzeit durch meine Timeline (Hier im Interview mit katholisch.de ) : wer christlich ist, so seine Ansicht, müsste eigentlich mindestens Vegetarier sein.Eine kritische Einlassung.

Fleischkonsum als „Lesart“?

Als Erstes möchte ich darauf eingehen, dass Herr Remele die Erlaubnis zum Essen von Tieren eine „Lesart“ der Bibel nennt, neben der es auch andere „Lesarten“ gebe.

Tatsächlich gibt es Hinweise für die These, dass Adam und Eva Vegetarier waren. Einige Lehrer des Judentums gehen davon aus, dass das auch nach dem Sündenfall so blieb. Auch die Geschichte darüber, dass Noah die Tiere vor der Sintflut rettet scheint zunächst einmal ein Vorläufer des modernen Artenschutzes zu sein. Doch leider zerschlägt gerade der Bund, den Noah anschließend mit Gott schließt diese Hippie-Phantasien: Gott erklärt explizit Noah, dass er Fleisch essen darf, so lange es kein Blut enthält.

3 Alles Lebendige, das sich regt, soll euch zur Nahrung dienen. Alles übergebe ich euch wie die grünen Pflanzen.4 Nur Fleisch, in dem noch Blut ist, dürft ihr nicht essen.5 Wenn aber euer Blut vergossen wird, fordere ich Rechenschaft, und zwar für das Blut eines jeden von euch. Von jedem Tier fordere ich Rechenschaft und vom Menschen. Für das Leben des Menschen fordere ich Rechenschaft von jedem seiner Brüder.“ (1. Buch Mose 9)

Um das als „Lesart“ abzutun, diese neuralgische Stelle, an der die für alle Menschen geltenden Noachidischen Gebote eingesetzt werden, muss man schon ein besonderes Maß an Wunschdenken an den Tag legen.

Natürlich sagt die Stelle nicht, dass man Fleisch essen muss. Aber sie sagt eindeutig, dass man es darf. Im Gegensatz zu vielen „alttestamentarischen“ Geboten, Erlaubnissen und Gesetzen gibt es hierzu auch keine überlieferte kritische Bemerkung Jesu.

Rein auf der Basis des Evangeliums ist der Fall somit vollkommen klar. Wer das für eine „Lesart“ hält, der kann genauso gut die monogame Ehe als Lesart bezeichnen. Es gibt vielleicht hier und da ein Gegenbeispiel, aber mehr Stellen, die keinen Zweifel offen lassen.

Ganz nebenbei gibt es auch eine einfache theologische Begründung, wieso Tiere und Menschen nicht auf einer Stufe stehen: Tiere haben nun einmal keine Seele. Wer meine Ausführungen zum Mensch-Tier-Verhältnis im Christentum und in der zeitgenössischen westlichen Gesellschaft noch nicht kennt, kann dies hier nachlesen.

Natürlich kann, wer das aus moralischen oder anderen Gründen möchte, vegetarisch oder vegan leben. Das ist mir offengestanden vollkommen Wurst. Aber man kann nicht behaupten, dass es christlich sei. Denn das ist nämlich einfach nicht zu belegen.

Wieso Vegetarismus nicht funktioniert und Veganismus eine Luxuserscheinung ist

Wenn man Katholik ist, muss man sich natürlich nicht nur an das halten, was in der Bibel steht. In unserer Religion gibt es viele außerbiblische Traditionen und Regelungen. Wäre es denn vertretbar, Gläubige zum Vegetarismus anzuhalten? So lange wir davon ausgehen, dass die Kirche den Anspruch hat, die moralische Richtschnur für die gesamte Gesellschaft darstellen zu können nicht.

Warum nicht? Das Problem liegt wie so oft in der Praxis. Denn beim Ovo-Lacto-Vegetarismus müssen Tiere gehalten werden, um Milch und Eier zu produzieren. Wenn Mama Huhn aber Eier legt und Mama Kuh ein Kälbchen bekommt, dann sind darunter in der Regel auch Männchen. Und Männchen haben zwei schlechte Eigenschaften: erstens geben sie weder Eier bzw. Milch, zweitens kann man sie nicht in Gruppen zusammenhalten, sonst gehen sie sich an die Gurgel. Man schlachtet sie also oder kastriert sie und mästet sie fett, um sie dann zu schlachten. Wollte man alle männlichen Nachkommen seiner Nutztiere in Einzelhaltung bis zu ihrem Tode pflegen, wären Milch und Eier quasi unbezahlbar, ebensowenig ist es realistisch dass jedes dieser Männchen seinen Harem bekäme. Vegetarismus kann also immer nur für einen Teil der Bevölkerung funktionieren, die sich darauf verlässt, dass der Rest der Bevölkerung ihnen den Tiermüll wegisst. Folglich verantwortet man als Vegetarier stets die Schlachtung überflüssiger männlicher Tiere mit. Diese Kleinigkeit ist vielen Vegetariern nicht bewusst, weil sie in von der Lebensmittelproduktion dissoziierten Wohlstandsgesellschaften leben. Man könnte meinen, dass Personen, die öffentlich Aussagen über die soziale Verantwortung des Menschen gegenüber Tieren treffen, so etwas wissen. Aber hier geht es ja um Sozialethik und nicht um die Realität. Man kann also aus kirchlicher Sicht, mit einem gesamtgesellschaftlichen Anspruch, nicht befürworten, dass wir alle Vegetarier werden, konsequent wäre lediglich Veganismus.  Man könnte allenfalls fordern, dass der Konsum reiner Fleischtiere (Schweine z.B.) eingestellt würde.

Bleibt noch der Veganismus.

Lassen wir einmal die Behauptung dahingestellt, dass mit entsprechendem Wissen Veganer sich ohne „künstliche“ Zuführung von Eiweiß, Eisen und anderen potentiellen Mangelstoffen gesund ernähren können. Ich bin kein Ernährungswissenschaftler und kann das nicht beurteilen. Träger dieser Stoffe sind beispielsweise Hülsenfrüchte (dazu zählen auch Erdnüsse und Soja), Nüsse und einige Gemüsesorten wie Avocados. Und wieder stehen wir vor dem Problem der Globalität der Kirche: Für viele Christen ist der Zugang zu solchen Lebensmitteln so gut wie unmöglich, entweder weil ihre Gebiete an den globalen Markt noch nicht angeschlossen sind, oder weil sie sich diese nicht leisten könnten. Dazu kommt noch dass selbst bei der Möglichkeit einer veganen Ernährung mit lokalen Mitteln Veganerinnen ihre Kinder nicht stillen können und dann keinen Zugang zu Ersatzprodukten für Muttermilch hätten. Kann die Kirche wirklich etwas zu ihrem moralischen Anspruch machen, das sich nur ein geringer Bruchteil ihrer Gläubigen überhaupt leisten kann? Ganz abgesehen davon, dass es fragwürdig ist, ob ohne die Anbahnung einer ökologischen Katastrophe durch Entwaldung genügend Anbauflächen für die vegane Ernährung einer Weltbevölkerung vorhanden wären. Auf Weideland wächst nämlich häufig auch nichts, außer eben Gras.

Der letzte Ratschlag des Herrn Remele ist „Biofleisch“. Nun ist es tatsächlich so: ich würde gerne sichergehen können, dass die Tiere, deren Fleisch ich kaufe, unter vertretbaren Umständen gehalten werden. Was ich aber nicht möchte, ist dann noch die Ideologie, die hinter „Bio“ steht, gleich mit zu kaufen. Dazu gehört beispielsweise der Verzicht auf Gentechnik, künstliche Düngemittel und bestimmte medizinische Behandlungen, die keinen anderen Hintergrund haben als eine Mischung aus Antiamerikanismus, Angst vor Technologie und westlich-urbanisierter Romantisierung des Ackerbaus (Wer hierzu meine ausführlichere Meinung lesen möchte findet sie hier). Dabei sind die drei genannten Praktiken wichtige Faktoren bei dem Versuch, irgendwann den Hunger auf der Welt zu besiegen, indem Flächen effektiver und mit weniger Pestiziden und weniger wasserbelastenden Pflanzenschutzmitteln bearbeitet werden können. Biologischer Ackerbau ist quasi eine semireligiöse diffuse Ablehnung von Mitteln, die anderen Menschen das Leben retten könnten. Und somit in seinen (zugegebenermaßen: unintentionellen) Folgen christlichen Werten genau entgegengesetzt.

Der Mythos von der Naturfeindlichkeit des Christentums

Zusätzlich greift Herr Remele noch gleich auf den Mythos zurück, im Gegensatz zu beispielsweise polytheistischen Religionen sei der christlich-jüdische Kontext eher utilitaristisch gegenüber der Natur eingestellt und neige daher dazu, sie auszunutzen. Natürlich lässt er sich’s auch nicht nehmen, dazu gleich „macht Euch die Erde untertan“ zu zitieren.

Dabei handelt es sich um einen uralten religionswissenschaftlichen Mythos (aus den 60gern, um genau zu sein). Nicht nur muss man, um auf solche Ideen zu kommen offensichtlich noch nie ein Aquädukt gesehen haben und außerdem glauben, in einer Gesellschaft, in der man an einem eingetretenen Holzsplitter sterben kann, hätte man irgend ein anderes Verhältnis zur Natur als ein höchst misstrauisches, man muss auch ein sehr simplifiziertes Bild vom Christentum haben. Es gibt mindestens seit dem Mittelalter Texte, die den Menschen nicht nur zum Beherrscher der Natur machen, sondern ihn auch in die Verantwortung gegenüber derselben stellen, das galt ebenso für Tiere. Ja, es gab sogar Zeiten, da machte man Tieren Prozesse, wie man sie auch Menschen machte. Inklusive Anwalt. Es gibt sogar Hinweise dafür, dass Naturschutz – und damit auch Themen wie Vegetarismus und Veganismus – von Grund auf christlich inspirierte Erfindungen sind. Wer dafür Quellen möchte, kann das gerne auf rund 50 Seiten von mir bekommen, es ist nämlich Teilinhalt meiner Promotion. Generell ist es sehr schwierig, das frühere Verhältnis zwischen Mensch und Tier mit dem heutigen zu vergleichen und anhand dessen die Ältere zu kritisieren. Letztlich wusste man noch nicht so richtig, wie beide funktionieren, besonders im Hinblick auf die Verhaltens- und Hirnforschung.

Das Thema Fleischgenuss wird auch in diesem Fall ohne jedwede Überlegung im Bezug auf praktische Fragen geführt und läuft in den altbekannten Bahnen, statt sich auf die Entwicklung neuer Konzepte zu verlegen, die möglicherweise ja eine Bereicherung des Diskurses von christlicher Seite bedeuten könnten. Das Christentum in diese ohnehin schon überemotionalisierte und erhitzte Diskussion hineinzuziehen, in der Akteure unterschiedlichster Hintergründe und Motive versuchen Druck auf die Gesellschaft auszuüben, mag vielleicht ein imagepolitisch gesehen günstiger Kniff sein, weil es ja sonst nie auf der Seite des Guten und Schönen stehen mag, abkaufen wird ihm das von Seiten der „Guten und Schönen“ vermutlich sowieso niemand, kann ja nicht einmal Herr Remele auf das obligatorische zeitgenössisch-katholische Selbstzerfleischen verzichten.  Es ist also wieder einmal der typische Fall deutscher Kirchenkritik, die aus deutscher Sicht auf deutsche Probleme eingeht. Das sind dann logischerweise die berühmten „1.-Welt-Probleme“.

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Schluss mit dem Kinderficker-Mythos

Nach langer Zeit hat mich ein Erlebnis wieder so bewegt, dass ich darüber schreiben möchte.

Ich saß in gemütlicher Runde zum Abendessen, als plötzlich die Frage aufkam, was ein Ministrant sei. Noch bevor ich antworten konnte, kam die lakonische Antwort, das seien die Buben die am Altar stehen und die der Priester sich, wenn er Lust habe, nehmen könne.

Leider konnte ich nicht rechtzeitig reagieren, denn diese Aussage kam so plötzlich daher, wie sie wieder verschwand. Die Diskussion brandete einfach darüber hinweg, niemand war betroffen (und es wussten auch nur zwei Leute am Tisch, dass eine Katholikin anwesend war).

In den Jahren nach dem Missbrauchsskandal waren die Faschingssendungen voll mit Katholische-Priester-sind-Kinderficker-Witzen. Inzwischen ist der Witz nicht nur den Faschingssendungen entwachsen, er ist auch dem Witz entwachsen. Er ist zu einer Trope, einer Redensart geworden, die wiederspruchlos akzeptiert wird. Auch von Leuten, die sonst Aussagen mit gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit nicht akzeptieren.

Leider akzeptieren auch wir Katholiken diese Witzeleien viel zu oft. Dabei gibt es mehrere gute Gründe, wieso wir uns entschieden gegen sie wenden sollten, wieso wir uns gegenüber diesem Problem sensibilisieren sollten. Eine grundsätzliche Einlassung zum Thema Kinderfickerwitze.

  1. Der Witz verschiebt die Schuldfrage weg von den Tätern hin zum System – Eltern und manchmal sogar Opfer erhalten somit die Mitschuld

Vielen dieser Aussagen ist die diffuse Vorstellung gemein, dass das System Kirche Pädophilie fördere. Entweder, weil Zölibat und angebliche Prüderie dazu führen, dass Männer sich aus sexueller Frustration heraus an Kindern vergehen und Eltern bzw. Kinder zu verschämt sind, um über dieses Thema zu sprechen, oder, weil das System (ob unfreiwillig oder freiwillig) Pädophilen ein sicheres Versteck und im Zweifelsfall Schutz biete, weil es deren Taten unter den Tisch kehre.

Gemein ist diesen Ansätzen die Vorstellung, die Kirche bedinge, fördere und schütze die Misshandlung von Kindern strukturell. Die eigentlichen Täter, die Männer, die sich an den Kindern vergehen, haben somit keine andere Wahl, sie sind selbst Teil oder Opfer dieses Systems. Die Eltern hingegen sind diejenigen, die ihre Kinder diesem grausamen System aussetzen und sie aufgrund ihrer Indoktrination quasi den Priestern zur Befriedigung zur Verfügung stellen und dann auch noch die Taten vertuschen wollen. Betroffene Kinder sind zwar freilich Opfer, aber der Theorie nach wachsen sie ja, werden sie nicht rechtzeitig „da rausgeholt“, in der Kirche auf und setzen dann selbst ihre Kinder dem Missbrauch aus.

Diese Vorstellungsblase ist letztlich auch unmenschlich gegenüber den Eltern: Katholische Eltern sind Ungeheuer, die den Missbrauch ihrer Kinder gutheißen. Sie sind so indoktriniert, dass sie ihre Kinder nicht richtig lieben können. Die allermeisten Eltern werden aber in Wirklichkeit entsetzt und betroffen darüber gewesen sein, was ihren Kindern angetan wurde. Oft wird ins Feld geführt, sie hätten den Kindern nicht geglaubt, oder die Vorfälle verschweigen wollen, um den Priester zu schützen. Diese Mechanismen sind aber nicht exklusiv den Missbrauchsfällen in der Kirche vorbehalten. Gerade im allerhäufigsten Szenario für sexuellen Missbrauch, nämlich innerhalb der eigenen Familie, ist es nicht minder üblich, dass Eltern versuchen, die Täter zu schützen, welche sie lieben, schätzen und von denen sie sich nicht vorstellen können, dass sie solcher Monstrositäten fähig sind.

Dem System Kirche und somit auch den Eltern die Schuld an den Missbrauchsfällen zuzuschieben aber verlegt den Fokus ungut von den Tätern selbst fort. Es gibt keine Entschuldigung für einen Menschen, sich so an einem Kind zu vergehen, das ihm anvertraut wurde. Weder sexuelle Frustration, noch angebliche kirchliche Prüderie oder die Behauptung, die Täter wüssten, dass die Kirche sie damit schon davon kommen ließe, heben die Fähigkeit eines Menschen auf, sich willentlich zu entscheiden, Böses zu tun. Dass der sexuelle Missbrauch von Kindern böse ist, das hat die Kirche bereits vor den Missbrauchsfällen offen gelehrt und vertreten.

Es ist wichtig, solche Priester als echte Täter zu betrachten, weil bei ihnen die echte Schuld ist. Niemand hat sie zu ihren Taten gezwungen, die Kirche nicht, die Eltern nicht und ganz bestimmt nicht die Opfer.

  1. Es handelt sich um die systematische Diskriminierung sexuell inaktiver Menschen

Kehren wir zu einem der Argumente aus Punkt eins zurück, nämlich, dass der Missbrauch von Kindern eine Folge des Zölibats sei.

Themen, bei denen man über die Penisse religiöser Menschen reden kann, sind ja unglaublich beliebt. Von der Beschneidungsdebatte über die Vielehe bei den Mormonen bis hin eben zum Zölibat ist das nach wie vor ein echter Hit. Gekreuzt wird das mit dem aktuellen Zustand, dass die sexuelle Befreiung dem Sex zwar auf der einen Seite das Schmuddel-Image entzogen hat (zumindest behauptet sie das gerne von sich selbst), auf der anderen Seite aber somit Nicht-Sex als ungesund und prinzipiell verdächtig wahrgenommen wird. Man braucht nur den ein oder anderen Tatort mit katholischem Priester anzusehen, um zu begreifen dass einer, der sich freiwillig entscheidet, auf sein Sexualleben zu verzichten, nicht ganz dicht sein kann.

Vorurteile, die früher nur Homosexuellen entgegenschlugen, tauchen jetzt plötzlich wieder gegen Personen auf, die keinen Geschlechtsverkehr haben. Sie sind effeminiert, bzw. bei Frauen: maskulinisiert, in ihrer Kindheit sexuell traumatisiert worden, sie haben schlechte Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht gemacht/sind für dieses zu unattraktiv, oder/und sie sind in Wirklichkeit heimlich pädophil. Weniger progressiven Menschen ist es ja auch nicht zufällig ein besonderes Fußbad, Gerüchte darüber zu streuen, dass die meisten Priester schwul seien. Ich wage jetzt aber mal die Aussage, dass die „progressivere“ Variante, diese alte, hässliche Fratze der Homophobie jetzt einfach Asexuellen und freiwillig enthaltsam lebenden Menschen zuzuwenden, kein Deut besser ist.

Es ist gut, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der sexuelle „Devianz“ mehr und mehr akzeptiert wird. Homosexualität wird allmählich als natürlich gegebener Teil der menschlichen Verhaltenspallette anerkannt und nicht mehr gesellschaftlich sanktioniert. Es müsste doch auch möglich sein, dieselbe Akzeptanz Menschen entgegen zu bringen, deren Lebensentwurf oder sexuelle Neigung eben im Verzicht auf Sex liegt.

  1. Es verzerrt die Realität des sexuellen Missbrauchs und es zerstört Kindheitskulturen

Kindesmissbrauch ist definitiv kein primär kirchliches Problemthema. Am allerhäufigsten findet er im direkten Umfeld der Familie statt. Wäre das Fernhalten der Kinder von Risikosituationen ein sinnvoller Weg zur Prävention von sexuellem Missbrauch, dann müssten Eltern sie weniger von der Kirche fernhalten, als viel mehr von sich selbst, ihren Verwandten und engen Familienfreunden. Sexueller Missbrauch findet in Sportvereinen und Schulen statt, bei den Pfadfindern und in den Häusern von Spielkameraden, durch Männer und durch Frauen. Es ist falsch, Eltern das Gefühl zu geben, dass das Fernhalten ihrer Kinder von der Kirche, vom Sportverein, von fremden (männlichen) Erwachsenen diese vor Missbrauch schütze. Es ist falsch, Eltern das Gefühl zu geben, dass es überhaupt ihre Schuld sei, wenn sie ihr Kind unwissentlich irgendwo sexuellem Missbrauch ausgesetzt haben. Im Gegenteil: die Vorstellung, dass man sich nur genug einschränken muss, damit man Missbrauch vermeidet, verunsichert Kinder und Eltern. Unsichere Kinder hingegen sind leichtere Beute für Kinderschänder. Sie sind leicht zu beeinflussen und neigen dazu, sich selbst die Schuld zu geben, zu schweigen, sich nicht zu wehren.

Wer seine Kinder vor Kindesmissbrauch schützen will, sollte ihnen keine Angst vor Priestern, Sportlehrern oder dunklen Gebüschen einreden, sondern sie stärken, selbstbewusst machen und ihnen das Gefühl geben, auf ihrer Seite zu sein.

Der Schaden, den die omnipräsente Angst vor Kindesmissbrauch angerichtet hat – nicht nur in der Kirche – ist hingegen beachtlich. Viele Männer trauen sich nicht mehr, mit ihren eigenen oder fremden Kindern natürlich umzugehen. Sie fühlen sich unter Generalverdacht oder Beobachtung. Bei einem Vater, der seinem Sohn auf dem Spielplatz Klimmzüge beibringt, sieht die Gesellschaft ganz genau hin.

Einer unserer Pfarrer schlief bei einer Firm-Fahrt im Liegewagen nicht mit uns im Sechserabteil, sondern auf dem Flur – ein anderer musste beim Ministrantenwochenende bei 35 Grad im Schatten voll bekleidet am Ufer des Badesees auf uns warten, um sich vor Anschuldigungen zu schützen.

Auf der einen Seite ist es gut, dass unsere Gesellschaft ein Auge auf ihre Kinder hat. Die Art, wie sie es tut, ist aber wenig effektiv und sie entzieht dabei den Kindern die so wichtigen männlichen Bezugspersonen. Sportlehrer, Väter, Pfarrer, Lehrer, Onkel, Kindergärtner. Hinter den ach so harmlosen Kinderschänderwitzen steht ein komplexes Geflecht tiefster Verachtung von Menschen mit einem bestimmten Geschlecht, einer bestimmten Religion und einem bestimmten sexuellen Lebensstil. Das Männerbild, das Kinder bekommen, wenn sie in so einem giftigen Milieu aufwachsen, kann nur verheerend sein. Darunter leiden ganz gewisse alle. Nicht nur Priester

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Gedanken zur Praxis der katholischen Kirche, Medien - Kritik und Empfehlungen, Zu allgemeiner Religionskritik

Einige Gedanken zum Barbaratag

Heute ist der Namenstag einer der prägendsten Frauen meines Lebens, nämlich meiner Mutter. Und weil nicht nur sie, sondern auch ihre Namenspatronin eine Frau von Schrot und Korn ist, ist dieser Post vor allem einem gewidmet: Frauen.

Wer sich ein bisschen mit Heiligenlegenden auskennt, der weiß, dass an der Überlieferung über die Heilige Barbara nur sehr wenig Charakteristisches ist: Die Geschichten von der Jungfrauenfolter, die alle ein wenig dem Schema „A“ (A wie Agnes) folgen, sind auf die Dauer dann doch alle gleich.
Die Standhaftigkeit, mit der die Märtyrerinnen dieser Erzählungen Folter hinnehmen ist, obwohl neben Personen wie der heiligen Christina von Alexandrien Ozzy Osbourne wirkt wie ein Atheistenknäblein (Ministranten sind ja derlei gewohnt), nicht die Stärke auf die ich hinaus will.

Nein, die heilige Barbara ist zwar ebenso ein Dickkopf wie ihre Kolleginnen Dorothea und Katharina, aber sie ist noch etwas anderes: subtil.Sich ein aufwendiges Badezimmer einrichten lassen oder ein drittes Fenster machen lassen, das wird ja wohl nicht verboten sein? Kommen solche Handlungen nicht von ihr, dann sind sie vollkommen unschuldig; ihren Vater muss es rasend machen, dass sie jede kleine Freiheit die er ihr lässt nutzt, um ihm auf die Nase zu binden, dass sie immer noch machen kann, was sie möchte. Auch ist dieses Handeln auf Außenwirkung bedacht: selbst den wenig zimperlichen Mitbürgern in der Spätantike musste es als Überreaktion erschienen sein, die Tochter wegen ihrer innenarchitektonischen Maßnahmen halb tot zu schlagen. Seine oberflächlich betrachtete Unverhältnismäßigkeit fällt also gesellschaftlich auf ihn zurück. Es sind diese subtilen Provokationen, die bis heute noch eine spezifisch weibliche Technik darstellen, um sich gegen die Unterdrückung von Männern zu wenden. Ein Beispiel dafür ist die „Kopftuchmode“. Einerseits schreien die Outfits: „Was heißt hier Haram? Bin ich etwa nicht ganz bedeckt? Was kann ich denn dafür, wenn ich dabei modisch ausseh?“, in die Richtung des männlichen westlichen Betrachters schreien sie aber auch: „Was heißt hier prüde? Ich seh‘ tausendmal besser aus, als die halbnackte Jagdtrophäe, die da an Deinem Arm baumelt.“

Aus anderen Legenden erfahren wir auch ein weiteres, entscheidendes Charakteristikum: Barbara war gebildet.
Wie übrigens die meisten höher gestellten Frauen, bis die Renaissance (ja, sie haben richtig gelesen), mit der Erfindung der Universitäten die Frauenbildung erst einmal ad acta legte.
Denn Barbara ist, zumindest laut einer Legende, durch ihre eigene Verstandesleistung dazu gekommen, vom Glauben ihrer Eltern abzufallen (sie ist quasi die Schutzpatronin der Atheisten ;) ), wandte sich in einem Brief an Origines und fand dann zum christlichen Glauben.
Von Malala bis Marie Curie ist eine der wichtigsten Botschaften Barbaras an die Welt da draußen: Frauenbildung ist Frauenrecht.

Und meine Mutter? Nun, meine Mutter ist ein gutes Beispiel dafür. Sie stammte mit Sicherheit nicht aus dem, was der Linke mit einem Ekelschauder auf dem Rücken als „Akademikerhaushalt“ bezeichnen würde. Mein Großvater ist zwar ein fürsorglicher, aber auch einfacher Mann und meine Großmutter hätte zwar eine Universitätsausbildung schaffen können, aber dafür war ihr Umfeld einfach noch nicht bereit.
Meine Mutter besuchte zwar ein Gymnasium, lernte Latein und legte ein beachtliches Abitur vor, vor dem Universitätsstudium schraken aber auch meine Großeltern zurück. Sie machte daher Karriere bei einer Bank. Sie schaffte einen Aufstieg und das ohne Steigbügel und trotz vieler Hindernisse, auch Hindernisse, die mit ihrem Frau-Sein zusammenhingen.
Meine Mutter repariert Spülmaschinen und wechselt Reifen, kontrolliert die Finanzen der Familie und fällt Bäume. Ohne ein Wort oder auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, dass sie eine Frau ist. Meine Mutter ist meine Protofeministin.

Wir vergessen allzu leicht, dass es noch vor gar nicht so langer Zeit überhaupt nicht selbstverständlich für Frauen in Europa war, so viel Freiheit zu genießen, dass außerhalb des „Westens“ noch kaum eine Frau diese Freiheiten genießt und dass auch wir Frauen hier oft Dinge erdulden müssen, die uns unsere Unfreiheit vor Augen führen.

Das Martyrium der Heiligen Barbara, aber auch Geschichten anderer Märtyrerinnen könnten ein Anlass sein, sich darauf zu besinnen, dass Schicksale wie ihres nur dann möglich sind, wenn Frauen nicht als Partner und Mitbürger betrachtet werden, sondern als Besitz. Nicht, weil Männer nicht zu Märtyrern wurden, sondern weil die Märtyrergeschichten von Frauen eine spezifisch weibliche Tragik enthalten: das Problem ist weniger ihre Konversion zum Christentum an sich, sondern, dass sie sich damit dem Besitzanspruch der sie umgebenden, nicht-christlichen Männer entziehen. Als Töchter, Mütter und Ehefrauen sind sie wertlos geworden, wenn sie keine adäquaten, das heißt in diesem Fall: heidnischen Nachkommen produzieren. Dafür müssen sie nicht einmal Jungfräulichkeit gelobt haben.
Nicht zufällig werden vielen der frühen Märtyrerinnen der Erzählung nach die Brüste abgetrennt. Damit wird ihre Wertlosigkeit als Frau physisch umgesetzt.
Das Christentum, in dem diese Frauen ihr Heil und ihre Freiheit suchten, hat sie im Lauf der Geschichte viele Male arg betrogen: über eineinhalb Jahrtausende hat es gedauert, bis endlich in einigen christlichen Ländern das Leben von Frauen dem von Männern, zumindest rechtlich gleichgestellt wurde und das oft nicht mit, sondern gegen jene Personen, die sich für die Hüter des Christentums hielten.

Gerade an Weihnachten sind es die Frauen, die Mütter, die immer noch die drückende Last ihrer alten Rolle spüren. In vielen Familien sind sie es, die sich Blasen an die Finger backen und kochen, die dafür sorgen, dass Kinder und Alte unterm Christbaum versammelt werden und eine Aufmerksamkeit erhalten, die Zimmer dekorieren und Krippenspiele organisieren.
Es ist unser aller Aufgabe dafür zu sorgen, dass Weihnachten, sowohl als historisches als auch privates Ereignis nicht auf dem Rücken von Frauen stattfindet, sondern in der Mitte der Familie.

Als Schutzpatronin der Bergleute und vieler anderer verlustreicher, anstrengender und harter „Männerberufe“ auf der anderen Seite, ist Barbara nicht nur eine Mahnerin für die Rechte der Frauen sondern auch für die Leiden der Männer.
Ihr Tod ist ein Beispiel dafür, wie Männer, die aufgrund ihrer gesellschaftlichen Rolle immer nur Härte gegenüber allem zu zeigen haben, auch gegenüber sich selbst, letztlich von allem entfremdet werden was ihnen lieb ist.
Der Vater, der das Schwert gegen die eigene Tochter erhebt, weil er glaubt, dass er muss, erhebt das Schwert gegen sich selbst. Barbara ist nicht das einzige Opfer ihrer Geschichte: auch, wenn wir freilich mit dem Kindsmörder wenig Solidarität empfinden können, sollte uns sein Tod erschrecken.
Barbara breitet ihre Arme aus, damit sich die emotional Stummen, die von Leid umgeben sind für das ihnen die Gesellschaft keine Worte erlaubt, an ihrer Brust ausweinen dürfen. Barbara, aber auch viele anderer Märtyrerinnen stehen für die Hoffnung, dass Liebe und vor allem eine sture, unnachgiebige, bedingungslose Liebe und Glauben letztlich Hass, Engstirnigkeit und blinde Traditionsgebundenheit überwinden können.

Wenn also dürre Zweige auf dem Fensterbrett erblühen können, dann könne Glaube, Liebe und Hoffnung uns auch in eine Gesellschaft führen, in der Schicksale wie das Barbaras und ihres Vaters nicht mehr vorstellbar sind.

Wir sind auf einem guten Weg.

 

PS: ich weiß, dass Barbara keine historische Figur war. Es geht mir rein um das, was auf der erzählerischen Ebene abläuft.

 

Ein Kommentar

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Vaplödunk

Ser geeehrte Eminents,

Danke füa iren ser wichtign und Waren beitrak auf da deutschn bischhoffskonfarens. (z.B hia)
Üba die gefahrn des blokns wiard fil zu wenik aufgeklährt.
sehn si mich ann!!!!1!1! Seid jaren hap ich disn blok und jets bring ich kaum ein gradensatz raus.
Früa wolte ich dogtor werdn und jetz weis ich kaum wie fil uur es is!!!1€1!11! (weid ich doch!1!1 8:25!!!1!! Haha!!!!)
das alles nua weil dem doofn blok!
Und wen man so schaut wi der durschschnittlige telologistudend von da uni is, dan lesn di auch filzufilzufile bloken!!!21!1!
Di reinsde säuche dise schaissbloks! Am bestn vabittn!!!!!1!

Ihre, zutiefst enttäuschte, beleidigte und verwunderte
Bloggerin aus München-Freising

2 Kommentare

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Das Innen-Außen-Problem

Viele Religionen die ein Problem mit der Vermittlung ihrer Position nach Außen haben, haben in Wirklichkeit ein anderes Problem: sie verwechseln konsequent ihre internen und externen Konflikte miteinander und liefern damit versehentlich den falschen Personen die richtigen Argumente

Der IS und der Islam

Ein gutes Beispiel dafür ist z.B. ein Phänomen, das ich seit Monaten auf den Facebook-Pinnwänden meiner muslimischen Freunde und Kommilitonen beobachten kann: Videos sowie Bilder- und Textposts, die zusammengefasst die Aussage tragen, IS oder wie auch immer die Kollegen sich gerade genau nennen, sei nicht muslimisch, ihre Taten seien nicht muslimisch und die Anhänger verstießen gegen den Islam.

In der internen Logik ist dies ganz klar eine Ausgrenzungshaltung: man signalisiert damit den Tätern, dass man sie nicht nur in den eigenen Reihen nicht möchte, sondern sie haben sich quasi durch ihre Vergehen selbst exkommunizieren und es ist eine klare Ansage an andere Muslime, die sich in der internen Diskussion nicht ausreichend vom IS distanzieren. Das funktioniert mit dem Christentum genauso: Jemandem, der seine Frau betrügt, seine Kinder schlägt und vom Verkauf von unter unmenschlichen Bedingungen in Indien gefertigten Shirts für 1,50€ das Stück lebt, dem würde so mancher auch gerne sagen, er sei kein Christ.

Aber bei der Aussage, dass der IS nicht zum Islam gehöre entwickelt sich ein ganz eigenes Dilemma: Außenstehende greifen solche Argumente auf und bringen sie in den falschen Zusammenhang. Selbsternannte Islamexperten und Integrationsromantiker sagen nämlich ebenfalls, IS habe nichts mit dem Islam zu tun, meinen damit aber, dass es unfair sei in Deutschland lebende Muslime in irgendeiner Form damit in Verbindung zu bringen und sei es nur dahingehend, von ihnen gewisse Präventionsmaßnahmen im Hinblick auf den eigenen Nachwuchs zu erwarten.

Natürlich ist der IS Kilometer weit entfernt von dem, was verantwortungsbewusste Imame in irgendeiner Moschee auf der Welt predigen. Aber das ändert nun mal überhaupt nichts daran, dass der IS eine sich aus dem Islam ideell und personell speisende Bewegung ist. Daher wird sich auf die Dauer die Radikalisierung von muslimischen Jugendlichen – und das überall – eben auch nur durch Maßnahmen in und von den muslimischen Gemeinden reduzieren lassen, wie es eben teilweise auch schon geschieht.

„ISIS gehört nicht zum Islam, daher werden wir alles versuchen zu verhindern, dass sie den Namen des Propheten und unsere Kinder für ihre Taten missbrauchen.“, ist daher eine Variante dieses Statements, die man so auch von verschiedenen in der Öffentlichkeit stehenden Muslimen hören kann.

Aber leider bildete sich über die vorab geschilderte Rezeption durch selbsternannte Freunde des Islam die Variante „ ISIS gehört nicht zum Islam“, mit dem unausgesprochenen Subtext: „Deshalb brauchen wir uns auch nicht zu rechtfertigen oder gar irgendetwas dagegen zu tun, und wer mir damit kommt, ist ein Rassist.“ Und die ist einfach nur eine lahme Entschuldigung.

Wer es ohnehin zum Ziel hat, dem Islam ans Bein zu pinkeln, findet in der Aussage ebenso seinen Ansatzpunkt, indem er es prinzipiell als ein Statement auffasst, hinter dem sich der Muslim an sich verstecke, der IS heimlich bewundere. Die Trope ist somit gleich zweifach nach hinten losgegangen.

Natürlich werden die muslimischen Gemeinden im Westen nicht alleine in der Lage sein, den Terror zu beenden und ganz gewiss sind sie auch nicht, oder zumindest nicht vollständig, schuld daran. Jedoch sind sie in der Position, an der Grundlage zu arbeiten und etwas zu ändern. Sie dabei zu ermutigen und notfalls auch zu ermahnen muss im Rahmen einer pluralistischen Gesellschaft möglich sein, jedoch brauchen sie, gerade sie, deren Verwandte und Kinder selbst am allermeisten unter dem islamischen Staat zu leiden haben, kaum jemanden, der ihnen dessen Brutalität andauernd unter die Nase reibt.

Die katholische Kirche als Spielplatz für Religionskritiker

Aber betrachten wir weitere Beispiele für die Vermischung interner Diskussionen mit externer Selbstdarstellung. Die katholische Kirche ist reich daran, es gibt wohl kaum ein internes Problem der Kirche, das nicht genüsslich von Außenstehenden ausgewalzt wurde, selbst wenn es diesen vollkommen schnurzepieps egal sein kann, da es wirklich nur Katholiken – oder gar einen Teil davon – betrifft. Da sind zum Beispiel die ganzen Humanisten die sich über die Unmenschlichkeit des Zölibats aufregen, oder die Kollegen, die sich mit dem Limburger Bischof in seine schöne neue, sündhaft teure Badewanne legen wollten, um uns unsere plötzlich wiederentdeckten christlichen Moralvorstellungen vorzuhalten.

Nur: Wenn Katholizismuskritiker Katholiken Probleme unter die Nase reiben, mit denen dieselben gerade intern ringen, dann stehen die Katholiken – im übrigen genau wie Muslime, wenn sie mit ISIS konfrontiert werden – in einer Zwickmühle: Sollen sie nun ihre Religion verteidigen, mit der sie sich identifizieren und die ihr Leben erfüllt, oder sollen sie darüber aufklären, dass man sich des Problems bewusst ist und dass sie durchaus mit dem Kritiker in Teilen übereinstimmen? Das Ergebnis ist dann meist ein ziemlich unguter Mischmasch, leicht angreifbar und nach Belieben in die eine oder andere Richtung zitierbar.

Denn weder der Islam noch der Katholizismus haben in den letzten Jahrhunderten ausreichend Übung darin gewinnen können, sich in einer Gesellschaft mit einer pluralistischen Öffentlichkeit zu bewegen, vor allem nicht in einer, die zahlreiche ihnen vom Prinzip her feindselig gesinnte Personen umfasst.

Das leidige Thema Israel

Das Judentum hingegen hat diese Übung sehr wohl und musste zusätzlich aus den mehr als nur schlechten Erfahrungen von Jahrtausenden und besonders der letzten Jahrhunderte – gerade im Antisemitismus des 19. und 20. Jahrhundert gab es einen regen Ideenaustausch mit der innerjüdischen Diskussion – lernen, dass man seine inneren Streitigkeiten besser unter sich ausmacht. Hierbei gibt es jedoch heutzutage eine unrühmliche Ausnahme, den Zionismus nämlich. Immer öfter kann man beobachten, dass einige israelische, aber auch nicht-israelische Juden sich von verschiedenen, zumeist nichtjüdischen antizionistischen Bewegungen als Kronzeugen vor ihren Karren spannen lassen – und zwar selbst dann, wenn es dort nicht beim Antizionismus bleibt (falls man Antisemitismus und Antizionismus überhaupt sauber trennen kann). Denn zwischen den weltanschaulichen, religiösen oder rein praktischen Gründen, aus denen Israelis und bzw. oder Juden den israelischen Staat grundsätzlich oder nur teilweise kritisieren, auf der einen Seite und Einstellungen vom Format „Israel ist ein Schandfleck auf der Landkarte und nur noch durch die Atombombe in Ordnung zu bringen“ auf der anderen besteht dann doch ein feiner Unterschied.

Während Mitglieder ihre eigene Religion durchaus differenzierter und mit einem Blick für die Umsetzung in der Praxis kritisieren, formen, verhandeln, werden sie von außen, bisweilen sogar absichtlich, missverstanden und für eine Sache vereinnahmt, der sie so gar nicht zustimmen können.

Die Obrigkeiten, die sich über dieses Problem oft wesentlich genauer im Klaren sind als die gelegentlich hoch schädlichen Einzelakteure im öffentlichen Diskurs (ich schaue da niemand Bestimmtes an, Frau Uta Johanna Ingrid Ranke-Heinemann), neigen dazu, auf das Problem zu reagieren, indem sie sich der Kritik von außen so gut wie möglich verschließen und immer nur dieselbe, konventionalisierte Version verbreiten. Aber auch das ist auf die Dauer nicht immer hilfreich, weil man dann als „vernagelt“ und „nicht kritikfähig“ abgestempelt wird.

Nicht zuletzt darf man sich der Kritik von Außenstehenden nicht vollkommen verschließen, da diese manchmal einen genaueren Blick für Probleme haben, die man im Betrieb selbst gar nicht so wahrgenommen hat.Wehrlose Opfer müssen möglicherweise von Außenstehenden unterstützt und zu ihrem Recht gebracht werden. Aber allzu oft sind es gar keine „wehrlosen Opfer“, derer man sich annimmt, noch viel öfter aber sind die Opfer vollkommen uninteressant im Vergleich zu der jeweiligen „Täterorganisation“, die man mit Legitimation der Opfer kritisieren kann.

Denn wer sich z.B. tatsächlich für die Sicherheit von Kindern vor sexuellen Übergriffen einsetzen möchte, der könnte auch gegen den Kontakt mit männlichen Verwandten jeglicher Art wettern und das mit einer wesentlich größeren statistischen Berechtigung. Wem die Menschenrechte der palästinensischen Bevölkerung so sehr am Herzen liegen, der könnte bei den Verbrechen der Hamas anfangen, und wer wirklich die Situation von Frauen verbessern möchte, dem böte sich die Möglichkeit zur Mitarbeit in diversen Frauenorganisationen an, die sowohl Frauen mit als auch ohne Kopftuch vor manipulativen und gewalttätigen Ehemännern, Vätern und Brüdern schützen.

Schon allein deshalb, weil sich die Kritiker oft für das eigentliche Problem einen feuchten Kehricht interessieren, sollte man es sich als „Insider“ dreimal überlegen, ob man sich mit solchen Leuten abgeben möchte, ohne dabei freilich vorhandene Probleme zu leugnen.

Das ist ein absurd schmaler Grad, der oft überhaupt nicht zu beschreiten ist, so sehr wird an beiden Seiten gezerrt.

Vielleicht sollte man als in die Kritik geratene religiöse Person, möglicherweise sogar als „Opfer“ öfter mal mit der Gegenfrage reagieren: Und was geht Sie das an? Wieso ist das Ihr Problem? Glauben Sie wirklich, auf die Hilfe von jemandem wie Ihnen haben wir gewartet?

Wir zahlen unsere Badewannen schließlich selbst!

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